Efeu - Die Kulturrundschau

Strudelhaftes Accelerando

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01.12.2015. Mehr ästhetische Raffinesse auch bei politischen Themen wünscht sich die SZ, die noch ganz taub ist von den Hasschören in Volker Löschs "Graf Öderland"-Inszenierung. Die Welt lernt von Prokofjews "Der feurige Engel", wie leicht religiöse Besessenheit in Irrsinn umschlägt. Parla italiano?, fragt Jhumpa Lahiri im New Yorker. Das Verbot der "Satanischen Verse" in Indien war ein Fehler, räumt 27 Jahre später laut Guardian der zuständige Minister ein. Die Zeit besteht auf ihrem Recht, Rap zu veralbern.

Bühne


Graf Öderland: Der Dresdner Bürgerchor mit Axt. Foto: Matthias Horn

Am Staatsschauspiel Dresden nimmt Volker Lösch mit seiner "Wir sind das Volk" untertitelten Max-Frisch-Inszenierung "Graf Öderland" die Pegida-Bewegung aufs Korn und haut ihnen von der Bühne herab ihre eigenen Zitate und Sprüche um die Ohren. In der taz bezeugt Michael Bartsch "eine fulminante Inszenierung, zu der man sich verhalten muss, die kein bequemes Zurücklehnen auf der 'Reservebank' gestattet. Was ist, wenn die 'Bewegung', wie im Stück, tatsächlich zur Axt greift, der von Pegida schon beschworene Bürgerkrieg ganz Europa erfasste?" In der SZ indes winkt Peter Laudenbach bloß müde ab - und das schon, weil Frischs Stoff, in dem ein Anarchist Amok läuft, sich mit den Pegidisten schlecht in eins bringen lasse: "So schlampig Lösch die Frisch-Passagen serviert, so martialisch geraten ihm die Hass-Chöre - immer im Dienst der Zuspitzung. Common Sense und Differenzierung sind seinem Theater fast so fremd wie den 'Volksverräter' brüllenden Wutbürgern." Auch Mounia Meiborg, für ZeitOnline angereist, lobt eher den guten Willen als die Inszenierung: "Warum werden brachiale politische Parolen so oft mit brachialer Ästhetik beantwortet?"


Renata (Svetlana Sozdateleva) erlebt religiöse Ekstase: in Prokofjews "Der feurige Engel" in München. Foto: Wilfried Hösl/Staatsoper

Wer wissen will, wie leicht sich religiös-sexueller Irrsinn Bahn brechen kann, sollte Barrie Koskys Inszenierung der Prokofjew-Oper "Der feurige Engel" in München sehen, empfiehlt Manuel Brug in der Welt. Kosky "fokussiert seine pausenlose Inszenierung ohne jede Einteilung in sonst fünf Akte und sieben Szenen auf das fatale Pärchen in seinem sich in der Höhe und mit einem roten Theatervorhang verändernden Hotelzimmer (Bühne: Rebecca Ringst). Alle anderen Figuren tauchen da nur als Geisterbahn-Erscheinungen auf. Barrie Kosky verengt so zwar die Vorlage, die durchaus noch ein stummfilmhaftes Mittelalterpanorama entfaltet, aber er spitzt sie in gekonnt strudelhaftem Accelerando zu auf ihren Kern: wie sich einer emotional anstecken lässt von dem Irrsinn einer Frau, von der wir noch nicht einmal wissen, ob sie überhaupt existiert."

Großes Lob von Simon Strauss in der FAZ von "Der Herzerlfresser", dem neuen, nach seiner Uraufführung in Leipzig jetzt in einer Inszenierung von Ronny Jakubaschk in Berlin gezeigten Stück des Nachwuchs-Dramaturgen Ferdinand Schmalz, mit dem man laut Strauss rechnen muss: Denn "Auch wenn der Text durch die theatralische Aufführung manchmal eher gefährdet als gestärkt erscheint. Wenn seine sprachphilosophischen Nuancen im Eifer des performativen Gefechts mitunter verlorengehen und etwa das Pathos des Herbert-Monologs noch allzu ungeschützt losbricht - hier schreibt einer mit großem Talent. Einer, der nicht nur an die Kraft der parabelhaften Erzählung glaubt, sondern auch an die Macht des Manierismus, 'die Dinge aus den Wörtern herauszubrechen'."

