9punkt - Die Debattenrundschau

Weithin christlich, weithin weiß

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.07.2017. Auf dem G20-Gipfel wird über alles mögliche gesprochen, aber ganz bestimmt nicht über Liu Xiaobo. Laut der South China Morning Post bestehen kaum noch Chancen, dass Liu die nächsten Tage übersteht. Peter Beinart definiert den "Westen" im Atlantic als einen ethnischen und religiösen Begriff, der von Donald Trump in rassistischer Weise gebraucht wird. Die FAZ bringt eine Rede Navid Kermanis über die Zukunft der Erinnerung an den Holocaust. Die Berliner Zeitung berichtet, dass die Berliner Universitäten und die Charité ihre Verträge mit Elsevier kündigen - wegen nicht mehr zu tragender Kosten.

Politik

Die Kanzlerin hat kein Wort zu Liu Xiaobo gesagt, das Auswärtige Amt hat immerhin seine Hoffnung ausgesprochen, dass Liu die medizinische Behandlung erhält, die er braucht. In der South China Morning Post ist Liu heute Aufmacher: "Die Ärzte sagen der Familie des Nobelpreisträgers, dass sie sich auf seinen Tod vorbereiten solle." Die Zeitung berichtet auch, dass Liu nicht mehr gut auf Medikamente anspreche, dass Spezialisten aus westlichen Ländern eingeflogen worden seien. Und sie zeigt Bilder - auch ein neueres zusammen mit seiner Frau Liu Xia, bei dem aber nicht klar ist, ob es im Krankenhaus aufgenommen wurde.
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Stichwörter: Liu Xiaobo, Liu Xia

Ideen

Ist der Gebrauch des Begriffs "Westen" durch Donald Trump rassistisch? Peter Beinart bezieht sich in Atlantic auf den häufigen Gebrauch des Begriffs durch Trump in seiner Rede Warschau und meint ja - und gibt eine Definition des Westens, die einen schlucken lässt: der Westen sei kein geografischer Begriff, da etwa Marokko weiter westlich liege als Polen und dennoch nicht zum Westen gezählt werde. Der Westen sei aber auch kein ideologischer oder wirtschaftlicher Begriff, denn Japan und Indien seien Demokratien, würden aber nicht zum Westen gezählt. In Wirklichkeit sei der Begriff "ein ethnischer (im Original: rassisch, d.Red.) und religiöser Begriff. Um als westlich angesehen zu werden, muss ein Land weithin christlich (am besten protestantisch oder katholisch) und weithin weiß sein. Wo es Unklarheiten über die 'Westlichkeit' eines Landes gibt, liegt es an einem Widerspruch zwischen diesen beiden Charakteristika. Ist Lateinamerika westlich? Mag sein. Die meisten seiner Bewohner sind Christen, aber nach US-Standards sind sie nicht weiß." Aha. Der "Westen" wird also "nach US-Standards" von "Rasse" definiert.

Beinart bezieht sich vor allem auf Trumps Satz "The fundamental question of our time is whether the West has the will to survive.", den er den schlimmsten Satz nennt, den je ein amerikanischer Präsident im Ausland gesagt habe.

Völlig anders sieht Anne Applebaum in der Washington Post Trumps Rede - nämlich vor allem als Unterstützung der nationalkonservativen Kräfte in Polen.

In der NZZ denkt Thea Dorn darüber nach, was in einer Einwanderungsgesellschaft der Begriff Heimat bedeutet. Etwa abgegriffen ist er ja schon, meint sie, aber ohne kommt man auch nicht aus. Die freiheitlich-rechtsstaatliche Grundordnung sei jedenfalls kein Ersatz: "Die Aporien der Einwanderungsgesellschaft verschärfen sich, wenn den Alteingesessenen nahegelegt wird, ihre Heimatbande gleichfalls zu durchtrennen, da dieser schmerzliche Vorgang den Neuankömmlingen ja schließlich auch abverlangt werde. Doch grassierende Heimatlosigkeit schafft keinen Zusammenhalt, sondern potenziert bloß die Verunsicherung. Am Horizont entsteht ein global nivelliertes Nimmerland, in dem sich am Schluss niemand mehr zu Hause fühlt."

Außerdem: In der SZ verteidigt der Philosoph Christoph Türcke den Begriff der Bildung gegen den der Kompetenz.
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Geschichte

Der FAZ druckt auf zwei Seiten eine Rede Navid Kermanis über die "Zukunft der Erinnerung" an Auschwitz. Nicht ganz unpikant liest sich - gerade in dieser Zeitung, die sich einst zum Sprachrohr Martin Walsers machte, bis sie ihn abservierte - folgende Passage: "Inhaltlich war mit Höckes 'Mahnmal der Schande' nichts anderes gemeint als mit Walsers 'Dauerpräsentation unserer Schande', so empört diejenigen das zurückweisen werden, die seinerzeit in der Paulskirche stehend applaudierten. Im Kern geht es in allen öffentlichen Auseinandersetzungen über den Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe um die Frage: Wann endlich wird aus Deutschland wieder ein normales Land?" Kermanis Rede endet mit eine Hommage auf Marcel Reich-Ranicki.
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Gesellschaft

In Berlin wird ein Volksbegehren gegen Werbung im öffentlichen Raum lanciert. Der Mitinitiator Fadi El-Ghazi erklärt im taz-Gespräch mit Antje Lang-Lendorff, warum: "Gerade an stark frequentierten Straßen und Plätzen nimmt die Außenwerbung massiv zu. Der Senat hat gerade 8.100 Werbeflächen ausgeschrieben, von denen sollen offenbar 6.000 oder 7.000 neu sein. Wollen wir wirklich an jeder dritten Laterne einen leuchtenden Hinweis auf Aldi, Lidl oder McDonald's? Immer mehr Hausfassaden werden von Privateigentümern für Werbung genutzt. Nicht nur die Quantität, auch die Qualität der Außenwerbung verändert sich. Zurzeit haben wir Plakate, die wechseln regelmäßig, aber sie sind analog. Die Zukunft der Werbung ist digital. Das heißt: große Displays wie am Spreeufer nahe der Oberbaumbrücke, die das Stadtbild verunstalten."

