9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Cousin sammelte Regenwasser

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.03.2016. Wird Wladimir Putin zu einer Art Türsteher der europäischen Politik, der freiwillig die Drecksarbeit macht und dafür Respekt verlangt?, fragt die NZZ. In Libération prangert der kurdische Autor Kendal Nezan die mauen Kompromisse der EU mit der türkischen Regierung an. Zeit online fragt: Warum redet das Auswärtige Amt nach Lahore von "allen Menschen gleichermaßen", wenn ausdrücklich Christen gemeint waren? Bei Bei irights.info warnt Christiane Schulzki-Haddouti vor dem Begriff des "Dateneigentums". Und bei Netzpolitik fürchtet Medienprofessor Volker Lilenthal, dass Facebook die Medien schluckt.

Europa

Während sich ganz Deutschland über die Fernzensurversuche der türkischen Regierung amüsiert, die der Sendung "extra 3" zu unverhoffter Popularität verhelfen, kann es Kendal Nezan vom Institut kurde in Paris in Libération nicht fassen, dass die Europäische Union dubiose Kompromisse mit der Türkei eingeht, weil sie keine Flüchtlinge aufnehmen mag (eine Million Flüchtlinge entsprechen 0,2 Prozent der EU-Bevölkerung, schreibt er). Auch auf die Lage der Kurden weist er hin: "Seit Erdogan den Krieg gegen die PKK wieder angefacht hat, sind 22 kurdische Städte teilweise zerstört worden, bombardiert von Hubschraubern und türkischen Panzern. Die Zivilbevölkerungen sind - manchmal seit drei Monaten wie in Diyarbakir und Cizre - einer permanenten Ausgangssperre unterworfen. Die türkische Tageszeitung Hurriyet, die prokurdischer Sympathien kaum verdächtig ist, schätzte die Zahl von Zivilpersonen, die wegen dieses Bürgerkriegs im engsten Kreise ihr Heim verlassen mussten, auf 800.000."

"Der offenen demokratischen Gesellschaft ist mit dem Putinismus wieder eine ernstzunehmende Systemkonkurrenz erwachsen", fürchtet Richard Herzinger in der NZZ. Besonders für die Europäer scheint es unwiderstehlich zu sein, sich bequem im Sessel zurückzulehnen, während der "starke Mann" die Dinge in die Hand nimmt: "Die Methode des Kreml-Chefs ist es dabei, sich dem Westen als Garant für die Lösung von Problemen zu präsentieren, die er selbst geschaffen oder doch wesentlich forciert hat. So sorgte sein brutaler Bombenkrieg in Syrien just zu einem Zeitpunkt für ein weiteres Anwachsen der Flüchtlingsströme, als diese das politische Gefüge der EU zu erschüttern begannen. Inzwischen ist der Westen bereit, nahezu jede russische Bedingung für eine Stabilisierung Syriens zu akzeptieren, wenn sich dadurch nur irgendwie der Exodus Richtung Europa stoppen ließe."
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Politik

In seinem Zeit-Blog "Post von unterwegs" stutzt Ulrich Ladurner über das Statement des Auswärtigen Amtes zum Bombenattentat im pakistanischen Lahore. Dort hatte ein Koranlehrer mit einem Selbstmordattentat über 70 Menschen getötet, darunter 35 Kinder. Die Terrorgruppe hinter diesem Anschlag hatte erklärt: "Wir haben das Attentat begangen, weil wir Christen treffen wollten!" Doch von Christen ist in der Trauerbekundung des Auswärtigen Amtes keine Rede. Warum eigentlich nicht?, fragt Ladurner. "Man stelle sich nur mal vor, die pakistanischen Christen, die gerade ihre Kinder in Lahore verloren haben, läsen die Stellungnahme des Auswärtigen Amtes, dass 'sich der Terrorismus in seinem mörderischen Wahn gegen alle Menschen gleichermaßen richtet'. Sie werden zustimmend nicken, und doch das Gefühl haben, dass ihr Leid untergeht im Leid der vielen anderen Opfer. Was hier steht, das ist richtig, werden sie vermutlich sagen: 'Aber dieses Attentat galt ausdrücklich uns!' Und das ist ein Unterschied, der ohne Not verwischt wird."
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Kulturpolitik

Nach der Wiedereroberung Palmyras durch die Truppen Baschar al-Assads, gibt es erste Meldungen, dass die Zerstörungen der Tempelanlagen durch Rekonstruktionen behoben werden sollen. Olga Zoller konstatiert in der FAZ: "Von ganz besonderem Wert ist jetzt der reiche Fundus an Architekturzeichnungen von Louis François Cassas und seinen Vorgängern und Nachfolgern. Ihre Ansichten und architektonischen Detailstudien, ihre lupenrein gezeichneten Risse und Schnitte vermitteln ein komplexeres Bild von dem, was in Palmyra einmal gebaut wurde, und welcher Reichtum an Wissen und Kultur für immer vernichtet wurde." Die Cassas-Zeichnungen sind zur Zeit in Köln ausgestellt.

