Efeu - Die Kulturrundschau

Kühler, sachlicher, frei

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2016. Die Geister der Toten haben Konkurrenz bekommen, gruselt sich die SZ angesichts der Fotos, die Thomas Dworzak von Pokemon-Spielern gemacht hat. Der Freitag sorgt sich um den Bestand von historischen analogen Filmkopien, die oft nach der Digitalisierung vernichtet werden. Die FAZ erklärt dem Nobelpreis-Kommittee, warum Philip Roth wirklich kein Frauenfeind ist. In der NZZ lässt Dieter Meiers Mutter den Weihnachtsschmuck stehen.

Kunst


"Untitled #2" (1992). © Agnes Martin / ARS, NY

Peter Schjeldahl hatte sich eigentlich nicht so viel erwartet von einer Retrospektive der 2004 verstorbenen abstrakten Malerin Agnes Martin, die derzeit im Guggenheim Museum in New York zu sehen ist. Aber dann kommt es ganz anders, schreibt er im New Yorker: "Ich fürchtete, dass Martins repetetive Formeln - Gitter und Streifen, meistens grau oder in fahlen Farben, oft sechs Fuß große Qadrate - eine ästhetische Ermüdung sein und die Anstrengung der ansteigenden Spirale des Museumsgangs addieren würde. Aber die Schau fordert zu Kontemplation und Ausdauer heraus und erzeugt einen Sinn für die einzigartigen Kräfte Martins. Aus der Kletterpartie wird eine Art weltlicher Pilgergang, in dem man seine Wahrnehmung für geringste Differenzen des Farbtons und der Textur verfeinert, während das Herz Stürme der Emotion erlebt."

Philipp Stadelmaier von der SZ hat sich die Fotografien angesehen, die Thomas Dworzak von den Leuten an "Pokemon Go"-Hotspots im urbanen Raum geschossen hat. Und die Körperhaltung der Spieler hat ihn so nachhaltig beunruhigt, dass er viele Male unterstreichen muss, wie sehr die Menschen auf diesen Fotos doch "ganz in sich selbst versunken" seien, wie sie da so ganz unverbunden nebeneinander stehen - und das oft an historisch aufgeladenen Orten, wie der Künstler herausgefunden hat: Pokemon-Spieler tummeln sich "an einem Holocaust Memorial, auf einem Soldatenfriedhof oder vor dem Pariser Club Bataclan, der durch die Anschläge vom 13. November 2015 traurige Berühmtheit erlangte. Die Geister der wirklichen Toten scheinen also Konkurrenz bekommen zu haben von diesen anderen Geistern, den Pokémon, die sie überlagern, von ihnen ablenken, mit ihnen konkurrieren."

Weiteres: Die Zeit hat Tobias Timms Gespräch mit Ulay online nachgereicht. In der taz erinnert Bärbel Hedinger an die heute vor 150 Jahren geborene Künstlerin Mary Warburg.

Besprochen werden die Ausstellung "Im Käfig der Freiheit" im Kunstmuseum in Wolfsburg (Tagesspiegel) und die dem niederländischen Avantgardisten Wim T. Schippers gewidmete Retrospektive im Bonner Kunstverein (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Heute wird der Nobelpreis für Literatur verliehen. Die britischen Wettbüros sehen den kenianischen Autor Ngugi wa Thiong'o ganz oben stehen. Wir würden eher auf Karel Schoeman setzen. Den kennt hier kein Mensch und die Quote ist prima.

In der FAZ äußert Sarah Pines einen Verdacht: Enthält man Philip Roth den Nobelpreis nur deshalb vor, weil seine Bücher von misogynen Männern handeln? Falls ja, läge dem ein Missverständnis zugrunde, meint sie. Roths Frauen ließen sich nämlich auch "anders begreifen denn als bloße Spielzeuge alternder Lüstlinge oder willige Begleiterinnen chauvinistischer Wünsche. Sie sind nicht oder nur selten Opfer des Mannes und verfügen, wie die Männer, über dieselbe archaische Rohheit, die Roth in den Menschen der attischen Tragödien oder der Homerischen Epen verkörpert sieht." In der NZZ werfen Marie-José Kolly und Joana Kelén einen Blick auf typische und untypische Preisträger der Vergangenheit.

Lennart Laberenz besucht für die NZZ die Schriftstellerin Jagoda Marinić in dem mit viel Engagement von ihr gegründeten Interkulturellen Zentrum in Heidelberg. Aufgebaut hat sie es vor der großen Flüchtlingswelle. "Marinić sieht natürlich und sagt es auch: 'Wir sind hier privilegiert.' Nach Heidelberg kommen viele Akademiker aus aller Welt, Facharbeiter, Menschen, die sich engagieren. Und im Verhältnis dazu weniger jene, die von Krieg und Flucht traumatisiert sind. Nach offiziellen Angaben kamen im vergangenen Jahr rund 700 Zugewanderte aus 'humanitären Gründen', doppelt so viele kamen wegen der Familie, zudem rund 3600 ausländische Studierende und fast ebenso viele Medizintouristen, sehr viele aus den Golfstaaten. Mit der Ratsentscheidung macht die Stadt in solch privilegiertem Kontext Willkommenskultur praktikabel."

