9punkt - Die Debattenrundschau

Mindestmaß an geistiger Schöpfung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2016. Putin mordet zwar in Syrien, aber jede Reaktion des Westens könne nur zu Krieg führen, meint Jonathan Steele im Guardian. Bei Carta erklärt der Politologe Klaus Vater, warum die westliche Kultur nicht einfach "christlich-jüdisch" ist. Das Landgericht Stuttgart gibt den Reiss-Engelhorn-Museen recht, die Abbildungen ihrer gemeinfreien Werke im Netz verhindern wollen, so irights.info. Die Zeit findet in den Briefen Martin Heideggers neue Belege für seinen Antisemitismus. 

Ideen

Die westliche Kultur ist nicht einfach christlich oder "christlich-jüdisch", meint der Politologe Klaus Vater in Carta, sondern das heutige Menschenbild sei gerade gegen die religiöse Prägung errungen worden: "Dieses Menschenbild ist während und auch aus den Auseinandersetzungen mit den christlichen Glaubensrichtungen entstanden, als das Christentum auf der Seite der gottgewollten Herrscher, der Kaiser und Könige stand. Aber ohne diese Auseinandersetzungen gäbe es dieses Menschenbild nicht. Dessen 'Abstammung' freilich einfach ins Christliche zu verlegen, das ist mehr als gewagt." In der taz denkt der Soziologe Stefan Kühl über den Begriff der "Leitkultur" nach.

Außerdem: In der NZZ fordert der Zürcher Designprofessor Gerhard M. Buurman eine innere Lösung von technischen Hilfsmitteln, um die Freiheit des Denkens zurückzuerobern. 
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Stichwörter: Leitkultur, Stefan Kühl

Urheberrecht

Grauenhafter Kult des "geistigen Eigentums"! Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen hatten gegen die Wikimedia Foundation geklagt, die Abbildungen gemeinfreier Werke des Museen brachte. Das Landgericht Stuttgart: entschied nun (vorerst), dass selbst Reprografien gemeinfreier Werke von Künstlern, die länger als siebzig Jahre tot sind, unter Urheberrecht stehen, berichtet Irights.info: "Im Urteil (Aktenzeichen 17 O 690/15 vom 27. September 2016) hat das Gericht bestätigt, dass auch die entsprechenden Foto-Reproduktionen der gemeinfreien Gemälde eigens geschützt sind, zumindest als sogenanntes Lichtbild. Auch bei den Repro-Fotos sei ein 'Mindestmaß an geistiger Schöpfung' erfüllt. In diesem Sinne hatte auch das Landgericht Berlin bereits Ende Mai entschieden. Dort klagte das Reiss-Engelhorn-Museum unter anderem gegen die Wikimedia Foundation als Betreiberin der Wikipedia." Laut Urteil darf man auch nicht selbst gemeinfreie Werke fotografieren, da das Museum dies per Hausrecht verbietet. So kann man das Urheberrecht natürlich prima ins Unendliche verlängern.
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Politik

Für eine Intervention in Syrien war ja in Europa wirklich niemand. Die Flugverbotszone stand zwar eine Weile zur Debatte - aber jetzt, wo sich Putin in Syrien festgesetzt hat, meint Jonathan Steele im Guardian, sollte man sich trotz der Massakrierung der Zivilbevölkerung erst recht nicht einmischen: "Die Russen sind auch in der Luft aktiv. Die einseitige Erklärung einer Flugverbotszone (die niemals ein Mandat des UN-Sicherheitsrats erhalten würde) wäre eine Kriegserklärung gegen Russland und Assad."

