9punkt - Die Debattenrundschau

Hektik und Daseinsangst

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.03.2016. Die Zeit lauscht den düsteren Prophezeiungen Boualem Sansals über Europa und den Terror. Und dieser Terror hat durchaus "mit dem Islam" zu tun, erklärt der Religionspädagoge Ednan Aslan ebenfalls in der Zeit. Oder waren es doch Atheisten? Das glaubt laut hpd.de jedenfalls der Bischof von Fulda. Wenn mehr Überwachung etwas gegen Terror bringen würde, dann hätte sie es eigentlich längst bringen müsssen, hat Sascha Lobo bei Spiegel online herausgefunden. Und Buzzfeed erklärt, wie europaskeptische Zeitungshierarchen ihre Jagdschlösser in Schottland finanzieren.

Europa

Etwas ratlos berichtet Iris Radisch in der Zeit von ihrem Treffen mit Boualem Sansal. Der algerische Schriftsteller und Friedenspreisträger glaubt nicht mehr daran, dass sich der islamische Terror aufhalten lässt, und schon gar nicht von den Europäern: "Er hat denselben Film schon einmal in den neunziger Jahren in Algerien gesehen. Die Angriffe auf die Frauen, die man herunterspielt, 'das ist zwar nicht schön, aber so ist nun mal ihre Kultur, jeder hat so seine Marotten'. Das Stockholm-Syndrom der angegriffenen Gesellschaft, die versucht, Verständnis zu entwickeln. Die panische Ausgrenzung der Islam-Kritiker, die zu Rechtsextremisten erklärt werden. Man könne, meint Sansal, diese Phase leider nicht überspringen. Jede bedrohte Gesellschaft wiederhole dieselben Fehler. Doch dann, irgendwann, wacht man auf und sieht: Das ist eine Armee mit Waffen, mit Technologie, mit einem genauen strategischen Plan. In der nächsten Etappe, prophezeit Sansal, werde sie Journalisten ermorden. Über hundert sind in Algerien liquidiert worden."

Die Taten des IS mögen von vielen Muslimen abgelehnt werden, ihre theologischen Begründungen finden jedoch weithin Zustimmung, so der österreichische Religionspädagoge Ednan Aslan im Interview mit der Zeit. Er fordert deshalb: "Wir müssen den Geist, der den Curricula der theologischen Zentren des Islams zugrundeliegt, erneuern. Wir müssen Schulbücher für den islamischen Religionsunterricht revidieren. Sonst werden wir religiöse Gewalt auch in den Augen europäischer Muslime nicht hinreichend delegitimieren. Ich habe Schulbücher analysiert, darin werden Autoren empfohlen, die Österreich als Institution der Islamfeindlichkeit diffamieren. In den empfohlenen klassischen Werken, die die Schüler lesen sollten, werden die Versklavung nicht muslimischer Frauen und die Tötung Homosexueller als legitim verteidigt. Genau mithilfe dieser Werke rechtfertigt der IS seine Verbrechen. Ich nenne nur Autoren wie: Ibn Kathir, Ibn Dscharir al-Abari, Al-Qurtubi."

Es gibt eine Pflicht, gegen den IS zu kämpfen, erklärt Götz Aly in der Berliner Zeitung und listet gleich auf, was die deutsche Regierung dazu tun kann: "Sie muss endlich mit Saudi-Arabien brechen. Aus der Mitte dieses menschenverachtenden Feudalregimes wurde und wird der Terror von Al-Kaida, Al-Nusra-Front, dem IS und salafistischen Gruppen seit Langem gefüttert. Mit Milliardenbeträgen fördert Saudi-Arabien in Belgien, in Frankreich und anderswo jene düsteren Zentren, in denen die geistige Aufrüstung zum Dschihad gepredigt wird. Der belgische Islamwissenschaftler Michael Privot spricht von einer mit saudischem Geld geölten ideologischen 'Kriegsmaschine'."

Und Seyran Ates erklärt in einem Zeit-Kommentar, dass sich nicht nur Atheisten, Juden und Christen vor dem Terror fürchten: "Unsere viel gerühmte Religionskritik wird neu definiert, wenn es um den Islam geht. Sie erfolgt möglichst vorsichtig und leise - selbst wo Hass gepredigt wird. So zieht Europa im Namen der Religionsfreiheit seine eigenen Mörder heran. Vor diesen Islamisten haben aber auch wir Muslime Angst."

Das Belgien-Bashing wegen angeblich zu geringer Terrorabwehr ist billig, meint Thomas Renard in Politico.eu: "Die terroristische Bedrohung macht an nationalen Grenzen nicht halt, ein einzelnes Land zu beschuldigen, ist darum falsch. Die Ermittlungen zu den Attentaten in Paris und Brüssel haben Verbindungen zwischen Individuen (Mentoren, Rekrutierern und anderen Komplizen) und Verstecke in ganz Europa zu Tage gebracht, von Deutschland über Griechenland bis zu Italien. Sicherheit ist in Europa eine kollektive Verantwortung. Internationale Zusammenarbeit ist unerlässlich. Wenn Terroristen Grenzen überschreiten, muss es die Terrorabwehr ebenfalls tun."

