9punkt - Die Debattenrundschau

Zähneknirschend und weißhaarig

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.07.2017. Das Schanzenviertel ist verwüstet, und auch sonst ging es beim G20-Gipfel heiß her. Dem Guardian traten beim Treffen von Trump und Putin die Unterschiede der beiden glasklar vor Augen: Putin spielt Schach, Trump spielt nur rum. Slate fragt allerdings, warum Trump Russland für die Einmischungen in den Wahlkampf ungestraft davon kommen lässt. Die taz verteidigt die Genderstudies gegen die Kritik von Emma, die Denkverbote und Psychoterror um sich greifen sieht. In der NZZ fürchtet Pascal Bruckner den Fluch der Langlebigkeit.

Politik

Trump und Putin mögen aus dem gleichen Holz geschnitzt sein, aber es gibt doch gewaltige Unterschiede, meint Richard Wolffe im Guardian: "Sie bilden nicht einen einzigen Organismus namens Trumputin. Sie sind zwei unabhängige Wesen, mit sehr unterschiedlichen Strukturen, sie erinnern eher an Virus und Wirt: koabhängig, aber jeder in der Vorstellung verhaftet, dem anderen als Lebensform überlegen zu sein. Putin ist ein gerissener Verhandler mit den Erfahrungen eines KGB-Oberst, der zwischen Charme, Vernebelung und brutaler Gewalt wechseln kann. Trump ist ein deprimierend offensichtlicher Aufschneider, was er gelernt hat, hat er von den Spielautomaten in Reno, ein Wechseln von zufälligem Glück und Krach. Putin hat ein strategisches Interessen daran, die Welt nach seinen Bedürfnissen neu zu ordnen. Trump hat ein taktisches Interesse daran, nach seinen Bedürfnissen weltweit Schlagzeilen zu machen. Einer spielt Schach, der andere spielt nur rum."

Auf Slate bemerkt Fred Kaplan ziemlich entgeistert, Trump habe Putin ziemlich billig davon kommen lassen: "Putin hat den Sieg davon getragen. Bei einer Pressekonferenz nach dem Treffen erklärte Tillerson, dass Trump mehr als einmal die Vorwürfe angesprochen habe, Russland habe sich in die Wahlen von 2016 eingemischt. Lawrow sagte Reportern dagegen, dass Trump Putins Dementi akzeptiert habe. Vielleicht hat Lawrow übertrieben, aber Tillerson sagte, dass die beiden Präsidenten übereingekommen seien, 'nach vorne zu blicken' und nicht die Vergangenheit zu verhandeln - was auf dasselbe hinausläuft. Mit anderen Worten: Putin hat und wird keinen Preis für seinen Info-Krieg gegen die amerikanische Demokratie zahlen müssen."

Weiteres: Jonathan Freedland weiß im Guardian auch, warum Putin Trump so gern hat: "He's making America weak again." Slate.fr tröstet sich damit, dass Emmanuel Marcon wenigstens auf dem Gruppenfoto ganz links stand. Matthew Karnitschnigg schenkt in Politico unterdes Angela Merkel sein ganzes Mitgefühl, für das Chaos, in dem der Gipfel versunken ist, wo sie der Welt doch ausgerechnet das schöne, weltoffene, liberale Hamburg präsentieren wollte. Über die Ausschreitungen, bei denen ja wieder einmal ausgerechnet der eigene Stadtteil verwüstet wurde, nämlich das Schanzenviertel, berichtet ausführlich unter anderem ZeitOnline.
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Ideen

