9punkt - Die Debattenrundschau

Und so schließt die Südsee

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.12.2015. Aktualisiert: Die New York Times bringt neue Fotos und Details zur Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft in München 1972. In Slate.fr versucht Julia Kristeva eine Psychoanalyse des Dschihadismus und setzt auf die Kraft der Sprache. Wertvolle Kunstwerke gehören eigentlich der Allgemeinheit, meint die FAZ an die Adresse der Kulturgutbesitzer. Die Dahlemer Museen können jetzt einpacken, berichtet der Tagesspiegel. Die Arabellion hat wie jede Revolution Phasen, meint Alaa al-Aswani in der Presse, ihre Keime wachsen auch im Verborgenen. Und die Welt will wieder Wehrpflicht.

Politik

Im Interview mit Anne-Catherine Simon spricht der ägyptische Autor Alaa al-Aswani in der Presse über das Schreiben und das Kämpfen für die Freiheit. Er sieht die Revolution noch nicht am Ende: "Die Macht versucht, die alten Formeln zu wiederholen, aber es funktioniert nicht mehr, die Menschen sind andere geworden. Die wahre Revolution verläuft ja langsam und ist nicht eine politische, sondern eine menschliche Veränderung - die politische Ergebnisse bringt. Und das ist in Ägypten passiert. Wer früher Angst hatte, mit einem Offizier zu reden, selbst wenn er nichts getan hatte, fürchtet sich nicht mehr. Im Lauf der Revolution haben sich selbst die, die auf die Revolutionäre geschossen haben, ihnen angenähert. In allen Bereichen, sogar innerhalb einer einzigen Familie, findet man jetzt zwei Standpunkte, einen alten und einen revolutionären."

Dass der islamische Terror jetzt als Staat agiert, macht ihn für Militärschläge verwundbar, meint Josef Joffe, der in der NZZ die Weltlage in fünf geostrategischen Konfliktlinien erklärt: "Was der Westen tun kann? Nicht viel. Das Feuer muss ausbrennen, und wenn man die europäischen Religionskriege zum Maßstab nimmt, könnte es bis ans Ende des 21. Jahrhunderts lodern. Die strategische Aufgabe ist es, IS und al-Nusra zu dezimieren und die Konflikte einzudämmen. Den Krieg aller gegen alle zu stoppen und die Region neu zu ordnen, übersteigt indes die Kräfte, vor allem den Durchhaltewillen von Demokratien."

Der Unternehmensberater Philipp Aerni plädiert in der NZZ für die Bildung von politisch Sonderzonen, "charter cities", die er sich als eine Art Hongkong inmitten von Flüchtlingscamp vorstellt und in denen aus armen Migranten freie Unternehmer würden.
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Geschichte

Über neue, bislang geheim gehaltene Fotos und grauenhafte Details über die Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft in München 1972 berichtet Sam Borden in der New York Times, der auch mit den Witwen von zwei Sportlern, Ilana Romano und Ankie Spitzer, gesprochen hat: "zu den bestürzenden Details gehört, dass Mitglieder der Mannschaft geschlagen wurden und dass einer gar kastriert wurde. 'Sie haben ihm unter der Unterwäsche die Genitalien abgeschnitten', sagt Frau Romano über ihren Ehemann Yossef. Ihre Stimme wird lauter. 'Können Sie sich die neun anderen vorstellen, die drumherum sitzen und sich das ansehen müssen?'. Frau Romano und Frau Spitzer, deren Mann Andre ein Trainer war und bei dem Anschlag starb, haben über das Ausmaß der Grausamkeit erstmals in dem Film 'Munich 1972 & Beyond' gesprochen, einen Dokumentarfilm, der den langen Kampf der Opferfamilien um Anerkennung schildert und Anfang nächsten Jahres herauskommen soll." Romano und Spitzer haben die Fotos selbst erst Anfang der Neunziger Jahre gesehen, nachdem die deutsche Polizei sie für sie freigab. Yossef Romano wurde angeschossen, als er die Attentäter überwältigen wollte. "Dann ließ man ihn vor den Augen der anderen sterben und kastrierte ihn."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Olympia 1972, Unterwäsche

Kulturpolitik

Hinter dem Kulturgutschutzgesetz steht auch die Idee, dass wertvolle Kunstwerke im Grunde nicht einer Privatperson, sondern der Allgemeinheit gehören, schreibt FAZ-Kritiker Niklas Maak in einem Bericht über wütende Kunstbesitzer und deren Anwälte, die in Berlin tagten, und verweist auf das schlichte französische Modell: "'Artefakte, die mehr als hundert Jahre alt sind, bedürfen in jedem Fall der Ausfuhrgenehmigung des Kulturministeriums ebenso wie Kunstwerke im Alter von mehr als fünfzig Jahren mit einem Schätzwert von mehr als 150 000 Euro - und das sind nur die 'Biens culturels', nicht die noch restriktiver als 'Trésor national' qualifizierten Werke."

Die wunderbaren Dahlemer Museen müssen einpacken, um ihren Umzug in die Berliner Schlossattrappe vorzubereiten, berichtet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel: "Die Boote sind das Schwierigste. An Ort und Stelle in Dahlem müssen sie zerlegt, gelagert, untersucht und restauriert werden, eine langwierige und komplizierte Prozedur. 2018 müssen sie im Humboldt-Forum sein, dann können dort die Mauern geschlossen werden. Die Seefahrerei passt durch keine Tür, kein Tor. Und so schließt die Südsee im Ethnologischen Museum am Abend des 10. Januar 2016."

