Efeu - Die Kulturrundschau

Im Wald der Referenzen

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31.03.2016. Die SZ feiert den Mut zum Risiko des Volkstheaters Wien. Die taz feiert die Lust am Wilden in Patrick Siegfried Zimmers Kunstfilm "Anhedonia - Narzissmus als Narkose". Regisseur Christoph Hochhäusler feiert in Ray die Dämonen des Kollegen Christian Petzold. Der Autor Jeff VanderMeer feiert in Entertainment Weekly die die globale Bandbreite literarischer Science Fiction. Die NZZ feiert den Farbenrausch des Designers Alexander Girard. Und die Welt feiert das visionäre imaginäre Museum im Frankfurter MMK.

Design


Alexander Girard, arm chair No. 66310, 1967, series production by Herman Miller Furniture Co., collection Vitra Design Museum

Gabriele Detterer betrachtet für die NZZ mit wachsender Begeisterung die wunderbar bunten Entwürfe des Designers Alexander Girard, dem das Vitra Design Museum in Weil am Rhein gerade eine Ausstellung widmet: "Nach der Anstellung als Chefdesigner des Radioherstellers Detrola in Detroit übernahm er 1951 die Abteilung Textildesign der Möbelfirma Herman Miller. Diese Schaffensphase vergegenwärtigt das Vitra-Design-Museum mit einem wahren Farbenrausch an Stoffbahnen. So viel Einfallsreichtum! Als Grundelemente der Dekors verwendete Girard Schriftzeichen des Alphabets, Sinnbilder der Natur und die Herzform als Symbol der Liebe. Geometrische Zeichen reihen sich in den 1960er Jahren zu flirrender textiler Op-Art. Diskret gestaltet ist hingegen das Stoffmuster Trispot für den 1956 von Charles & Ray Eames realisierten Schaukelstuhl RAR."

Jacques Hyzagi erzählt sehr ausführlich im Observer, wie er eines der ganz seltenen Interviews mit der japanischen Modedesignerin Rei Kawakubo von Comme Des Garçons gemacht hat, wie keiner aus den hübschen Magazinen es haben wollte (sie schaltet keine Anzeigen in Vogue) und wie die Elle es am Ende sterben ließ, so dass niemand es je lesen darf: "Das Interview, das laut Kawakubos Ehemann das beste war, das sie je gegeben hat? Es wird für ewig in einer Gruft bei Elle und einem durch einen Vertrag gebundenen Autor versteckt bleiben..." (Bild: Entwurf aus ihrer jüngsten Kollektion).

Sehr angeregt geht Christian Thomas von der FR durch eine Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst, die sich mit "100 Jahre Neue Typografie und Neue Grafik in Frankfurt am Main" befasst: Frankfurts "Modernisierungswille (...) wurde forciert durch einen entschiedenen Gestaltungswillen. ... Ausdruck des allgemeinen Optimismus war eine neue Grafik, vor allem eine neue Typografie, angefangen mit der Futura-Schrift. Futura - das war nicht so dahingesagt, denn es galt, die Zukunft zu gestalten." (Bild: Schriftmusterheft, Futura. © Sammlung Albinus, Museum Angewandte Kunst)

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Textildesign - Vom Experiment zur Serie" im Bauhaus-Archiv in Berlin ("visuell anziehend", urteilt Christiane Meixner im Tagesspiegel).
Archiv: Design

Musik

Für Skug spricht Alfred Pranzl mit der Komponistin und Musikerin Elisabeth Schimana. Zeit-Kritiker Wolfram Goertz kommt gähnend aus dem "musikalischen Schlaflabor" des italienischen Pianisten Ludovico Einaudi.

Besprochen werden das neue Album Masha Qrella (taz), ein gemeinsames Konzert von Le Grand Groupe Régional d'Improvisation Libérée und dem Vienna Improvisers Orchestra (Skug) und der dritte Teil von Guy Braunsteins Brahms-Zyklus (Tagesspiegel).

Archiv: Musik
Stichwörter: Improvisation

Film


Robert Stadlober und Wieland Schönfelder in "Anhedonia - Narzissmus als Narkose"

Ziemlich hingerissen schreibt Toby Ashraf in der taz über Patrick Siegfried Zimmers "kostbaren" Kunstfilm "Anhedonia - Narzissmus als Narkose" mit Robert Stadlober, der auch an Drehbuch und Regie beteiligt war. Der "ständige Wechsel zwischen Poetik und Posse, Ernstgemeintem und Dahingesagtem ist ein großer Spaß, wenn man dem Film seine wortlastige Theaterhaftigkeit und seine inszenatorische Redundanz nicht übel nimmt, seine reduzierten Schauplätze als Resultat von mangelnden Mitteln daraufhin überprüft, welche Form von Film hier eigentlich unter welchen Umständen entstehen konnte." Der Film "sprüht geradezu vor der Lust am Wilden, am Inkohärenten, am Diskursiven und Albernen, am Abgefahrenen und Wiederverwerteten. Und es ist, was man immer weniger im deutschen Film antrifft: wunderbar seltsam." Bert Rebhandl fand den Film in der FAZ allerdings "doch auch reichlich befremdlich". Dem Regisseur sei "ein Film 'über die Dummheit der Menschen' gelungen, der bei allen Décadence-Zitaten und Strandkisten-Nietzscheanismus so sehr ins Dickicht seiner reflexiven Wünsche gerät, dass er tatsächlich den Diabolus rufen muss, damit endlich einer sagt: Schluss jetzt!"

