9punkt - Die Debattenrundschau

Das Messer der Argumentation

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.05.2015. Der Standard und Politico.eu schildern Tücken, Lobbykämpfe und mögliche Vorzüge einer EU-Vereinheitlichung von Urheberrechten. Die Welt findet den Streit um Herfried Münkler angesichts der Political-Correctness-Kriege an amerikanischen Universitäten noch harmlos. Wolfgang Sofsky erinnert in seinem Blog an die Vorteile der Meinungsfreiheit. Im Guardian kann Cory Doctorow das Gemoser über Internet-Aktivisten nicht mehr hören. Slate.fr schildert den Islamismus-Schock in Japan.

Ideen

Ohne direkten Bezug zu Selbstzensurbewegungen der Medien etwa bei religionskritischen Karikaturen schreibt Wolfgang Sofsky in seinem Blog zur Meinungsfreiheit: "Eine Zensur falscher, verderblicher oder schädlicher Meinungen ist unzweckmäßig und unbegründet. Der Missbrauch des Verstandes ist kein Grund, seinen weiteren Gebrauch zu verbieten. Er gibt vielmehr Anlass, das Messer der Argumentation zu wetzen. Und es ist auch kein Beweis für Selbstvertrauen, Meinungen, die man für gefährlich, irrig oder unmoralisch hält, zu verbieten."

Recht fair und informativ resümiert Angelique Chrisafis im Guardian die Streitigkeiten bei Charlie Hebdo. Einer der Streitpunkte ist, wie man das Blatt (auch online) modernisiert und neue Zeichner findet, die die Ermordeten ersetzen. Aber "jüngere Künstler ziehen die sicherere und lukrativere Welt der französischen Bandes dessinées und Graphic Novels vor."

Damien Durand erzählt in einem interessanten Hintergrundartikel in Slate.fr, wie sich Japan mit dem Phänomen des Islamismus und Dschihadismus auseinandersetzt. Hintergrund ist die in einem islamistischen Snuff-Video dokumentierte Köpfung zweier japanischer Geiseln und Aufruhr unter den wenigen japanischen Muslimen nach der geplante Veröffentlichung von Charlie Hebdo-Karikaturen in einem Buch, "eine Ankündigung, die Demonstrationen von Muslimen vor den Büros des Verlagshauses auslöste, nachdem andere Proteste bereits der Zeitung Tokyo Shimbun galten, die ebenfalls Karikaturen veröffentlicht hatte. Diese Demonstrationen haben die japanische Öffentlichkeit, die kaum an so etwas gewöhnt ist und nicht recht weiß, wie sie Position beziehen soll, tief bewegt."

In der Welt findet Hannes Stein die Auseinandersetzung um Herfried Münkler und das mit ihm befasste "Watchblog" noch harmlos. In den USA haben die Scharmützel um Political Correctness inzwischen regelrechte Opfer. Ein Beispiel: "Eine katholische Privatuniversität droht einem Professor mit Rausschmiss, weil der das Recht eines konservativen Studenten verteidigt hat, sich gegen die Schwulenehe auszusprechen. Der Vorgang ist trotzdem ein bisschen wahnsinnig. Dass die akademische Redefreiheit in den Vereinigten Staaten manchmal stärker eingeschränkt wird als in Deutschland, ist eine merkwürdige Ironie." Aber dann auch dies: "Säßen jene Blogger, die Münkler auf die Nerven gehen, in Amerika, müssten sie sich darauf gefasst machen, dass ihre Kommilitonen sie auf einem Gegenblog auseinandernehmen."

Weiteres: Auf der Gegenwartsseite der FAZ schreibt der Osteuropahistoriker Leonid Luks einen Hintergrundartikel zu den Ursprüngen der "Eurasierbewegung" in Russland, die heute Wladimir Putins nationalistischen Diskurs grundiert. Ihr wichtigster Urheber war der 1890 geborene Autor Nikolaj Trubetzkoj.
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Überwachung

Zwei Jahre nach Edward Snowdens Enthüllungen gibt Constanze Kurz auf Netzpolitik einen Überblick über die gerichtlichen Prozesse, zu denen die Massenüberwachung weltweit geführt hat.
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Politik

In der SZ fürchtet Thomas Steinfeld vor den Bürgermeisterwahlen in Venedig, dass wieder keiner der Kandidaten große Sprünge wagen wird, nicht einmal der einstige Volksheld und PD-Politiker Felice Casson: "Im gegenwärtigen Wahlkampf ist er der Kandidat, der sich am offensten gegen die Kreuzfahrtschiffe in der Stadt ausspricht. Die Sympathien der Hafenarbeiter, die ihm aufgrund der alten Verdienste gewogen sind, aber ihre Stellen behalten wollen, darf er dennoch nicht verlieren. Weil alle Kandidaten, in Abstufungen, solche politischen Rücksichten nehmen müssen, wird die Rettung Venedigs auch dieses Mal wohl eher nicht erfolgen."
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Stichwörter: Venedig, Kreuzfahrtschiffe

Gesellschaft

Isolde Charim kann in ihrer taz-Kolumne selbst kaum glauben, dass der Kult um Conchita Wurst und Ampelpärchen in Wien Mainstream geworden ist, und stellt fest: "Wenn eine andere sexuelle Orientierung sichtbar im öffentlichen Raum zugelassen werden kann, dann deshalb, weil sie keine (oder zunehmend weniger) Bedrohung mehr darstellt für die Mainstream-, für die Normidentität. Das gilt übrigens nicht zwangsläufig auch für die andere Seite - für die vollen, eindeutigen Identitäten: Was ist eine Frau mit Bart gegen eine Frau mit Kopftuch?"

