9punkt - Die Debattenrundschau

Revolution ohne Farbe

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.09.2018. Masha Gessen informiert im New Yorker über den Pussy-Riot-Aktivisten Pjotr Wersilow, der wohl vergiftet wurde und im Krankenhaus liegt. Chefärzte, die ein zweites Mal heiraten, entlässt die Katholische Kirche, Priester, die Kinder missbrauchen, nicht, wundert sich die Welt. Künstler wollen auf Kuba auch ohne staatliche Registrierung Kunst machen, berichtet die NZZ. Aung San Suu Kyi rechtfertigt laut taz die Gefängnisstrafen für zwei Reporter, die zu den Massakern an Rohingya berichteten.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.09.2018 finden Sie hier

Europa

Masha Gessen bringt im New Yorker die jüngsten Informationen über den Pussy-Riot-Aktivisten Pjotr Wersilow. Unter anderem hat sie mit Nadeschda Tolokonnikowa gemailt, der bekanntesten Pussy-Riot Aktivistin und Wersilows Frau (die beiden sind nicht mehr ein Paar, arbeiten aber nach wie vor zusammen). Wersilow hatte seine jetzige Lebensgefährtin Veronika Nikulschina zu einem Prozess begleitet, der ihr wegen des Flitzens bei der WM gemacht wurde. Wersilow zeigte danach Symptome einer sehr starken Vergiftung und ist in ein Moskauer Krankenhaus eingeliefert worden. "Als ich 24 Stunden später mit Tolokonnikowa korrespondierte, gab es keine weitere Information über Wersilows Zustand. Niemand, nicht einmal seine Mutter, durfte ihn im Krankenhaus besuchen. Am nächsten Tag sagten die Ärzte, es gebe einen Verfacht auf Medikamentenvergiftung. Als er noch sprechen konnte, hat er mehrfach betont, dass er nichts genommen habe, sagt Nikulschina."

Ideen

Die Sowjetunion ist untergegangen, aber der Homo sovieticus lebt weiter. In der Ukraine versucht man seit der Maidan-Revolution, sein Gespenst endlich auszutreiben, erzählt die ukrainische Kulturwissenschafterin Kateryna Botanova in der NZZ. Dazu braucht es vor allem neue Institutionen im Land. Während der Kampf gegen die Korruption kaum Erfolge zeigt, haben sich sich Bildung und Gesundheitswesen stark reformiert: "Sie verändern heute, natürlich gegen starke Widerstände und nicht ohne viele andere Probleme, jene Mechanismen des früheren sowjetischen Systems, die tagtäglich für Erniedrigung und Repression sorgten. Damit schaffen sie einen Raum, in dem sich Menschen mit einem offenen und kritischen Geist frei und ohne Furcht entfalten können. Das ist eine nahezu unbemerkte moralische Revolution ohne Farbe in der Ukraine. ... Aber sie ist es, die das zerstört, was der ukrainische Soziologe Jewhen Holowacha meint, wenn er von einer 'unmoralischen Mehrheit' spricht, also vom Selbstbild einer Gesellschaft, die von sich glaubt, sie bestehe überwiegend aus unehrlichen, korrumpierbaren Menschen."

Rechtes Denken habe heute kein Zentrum, schreibt Thomas E. Schmidt in einem Zeit-Essay: "Es gelangt viral in die Gesellschaft, indem es die Gestalt eines politischen Kontinuums annimmt. Rechte Sympathien stuften sich in ihrer Radikalität fein ab, sie überlappten und ergänzten einander. Die meisten der Menschen, die den Rechtsruck mitgestaltet haben, würden sich wahrscheinlich noch immer nicht als rechts bezeichnen. Entsprechend sahen die meisten Liberalen Sympathien für rechtes Gedankengut als eine kurzfristige Erkrankung der Zivilgesellschaft an: Irgendwann werde die Grippe schon wieder verschwinden."

Kulturpolitik

Auf Kuba formiert sich Protest gegen das im Juli erlassene "Gesetz 349", wonach alle künstlerischen Aktivitäten offiziell bewilligt werden müssen und nur von solchen Künstlern ausgeübt werden dürfen, die in einer staatlichen Kultureinrichtung registriert sind, berichtet Knut Henkel in der NZZ: "Inspektoren des Kulturministeriums sollen zukünftig Handhaben für die Kontrolle von Studios, Galerien, Ateliers und anderen Kulturorten haben. Für unabhängige Künstler wie David Escalona oder Amaury Pacheco ein bedrohliches Szenario. Beide sind Mitglieder des Künstlerkollektivs Omni Zona Franca und gehören keiner offiziellen Kultureinrichtung an; das bedeutet, dass sie zukünftig schwerlich eine Auftrittsgenehmigung erhalten werden, zudem organisieren sie Kulturevents auch in den eigenen vier Wänden. Mit dem Gesetz 349 droht ihnen ein Leben in der Illegalität."
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Stichwörter: Gesetz 349

Internet

Der Mathematiker Jack Poulson, einer der wichtigsten Wissenschaftler bei google, verlässt die Firma wegen ihrer Pläne, nach China zu expandieren und künstliche Intelligenz zu nutzen, um Suchergebnisse zu zensieren, berichtet Ryan Gallagher bei The Intercept: "Poulson, der zuvor Assistenzprofessor für Mathematik an der Stanford University war, sagte, er glaube, dass der China-Plan gegen die Google-Standards zur künstlichen Intelligenz verstoßen habe, die besagen, dass das Unternehmen keine Technologien entwerfen oder einsetzen werde, 'deren Zweck gegen allgemein anerkannte Prinzipien des Völkerrechts und der Menschenrechte verstößt'."

