Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Rasierpinsel statt eines Kopfes

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07.07.2017. In der SZ trotzt der jüdische Regisseur Barrie Kosky Richard und Adolf in Bayreuth mit seelischem Knoblauch. Michael Kleeberg will offenbar lieber nicht über seine Frankfurter Poetikvorlesung diskutieren, meint die taz. In Klagenfurt überzeugt John Wray die Kritiker mit epischem Atem. Und der Standard staunt über die Schönheit von Jan Fabres Körpersäften.

Literatur

In Klagenfurt wird wieder um die Wette gelesen. Von den ersten Auftritten hat insbesondere John Wray mit seinem Text "Madrigal" Eindruck hinterlassen. "Von der ersten Zeile an spürt man den epischen Atem", schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Auch Hans Hütt, der beim Freitag online sehr detailliert über die Lesungen schreibt, war beeindruckt: Wrays Text sei "extrem kunstfertig, vielstimmig, subtil und überdies in diesem austroamerikanischen Singsang vorgetragen, der seinen eigenen Sog entfaltet. ... Stimmführung und wechselnde Perspektiven sind meisterhaft ineinander verwoben. In seiner Tonalität und Stimmführung bezeugt Wray weit zurückliegende und zeitgenössische Vorbilder wie Henry James und Don DeLillo." Anders liest sich das im Standard: "Kein Text überzeugte am ersten Lesetag der 41. Tage der deutschsprachigen Literatur wirklich", meldet Michael Wurmitzer. Aber immerhin habe Wray "wenig falsch gemacht." Im FAZ-Blog berichtet Jan Wiele. Mehr zu Wray hier.

Ziemlich genervt berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel von Franzobels Eröffnungsrede, die mit einiger Gravitas sowie einer demonstrativ in Händen gehaltenen Flasche Bier die Übel dieser Welt geißelt: "Immer ist bei Franzobel ein Wort zu viel, noch ein Beispiel und noch eins, und ein Gedanke zu wenig, ganz nach dem Motto: alles reinwerfen, wird schon was rauskommen. Seine Glaubwürdigkeit erhöht er leider nicht, dass er mit aller Macht lustig sein will." Der SWR hat sich mit Franzobel unterhalten.

Von Klagen- nach Frankfurt: Dort hat Michael Kleeberg seine zuletzt kontrovers diskutierte Frankfurter Poetikvorlesung zum Abschluss gebracht und sich in einer Diskussionsveranstaltung kritischen Nachfragen gestellt, beziehungsweise sich diesen entzogen, wenn man Rudolf Walther glaubt - man hat Kleeberg Nähe zu rechtspopulistischen Positionen vorgeworfen (unsere Resümees): Der "Meinungsathlet" wolle "seine törichte Meinung jetzt vergessen machen", mutmaßt Walther in der taz. In der SZ zitiert Volker Breidecker Kleeberg um zu belegen, dass dieser mit seinen Äußerungen zu Einwanderung und Multikulturalismus "in die Bockshörner des Salonrechtsradikalismus" blies. Auch Andreas Platthaus, der Kleeberg in der FAZ vor wenigen Tagen mit einem Interview die Möglichkeit gegeben hatte, sich öffentlich zu äußern, ist unzufrieden - nicht nur, weil zwischen Vorlesung und Debatte darüber zuviel Zeit gelegen habe, sondern auch, weil der Autor die Diskussion am Ende vom Podium in den privaten Rahmen verlagerte. Platthaus regt daher abschließend dazu an, "auf der Grundlage der Erfahrungen mit dieser Dozentur über eine offenere und vor allem unmittelbar diskursivere Form der Frankfurter Poetikvorlesungen nachzudenken."

Weiteres: Für die SZ besucht Alex Rühle die Comicautorn Zeina Abirached, deren "Piano Oriental" ihn sehr beeindruckt hat.

