9punkt - Die Debattenrundschau

Rucky zucky Alhamdulillah

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.12.2015. Die NZZ beschreibt, wie der Islamische Staat Frauen rekrutiert. Es gibt keine Guerillatruppe, die nicht mit der Mafia kooperiert, warnt Roberto Saviano in L'Espresso. In Libération fordert Flemming Rose von Jyllands Posten, dass sich Journalisten zu ihrer Angst bekennen, statt sie mit falschen Argumenten zu bemänteln. Es ist zwar nicht klar, ob die Sanierung der Kölner Oper wirklich nur 460 Millionen Euro kostet, dafür ist aber auch nicht sicher, dass sie schon 2018 eröffnet, informiert der Kölner Stadtanzeiger

Politik

Terrorismus und Mafia hängen über Drogen- und Waffenhandel engstens zusammen, schreibt Roberto Saviano, der sich in seiner Kolumne in L'Espresso fragt, wie man Daesh wirtschaftlich schwächen könnte. Syrien bombardieren hilft nicht viel, eher die Parallelwirtschaft zuhause aufräumen, meint er, denn eins ist sicher: "Es gibt keine Guerillatruppe, die nicht durch Drogenhandel finanziert ist (Captagon ist für Daesh fast so wichtig wie Erdöl). Es gibt keine Guerillatruppe, die nicht mit organisierter Kriminalität zusammenarbeitet. Es gibt keine Guerillatruppe, die sich nicht mit kriminellen Organisationen bestimmte abgesicherte Routen teilt, über die Drogenhandel, Soldaten und Waffen zirkulieren können."

Der Kulturwissenschaftler Nico Stehr stellt unter Klimaforschern eine bedenkliche Tendenz gegen Demokratie fest und konstatiert in der FAZ mit Friedrich Hayek, dass wir es hier mit Fachleuten zu tun haben, "die die Macht fordern zu lenken, weil sie glauben, dass ihre Spezialkenntnisse nur so voll zur Geltung kommen". Recht milde fährt Stehr fort: "Die generell pessimistische Einschätzung der Fähigkeit von demokratischem Regime, mit außergewöhnlichen Umständen fertig zu werden und sie unter Kontrolle zu halten, ist paradoxerweise - und sei es auch nur implizit - mit einer optimistischen Einschätzung des Potenzials von gesellschaftlicher Planung verknüpft." Vielleicht sollte Stehr den Klimaforschern einfach mal eine Reise in den Smog von Peking empfehlen.
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Europa

Der Belfast High Court hat gestern befunden, dass die Abtreibungsgesetze von Nordirland gegen die Menschenrechte verstoßen - Abtreibung ist in Nordirland nur nach Vergewaltigung oder bei drastischen Missbildungen der Föten erlaubt. Wer illegale Abtreibungen durchführt, dem droht lebenslänglich. Nach dem Urteil, so Emmet Livingstone in Politico.eu ist wohl eine neue Gesetzgebung erforderlich, um das Urteil umzusetzen. Dies wird allerdings durch die Tatsache kompliziert, dass die wichtigsten politischen Parteien in Nordirland eine Lockerung der Abtreibungsregeln ablehnen. Das Urteil mag auch südlich der Grenze zur Republik Irland von sich reden machen, wo ähnlich restriktive Abtreibungsregeln wohl zu einem Wahlkampfthema werden."
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Ideen

Zum vierzigsten Todestag von Hannah Arendt graust es Micha Brumlik, wie die Denkerin zur "Schutzheiligen für alles, was irgendwie progressiv erscheint" gemacht wird. Nein, sie war eine streitbare und irrende Intellektuelle, mal konservativ, mal revolutionär und mitunter auch mal dichtend: "Recht und Freiheit / Brüder zagt nicht / Vor uns scheint das Morgenrot. / Recht und Freiheit / Brüder wagt es / Morgen schlagen wir den Teufel tot."

Die SZ druckt die Dankesrede des Historikers und Philosophen Achille Mbembes für den Geschwister-Scholl-Preis ab, in der er mit etwas schrägem Blick auf die Weltlage die Unterdrückung durch Rassismus und Neoliberalismus anprangert: "Darüber hinaus - so meine These - werden die systemischen Risiken und Gefahren, denen einst ausschließlich die schwarzen Sklaven ausgesetzt waren, künftig wenn nicht die Norm, so doch das Schicksal aller untergeordneten Menschengruppen sein, und zwar unabhängig von Lebensraum, Hautfarbe oder Regierungssystem. Was sich bemerkbar macht, das ist eine tendenzielle Universalisierung der conditio nigra, also der Lebensform des 'Negers'. Sie ist womöglich einer der prägendsten Faktoren unserer Zeit."
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Gesellschaft

Die beiden Islamwissenschaftlerinnen Sabine Damir-Geilsdorf und Leslie Tramontini beschreiben in der NZZ, wie der Islamische Staat Frauen rekrutiert. Depriemierend, von was für einer Propaganda sich Frauen anlocken lassen, um die nächste "Generation Löwen" zu gebären: Zum Beispiel mit den Gedichten der Hofpoetin Ahlam al-Nasr über den Opfertod im Dschihad: "Nein! Sagt nicht: Wir brauchen keinen Dschihad. Denn / es gibt kein gutes Leben, ohne dass wir unser Blut opfern // Was ist ein Leben des Viehs unter der Rute / wenn die Wölfe, o mein Gefährte, mit uns spielen? // Der Dschihad ist unser Leben und unser Heil." Manchmal tut es auch ein Kochrezept: "Ein Post teilt den Leserinnen das Rezept eines einfachen Bohnengerichts mit, das die Verfasserin von ihren Nachbarn bekommen habe. 'Fummelarbeiten' wie das Rüsten der Bohnen würden 'mit vielen Helfer Händen rucky zucky Alhamdulillah' gehen."



jeanbaptisteparis' Foto von der Cité radieuse ist unter CC-Lizenz bei Flickr veröffentlicht.

