9punkt - Die Debattenrundschau

Alle wollen weg von hier

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.10.2016. Hans Christoph Buch erzählt in der Welt, wie seltsam es ist, bei einem diplomatischen Frühstück in Nigeria Frühstückseier zu knacken.  Nein, die weiße Arbeiterklasse ist nicht für Trump verantwortlich, ruft Sarah Smarsh im Guardian. Die Schließung der ungarischen Zeitung Népszabadság ist ein Putsch, sagt György Dalos in der Welt. Die NZZ leuchtet die komplizierten ukrainisch-polnischen Beziehungen aus.

Politik

Hans Christoph Buch hat Frank-Walter Steinmeier bei dessen Stippvisite nach Nigeria begleitet und schildert in der Welt die surreale Atmospähre eines solchen Staatsbesuchs, die sich bei einem diplomatischen Frühstück verdichtet: "Ich bin der Einzige, der sein Brötchen mit Butter beschmiert, die wie die Brötchen aus Deutschland stammt. Zwischen den Wortmeldungen bleibt keine Zeit dazu, und die angesprochenen Themen sind zu ernst, um Frühstückseier zu knacken, während im Nordosten des Landes Kinder verhungern, deren Eltern im Krieg gegen Boko Haram vertrieben oder ermordet wurden. Alle wollen weg von hier, und die Frage, warum junge Nigerianer ihr Leben riskieren beim Exodus durch die Wüste und übers Meer, wird so beantwortet: 'Weil es zu Hause keine Jobs und keine Hoffnung mehr gibt - sterben müssen wir sowieso.'"

Sarah Smarsh stammt aus der weißen Arbeiterklasse in Amerika, und im Guardian schreit sie ihren ganzen Zorn über die "liberalen" und linken Medien heraus, die ihre Leute nun für Trump verantwortlich machen - dabei zeigt sie, dass sich diese Behauptung aus den Statistiken gar nicht so leicht stützen lässt. Den Medienexperten sagt sie: "Wir brauchen ihre Analyse nicht, und noch weniger brauche  wir ihre Tränen. Was wir brauchen, ist, dass unsere Geschichten erzählt werden, und zwar möglichst von Leuten, denen vor Schuldgefühl nicht gleich die Brillengläser beschlagen, wenn sie eine Fabrik betreten."

Bundesinnenminister Thomas de Maizière fordert nach dem Tod des syrischen Häftlings  Dschaber al-Bakr in einem sächsischen Gefängnis "nach schneller und umfassender Aufklärung der örtlichen Justizbehörden". In der Berliner Zeitung applaudiert Arno Widmann, hat zur Formulierung aber eine Frage: Sollen die Justizbehörden aufklären oder soll über sie aufgeklärt werden? Widmann hofft sehr auf letzteres: "Wir können nach den Erfahrungen mit den Behörden - gerade auch den sächsischen - bei dem Umgang mit der Aufklärung der Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrundes leider nicht davon ausgehen, dass, wenn die Justiz, wenn die Sicherheitsorgane etwas sagen, es der Wahrheit entspricht.  In der Schule lernten wir, dass Gehorsam nicht die erste Bürgerpflicht ist."
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Gesellschaft

Dass man die Suizidgefährung eines Untersuchungsgefangenen falsch einschätzt, "kann immer passieren", sagt die Psychologin Katharina Bennefeld-Kersten im Gespräch mit Barbara Dribbusch in der taz: "Man kann einem Menschen nicht in den Kopf hineinschauen, auch wenn man sehr qualifiziert und erfahren ist. Hier kam auch noch das Problem dazu, dass der Mann aus einer anderen Kultur kam, dass ein Dolmetscher zwischengeschaltet war. Sehr schwierig wird es auch mit der Einschätzung, wenn man einen Menschen nicht länger kennt, also keinen Vorlauf hat."

Heribert Prantl ist sich in der SZ dagegen gewiss: "Der Anstaltsleiter sagt, man sei, was die psychische Stabilität des Gefangenen betrifft, gutgläubig gewesen. Es fällt schwer, an diese Gutgläubigkeit zu glauben, wenn man den Mann immerhin in bestimmten Intervallen kontrollieren lässt. Blauäugigkeit ist das Mindeste, was dem Anstaltschef vorzuwerfen ist. Man muss kein Terrorexperte sein um zu wissen, dass bei einem inhaftierten Selbstmordattentäter mit einem Suizid zu rechnen ist."