Besprochen werden Philipp Schönthalers Erzählband "Vor Anbruch der Morgenröte" (NZZ), Zoran Ferićs "In der Einsamkeit nahe dem Meer" (NZZ), die Wiederveröffentlichung von Jean-Claude Forests und Jacques Tardis Comic "Hier Selbst" (Tagesspiegel), Niros Maleks "Der Spaziergänger in Aleppo" (Tagesspiegel), das von Birgit Nübel und Norbert Christian Wolf herausgebene "Robert-Musil-Handbuch" (SZ) und die Ausstellung "Was Lenin las" in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern (NZZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film

Besprochen werden der wiederveröffentlichte Sun-Ra-Film "Space is the Place" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), John Maddens Politthriller "Die Erfindung der Wahrheit" mit Jessica Chastain (FR, ZeitOnline, mehr dazu im gestrigen Efeu), Leander Haußmanns Bestseller-Verfilmung "Das Pubertier" (FR), Leone Scherfigs "Ihre beste Stunde" (Welt) und die dem Kameramann Robby Müller gewidmete Ausstellung im Filmmuseum in Berlin (Berliner Zeitung).
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Bühne

Szene aus "Jakob Lenz". Georg Nigl. Bild: Bernd Uhlig

Verstört, aber doch begeistert berichten die Kritiker von der letzten Staatsopern-Premiere im Berliner Schillertheater, wo Andrea Breth Wolfgang Rihms Oper "Jakob Lenz" noch einmal inszeniert hat. Im Tagesspiegel schwärmt Frederik Hanssen über Georg Nigl, der die Titelrolle singt: "Ob er schreit oder flüstert, vom Singen ins Sprechen kippt oder umgekehrt, ob er rast, stammelt, wimmert, alles kommt aus dem tiefstem Innern, stets ist der ganze Körper sein Resonanzraum, wird jede Geste, jede Verrenkung allein durch die Töne ausgelöst. Wie Georg Nigl in einem Riesenregal kauert und von Erinnerungen gequält wird an Friederike, die ihn nicht lieben konnte, wie er im Schlussbild erst kindisch auf einem Bett herumhopst, bevor er von seinen Beschützern in eine Zwangsjacke gesteckt wird, das sind Bilder, die im Gedächtnis bleiben." In der Berliner Zeitung bewundert Clemens Haustein vor allem "Rihms nervige, sehnige, dabei mitfühlende, nie sensationslüsterne Musik."

Im SZ-Interview mit Julia Spinola spricht Barrie Kosky, der als erster jüdischer Regisseur in Bayreuth inszenieren wird, über sein Verständnis der "Meistersinger", Wagners Antisemitismus und seine Empfindungen in dem Festspielhaus, in dem er nie inszenieren wollte: "Jetzt hat der Zauberspuk Bayreuths überhaupt keinen Effekt auf mich. Ich halte meinen seelischen Knoblauch in der einen Hand und meinen Davidstern in der anderen, und das funktioniert super. Die Phantome von Richard über Adolf bis hin zu den vielen berühmten Regisseuren sitzen nicht mit im Saal, wenn man probt. Ich denke, dass viele Themen, die mir Angst machen, in der Inszenierung stecken. Indem ich sie auf die Bühne bringe, befreie ich mich von ihnen."

Im taz-Interview mit Hengameh Yaghoobifarah ärgert sich die gekündigte Kuratorin der Wiener Festwochen, Nadine Jessen, über negative Presseberichte, etwa zu dem Stück "Les Robots ne connaissent pas les Blues oder Die Entführung aus dem Serail": "Es wurde behauptet, da seien 'afrikanische Laien'. Das ist struktureller Rassismus. Es wird sich mit der Expertise der sogenannten Anderen nicht auseinandergesetzt. Sie sind in Westafrika Stars. In den Feuilletons sitzen viele Leute, die bestimmte subkulturelle Codes, etwa aus dem Vogueing und Twerking, nicht richtig lesen und einordnen können."

