9punkt - Die Debattenrundschau

Die eigentliche Bedeutung von Gleichheit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2018. Wer glaubt, er habe seine "Wurzeln" gefunden, weil ein paar seiner Gene auf Native Americans oder Afrikaner verweisen, irrt sich wie ein Rassist, meint Kenan Malik im Observer. Im Tagesspiegel wünschen sich Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker ein buntes Deutschland. Ebenfalls im Tagesspiegel wird über die Frage gestritten, ob Linksextremismus so schlimm sein kann wie Rechtsextremismus. In Amerika gründet laut New York Times der Erfinder von Craig's List ein Blog, das die Tech-Giganten unter die Lupe nimmt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

In den USA etabliert sich eine fragwürdige Wissenschaft, die den Leuten über die Genetik mitteilen will, welches ihre "Wurzeln" sind. Kenan Malik ist mit den Versprechungen dieser Art von Forschung in seiner Observer-Kolumne nicht einverstanden: "In der Vergangenheit waren es Rassisten, die von Rassenkategorien besessen waren und Systeme entwickelten, um Bevölkerungsgruppen voneinander zu trennen. Antirassisten stellten sowohl die rassische Kategorisierung als auch die Verwendung solcher Kategorien zur Durchsetzung von Diskriminierung in Frage. Heute wird der Kampf gegen den Rassismus sowohl durch den Wunsch nach Identität und Anerkennung als auch durch die Forderung nach Gleichheit bestimmt. Die eigentliche Bedeutung von Gleichheit hat sich verändert. Wo früher das Recht die gleiche Behandlung trotz Unterschieden in Rasse, ethnischer Zugehörigkeit oder Kultur gemeint war, bedeutet Gleichheit heute, wegen der Unterschiede anders behandelt zu werden."

Berlin und Deutschland haben sehr wohl ein Problem mit organisierter Kriminalität, sagt Sandro Mattioli von der Organisation "Mafia? Nein danke" im Gespräch mit tazlerin Sophie Spelsberg. Dabei hat er besonders die arabischen Clans im Blick. Als einen Lösungsansatz schlägt er vor, "Exit-Möglichkeiten zu schaffen wie bei rechtsextremen Gruppen, auch und besonders für Frauen. Solche Strukturen bestehen bisher nicht. Nicht alle Frauen wollen ihre Familie hinter sich lassen, manche aber schon - sie stecken in archaischen Clanstrukturen fest, sehen aber dank der Medien, was für ein freies Leben sie führen könnten. Es gibt außerdem Modelle, bei denen straffällige Jugendliche selbst entscheiden können, ob sie ins Gefängnis wollen oder an einem Ersatzprogramm teilnehmen, das ihnen ein Leben außerhalb der kriminellen Sphäre überhaupt erst zeigt."

Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration hat ein "Integrationsbarometer" vorgestellt, wonach mit der Integration in Deutschland eigentlich alles bestens läuft. Leander Steinkopf findet die Sprache des Gutachtens in der FAS allerdings reichlich beschönigend: "Bei der Frage, ob Lehrerinnen im Unterricht ein Kopftuch erlaubt sein soll, ist die Mehrheit nicht 'zurückhaltend', wie der Bericht es benennt, ebenso wenig ist sie 'skeptisch', also zweifelnd, nein, sie ist dagegen."

Zwei Autoren - Max Czollek im Tagesspiegel und Hadija Haruna-Oelker in der FR - wünschen sich das Deutsche weiter, offener heterogener: "Wir sind nicht einheitlich. Wir leben in unterschiedlichen Milieus - in vielen Parallelgesellschaften. Versuchen wir es zum Abschluss positiv. Wir schreiten voran, weil wir mitgestalten wollen und können. Wir legen ein klares Bekenntnis zur Gleichheit im Unterschiedlichsein ab", schreibt Hadija Haruna-Oelker. Und Czollek erklärt: "Harmoniedenken spielt eine große Rolle in Deutschland. Subkulturen, die nebeneinander existieren, kann man sich nur als Parallelgesellschaften vorstellen. Nicht als etwas, das auf Dauer funktionieren könnte. Das ist eine spezifisch deutsche Denktradition, eine deutsche Angst. In anderen Ländern denkt man anders über Vielfalt. Das Motto von Kanada lautet: Unity in Diversity. Einheit in der Vielfalt." Was aber eine Gemeinschaft ohne jedes Zentrum zusammenhalten kann, erfährt man nicht.

Im Tagesspiegel haben Redakteur Christoph von Marschall (hier) und der Extremismusforscher Eckart Jesse (hier) kürzlich gefordert: Wer über die rechte Gewalt in Chemnitz spricht, darf über die linke im Hambacher Forst nicht schweigen. Heute erregt sich - ebenfalls im Tagesspiegel - Redakteur Sebastian Leber über Jesse, dem er einen Rechtsdrall vorwirft: "Eckhard Jesse ist ein Mann, der den Aufstieg der AfD nicht als Gefahr, sondern als 'Zeichen einer Normalisierung' wertet. Heribert Prantl bescheinigte ihm schon vor Jahren die 'Verharmlosung rechtsextremer Umtriebe'. Wer wissen will, wie Jesse tickt, sollte sich seinen Aufsatz 'Philosemitismus, Antisemitismus und Anti-Antisemitismus' durchlesen, er ist bereits 30 Jahre alt. Darin fordert Jesse, 'die selbstquälerische Form der Vergangenheitsbewältigung' der Deutschen müsse endlich ein Ende finden."
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Ideen