Amin Farzanefar schreibt für die NZZ ein beeindruckendes Stimmungsbild aus der Provinz Dohuk im Nordirak, wo über eine Million Flüchtlinge leben: "Zwei Drittel von ihnen sind Christen und vor allem Jesiden, jene Bevölkerungsgruppe, die schon unter den Osmanen so viele Vernichtungsfeldzüge aushalten musste, dass zu ihrer Mythologie das Zählen von Genoziden gehört. Mittlerweile sind es 74."
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Stichwörter: Syrien, Irak, Dohuk, Jesiden

Wissenschaft

Die Zeit veröffentlicht Passagen aus dem Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und seinem Bruder Fritz 1930 und 1946, die in gekürzter Form demnächst in dem Band "Heidegger und der Antisemitis­mus" erscheinen. Heidegger zeigt sich hier "ganz direkt und unverhohlen antisemitisch", schreiben Alexander Cammann und Adam Soboczynski. Tatsächlich zeigt er sich in den ausgewählten Passagen vor allem unverhohlen antiamerikanisch und antisowjetisch: "Entscheidender ist jetzt, die große Bedro­hung zu sehen, daß sich der Bolschewismus und der Amerikanismus zu einer einzigen Wesens­gestalt vereinigen und das Deutschtum aus die­ser Einheit heraus als Mitte des Abendlandes selbst zerstören", schreibt er im Januar 1943.

In der NZZ ist der Literaturwissenschaftler Adrian Daub wirklich beeindruckt von Elon Musk, der ihn an den Futuristen Buckminster Fuller erinnert, dessen Archiv gerade in Stanford, wo Daub lehrt, ausgepackt wird. Heute ist Musk für Daub der vielleicht einzige wirkliche Visionär im Silicon Valley: "Musk, dessen Raketen explodieren, dessen Autos zunächst nicht immer einwandfrei funktionieren, hat die Legende des Silicon Valley stärker internalisiert als jeder andere. So gründlich sogar, dass er sie möglicherweise wahr macht. Wer Ashlee Vances Biografie des Milliardärs liest, der erhält den Eindruck, Musk liege Zynismus generell fern. Wenn Peter Thiel zu träumen anfängt, dann will einem gruseln, bei Musk kann man nicht anders, man möchte mitträumen."
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Gesellschaft

In der Zeit nimmt Bernd Ulrich die Generation Grün aufs Korn, zu der er selbst gehört. Sollte man sich nicht langsam mal eingestehen, dass man Establishment ist? Und das Maul gelegentlich reichlich voll genommen hat? "Ganz offenkundig basierte dieses durchgrünte Deutschland nicht allein auf richtigen Gedanken, sondern auch auf schlechter Gemütlichkeit. Es ist leichter, für Flüchtlinge zu sein, wenn sie nicht kommen. Es ist verträglicher, gegen Militäreinsätze zu sein, wenn sowieso die Amerikaner sie (falsch) machen. Es ist schön, heimliche Mehrheit zu sein, wenn die unheimliche Minderheit nicht zur Wahl geht. (Da waren wir wohl, traurig genug, zu machtbequem, um uns wirklich für die Stummen zu interessieren). Es ist wunderbar basisdemokratisch, Plebiszite zu fordern, solange der Wutbürger sicher in der Tabuzone eingesperrt ist. Und so weiter."

Erstaunlich offen wendet sich das "Conne Island", ein Autonomenzentrum in Leipzig,  an die Öffentlichkeit, weil es die Probleme mit seiner eigenen Willkommenspolitik nicht mehr bewältigt. Einige vom Zentrum eingeladene Flüchtlinge hatten bei Parties immer wieder Frauen belästigt, ein paar Mal musste sogar die verhasste Polizei gerufen werden, berichtet Martin Kaul. Die taz dokumentiert das Schreiben des Kollektivs: "Die stark autoritär und patriarchal geprägte Sozialisation in einigen Herkunftsländern Geflüchteter und die Freizügigkeit der westlichen (Feier-)Kultur bilden auch bei uns mitunter eine explosive Mischung... Hierbei müssen wir uns ganz klar die Frage stellen, ob wir uns als Plenum ausreichend solidarisch mit den Betroffenen gezeigt oder auf den antisexistischen Bemühungen der letzten Jahre ausgeruht haben... Wir halten eine Thematisierung der Problematik innerhalb der Linken für längst überfällig und wollen dem Rechtspopulismus nicht die Deutungshoheit in dieser Debatte überlassen."
Archiv: Gesellschaft