"Der Wohnblock selbst ist keine schlechte Architektur",
sagen die Architekten Hubert Klumpner und Alfredo Brillembourg in einem spannenden Gespräch mit Laura Weißmüller in der SZ über die Wiederbelebung abgehängter Quartiere: "Die Architektur der französischen Banlieues ist nicht das Problem. Es ist die Illusion, man könne Menschen in ein Ghetto verlegen, wo es keine Arbeit gibt, keine Anbindung ans Zentrum, keine guten Schulen. Le Corbusiers Unité in Marseille funktioniert bis heute fantastisch, weil das Gebäude mitten in der Stadt steht."

In der SZ fordert die Anwältin Seda Basay-Yildiz, dass ihre deutsche Biografie endlich einmal anerkannt wird: "Wenn ich im Ausland gefragt werde, woher ich komme, sage ich: Deutschland. Nie ist mir der Gedanke gekommen, etwas anderes zu antworten. Nur ist mir dieses Gefühl von Deutschland als Heimat in den letzten Jahren in Abrede gestellt worden."

Robert Kaltenbrunner denkt weiter darüber nach, wie die Res publica "den konsumtiven Hedonismus in stadtverträgliche Bahnen" lenken könnte.
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Geschichte

Die Israelis sollen verdammt nochmal Arabisch lernen, um mit ihren Nachbarn kommunizieren zu können, sagt Menachem Ben-Sasson, der Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem, im Gespräch mit Alan Posener in der Welt. Und es gehe dabei auch um jüdisches Erbe, denn "fast alle großen Werke jüdischer Gelehrter zwischen dem siebenten und elften Jahrhundert wurden auf Arabisch geschrieben, darunter selbst Bücher über die hebräische Sprache. Über die biblische Zeit wissen wir wenig. Wann aber gab es eine Zeit, da die Juden unter einer Regierung lebten, den gleichen Gesetzen folgten, eine Sprache sprachen, international miteinander kommunizierten? Das war die Zeit der arabischen Reiche, die von Südfrankreich und Marokko über Süditalien und Sizilien, Nordafrika und den Nahen und Mittleren Osten bis nach Indien reichten."

Ebenfalls in der Welt glossiert Berthold Seewald ironische russische Vorschläge, die Hagia Sophia wieder zur Kirche zu machen, wo es in Istanbul doch gerade Bestrebungen gibt, sie zur Moschee umzuwidmen.
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Kulturpolitik

Zum Glück gibt es ja nicht nur den Berliner Flughafen, sondern zum Beispiel auch die Sanierung der Kölner Oper, die nicht 270 Millionen Euro kostet, und vielleicht auch nicht 460 Millionen, wie Tim Attenberger im Kölner Stadtanzeiger berichtet. Und die Wiedereröffnung? "Bislang steht nur fest, dass zur Saison 2017/2018 nicht im Opernhaus gespielt werden kann. Das heißt aber nicht, dass die Bühnen automatisch 2018/2019 an den Offenbachplatz zurückkehren können."

Medien

Anne-Françoise Hivert unterhält sich in Libération mit Flemming Rose, der vor zehn Jahren in Jyllands Posten die Mohammed-Karikaturen herausbrachte und auch über heutige Selbstzensur in den Medien spricht: "Es gibt in Europa ein ungeschriebenes Gesetz gegen Gotteslästerung. Das einzige Medium, das sich dem entgegenstellte, war Charlie Hebdo. Man hat sie dafür umgebracht. Ich fordere von meinen Kollegen nur, dass sie ihre Motive ehrlich benennen. Dass sie ihre Angst eingestehen, dass man sie so weit eingschüchtert hat, dass sie schweigen. Statt zu sagen, dass wir nicht beleidigen dürfen. Jeden Tag werden in Europa beleidigende Dinge publiziert. Der einzige Unterschied ist, dass nicht alle Beleidigten mit Morddrohungen reagieren."
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Urheberrecht

Peter Mühlbauer startet bei Telepolis eine Serie zu Werken, die ab Januar gemeinfrei werden - dies trifft zu für alle Autoren, die 1945 gestorben sind, und gilt natürlich auch für "Mein Kampf": "Zu nicht kommentierten Ausgaben haben die Justizminister der Bundesländer angekündigt, diese wegen möglicher Volksverhetzung strafrechtlich verfolgen zu lassen. Ob der Tatbestand tatsächlich erfüllt ist, müssen dann Gerichte entscheiden."
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