"Illiberale Demokratie" ist nicht mehr Demokratie, sondern ein demokratisch illegitimes, manipuliertes Regime, das diesen beschönigenden Namen nicht verdient, schreibt Jan-Werner Müller in einem Essay für die Gegenwartsseite der FAZ: "Wer meint, zum empirischen Nachweis einer Demokratie genüge es, zu zeigen, dass die Regierung nicht am Wahltag die Urnen mit gefälschten Zetteln füllen ließe, der übersieht, dass es keine Demokratie ohne ergebnisoffenen demokratischen Willensbildungsprozess geben kann. Die jüngsten Wahlen in Ungarn wurden von internationalen Beobachtern zwar als noch frei bewertet - zur Stimmabgabe für Orbán wurde wohl keiner gezwungen -, aber in keiner Weise als fair. Noch unfairer - und in vieler Hinsicht auch gar nicht mehr frei - ging es bei den türkischen Präsidenten- und Parlamentswahlen im Juni zu."
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Internet

Alles Gute, alles Böse kommt vom Internet. Eines der Geheimnisse des amerikanischen Zeitungssterbens ist Craig's List, ein Rubrikenanzeigenservice, für den sich hierzulande kein Pendant entwickelte (was der Grund dafür ist, dass die Lokalzeitungen hier überleben). Craig's List-Gründer Craig Newmark wiederum spendet nun 20 Million Dollar für den Dienst The Markup, berichtet Nellie Bowles in der New York Times: Sinn des Dienstes soll es sein, den Einfluss der Tech-Giganten auf die Gesellschaft zu untersuchen. Mitarbeiten werden die Journalistin Julia Angwin, die als "big tech's scariest watchdog" gilt, und der Datenjournalist Jeff Larson: "Angwin und Larson sagten, dass sie zwei Dutzend Journalisten für ihr New Yorker Büro einstellen würden und dass die ersten Geschichten Anfang 2019 auf der Website veröffentlicht werden sollen."
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Medien

Zeit online lancierte eine Aktion namens "Deutschland spricht", die zur gesitteten politischen Diskussion anregen soll, und holte sich als erstes den Segen von Staatsoberhaupt Frank-Walter Steinmeier, der in der Eröffnungsrede die erwartbaren Wort- über Filterblasen lieferte: "Es geht um die Frage, ob wir uns in unseren Echokammern verschanzen wollen, in Filterblasen nur noch mit Gleichgesinnten kommunizieren, ob wir uns von Algorithmen am liebsten die eigene Meinung bestätigen lassen - oder ob es uns gelingt, den Dialog zu führen über Trennendes hinweg."

Im Tagesspiegel erinnert sich Gerrit Bartels an seine Zeit als taz-Kulturredakteur. Das war 1998, und er gehörte zu einer neuen Generation, die professioneller arbeiten wollte: "Ich war nicht schwul, kein Öko, kein Alternativer, kein ausgeprägter Linker. Ich war rebellisch in einem postpubertären Sinn. ... Auch bei Detlef Kuhlbrodt, der schon bei der Berlin-Kultur der späten Achtziger mitgearbeitet hatte, zu ihren seiner Meinung nach größten Zeiten, galten wir eher als 'Karrieristen'. Nicht wegen unserer Herkunft oder fehlender politischer Alternativfarben, sondern weil das Blatt insgesamt professioneller wurde. Selbst Kuhlbrodt ließ sich nach einem Kurzausflug zum Spiegel zumindest ökonomisch besser 'aufstellen', wie man heute sagt, mit einem erhöhten Zeilengeld. Und betrauerte das in einem Text, den er 2005 unter dem Titel 'Wieder scheitern, besser scheitern' schrieb: 'Leider war man von da an nicht mehr Teil eines Kollektivtexts, sondern als seriösierter Autor plötzlich vereinzelt. Es gab die Machtorientierten, die Textorientierten, die Familyorientierten und die Spezialisten für irgendwas.'"
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Europa

Spanien hat ein Problem mit Venezuela, schreibt Diego Torresin einem interessanten Hintergrundtext bei politico.eu. Die Sozialistische Partei und Podemos haben enge Beziehungen zum Chavez-Regime unterhalten, das das Land in einen failed State verwandelte. Nun haben sie es mit den Flüchtlingen zu tun: "Kolumbien, Chile und Peru haben Hilfsmaßnahmen entwickelt, um Venezolanern Wohnung und Arbeitserlaubnisse zu geben. Solche Schritte wurden in Spanien nicht ergriffen, das nach Kolumbien, Peru und den USA die viertwichtigste Anlaufstation für die 2,3 Millionen Venezolaner ist, die laut den UN in den letzten Jahren geflüchtet sind. Zum Teil erklärt sich das durch historische Beziehungen. Viele der Ankommenden sind Nachfahren von Spaniern, die im Bürgerkrieg 1936 bis 39 emigriert waren, oder haben Verwandte in Spanien, so dass sie oft die spanische Staatsangehörigkeit haben oder sie leicht bekommen können."
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Stichwörter: Spanien, Venezuela