Religion

Lamya Kaddor hat an die hundert Strafanzeigen gegen Autoren von Hassmails gestellt, berichtet Matthias Drobinski in der SZ. Die Angriffe gegen sie bringt sie (oder Drobinski) aber auch gleich mit ihren Diskursgegnerinnen in Bezug: "Es sei, als würden die Trolle im Netz all die Identitätsfragen wittern, mit denen sich gerade die muslimischen Frauen herumschlagen müssen, die ein freies Leben führen wollen, ohne ihre Wurzeln abzuschneiden. Als provozierten sie die Islamfeinde stärker als alle Islamisten zusammen: 'Die passen ins Klischee - ich passe nicht', sagt sie. Es passen diejenigen Ex-Muslime, die sich von ihrer Religion distanzieren, wie die Autorin Necla Kelek; es passen, als Feindbild, die Salafisten." Und Necla Kelek ist keine muslimische Frau, die ein freies Leben führen will?
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Europa

An Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt ein Artikel der schottischen Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon in politico.eu, die unter anderem die "harte Brexit"-Linie Theresa Mays scharf attackiert. Sie kritisiert auch, wie Tory-Politiker über EU-Bürger in Britannien sprachen. "Der Vorschlag einiger Minister, diese Menschen als 'Pfund' in den Brexit-Verhandlungen einzusetzen, ist abstoßend. Und leider liegt er voll auf der immer weiter nach rechts tendierenden Linie dieser Partei, wie jeder bestätigen kann, der ihren Parteitag verfolgte. Diese Position muss schnellstens revidiert werden, alle EU-Bürger im Vereinigten Königreich müssen wissen, dass sie weiter hier leben dürfen."

"Es ist das erste Mal in unserer Geschichte, dass ein Präsidentschaftskandidat in den Vereinigten Staaten nicht die Anhänger der Demokratie inspiriert, sondern ihre Widersacher", warnt Erik Tabery, Chefredakteur der tschechischen Zeitung Respekt, in der Zeit. Europäische Debatten kommen in den osteuropäischen Staaten oft gar nicht an, weil die Medien sich nicht dafür interessieren, so Tabery. Doch Trumps Sprüche und die britische Entscheidung für den Brexit werden von den Populisten gern ausgeschlachtet: "Man muss sich nur auf YouTube umsehen, wo tschechische Extremisten, die nach der Wiedereinführung von Konzentrationslagern rufen, Videobotschaften an Trump senden. Sollte er gewinnen, würde das einer von Radikalismus und Fremdenfeindlichkeit geprägten Politik in Osteuropa sehr dienen. In kleinerem Maße hat bereits der Brexit eine ähnlich negative Rolle gespielt. Denn wenn die Briten, die wir als eine Art Lehrmeister der Demokratie in Europa achten, dem billigen Populismus unterliegen können und auch noch stolz darauf sind, warum sollten wir das dann nicht auch können?"

Ebenfalls in der Zeit prophezeit der Soziologe Wolfgang Streeck den Untergang der EU (und er wird ihr keine Träne nachweinen), wenn sie nicht entweder den Euro kassiert oder der Norden in "eine Umverteilung zugunsten des Südens" einwilligt.
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Medien

(Via Altpapier) Christian Vooren, ein relativ junger Leser, hat für den Tagesspiegel schon mal Funk getestet, das neue Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender für die Jungen und Mädchen im Netz: "Die Facebook-Seite gibt es erst seit dem Wochenende, bei Twitter komplette Fehlanzeige. Selbst die App, mit der ich alle Videos und Geschichten sehen kann, ist nur schwer zu finden. Macht nichts, denn einmal auf dem Tablet installiert, stelle ich fest, dass die App ausschließlich fürs Smartphone konzipiert und damit für meine Zwecke nutzlos ist."
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