Weibliche Plus Size Models sind derzeit en vogue. Darüber könnte man sich freuen, würde Plus Size nicht für jede Kleidergröße über 36 benutzt. 38 gilt also bereits als Übergröße. Wenig Toleranz wird außerdem den Plus Size Models entgegengebracht, die abnehmen - aus welchen Gründen auch immer. In der FAZ ärgert sich Julia Bähr über den Backlash einer an sich fälligen Diskussion: "Wackelpeter und ekelhafte Hungerhaken: Die Beschimpfungen weiblicher Körper gehen einfach nur weiter, aber jetzt in alle Richtungen. Einer der im Internet kursierenden Kampfsätze lautet: 'Echte Frauen haben Kurven', ursprünglich der Titel einer Hollywood-Komödie, der sich verselbständigte. Dieser Satz ist die reine Gemeinheit gegenüber dünnen Frauen, denen damit ihre Weiblichkeit abgesprochen wird. Es wird offenbar noch eine Weile dauern, bis die Benennung von Schönheit nicht immer auch die Benennung angeblicher Hässlichkeit zur Abgrenzung erfordert."

In Südkorea sterben Männer sieben mal so häufig einsam wie Frauen. Das geht vor allem aufs Konto der weiblichen Emanzipation, erklärt Hoo Nam Seelmann in der NZZ. "Besonders beunruhigend muss es für die Männer sein, dass die Scheidung jenseits des Rentenalters - in Korea 'Abenddämmerungs-Scheidung' genannt - stetig zunimmt, und zwar auf Betreiben der Frauen. Zusehends verschwindet wohl auch die Bereitschaft der Frauen, für den Mann in Rente drei warme Mahlzeiten zuzubereiten, nachdem die Kinder ausgezogen sind. Unter Frauen macht der pejorative Ausdruck 'Drei-Mahlzeiten-Kerl' die Runde."
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Europa

Die angebliche ökonomische Begründung der Schließung von Népszabadság (siehe unseren Schwerpunkt von Dienstag) ist schiere Bemäntelung, sagt György Dalos im Gespräch mit Paul Jandl von der Welt: "Es war ein klassischer Putsch. Auch alle Online-Inhalte der Zeitung stehen nicht mehr zur Verfügung. Das gesamte umfangreiche Archiv ist gesperrt. Sechzig Jahre ungarische Geschichte im Spiegel von Népszabadság sind unzugänglich geworden. Wenn es wirklich um Ökonomisches gegangen wäre, dann hätte man die Redaktion und die Struktur des Blattes verändert."
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Archiv: Europa

Geschichte

46 Jahre nach Willy Brandt hat es in Warschau wieder einen historischen Kniefall gegeben, berichtet Gerhard Gnauck in der NZZ: Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko kniete im Juli vor dem Mahnmal nieder, das an die 100.000 Opfer des Massakers in der Region Wolhynien durch ukrainische Nationalisten im Jahr 1943 erinnert. Zugleich ist ein polnischer Kinofilm über das Massaker mit großem Erfolg in Polen angelaufen: "Erste Reaktionen ukrainischer Medien zeigen allerdings, wie schwer man sich dort mit diesem Film tut - sofern man ihn überhaupt sehen konnte, denn nach jetzigem Stand wird er in der Ukraine nicht in die Kinos kommen. Um die (womöglich propagandistisch gefärbten) russischen Reaktionen macht man sich in Polen besondere Sorgen; russische Medien wollten schon von den Dreharbeiten berichten, doch angesichts der politischen Lage, sagen die Produzenten, habe man sie 'auf Distanz gehalten'."

Dem deutschen Kolonialismus werden in Hannover und demnächst in Berlin große Ausstellungen gewidmet. Er endet nicht einfach im Jahr 1918, sagt der Historiker Jürgen Zimmerer im Gespräch mit Sven Felix Kellerhoff in Welt, sondern "sondern setzte sich im Dritten Reich und sogar darüber hinaus fort. Als europäisches Phänomen ist der Kolonialismus zudem die Vorgeschichte der Globalisierung. Und ganz aktuell erleben wir ein Wiederaufleben kolonialer Stereotypen über den 'anderen', der zwar nicht mehr 'primitiv', 'heidnisch', 'eingeboren' genannt wird, aber dafür 'muslimisch' oder 'fundamentalistisch'." Aha? Jemanden, der muslimisch ist, muslimisch zu nennen, ist also kolonialistisch?
Archiv: Geschichte