9punkt - Die Debattenrundschau

Nichts gegen Moral

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.05.2015. Bis im Pariser Pantheon eine Gleichstellung der Frauen erreicht ist, werden wohl noch ein paar hundert Jahre vergehen, meint Huffpo.fr. Milo Rau schreibt in der taz über sein Kongo-Tribunal. Franziska Augstein schreibt wieder für die FAZ, und zwar über die Ukraine. Sehr kritisch sieht Spiegel online das neue Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung. Die SZ fragt: Was macht Gottschalk nur mit all den Millionen, mit denen die ARD so munter jongliert? Und der Vatikan verwechselt sich laut Spiegel online mit der Menschheit.

Europa

Heute ist der große Tag der Pantheonisierung von vier Widerstandskämpfern und -kämpferinnen in Frankreich. Für die Frauenquote im republikanischen Tempel gibt"s noch ein großes Potenzial, schreibt Alexandre Boudet in der französischen Huffpo: "Und zwei macht vier. Der Einzug Germaine Tillions und Geneviève de Gaulle-Anthonioz" ins Pantheon verdoppelt die Zahl der Frauen... Aber die Parität ist weit entfernt und die Devise auf dem Portal des Gebäudes ist wörtlich zu nehmen: "Den großen Männern, das dankbare Vaterland." Sie stellen in der Tat 69 von 71 und bald 71 von 75 Pantheonisierten, wenn man Jean Zay und Pierre Brossolette hinzuzählt. Auch sie sind Helden der Résistance, wie Jean Moulin, der Mitte der sechziger Jahre ins Pantheon kam. Und sie sind die ersten Pantheonisierten seit Alexandre Dumas im Jahr 2002." Das Libé-Cover zum großen Tag spielt auf die berühmte Rede André Malraux" aus Anlass der Pantheonisierung Jean Moulins an (hier in einer kaum noch erträglichen Wochenschau-Montage aus jener Zeit).



Franziska Augstein, die einst zu jenem von der SZ abgeworbenen Trupp von FAZ-Redakteuren gehörte (viele unserer Leser waren damals noch nicht geboren), schreibt heute wieder in der FAZ. Ihr Artikel handelt von der Ukraine unter dem Einfluss der Oligarchen und des Westens, zu der sie schwerwiegende Fragen stellt: "Im Osten der Ukraine fühlen viele sich Russland nahe. In den Städten und Ortschaften, die halb zerstört sind, sehnen sich die allermeisten Leute nur noch nach Frieden. Die Ukrainer, die gegen Putin sind, meinen, er sei ein Imperialist und wolle ihr Land. Die Frage ist: Was will Putin?"
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Politik

Theaterregisseur Milo Rau hat über ein Jahr im Ostkongo zu Bürgerkrieg, Milizenterror und Ausbeutung recherchiert und beschreibt nun in der taz, wie sein Kongo-Tribunal aussehen soll: "In die drei Fälle, die vor dem Tribunal verhandelt werden - darunter ein Massaker an der Grenze zu Burundi - sind gemäß unserer Vorrecherchen hohe Regierungsstellen und Militärs verwickelt. Während die Drehs im vergangenen Jahr noch verhältnismäßig einfach waren, wird es nun wöchentlich schwieriger, an die Genehmigungen zu kommen. Minenfirmen verweigern uns den Zutritt zu ihren Konzessionen, Flüge ins Bürgerkriegsgebiet werden wenige Stunden vor Start aus fadenscheinigen Gründen abgesagt. Und es gehen absurde Gerüchte um: Ich hätte den Helikopter einer Minenfirma kapern wollen oder sei Teil von Kamerhes Wahlkampfteam." Über seine Recherchen berichtet Rau hier, hier, hier und hier.
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Medien

In der SZ fasst Claudia Tieschky den Recherchestand in Sachen Thomas Gottschalk zusammen, der für Unsummen vom WDR für eine Vorabendshow eingekauft wurde, die wegen mangelnden Interesses bald wieder abgesetzt wurde: "Nicht klar ist bislang, ob die ARD tatsächlich an Gottschalk trotz Absetzung der Vorabendshow nach 70 Folgen das Honorar für alle 144 Sendungen gezahlt hat - 4,6 Millionen Euro insgesamt. Das sieht der am 27. Januar 2011 datierte Letter of Intent vor, dazu kommt Honorar für zwei ARD-Abend-Shows, die nicht realisiert wurden, was die Summe auf fünf Millionen Euro erhöht. Das entspricht etwa dem Budget von vier ARD-Tatorten. Frage also: Hat die gebührenfinanzierte ARD, die stets über finanzielle Engpässe klagt, Gottschalk für Luftnummern bezahlt?"