Etwa zwei Millionen Ukrainer sind vor dem Krieg geflüchtet, die meisten innerhalb des eigenen Landes, andere in Nachbarländer, schreibt Felix Ackermann in der FAZ: "Viele Ostukrainer, die nicht in den selbsternannten Volksrepubliken von Luhansk und Donezk bleiben wollen, müssen sich entscheiden: Entweder sie ziehen innerhalb der Ukraine um, oder sie gehen zu Verwandten nach Russland."

Und dann noch diese Meldung aus Buzzfeed: "Paul Dacre, der Chefredakteur der scharf euroskeptischen Zeitung Daily Mail hat im Jahr 2014 60.000 Pfund EU-Subventionen für sein Jagd- und Landhaus in Schottland erhalten."
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Religion

Da haben wir's: Nicht fehlgeleitete Muslime, sondern gewissenlose Atheisten sind schuld an den Anschlägen von Paris und Brüssel. Der Humanistische Pressedienst spießt eine Äußerung des Fuldaer Bischofs Heinz Josef Algermissen auf: "'Wo landet eine Gesellschaft, die sich immer mehr von Werten und Grundsätzen trennt, die das christlich-jüdische Welt- und Menschenbild ihr geschenkt hat?' fragte der Bischof... Der Präsident von Pax Christi - also der katholische Organisation der Friedensbewegung - kennt auch schon die Antwort. Für den Bischof könne ein 'Mensch ohne Auferstehungsglauben zu einem 'großen Sicherheitsrisiko' für die Mitwelt werde, denn seine Hektik und Daseinsangst ließen ihn 'zuschlagen und zerstören'.' Das zeige sich auch in den Terroranschlägen von Brüssel." Ebenfalls bei hpd.de: Protest gegen einen Focus-Artikel, der verrät, "was Atheisten mit Psychopathen gemeinsam haben" .
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Kulturpolitik

Johan Schloemann resümiert in der SZ Debatten um die möglichen Rekonstruktionen in Palmyra und kommt natürlich auch auf Horst Bredekamps Forderung nach einer "kämpferischen Rekonstruktion" zu sprechen. "Mir wird schlecht, wenn sich Assad jetzt als Retter der Menschheit und der Zivilisation präsentiert", sagt Bredekamp im Gespräch mit Schloemann, der ihm recht gibt: "Es ist ja derselbe Kriegsherr, der mit der Altstadt von Aleppo ein anderes Weltkulturerbe seines Landes zerstört hat."

Ebenfalls in der SZ erstellt Rudolf Neumaier ein Glossar der politischen Begriffe der AfD. Auszug zu "unserer Kultur": "Leute, die u.K. ablehnen und gar ihre archaischen Gesellschaftsstrukturen einführen wollen, muss Deutschland ablehnen dürfen.
- ist ein Spiegelbild der Bildung.
- darf nicht verdrängt werden.
- muss 'von Menschen, die dauerhaft in unserem Land leben wollen', akzeptiert werden."
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Überwachung

Mehr Überwachung? Aber es war doch alles bekannt!, schreibt Sascha Lobo in seiner Spiegel-online-Kolumne gegen immer neue Politikerforderungen. Er hat mal ein bisschen zu den Attentätern von Paris und Brüssel recherchiet: "Je näher man die Daten betrachtet, desto schlimmer wird es. Alle 15 identifizierten Attentäter standen auf Terrorwarnlisten oder 'Islamistische Gefährder'-Listen in mindestens einem europäischen Land. Die meisten standen zusätzlich auf weiteren Listen wie der No-Fly-List oder der TIDE der Vereinigten Staaten. Alle 15 konnten als gewaltaffin eingestuft werden. 14 hatten bekannten Kontakt mit anderen radikalen Islamisten (einer radikalisierte sich offenbar nur über das Netz). Zwölf hatten Reisen zum "Islamischen Staat" nach Syrien, in den Irak oder nach Jemen zu al-Qaida unternommen..."
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Medien

(Via turi2) Die Süddeutsche Zeitung hat vor dem Landgericht gegen den Adblocker der Firma Eyeo geklagt - und in den meisten Punkten verloren, schreibt Torsten Kleinz bei heise.de: "Das Landgericht sah keine gezielte Behinderung des Süddeutschen Verlags. Ein gebe auch kein faktisches Vertragsverhältnis, das den Leser verpflichte, Werbung anzuschauen. Auch einen tiefen Eingriff in die Kommunikation zwischen Verlag und Lesern wollten die Richter nicht feststellen."

Außerdem: Sehr ausführlich liest Bülend Ürük bei kress.de einen internen Innovationsreport des Spiegel, der Defizite beim Blatt offenbar recht schonungslos offenlegt. Über das Verhältnis von Spiegel online und dem Print-Spiegel wird hier aber nicht viel gesagt. Zuerst berichtet hat Thomas Leif im Morgenmagazin von SWR2.
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Internet

In der FAZ zitiert Fridtjof Küchemann eine Studie der Kommunikationsforscherin Elizabeth Stoycheff, die zeigt, dass Internetnutzer ihre Meinung aus Angst vor Überwachung häufig verschweigen, und Christian Schwägerl warnt ebenfalls in der FAZ vor Missbrauch von Künstlicher Intelligenz.
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