Ab 7. April feiert das Österreichische Filmmuseum in Wien Christian Petzold mit einer Retrospektive und gibt dem Berliner Auteur zugleich Carte Blanche. Im Filmmagazin Ray umkreist der Filmemacher Christoph Hochhäusler das Werk seines Kollegen und Freundes aus diesem Anlass mit einem schönen Essay: "Seine Poetik ist nicht wirklich offen für die Wirklichkeit, scheint mir. Sie speist sich aus seinen, ja, Dämonen, die sich im Wald der Referenzen zeigen. Jeder Film ist eine Übermalung. Entlang multipler Vorbilder, sie dekonstruierend, erzählt er von vergeblichen Fluchten. ... Seine Arbeit versteht sich als Kunst des Möglichen. Die kompaktere, machbarere Lösung wird bevorzugt. Das meine ich nicht im Sinne von Konfektion oder Anspruchslosigkeit. Aber wo ich permanent meinen Kopf stoße, weil meine Entwürfe regelmäßig zu groß sind für meine Produktionswirklichkeit, nimmt er Maß und arbeitet passgenau. Wie ein japanischer Tischler fügt er die Teile ohne Zwang. "

Besprochen werden der erste Teil von Ulrike Ottingers insgesamt 12 Stunden dauerndem Nordmeer-Reisefilm "Chamissos Schatten" (SZ), Jackie Earle Haleys Thriller "Criminal Activities" (critic.de), Savina Dellicours "Alle Katzen sind grau" (Tagesspiegel), Mara Eibl-Eibesfeldts "Im Spinnwebhaus" (taz), Jayro Bustamantes Debütfilm "Ixcanul" (taz), Catherine Hardwickes Krebsdrama "Im Himmel trägt man hohe Schuhe" (SZ), Tobias Nölles Film noir "Aloys" (NZZ), Maïwenns Liebesfilm "Mon roi" (NZZ), Mara Eibl-Eibesfeldts Spielfilmdebüt "Im Spinnwebhaus" (Welt) und die zweite Staffel der Netflix-Serie "Better Call Saul" (Freitag).
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Archiv: Film

Bühne

Für die SZ unterzieht Wolfgang Kralicek das Volkstheater in Wien und das Burgtheater einem Vergleich. Dass beide Häuser Tschechow spielen, macht die Sache leichter. Eindeutiges Fazit des Kritikers: "Im Volkstheater traut man sich was, probiert man verschiedene Spielformen aus, setzt man stark auf ausgeprägte Regiehandschriften. Und auch wenn das, wie bei 'Iwanow', nur teilweise aufgeht, ist es immer noch spannender als das brave Theater, das derzeit im Burgtheater geboten wird. Das Volkstheater will was, das Burgtheater will bloß nichts falsch machen."

Weitere Artikel: Barbara Villiger Heilig unterhält sich für die NZZ mit einer frisch geföhnten und sehr damenhaft aussehenden Sophie Rois, die gerade in Zürich in Rene Polleschs Stück "Bühne frei für Mick Levčik!" spielt. Der Dramaturg Bernd Stegemann liest in der Zeit die Flüchtlingskrise mit Brechts Drama "Der gute Mensch von Sezuan" als Krise des Kapitalismus.
 
Besprochen werden Christoph Marthalers Inszenierungen von "Hoffmanns Erzählungen" in Stuttgart (FR), Rabih Mroués Werkschau am Berliner Hebbel am Ufer (Tagesspiegel) und die Uraufführug von Volker David Kirchners Oper "Gutenberg" ("die szenische Umsetzung bleibt ziemlich unbeholfen im Vergleich zur meisterlichen Durcharbeitung bei Kirchner", findet Jan Brachmann in der FAZ).
Archiv: Bühne

Kunst


Teil des imaginären Museums im MMK: Daniel Spoerris, Shower, 1961, © ADAGP, Paris 2016, © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Foto: Philippe Migeat

Swantje Karich lässt sich für die Welt von einem "visionären" imaginären Museum im Frankfurter MMK direkt ins Jahr 2052 beamen: "Die Schau überführt das brandaktuelle Thema der Kulturzerstörung durch den Islamischen Staat in Syrien in unsere Gegenwartskunst, erzählt, dass die Kunst auch in unserer jüngsten Vergangenheit schon vor der Auslöschung stand. Die Schau macht sichtbar, wie notwendig die nachhaltige Bewahrung von Kunst für eine kritische, menschliche Gesellschaft ist. Und führt vor, wie schnell sie auch in Europa wieder verloren gehen können, die Kunst, die Erinnerung und damit die Menschlichkeit."

