9punkt - Die Debattenrundschau

Die traurigste Kohorte im ganzen System

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.05.2015. In der NZZ sperrt sich Vittrio Lampugnani gegen die kommerzielle Banalisierung der Städte durch Lounges. In der SZ erzählt Daniel Genis aus der amerikanischen Gefängniswelt. Das Blog der NYRB flüchtet vor Burundis Hallelujah Fußball Club. Die FAZ huldigt der antiimperialistischen Herrscherin Palmyras.

Gesellschaft

Überhaupt nicht attraktiv und schon gar nicht urban findet Vittorio Magnano Lampugnani in der NZZ die neue Mode, den halben Stadtraum von Cafés, Restaurants und Lounges besetzen zu lassen. Er sieht darin vielmehr eine "kommerzielle Banalisierung" und ein Missverständnis: "Das Leben der Stadt besteht nicht darin, dass sie von möglichst vielen Menschen besichtigt wird wie ein Museum und aufgesucht wie ein Einkaufs- und Vergnügungszentrum. Das ist geborgtes Leben, das mit der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Realität der Stadt nichts zu tun hat und für welches diese lediglich die Staffage abgibt." Und übrigens: "Die moderne Stadt ist, mehr noch als die historische, eine Komposition verschiedenster Räume und Quartiere unterschiedlichsten Charakters. Dazu gehören lebhafte Orte ebenso wie stille und besinnliche. Diese sind nicht minder schön als die betriebsamen."

Der Journalist und Ex-Knacki Daniel Genis erzählt in der SZ von der Brutalität der amerikanischen Gefängnis-Welt: "Die Männer aus Frankreich, Deutschland, Irland und Großbritannien, die ich im Gefängnis kennenlernte, waren die traurigste Kohorte im ganzen System." Eine ähnliche Geschichte hatte Genis in der Washington Post.

Michael Wolf streift in der Welt noch einmal durch Berlins große leere Mitte, das Tempelhofer Feld, und findet dort Urdeutsches: Größenwahn und Gemütlichkeit.
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Politik

Armes Burundi, seufzt Helen Epstein im Blog der NYRB über das Land, das am Rande eines Bürgerkriegs steht, seit Präsident Pierre Nkurunziza angekündigt hat, entgegen der Verfassung für eine dritte Amtszeit kandidieren zu wollen. In den Augen der Oppostion "führt Nkurunziza - ein früherer Warlord und jetzt wiedergeborener Christ, der mit seinem eigenen Chor und Hallelujah Fußball Club durch das Land reist - ein selbst für ostafrikanische Verhältnisse beachtlich korruptes Regime".

Die FAZ übernimmt eine Reportage des italienischen Journalisten Tomaso Clavarino über den Tschad, der jetzt auch immer häufiger von Boko Haram angegriffen wird.
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Kulturmarkt

In der Welt berichtet Marcus Woeller, dass Max Liebermanns "Reiter am Strand" zwei Monate nach ihrer Restititution aus dem Gurlitt-Nachlass auf dem Kunstmarkt gelandet sind. Zuvor hatte der Erbe eine finanzielle Entschädigung abgelehnt: ""Ich nehme kein Geld von diesen Menschen. Ich möchte das Bild zurück, weil es mir gehört und Teil meines Erbes ist", erklärte er 2014 der Deutschen Welle in einem Interview. "Ich möchte nicht, dass irgendjemand anderes es besitzt.""

Georg Oswald, Leiter des Berlin Verlags, fürchtet in der FAZ angesichts der TTIP-Verhandlungen unter anderem um die Buchpreisbindung.
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Medien

Bei Nikolaus Piper in der SZ weckt die oberste Datenjournalistin der New York Times, Sarah Cohen, nicht unbedingt Sympathien für die Branche: ""Vieles, was wir machen, wäre in Deutschland wegen Ihrer Datenschutzgesetze gar nicht möglich", sagt Cohen und lässt offen, was sie davon hält. Nun ja, nicht ganz: "Es war schon ein Schock, als ich erfuhr, dass Gerichtsakten bei Ihnen nicht öffentlich sind.""

In der taz berichtet Anne Fromm, dass die Prenzlauer Berg Nachrichten - wie inzwischen die meisten hyperlokalen Blogs - um ihr Überleben kämpfen. Für die FAZ liest jetzt auch Jürg Altwegg den Band "Catharsis" des Zeichners Luz: "Den Anspruch, den nun die ganze Welt an ihn richtet, zeichnet er als Vampir." Ebenda sieht Ursula Scheer die beiden neuen Hamburger Zeitschriften Walden ("Lass dich raus") und Flow als Gruner und Jahrs ideales Angebot für Leser, "die rauswollen aus dem Weltgeschehen".
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Religion

Mattias Drobinski berichtet in der SZ, dass die katholische Kirche an diesem Wochenende Oscar Romero seligsprechen wird, den vor 35 Jahren von Todesschwadronen ermordeten und in ganz Lateinamerika verehrten Erzbischof von San Salvador. Im Vatikan hatte er jedoch nie viele Freunde: "Im April 1979 ist er in Rom, will den neuen Papst treffen. Er wird hingehalten. Als er ihm endlich gegenübersitzt, mahnt Johannes Paul II., er solle sich um ein besseres Verhältnis zur Regierung bemühen. Eine zweite Begegnung 1980 verläuft ermutigender, der Papst versichert ihm, dass er sein Engagement für die Armen schätze. Aber er fürchte, dass die Kirche marxistisch infiltriert werde."

In einem zweiten Text zum Thema berichtet Sebastian Schoepp, dass es heute vor allem die Pfingstkirchen sind, die sich heute auf dem Kontinent breitmachen.
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Geschichte

In der FAZ erklärt Joseph Croitoru, welch legendäre Gestalt Palmyras Herrscherin Zenobia für die arabische Welt war und ist: "Zenobia wurde in literarischen und populärhistorischen arabischen Darstellungen zu einer antiimperialistischen Rebellin verklärt, deren Befreiungskampf gegen die römischen Unterdrücker als Sinnbild für die nationalen Aspirationen der Araber aufgefasst wurde. Auch die aufkeimende arabische Frauenbewegung entdeckte die mutige, der Überlieferung nach sagenhaft schöne und in mehreren Sprachen bewanderte Königin für sich."
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