Außerdem: Dankwart Guratzsch äußert sich in der Welt skeptisch zu den Konzepten des für 2018 ausgerufenen Kulturerbejahrs.
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Europa

Angesichts aktueller Bedrohungen und Herausforderungen plädiert Eckhard Fuhr in der Welt für die Wiedereinführung der Wehrpflicht: "Wir müssen wehrhafter werden. Das Schreckgespenst Militarismus darf da ruhig in der Mottenkiste bleiben. Es ist vielmehr ein Widersinn, dass Demokratien ihre bewaffnete Verteidigung ausgerechnet in Zeiten existenzieller Bedrohung an Berufsarmeen, also an Dienstleistungsagenturen delegieren. Die Zivilgesellschaft wird sich an den Gedanken gewöhnen, dass auch das Waffentragen zu ihren Tugenden gehören kann."

Weiteres: Im taz-Interview erklärt sich Micha Brumlik den Rechtsruck in den jüdischen Gemeinden wie auch in Israel mit dem Zuzug russischer Einwanderer. In der SZ berichtet jetzt auch Florian Hassel, dass Polens neue Regierung vor allem Kulturprojekte fördern will, die nach einem Zitat von Ministerpräsidentin Beata Szydło "Polen und der Welt von unseren Helden erzählen".
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Stichwörter: Wehrpflicht, Micha Brumlik

Ideen

Einen sehr langen und schwer zu lesenden Essay zum 13. November präsentiert die bekannte Psychoanalytikerin Julia Kristeva auf Slate.fr. Sie schlägt vor, den religiösen "Todestrieb" und Nihilismus psychoanalytisch zu bewältigen und spricht von einer Patientin namens Souad, die von der Magersucht in den Extremismus zu gleiten drohte und der das psychotherapeutische Gespräch geholfen habe: "Wiederanknüpfen ans Französische, mit der Sprache die Triebe und das Gefühl des Leids zügeln, Wörter finden, um sie existieren zu lassen, sie auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen und zu teilen: Die Sprache, die Literatur, die Poesie, das Theater liegen der Sinnleere auf der Lauer und verderben dem Nihilismus das Spiel. Roland Barthes, dessen wir gerade gedenken, hat einmal geschrieben, dass, wer die Fülle einer Sprache zurückerlangt, 'von der Leere des Göttlichen nicht mehr bedroht ist'."

Beat Stauffer schreibt in der NZZ den Nachruf auf die ehrwürdige marokkanische Feministin Fatima Mernissi, die in Europa allerdings mehr Gehör fand als in der arabischen Welt.
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Internet

Johannes Boie und Hannes Grassegger schildern in der SZ, wie Universitäten mit Online-Kursen Wissen und Bildung zunehmend ökonomisieren, beziehungsweise ökonomisieren lassen: "Wenn das Lernen digitalisiert wird, bedeutet das auch, dass viele Daten entstehen. Nicht nur die Online-Studenten lernen. Sondern auch Unternehmen wie Coursera, die die Inhalte professionell abrufbar ins Netz stellen und die Studenten betreuen. Sie lernen viel über ihre Nutzer: Wer lernt was? Wer lernt wie viel? Wer lernt schnell, wer langsam? Was sind die Fähigkeiten einzelner Studenten? Wo versagt jemand komplett? Diese Daten sind intim, aber für Anbieter wie Coursera interessant. Coursera verdient einerseits Geld mit den Studenten, die für ihre Teilnahme an den Kursen bezahlen. Andererseits lassen sich auch die Daten der Studenten verkaufen, zum Beispiel an Arbeitgeber, die wissen möchten, wie sich ein Bewerber im Studium geschlagen hat."
Archiv: Internet

Medien

Der Spiegel streicht Stellen, berichten turi2 und viele andere Medien: "Bis 2018 sollen 150 von derzeit knapp 730 Stellen wegfallen - 35 in der Redaktion, 14 in der Dokumentation und 100 im Verlag. Der Großteil der Sparmaßnahmen soll aber auf freiwilliger Basis stattfinden, z.B. durch Vorruhestand und Abfindungen."Außerdem plant der Spiegel neue Projekte wie etwa eine zahlbare digitale Abendzeitung.

Time stellt die besten Fotoessays des Monats vor, darunter eine Reportage im National Geographic über Salafisten in Ägypten und eine Fotostrecke im New Yorker über Paris nach den Attentaten.
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Stichwörter: Der Spiegel, Salafisten

Urheberrecht

Lawblogger Thomas Stadler kommentiert die Klage des Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museums gegen die Wikipedia, die Reprogafien gemeinfreier Werke aus dem Museum zeigt - das Museum erhebt auf diese Reprografien urheberrechtliche Ansprüche, zu Unrecht, meint Stadler: "Das Problem besteht nämlich einerseits darin, dass über den Umweg des § 72 UrhG die digitale Verviefältigung eines bereits gemeinfreien Werkes erneut urheberrechtlichen Schutz erlangt. Durch wiederholte fotografische Reproduktion könnte dieser Schutz letztlich auch beliebig verlängert werden und würde im Zweifel niemals enden. Im konkreten Fall kommt hinzu, dass das Museum keine Fotografien gestattet und somit die urheberrechtlich zulässige Vervielfältigung gemeinfreier Werke damit behindert."
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