Weiteres: Im Freitag schreibt Matthias Dell zum Abschied von Frank Castorf: "auch wenn Castorf sich zur eigenen Bedeutung phasenweise verhält wie die Kohl-Witwe zum Werk ihres Mannes: Die Größe dieser Volksbühnen-Zeit wird bleiben. Nicht nur wegen, auch trotz Frank Castorf." NZZ-Kritikerin Lilo Weber schaut schon einmal auf Nacho Duatos erst im Juli nächsten Jahres endende Intendanz am Staatsballett Berlin zurück. In der SZ porträtiert Wolfgang Kralicek den Puppenspieler und Regisseur Nikolaus Habjan, der demnächst seine erste Oper in München inszeniert. Der Bayerische Rundfunk bringt den ersten von drei Teilen von Elfriede Jelineks Trump-Hörspiel "Am Königsweg".

Besprochen wird Andrea Bergers Stück "Veronika Gut" am Landschaftstheater Ballenberg (NZZ).
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Kunst

Das Wiener Leopold Museum gewährt derzeit mit einer kleiner Ausstellung Einblicke in die Performances des belgischen Malers, Dramatikers und Choreografen Jan Fabre. Im Standard staunt Helmut Ploebst: Fabre findet "Schönheiten am und im Körper, den er wie ein Anatom oder Pathologe im grellen, oft kalten Licht der Öffentlichkeit untersucht und testet: seine Säfte ebenso wie die Entäußerungen seines Verhaltens unter dem Druck der Einpassungen dieses Körpers in eine Kultur." Und in der Presse macht Bettina Steiner Konstanten im Werk des Nachfahren des Insektenforschers Jean-Henri Fabre aus: "Da wären etwa die Käfer. In einer Vitrine sind diese frühen Objekte ausgestellt, halb Werkzeug, halb Tier. Da zieht ein Käfer einen Badezimmerstöpsel nach, aus dem Unterleib eines anderen wächst ein Bieröffner, der dritte trägt einen Rasierpinsel statt eines Kopfes."

Weiteres: In der SZ rät Kito Nedo anlässlich des 150. Geburtstag von Käthe Kollwitz "die alte Angst vor dem Betroffenheitskitsch" zu überwinden und Kollwitz' "gute, harte Kunst" neu zu entdecken.

Besprochen wird die Ausstellung "Slow Graffiti" des US-Amerikaners Alex da Corte in der Wiener Secession. (Standard)
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Stichwörter: Jan Fabre, Käthe Kollwitz

Musik

Der Hype um die französische Sängerin Flora Fishbach sei berechtigt, freut sich Elise Graton in der taz: "Sie macht absolut eigenwillige Musik. ... Vor lauter Echo- und Halleffekten weiß man gar nicht, wohin mit der Ergriffenheit." Das klingt dann so:



Weiteres: Christian Wildhagen berichtet in der NZZ von den letzten Konzerten in der Zürcher Tonhalle vor dem Umzug in die Ausweichstätte auf dem Maag-Areal. In der taz annonciert Ingo Techmeier die vierte Ausgabe des Berliner Festivals "Heroines of Sound", das sich der Würdigung von Frauen in der Geschichte der elekronischen Musik verschrieben hat: In diesem Jahr steht die Komponistin Elżbieta Sikora im Vordergrund, die bei bei Pierre Schaeffer und François Bayle studiert hat. Hier ein Beispiel für ihre Arbeiten:



Besprochen werden ein Aerosmith-Konzert (NZZ), ein Auftritt des Rappers Nas (Tagesspiegel, taz) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Andreas Dorau, mit dem der einstige NDW-Kinderstar endlich wieder die Charts stürmen will (ZeitOnline). Dass ihm das mit Liedern über in Bayern verprügelte Ost-Deutsche wirklich gelingen wird, darf man wohl bezweifeln:

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