In der taz verteidigt Heide Oestreich die Genderstudies gegen Emma, die in ihrer aktuellen Ausgabe Denkverbote und Psychoterror an den Unis anprangert. Klar, meint Oestreich, muss sich auch in den Genderstudies niemand von den kreischenden und klatschenden Studierenden mundtot machen lassen, aber Emmas Kritik sei grundsätzlicher: "Ihr passt nicht, was bei intersektionalen Analysen herauskommen kann. Denn wer beide Dimensionen, Rassismus und Sexismus, im Auge behalten möchte, formuliert unendlich viel vorsichtiger als jemand, der nur eine Dimension skandalisieren möchte. So kommt es, dass es in den Genderstudies die Debatte gibt, ob das Wort Verstümmelung für die Genitalbeschneidung nicht zu drastisch sein könnte. Oder ob die Rede vom 'problematischen muslimischen Mann' nicht auch einen Rassismus beinhalte. Die Emma aber will nur eine Dimension benennen: die Frauenunterdrückung. Alles andere erscheint ihr als kontraproduktiver Relativismus... In dieser Hinsicht liegt die Ignoranz ganz aufseiten der Emma."

Gegen ein paar Jahre mehr Leben und längere Jugendlichkeit hätte Pascal Bruckner in der NZZ nichts enzuwenden. Aber was wollen wir mit 150 Jahren, wenn nicht gar 1000 Jahren, die die vollmundigsten Unternehmer gerade prognostizieren? "Die neue Langlebigkeit ist auch ein Fluch. Man altert im gleichen Zug wie die eigenen Eltern und manchmal schneller als diese. Zähneknirschend und weißhaarig sind sie immer noch da, wo man selbst schon Großvater ist. Der Fortschritt schafft Dynastien von Hinfälligen in mehr oder weniger fortgeschrittenen Stadien des Verfalls, Familien von Bettlägerigen, die durch selbst schon greise Kinder versorgt werden. Unsere Eltern und Großeltern sind die Boten der Menschheit in der entrückten Sphäre des Uralters."
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Medien

Wie gut, dass Deniz Yücel so lustige Texte geschrieben hat, seufzt Oliver Jungen in der FAZ erleichtert, so sind auch die Soli-Veranstaltungen #FreeDeniz für ihn immer eine ziemlich komische Angelegenheit, wie jetzt gerade in Köln.
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Stichwörter: Deniz Yücel

Gesellschaft

Timo Lehmann sieht sich für die SZ in der neuen Community türkischer Intellektueller und Künstler um, die sich nach Berlin geflüchtet haben. Schön, meint Julia Bähr in der FAZ, wenn das Aufziehen von Kindern steuerlich erleichtert wird, aber dann bitte auch für Alleinerziehende.
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Religion

In der taz kommt Dmitrij Kapitelman allein auf sieben Thesen gegen die Entscheidung Wittenbergs, ein altes judenfeindliches Relief an einer Kirche nicht abzumontieren. Zum Beispiel These 3: "Stellen wir uns vor, eine Synagoge oder Moschee würde die heilige Maria aufhängen, die sich an der Vulva herumfuhrwerkt. Genau, Selbstmord. Wenn das Schwein bleibt, ist es eine Machtdemonstration dafür, wer in diesem Land die Schmerzgrenzen zieht."

Johann Schloemann findet nach der Karlsruher Kopftuch-Entscheidung in der SZ nicht, dass Richter von ihrer Religion abesehen müssen: "Solange viele Frauen das Tragen als religiöses Gebot sehen, kann ihnen nicht deswegen der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt werden."
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Geschichte

NZZ-Autor Jürgen Ritte besucht im Pariser Musee de l'Armee eine Ausstellung zum Deutsch-Französischen Krieg, mit dessen Ablehnung Heinrich Mann einst ziemlich allein stand, wie Ritte erinnert: "Die deutschen Soldaten waren, zunächst noch angefeuert von Presse und intellektueller Öffentlichkeit, mit der 'Wacht am Rhein' auf den Lippen gegen Frankreich ins Feld gezogen. Denn dort stand der 'Erbfeind', an dem das deutsche Wesen sich seit den 'Befreiungskriegen' 1813/15 abzuarbeiten hatte, ja gegen den es sich erst gebildet hatte. Der Kampf gegen Frankreich war auch, wie Heinrich Manns Bruder Thomas in seinen etwas verquasten 'Betrachtungen eines Unpolitischen' festhielt, der Kampf gegen den Westen, der Kampf des Bürgers gegen den Bourgeois, der Kultur gegen die Zivilisation."
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