Urheberrecht

Stefan Krempl geht bei heise.de die Reaktionen der Rechteverwerter und Verbände auf den auf die nun wohl nahende EU-Urheberechtsreform mit Leistungsschutzrecht und Uploadfiltern (und nebnebei: einer neuen Verlagsbeteiligung am geistigen Eigentum der Autoren in Verwertungsgesellschaften) durch. Die Verlegerverbände VDZ und BDZV nennen die bisher geübte Form der Verlinkung mit Artikelanfängen und Überschriften eine "Nutzung von geschützten Werken im Internet ohne Genehmigung der Rechteinhaber". "Hauptgrund für den Jubel der beiden Vereinigungen ist das geplante fünfjährige Leistungsschutzrecht für Presseverleger und Nachrichtenagenturen im Internet. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zeigte sich erleichtert, dass mit der Entscheidung für Verlage 'eine Beteiligung an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften wieder näher' rücke."

Christian Rath berichtet für die taz aus Straßburg über einen Prozess vor dem EUGh, der klären soll, ob Youtube für Urheberrechtsverstöße haften soll - das Urteil könnte Uploadfilter schon vor der EU-Urheberrechtsreform bedeuten.

Politik

In Myanmar sind vor zehn Tagen zwei Journalisten zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt worden, weil sie zu den Massakern an den Rohingya recherchierten (unser Resümee). Die einst so verehrte Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi hat diese Strafen jetzt in einer Konferenz in Hanoi gerechtfertigt, berichtet Verena Hölzl in der taz: "In Hanoi erklärte Aung San Suu Kyi jetzt: 'Ich frage mich, wie viele Leute das Urteil eigentlich gelesen haben. Es hatte nichts mit Pressefreiheit, sondern mit einem Gesetz zum Geheimnisverrat zu tun.' (...) Umso enttäuschter reagieren nun viele Presseleute in ihrer Heimat: 'Sie hat Myanmars Volk betrogen, das echte Demokratie wollte. Und sie hat auch die internationale Gemeinschaft betrogen, die sie so lange bei diesem Kampf unterstützt hat', sagt Lawi Weng, Journalist der Nachrichtenplattform Irrawaddy in Yangon."

Gesellschaft

Die taz im Gedenkmodus und bringt ein Dossier nach dem anderen. Gestern fünfzig Jahre Streit im Feminismus, heute zehn Jahre Finanzkrise. Unter anderem schreibt Jörg Wimalasena über die "Hautfarbe" der Krise. Vor allem Schwarze verloren in den USA ihre Häuser: "In den Jahren vor der Krise mussten Afroamerikaner .. häufig auf sogenannte Subprime-Kredite zurückgreifen, die schlechte Konditionen für Schuldner mit hohem Ausfallrisiko vorsahen. Das Onlinemagazin City Lab schreibt unter Berufung auf eine Studie der New York University: 'Im Jahr 2006 war es für schwarze und Latino-Familien mit 200.000 Dollar Jahreseinkommen wahrscheinlicher, mit einem Subprime-Kredit abgespeist zu werden, als für eine weiße Familie mit weniger als 30.000 Dollar Jahreseinkommen.' Schwarzen wurde 2,5-mal so oft ein schlechter Kredit vermittelt als Weißen." In einem weiteren Artikel begibt sich Jörg Wimalasena auf die Spur der Occupy-Bewegung, die kurzfristig behauptete, 99 Prozent der Bevölkerung zu repräsentieren.

Sehr instruktiv spricht die österreichische Extremismus- und Terrorismusforscherin Julia Ebner im Interview mit Meike Laaff von der taz über das Medienökosystem der rechtsextremen Szene, die längst Alternativen zu Twitter und Facebook (wie Gab.ai und Telegram) nutzen, um ihre Mobilisierung zu organisieren. Erst wenn sich die Themen dort formiert haben, bringt man sie über Fake-Accounts auch in die großen Netze. Bei Chemnitz sei es "schwer nachzuvollziehen, von wem diese Onlinekampagnen gestartet wurden und von wem auch die Offlinemobilisierung ausging. Überrascht hat uns bei Chemnitz, wie schnell das eine internationale Dimension angenommen hat: Aus Großbritannien, aber auch aus ganz Europa kam Verstärkung, um den Hashtag Chemnitz und die Desinformationen weiter zu verbreiten."

Religion

Angesichts der vielen verschwundenen oder versteckten Akten hätte die Katholische Kirche ihre Studie über Missbrauch in den eigenen Reihen besser einer unabhängigen Kommission überlassen, meint Matthias Drobinski in der SZ: "Aufklärung von innen heraus funktioniert selten; sie muss jetzt nach außen verlagert werden - in Deutschland, aber auch weltweit. Nur dann wird die Kirche an die Ursachen für die sexualisierte Gewalt herankommen, die im System selber liegen ... nur dann wird sie wirklich die Schuld sühnen können, die sie da auf sich geladen hat."

In der Welt fordert Birgit Kelle die Katholische Kirche auf, ihre Prioritäten gerade zu rücken: "Dass eine Kirche von ihren Mitarbeitern ein christliches Bekenntnis erwartet und eine gewisse Loyalität, ist ... nicht nur legitim, sondern ein Muss, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht ganz riskieren will. Zur Glaubwürdigkeit einer Kirche gehört aber auch, dass sie nicht mit zweierlei Maß misst. Wer bei einem Chefarzt in der Tatsache einer Wiederverheiratung bereits einen Entlassungsgrund sieht, gleichzeitig aber an Priestern, die sich an schutzlosen Kindern sexuell vergangen haben, festhält und sie schützt, statt sie konsequent rauszuwerfen, verspielt mutwillig sein enormes Kapital. 'Christlich' zu sein ist kein Label, sondern eine Aufgabe, ein Anspruch."