Natürlich werden Muslime in Deutschland diskriminiert, aber mit Sklaven kann man sie nun auch nicht vergleichen, meint der ehemalige Ditib-Koordinator Murat Kayman im Freitag. Er wendet sich damit gegen einen Kommentar von Jakob Augstein, der Aufforderungen, sich an Demos für einen liberalen Islam zu beteiligen, unterstellte, sie wollten aus Muslimen "Onkel-Tom-Türken" machen. Solche Aufforderungen müssen aber sein dürfen, meint Kayman: "Fragen und Forderungen an die muslimische Adresse, zumal an die der Verbände, sind keine gebieterischen Verfügungsakte. Sie sind Herausforderungen an Akteure, die sich selbst Einfluss, Größe und Bedeutung zuschreiben. Es sind Fragen und Forderungen, die gerade deshalb aufkommen, weil die Akteure es über Jahre hinweg schuldig geblieben sind, deutlich zu kommunizieren, was sie denken und wofür sie stehen. Hätte es die letzten 15 Jahre eine vernünftige, fundierte, ausgiebige Kommunikation der eigenen Positionen gegeben, würde heute niemand mehr die Forderung nach Demonstrationen stellen."
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Wissenschaft

Die Rede vom Anthropozän ist kein reines Pop-Phänomen, erläutert Manuela Tomic in der taz. Geologen streiten sich darüber, wie sie das neue Erdzeitalter definieren sollen: "Zeitalter der Erdgeschichte werden mittels eines umfassenden Regelwerks definiert. Über die Zeitskala wacht die Internationale Stratigrafische Kommission. Um den Beginn einer Epoche festzusetzen, wird diese meist mit einem neu auftretenden Leitfossil markiert und definiert. Wann dieser beim Anthropozän angesetzt sein soll, ist aber eine der am längsten diskutierten Fragen innerhalb der Arbeitsgruppe zum Anthropozän."
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Stichwörter: Anthropozän

Internet

Dinah Riese geht in der taz die Argumente Heiko Maas' für eine Kontrolle von Algorithmen - möglicherweise durch eine eigene Behörde - durch und kommt zu dem Ergebnis: "Ein groß angelegtes Forschungsprojekt zur Funktionsweise und vor allem zu den Auswirkungen von Algorithmen wäre .. durchaus angebracht - eine Digital-Agentur braucht es dafür aber nicht. Und statt dem Justizminister wäre wohl eher das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung zuständig." Bei Netzpolitik schreibt Alexandra Hiller über Prognose-Software zur zur Beurteilung von Angeklagten und ihren sozialen Prognosen in den USA, die zu rassistischen Ergebnissen führen soll - sie bezieht sich auf ein Feature beim Deutschlandfunk.

Patrick Beuth stellt auf Zeit online das Projekt Datenspende BTW17 vor, mit dem AlgorithmWatch zusammen mit einigen Landesmedienanstalten den Google-Algorithmus durchleuchten will: "Bekommen alle Google-Nutzer die gleichen Ergebnisse angezeigt, wenn sie in den Wochen vor der Bundestagswahl über Google oder Google News nach politischen Begriffen suchen? Und wenn nicht, was beeinflusst die individuellen Ergebnisse? Das sind die Ausgangsfragen ... Gesucht werden Freiwillige, die sich hier ein eigens programmiertes Plugin für ihren Chrome- oder Firefox-Browser herunterladen und installieren - und anschließend darüber Daten spenden."

Nicht gut klingt diese Meldung aus turi2: "Der Musik-Streaming-Dienst Soundcloud entlässt 173 seiner zuletzt 420 Mitarbeiter, das sind mehr als 40 Prozent der weltweiten Belegschaft. Die Büros in San Francisco und London werden geschlossen, die Aktivitäten der Standorte Berlin und New York gebündelt. Die Einsparungen sollen helfen, das einstige Berliner Vorzeige-Startup langfristig auf eine gesunde Basis zu stellen und profitabel zu machen." Mehr bei Heise.de.
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Urheberrecht

Die Berliner Universitäten und die Charité haben ihren Vertrag mit dem internationalen Wissenschaftsverlag Elsevier gekündigt, berichtet Thorsten Harmsen in der Berliner Zeitung. Der Grund: "In Berlin fressen die Ausgaben für Online-Abos 60 Prozent des Erwerbungsbudgets der Uni-Bibliotheken auf. Für Lehrbücher oder andere Fachliteratur bleibt da nicht mehr viel Geld übrig." Jetzt hofft man auf neue Verhandlungen über eine bundeseinheitliche Flatrate und Open-Access-Schaltungen für staatlich finanzierte Forschungsergebnisse: "'Die Großverlage haben viel zu verlieren', sagt Jürgen Christof, Direktor der Universitätsbibliothek der Technischen Universität (TU) Berlin. 'Denn wenn Forscher künftig ihre Arbeiten offen im Internet publizieren, können Verlage wie Elsevier vermutlich keine Renditen von 40 Prozent mehr erwirtschaften.'"
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