Besprochen werden die Uraufführung von Étienne Guilloteaus Tanzstück "Zeit-Bild" in Wien (Standard), die Uraufführung von Thomas Jonigks Theaterstück nach Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" in St. Pölten (Standard), Martina Drostes und Chris Weinheimers am Frankfurter Schauspiel gezeigtes Stück "Frankfurt Babel" (FR), Barrie Koskys Münchner Inszenierung von Prokofjews "Der feurige Engel" ("ein aufreizender Mix aus Haltlosigkeiten, Träumen, Bedrohungen und Rätseln", freut sich Reinhard J. Brembeck in der SZ) und ein Frankfurter "Fliegender Holländer" in der Inszenierung von David Bösch, die FAZlerin Eleonore Büning allerdings nicht vollends überzeugen konnte: Sie "ist langweilig, lahm, zahm und teilweise sogar total unlogisch. Aber es wird herrlich gesungen und musiziert!"
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Kunst

In der Welt berichtet Marcus Woeller von einem Streit um ein Gemälde, das entweder Leonardo von "la bella principessa" Bianca Sforza gemalt hat oder 1978 Shaun Greenhalgh von der zickigen nordenglischen Supermarktkassiererin Sally. (Auch die FAZ und praktisch alle anderen Medien berichten.)

Besprochen wird eine Ausstellung von Anja Niedringhaus' Kriegsfotografien aus Afghanistan im Willy-Brandt-Haus in Berlin (Berliner Zeitung).
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Stichwörter: Kriegsfotografie

Film

Für die FR spricht Peter Riesbeck mit dem Regisseur Adil el-Arbi, dessen vor kurzem gestarteter, im Brüsseler Viertel Molenbeek gedrehter Film "Black" durch die Anschläge von Paris nun im Nachhinein zusätzlich aufgeladen wurde. Und Woody Allen wird heute 80: Hanns-Georg Rodek beantwortet in der Welt einige FAQ zu Allen. Im Tagesspiegel gratuliert Peter von Becker, in der SZ David Steinitz und die FAZ-Redakteure bringen auf der ersten Seite des Feuilletons Notizen und Erinnerungen (Arte bringt dazu passend ein ausführliches Porträt). Besprochen wird Paolo Sorrentinos "Ewige Jugend" (SZ).

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Stichwörter: Molenbeek, Woody Allen

Literatur

Gestern erzählte Paul Nizon in der NZZ, wie er sich mit 47 Jahren entschloss, von der Schweiz nach Frankreich und in eine neue Sprache auszuwandern. Heute erzählt die bengalisch-amerikanische Autorin Jhumpa Lahiri in einem sehr schönen Text für den New Yorker, wie sie über Jahre versucht hat, Italienisch zu lernen, bis ihre Sehnsucht so groß wird, dass sie beschließt, nach Italien zu ziehen: "Zu Vorbereitung beschließe ich sechs Monate vor der Abreise, nichts mehr auf Englisch zu lesen. Ich schwöre mir, nur noch auf Italienisch zu lesen. So scheint es richtig, ich löse mich von meiner Hauptsprache. Ich betrachte es als einen offiziellen Verzicht. Ich werde zu einer linguistischern Rompilgerin. Ich muss etwas Vertrautes, Wesentliches hinter mir lassen. Keins meiner Bücher scheint auf einmal mehr nützlich. Sie sind alle gewöhnliche Objekte. Der Anker meines schöpferischen Lebens verschwindet, Sterne die mich führten, verblassen. Ich stehe vor einem neuen, leeren Raum."

Der ehemalige indische Finanzminister P Chidambaram hat zugegegeben, dass das Verbot der "Satanischen Verse" in Indien vor 27 Jahren ein Fehler war - und hat Salman Rushdie zu der per Tweet geäußerten Frage provoziert, wie lange das Verbot noch dauern wird, berichtet Alison Flood im Guardian und schildert Hintergründe: "In seinen Memoiren 'Joseph Anton' schreibt Rushdie, dass die 'Satanischen Verse' nicht mal den Anschein einer juristischen Prüfung erhalten haben' bevor das Verbot beschlossen wurde, und 'dann kam das Verbot, seltsam genug, vom Finanzministerium unter Verweis auf Paragraf 11 des Zollgesetzes' so dass das Buch nicht mehr importiert werden konnte."