Wolfgang Kraushaar hat sich für die FR Julia Albrechts heute Abend laufenden Film über ihre Schwester Susanne und die Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto durch die RAF angesehen: "Schonungslos macht der Film die Hilflosigkeit einer Familie bei all ihren Versuchen deutlich, das eigene Kind vom Schritt in den Terrorismus abzuhalten."

In der FR berichtet Frank Nordhausen, dass Tayyip Erdogan jetzt sogar gegen die größte türkische Zeitung Hürriyet vorgeht.
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Geschichte

Angesichts der großen Werkschau zu Le Corbusier im Pariser Centre Pompidou, die alles Weltanschauliche ausklammere, bekommt die Debatte um die faschistische Gesinnung des Architekten eine neue Durchschlagskraft, meint Marc Zitzmann in der NZZ, der die neuen Publikationen zum Thema gelesen hat: "Sprechender noch als Le Corbusiers Worte sind seine Taten. Mehrmals schickt er Benito Mussolini signierte Exemplare seiner Bücher - zu einem Zeitpunkt, als niemand mehr den wahren Charakter des Regimes ignorieren kann. Nach der völkerrechtswidrigen italienischen Besetzung Äthiopiens bietet er sogleich seine Dienste an, um Addis Abeba in eine Kolonialhauptstadt zu verwandeln. Ähnlich diensteifrig zeigt er sich gegenüber dem Vichy-Regime: Schon am 3. Juli 1940, zwei Tage nach Pétain, trifft er in dem Kurort ein, zwischen Januar 1941 und Juli 1942 lebt er regulär dort. "

In der Welt unterhält sich Hannes Stein mit dem Historiker Benjamin Carter Hett, der unabweisbare Belege dafür gefunden haben will, dass nicht Marinus van der Lubbe 1933 den Reichtstag anzündete. "Es waren die Nazis."

In einer Ausstellung über Triest erlebt Thomas Steinfeld in der SZ, wie aus der modernen, selbstbewussten und zentraleuropäischen Stadt ein Ort der Vergangenheit in der Provinz wurde.
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Überwachung

Sehr kritisch kommentiert Christian Stöcker bei Spiegel online den neuen Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Vorratsdatenspeicherung, der der Polizei ohne richterliche Anordnung eine Menge Einblicke gestattet: "Echte, rechtsstaatlich abgesicherte Anonymität im Internet wird es mit diesem Gesetzentwurf ... nicht geben. Mit einer gewichtigen Ausnahme: All denjenigen nämlich, die sich technisch zu helfen wissen."
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Ideen

In der SZ annonciert Johan Schloemann das Kölner Philosophie-Festival phil.Cologne, das vielleicht eher ein allgemeines Nachdenken über brennende Fragen sei, aber keinen Spott verdiene. Und schon gar nicht von einer Disziplin, die so wenig Fortschritt zustande bringt: "David Chalmers sagt: "Konsens in der Philosophie ist genauso schwer zu erreichen wie eh und je, und entscheidende Argumente sind so rar, wie sie es schon immer waren. Für mich ist das die größte Enttäuschung in der Praxis der Philosophie.""
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Gesellschaft

Andreas Platthaus fürchtet in der FAZ, dass die Befürworter der Homoehe von heute zu den Moralaposteln von morgen werden: "Tatsache aber ist, dass jetzt deren Propagandisten mit dem Anspruch einer höheren Wahrheit argumentieren, die jedoch auch nicht mehr zu bieten hat als früher ihre Gegner: Moral. Damit ist nichts gegen Moral gesagt und auch nicht behauptet, dass es gute Gründe gegen die Gleichstellung gäbe." Der Vatikan äußert sich laut Spiegel online noch klarer und nennt die Homoehe eine "Niederlage für die Menschheit". Kann es sein, dass der Vatikan die katholische Kirche mit der Menschheit verwechselt?
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