Besprochen werden Kinderbücher in der Zeit (die außerdem heute mit Literaturbeilage erscheint) Stewart O'Nans Roman "Westlich des Sunset" (NZZ), Amalie Skrams Antipsychiatrie-Roman "Professor Hieronimus" (NZZ), Gisela von Wysockis "Wiesengrund" (Freitag), Alexandra Tabors "Minigolf Paradiso" (Freitag), Tomas Bächlis Biografie Eric Saties (NZZ), John Burnsides Erinnerungsband "Wie alle anderen" (SZ) und Richard Russos "Diese gottverdammten Träume" (FAZ). Außerdem jetzt online: Thomas Wörtches aktueller Leichenberg.
Archiv: Literatur

Bühne


Wolfgang Menardi, Daniele Pintaudi, Leonhard Dering, Franziska Machens, Judith Hofmann in Frischs
"Der Mensch erscheint im Holozän" am Deutschen Theater. Foto: Arno Declair

Am Deutschen Theater in Berlin hat Ekkehard Knörer für den Freitag Thom Luz' Bühnenadaption von Max Frischs Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän" gesehen und sich wegen des Singspiels auch an die Arbeiten von Christoph Marthaler erinnert gefühlt. Doch gibt es auch Unterschiede, meint er. Zwar verdanke Luz Marthaler "manches. Es ist aber kühler, sachlicher, frei wie nichts, das Marthaler je gemacht hat, von Nostalgie und von Wehmut. Auch weniger komisch. Und wo bei Marthaler die Gegenstände einen Eigensinn haben, der ihnen aber etwas Menschliches gibt, (...) so ist es hier bei Thom Luz eher umgekehrt so, dass Menschen wie Dinge in ihrem Ablauf festgelegt scheinen." Auch punkte Marthaler in Sachen Charme mehr als Luz, doch "der Charme ist bei Marthaler eben mit der Schwäche für Wehmut erkauft. Luz ist sanft, aber nüchtern. Und wird damit Frisch sehr gerecht."

Weiteres: Im ZeitMagazin spricht Ijoma Mangold mit Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, darüber, wie dieser bereits in jungen Jahren seine Liebe zur Oper - und seine Zuneigung zu Männern - entdeckt hat.

Besprochen werden Andrea Breths Inszenierung von Puccinis "Manon Lescaut" (FAZ) und Uwe Eric Laufenbergs "Don Karlos"-Inszenierung in Wiesbaden (SZ).
Anzeige
Archiv: Bühne

Film

Der Freitag widmet sich in zwei online nachgereichten Beiträgen der Überlieferung von Filmgeschichte: Andreas Beilharz bietet einen Überblick über die Geschichte der Filmdigitalisierung und welche Auswirkungen diese auf die Bestände der Filmarchive hat. Mit der umfassenden Digitalisierung des Vorführbetriebs geht nämlich ein massenhafter Verlust von historischen analogen Filmkopien einher, die oft schlicht entsorgt werden. Und das gehe nicht nur Materialfetischisten an: Denn "Filmkopien aus der Erstaufführung [sind] als Referenz für Digitalisierungen unersetzlich, denn sie lassen im Gegensatz zum Negativ Rückschlüsse auf das ursprüngliche Erscheinungsbild zu. Fehlende historische Referenzen haben zur Folge, dass viele im Werbesprech als 'digitale Restaurierungen' vermarktete Neuerscheinungen mitnichten eine Wiederherstellung des ursprünglichen Werks darstellen, sondern eine Neuinterpretation in Format wie Erscheinungsbild des historischen Materials."

Fabian Tietke war unterdessen bei der ersten Ausgabe des Filmerbe-Festivals, das die Deutsche Kinemathek in Berlin ins Leben gerufen hat. Dort zeigte sich ihm, dass es zum einen am Geld fehle, zum anderen "bereits einiges an Digitalisierungsinitiativen läuft".

Besprochen werden die Pups-Robinsonade "Swiss Army Man" mit Daniel Radcliffe (taz, Tagesspiegel), Andrea Arnolds "American Honey" (taz), Ron Howards Dan-Brown-Verfilmung "Inferno" (Tagesspiegel, SZ) und Rune Denstad Langlos "Welcome to Norway" (SZ).
Archiv: Film

Musik

Im Interview mit der NZZ plaudern Dieter Meier und Boris Blank von Yello über ihr neues Album und das Coverbild, das sie mit Helm und Antenne auf dem Kopf zeigt. Das ist nix neues, lesen wir:  "Hier ist eine Foto, auf der man sieht, dass wir schon vor 26 Jahren Gegenstände von einem Schrottplatz verwendeten und behaupteten, wir empfingen damit intergalaktische Signale", verkündet Blank. Und darauf Meier: "Wahnsinn, wie die Zeit vergeht, und es wird immer schneller. Meine Mutter hat im hohen Alter gefunden, es lohne sich gar nicht mehr, den Weihnachtsschmuck im Estrich zu versorgen, es sei ja bald wieder so weit."

Weitere Artikel: Für ihr taz-Jazzblog hat Franziska Buhre Richard Williams vom Jazzfest Berlin einige Fragen zum diesjährigen Programm vorgelegt. Christian Braun berichtet in der Spex vom Festival Sacrum Profanum in Krakau. Für den Freitag plaudert Lennart Laberenz mit Olli Schulz.

Besprochen werden das neue Album von Solange Knowles (taz), Kate Tempests Album "Let Them Eat Chaos" (Standard), das Album "Sport" von Powell (Spex), das neue Album von Billy Bragg (taz), ein Auftritt des Tenors Andreas Schager (FR) und ein Konzert des Windsbacher Knabenchors (FR).
Archiv: Musik