Eigentlich wollte der ägyptische Dichter Omar Hazek nach seiner Haftentlassung - er war 2013 bei einer Solidaritätskundgebung für die Familie des zu Tode geprügelten Bloggers Khaled Said verhaftet und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden - auf Einladung des Einladung des PEN-Clubs in Österreich von seinen Erfahrungen im Gefängnis berichten, meldet Astrid Frefel im Standard. Die österreichischen Behörden verweigerten ihm jedoch ein Visum aus Angst, er könne Asyl beantragen. Im Interview zeigt sich PEN-Präsident Josef Haslinger empört, da sich das Ministerium entschuldigt hat, schaut er aber schon weiter: auf die "wirklich wahnsinnigen Dingen, die sich da im Moment in Saudi-Arabien abspielen. Aschraf Fajadh hat die Situation offenbar völlig falsch eingeschätzt, er ist gut vernetzt, hat in der London Modern Tate kuratiert und bei der Biennale. 2013 wurde er für die Veröffentlichung eines Gedichtbands zu vier Jahren Haft und 800 Peitschenhieben verurteilt. Durch den Fall Raif Badawi fühlte er sich bestärkt, in Revision zu gehen, und jetzt wurde aus vier Jahren die Todesstrafe."

Weitere Artikel: In der NZZ liefert Victoria von Schirach Hintergründe zu dem Verlag, den Umberto Eco und einige seiner finanzkräftigen Freunde gegründet haben: "La nave di Teseo (Das Schiff des Theseus) heißt das Boot mit den Abtrünnigen, die sich nicht mit der Fusion der beiden Kolosse des italienischen Verlagswesens, Mondadori und Rizzoli, abfinden können." Bernd Noack berichtet in der FAZ von einem Thomas-Bernhard-Abend, den das Wiener Burgtheater anlässlich des Abschlusses der Bernhard-Werkausgabe ausgerichtet hat. In seinem Hundertvierzehn-Blog bringt der S. Fischer Verlag einen Essay des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa.

Besprochen werden Richard Flanagans Roman "Der schmale Pfad durchs Hinterland" (NZZ), Bov Bjergs "Auerhaus" (Tagesspiegel), Jens Andersens Astrid-Lind­gren-Biografie (taz), Miek Zwamborns "Wir sehen uns am Ende der Welt" (SZ), Jan Koneffkes "Ein Sonntagskind" (FAZ) und eine dem Dichter Paul Verlaine gewidmete Ausstellung in Mons (SZ). Außerdem bringt die SZ heute ihre Weihnachts-Literaturbeilage.

Mehr aus dem literarischen Leben in unserem fortlaufend über den Tag aktualisierten Metablog Lit21.
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Musik

Darf sich Jan Böhmermann für seine aktuelle Musikvideo-Parodie im stilistischen und ästhetischen Repertoire des Straßenraps bedienen? Oder handelt es sich dabei um eine politisch unzulässige Aneignung, wie derzeit viele Rapmagazine schnauben? Unfug, findet David Hugendick auf ZeitOnline, zumal Straßenrap längst schon im Feuilleton angekommen ist und ästhetisch diskutiert wird: "Die humoristische Annäherung ans Objekt [ist] ein durchaus legitimes Mittel der Kunstrezeption. Sie bedeutet nicht, dass zwangsläufig ein Milieu veralbert wird oder, wie im konkreten Fall, diese Musik vom gut situierten Mittelschichtmilieu vereinnahmt und damit ihrem ursprünglichen Habitat entrissen wird. ... Wenn man also die Sprache und Artikulation, wie Haftbefehl sie pflegt, als Kunst anerkennt, bedeutet das ebenfalls, dass sie genauso parodiert werden kann wie etwa Martin Mosebachs großbürgerliches, museales Sprachgetue, das er in seinen Romanen verbreitet." Hier der betreffende Clip:



Vom Straßenrap zu bürgerlicher Indie-Behaglichkeit: In der Spex denkt Kristof Schreuf über das neue Musikvideo von Jochen Distelmeyer nach, der darin ein Stück von Britney Spears covert: Das "klingt bei ihm wie ein Prince-Stück, das unplugged schwitzt. ... Das Ergebnis wirkt wie eine musikalische Kriegsstrategie: Distelmeyer bringt Leute dazu, ihn zu lieben, indem er sie, ästhetisch höchst ansprechend, besiegt. Durch musikalische Wehrlosmacherei. Nicht, dass ich dafür nicht sehr empfänglich wäre."



Besprochen wird die neue Lieferung aus Bob Dylans "Bootleg Series" (Berliner Zeitung).
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