Götz Aly staunt in der Berliner Zeitung über den Frohsinn der Israelis: "2014 hat die UN je 2000 Bürger in 160 Staaten nach ihrem subjektiv empfundenen Glück befragt (World Happiness Report). Dabei landete das von Feinden umzingelte Israel auf dem sensationell guten Platz 11."
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Medien

Uwe Soukup empfiehlt in der taz Julia Albrechts überlegten, morgen in der ARD laufenden Film "Die Folgen der Tat" über ihre Schwester Susanne Albrecht und den Mord an Jürgen Ponto: "Eigentlich muss das schiefgehen - aber es geht nicht schief. Akribisch durchforstet Julia Albrecht mit der Mutter die Stationen im Leben von Susanne Albrecht, in denen man hätte anders reagieren können, ja müssen. Es scheint fast, als suche sie nach der entscheidenden Weiche, die man noch umstellen könnte, um die über beide Familien hereinbrechende Katastrophe zu verhindern."

In der NZZ räumt Andrea Köhler nach dem Abschied von David Letterman ein, dass der Talkmaster seine anarchistischen Zeiten auch lange hinter sich hatte: "Es ist heute nur noch schwer nachzuvollziehen, welche Sauerstoffzufuhr seine sardonische Selbstironie dem amerikanischen Talk-Business einst verpasste."

Stefan Niggemeier regt sich in seinem Blog über die deutschen Medien auf, die so tun, als würde Yanis Varoufakis seine geheime Aufzeichnungen "zugeben", wo der doch ganz freiwillig und aktiv mit ihnen angegeben hat.
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Urheberrecht

Britische Filmproduzenten tun sich mit Produzenten anderer EU-Länder zusammen, um gegen eine Vereinheitlichung des Copyrights in Europa zu protestieren, berichtet Alex Spence in Politico. Angeblich machen manche Firmen sechzig Prozent ihrer Umsätze damit, dass sie Rechte mit europäischen Ländern einzeln aushandeln. Digitalkommissar Günther Oettinger, der sich in einem Blogbeitrag äußerte, scheint erste Rückzugsbewegungen zu machen. Dabei ist die britische Regierung ausnahmsweise auf EU-Seite: "Die UK-Produzenten waren entsetzt von der letzten Stellungnahme ihrer Regierung zum "Digital Single Market" der EU. Britannien stimmte zu, dass Konsumenten zu "fairen und vernünftigen Bedingungen Zugang über Grenzen hinweg" haben sollten und dass die Preise "nicht unfair je nach Herkunft der Konsumenten in der EU" schwanken sollen."

Über einen anderen Aspekt der ebenfalls von der EU verfolgten Urheberrechtsvereinheitlichung, das sogenannte "Folgerecht", schreibt Olga Kronsteiner im Standard. Es soll Angehörigen verstorbener Künstler helfen, von Wertsteigerungen der Werke ihrer Erblasser zu profitieren - und führt in ein Chaos von Bürokratie und nationalen Verwertungsgesellschaften.
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Geschichte

Die beiden Historiker Martin Schulze Wessel und Yaroslav Hrytsak fordern in der FAZ eine deutsch-ukrainische Historikerkommission, um auch in den Universitäten das Wissen der Deutschen über die Ukraine zu vertiefen (und umgekehrt, aber da ist es wohl nicht ganz so dringend). Ein Hauptargument: "Neben Belarus gehört die Ukraine zu den Territorien, die von der deutschen Besatzungsherrschaft im Zweiten Weltkrieg am grausamsten getroffen wurden. Ukrainer sind Opfer, Zeugen und auch Kollaborateure im deutschen Vernichtungskrieg geworden. Im deutschen Geschichtsbewusstsein wird dies weitgehend ignoriert; Schuldgefühle beziehen sich aber nur auf Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion."
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Internet

Im Guardian kann Cory Doctorow das Gemoser über Internet-Aktivisten nicht mehr hören: Das Internet sei nicht das einzige und wichtigste Problem der Welt, aber auch der Kampf gegen Klimawandel oder soziale Ungerechtigkeit werde übers Internet geführt. Und: "Stimmt schon: Technologische Aktivisten betrachten die Welt durch die Brille der Technologie. Wenn die Sharing Economy die vorderste Front für ausbeuterische Arbeitsbedingungen wird, dann schlagen Tech-Aktivisten eine kollektive Verhandlungsapp vor, eine crowd-basierte Lobby-Kampagne, eine vernetzte Kooperative für Arbeiter, die von Venture-Unternehmen abgeschöpft werden. Diese Aktivitäten sind technologisch, aber sie richten sich gegen das Problem als ökonomisches, juristisches und normatives. Das ist nicht Solutionismus, sondern Aktivismus."
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