Wenig zufrieden berichtet SZlerin Catrin Lorch von ihrem Besuch im Haus der Kunst in München, wo derzeit zeitgenösssische Werke aus dem Centre Pompidou ausgestellt werden. In kuratorischer Hinsicht hat Lorch einiges zu mäkeln, so etwa, dass die Kuratoren "kunsthistorisch neue Oberbegriffe" angebracht haben: Das "tut der sicher nicht nach diesen Gesichtspunkten angekauften Kunst nicht gut. Zudem begegnen sich Werke, die sich eher diametral gegenüberstehen denn ergänzen oder zu Aussagen zwingen: 'Avalancha', der kugelige Tatzelwurm von Wilfredo Prieto ringelt sich in banaler Hilflosigkeit vor einem monumentalen Gemälde 'Slave Auction' (1982) von Jean-Michael Basquiat. Die so heterogenen, eigengesetzlichen Werke können sich in dieser Präsentation nicht wirklich entfalten, sondern wirken wie falsch etikettiert."

Besprochen werden eine Ausstellung Ulla von Brandenburgs im Zürcher Museum Haus Konstruktiv (NZZ), die Ausstellung der Langzeitstudie "As times goes by" der Fotografin Barbara Davatz in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur (NZZ), eine Studie über den Berliner Kunsthändler Paul Graupe (taz), die Selfie-Ausstellung "ICH" in der Frankfurter Schirn (Zeit), das neue Segment "Weltsicht und Wissen um 1600" in der Dauerausstellung des Dresdner Residenzschlosses (FAZ) und die Hubert-Robert-Ausstellung im Louvre (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

In Entertainment Weekly berichtet der Science-Fiction-Autor Jeff VanderMeer von den langjährigen Freuden, Erschöpfungen und Abenteuern, die man erlebt, wenn man für eine epische Anthologie recherchiert, die nicht nur die historische, sondern auch die globale Bandbreite literarischer Science Fiction abbilden will. Mitunter war dafür echte Detektivarbeit nötig: "Man spricht mit Augenzeugen und möglichen Verdächtigen - Übersetzern, Redakteuren und unnachgiebigen, alten Gralshütern, die auf den Spitzen metaphorischer Berge hausen - und endet schließlich beim Durchforsten muffiger alter Pulpmagazine oder, weniger glamorös, tausendseitiger PDFs. An einem Tag entlockt man einem knauserigen Rechtehalter eine nicht mehr im Druck kursierende Geschichte, am nächsten begibt man sich auf Spuren nach Hongkong, Buenos Aires und Moskau ... Einmal mussten wir sogar den tschechischen Botschafter auf den Philippinen für Hinweise auf bestimmte Autoren kontaktieren."

Werden künftig Algorithmen Romane schreiben? Roald Dahl und Fritz Leiber haben sich das schon in den Vierzigern und Sechzigern überlegt. Was damals noch Zukunftsmusik war, steht uns heute unmittelbar bevor, droht der Medienwissenschaftler Bernd Flessner in der NZZ. "Das beweist auch die Marktposition von Unternehmen wie Narrative Science (USA) oder Aexea (Deutschland): Ihre Algorithmen wandeln Zahlenmaterial und Statistiken in sprachliche Darstellungen um und generieren so täglich mehrere Millionen Texte für Veröffentlichungen aller Art."

Als Cees Nooteboom erstmals Umberto Eco traf, kam es um ein Haar zum Eklat, erzählt er in seinen Erinnerungen an Eco in der NZZ. Nooteboom hatte entdeckt, dass in Rudyard Kiplings Erzählung "Das Auge Allahs" der Hauptprotagonist ein Mönch namens John of Burgos ist: "Bei jener ersten öffentlichen Begegnung mit Eco konnte ich diese Entdeckung nicht für mich behalten und stellte, wenn auch ziemlich verlegen, eine Frage dazu, die sofort, während sie noch in der Luft hing, zerfetzt wurde, bevor jemand im Saal ihre mögliche Tragweite auch nur erfasst hatte. An derartigen Stellen in meiner Geschichte zeigt sich, dass mündliches Erzählen mitunter wirkungsvoller ist als schriftliches, denn wenn ich den italienischen Akzent in der englischen Antwort in geschriebener Form imitieren soll, bleibt nichts davon übrig. Eco sagte: 'Zie Ietelljen stories offe Kiepliengk have never been translated in Ietelljen', und das war's."

Weiteres: In der Tell Review erklärt Sieglinde Geisel "Satz für Satz", woran man gute Literatur erkennt. Erste Lektion: Dichtung wirkt nicht zuerst im Hirn, sondern in der Magengrube.

Besprochen werden Samanta Schweblins Roman "Das Gift" (NZZ), Oscar Peers Roman "Hannes" (NZZ), Maxim Billers "Biografie" (FAZ, mehr hier), Philipp Felschs und Frank Witzels Gespräch "BRD Noir" (SZ), Uwe Neumahrs Biografie über Miguel de Cervantes (FR) und der neue Comic von Adrian Tomine (Tagesspiegel).
Archiv: Literatur