Der Berliner Stadtmuseen-Direktor Paul Spies gibt sich im Interview mit der Berliner Zeitung optimistisch, was die Renovierungen seiner Häuser und das Humboldt-Forum angeht. Nur wenn er an die hiesige Verwaltung denkt, wird ihm flau: "Ich versuche für das Märkische Museum flexibel zu denken. Dafür brauche ich einen Architekten, einen Gestalter und eine Idee. Zusammen überlegen wir uns ein Programm als Ausgangspunkt. Aber das geht in Berlin nicht! Ich muss erst das Ganze allein bedenken und ein Bedarfsprogramm erstellen. Das geht dann zur Kulturverwaltung, die dafür sorgt, dass ich die Gelder für Architekten und Gestalter bekomme, um weitermachen zu können. Wenn nun der Gestalter sagt: Dein Plan geht so nicht, muss das Bedarfsprogramm geändert werden, und alles fängt von vorn an..."

Im Tagesspiegel fordert der Architekt Hans Kollhoff angesichts der Wohnungsnot in Berlin ein neues nationales Bauprojekt für Berlin: Es soll wieder in der Stadt gebaut werden können, mit einer großen Vision, wie sie die Architekten der Karl-Marx-Allee hatten. Zur Not auch mit Lockerung von Denkmalschutz-, Schall-, Wärme- und Brandschutz-Standards. "Zuallererst fehlt heute, auf geradezu tragische Weise, die Erkenntnis, dass unsere außergewöhnliche Lage außergewöhnlicher Entscheidungen bedarf und dass wir uns nicht wieder mit Scheinlösungen durchlavieren können, die sich als untauglich erwiesen haben: die Billigbauweise am Stadtrand. Wir können uns nicht länger Bebauungspläne leisten, deren Aufstellung drei Jahre dauert."
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Internet

Bei irights warnt Christiane Schulzki-Haddouti davor, den Begriff des "Dateneigentums" zu unterschätzen. Er dient mitnichten dem Einzelnen, der seine Daten mit diesem Begriff vor dem Zugriff datenverarbeitender Konzerne schützen will. Im Gegenteil: "Im Grunde wird mit dem Begriff des Dateneigentums versucht, eine völlig neue Eigentumskategorie zu definieren. Dieser Versuch darf nicht von vornherein als abseitig abgetan werden. Digital Natives, die Information als Bestandteil von Kommunikation sehen, die sich ständig in Aushandlungsprozessen befindet, stehen vor diesem Versuch wohl ähnlich wie die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents, als europäische Siedler ihnen anhand von Papierzetteln den Begriff des 'Landeigentums' erklären wollten - mit fatalen Folgen. Die Idee vom 'Dateneigentum' könnte über eigenmächtige Risikodefinitionen nach und nach alles, was auf Kommunikation basiert, bestimmten Verwertungs- und Kontrollinteressen unterwerfen."

Mat Honan erzählt auf Buzzfeed eine irgendwie auch tröstliche Geschichte über den Google-Chef Sundar Pichai, der bekanntlich indischen Ursprungs ist und sich dem Monsun geschlagen geben musste: "Seine Großmutter war bei seiner Tante gewesen, und als der Regen kam, gingen sie in den zweiten Stock eines Gebäudes, wo sie gestrandet waren. Sie verbrachten vier Tage ohne Wasser, Strom und Handyanbindung. Ein Cousin sammelte Regenwasser, so dass sie etwas zu trinken hatten. vier Tage lang hatte der Chef der Firma, die mehr Informationen über mehr Leute sammelt als jede andere auf dem Planeten, keine Nachricht darüber, wie es seiner Familie erging."
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Medien

Bürokratie ist die Kunst, alles noch absurder zu machen. Gregory Lipinski berichtet auf Meedia.de: "Derzeit finden vor allem auf EU-Ebene diverse Konsultationen statt, das Rundfunkrecht auf Presseunternehmen auszudehnen. Ist dies der Fall, droht den Verlagshäusern die Gefahr, dass sie eine Lizenz der jeweils für sie zuständigen Landesmedienanstalt benötigen, wenn sie Videos auf ihren Webseiten zeigen wollen. Damit unterlägen ihre gezeigten Bewegbild-Inhalte einer staatlichen Aufsicht."

Große Sorgen macht sich Medienprofessor Volker Lilienthal in einem Gastbeitrag bei netzpolitik.org über die Medieninitiativen von Google und Facebook, besonders die "Instant Articles", die Medien bei Facebook veröffentlichen, wofür sie eine Beteiligung an Werbeeinnahmen erhalten: "Die Medien, die von Anfang an mitmachten, konnten sich einbilden, als erlauchte Schar für etwas Neues, Großes ausgewählt worden zu sein. Mit diesem Privileg ist es nun aber vorbei. Ab dem 12. April werden alle Medienorganisation 'instant' bei Facebook publizieren können. Das wird eine Welle in Gang setzen, der sich kaum noch jemand, auch die Skeptiker nicht, wird entziehen können. Und wenn, dann nur um den Preis, künftig übersehen zu werden, unaufholbar zurückzufallen im Kampf um Aufmerksamkeit."
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