9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Skandal, ein Hype, ein heißer Stoff

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.01.2015. Habemus Aktiengesellschaft. Der Balzac-Roman um Suhrkamp hat ein glückliches Ende gefunden. Ulla Unseld-Berkéwicz erklärt ausführlich in der Zeit, warum sie darüber so froh ist. Die SZ hofft auf Öffnung neuer diskursiver Echoräume. In Zeit online plädiert Simon Urban für eine Trennung von Staat und Religion in Deutschland. Die NZZ kann es nicht fassen, dass amerikanische und britische Zeitungen die Karikaturen von Charlie Hebdo nicht abgedruckt haben. Die Debatten über Pegida gehen weiter.

Kulturmarkt

Habemus Aktiengesellschaft, jubelt es in allen Feuilletonredaktionen, und zwar endgültig! (in der taz heißt es dagegen: "Für Suhrkampf stehen die Aktien gut".) Der lang erstrittene Wandel Suhrkamps von der Kommanditgesellschaft zur neuen Rechtsform ist abgeschlossen. Die wichtigsten Informationen: Ulla Unseld-Berkéwicz wechselt in den Aufsichtsrat, an die Verlagsspitze kommt Jonathan Landgrebe, und die Wella-Milliardäre Ulrich und Sylvia Ströher steigen mit großen Finanzspritzen ein, halten sich aber zugunsten der Unseld-Familienstiftung vornehm zurück.

In diesem Szenario wittert Sandra Kegel (FAZ) einen "Balzac-Roman". Der Abschluss der langen Auseinandersetzungen markiert für sie eine "Zäsur": Der wichtigste Traditionsverlag des deutschen Geisteslebens "ist dabei, sich ganz neu zu definieren." Dass mit Landgrebe ein Wirtschafter an die Spitze kommt, ficht sie nicht an: "Auch Siegfried Unseld war ein genialer Kaufmann und hat das nie verheimlicht."

Auch Lothar Müller sieht im SZ-Kommentar den Verlag im Wandel. Die neue Spitze schwört er darauf ein, sich der "Suhrkamp Kultur" wieder klarer anzunehmen und zu konturieren: "Im öffentlichen Reden über Literatur ist es oft so, dass sie allenfalls dann gefragt ist, wenn sich an ihr etwas demonstrieren lässt, bei dem man zugleich von ihrer Innenwelt, den Formen absehen kann: ein Skandal, ein Hype, ein heißer Stoff. Die diskursiven Echoräume, von denen die Literatur umgeben ist, sind nicht kleiner geworden, aber sie haben sich strukturell verändert."

Für die in den Feuilletons wenig gelittene Barlach Holding ist die Ströher-Investition kein gutes Zeichen, erklärt Jörg Sundermeier (taz) in seinem Abriss über die neue Situation: Künftigt wird die Holding "über Vorgänge lediglich informiert und kann kaum noch etwas bestimmen."

In der Zeit erklärt Ulla Unseld-Berkéwicz in einem langen Interview mit Adam Soboczynski die neue Verlagsstruktur und schildert die Bedeutung ihrer acht Jahre währenden Auseinandersetzung mit dem Minderheitsgesellschafter Hans Barlach, in der sie einen symbolischen "Krieg des Kapitals gegen den Geist" sieht: "Wenn wir mit der Rettung des Verlags gescheitert wären, wenn es tatsächlich möglich geworden wäre, sich der Rechte von Suhrkamp-Autoren als Verschiebemasse zu bedienen, sie als Wucherelement auf den Marktplatz zu werfen, wäre das ein Signal an Amazon und die Besinnungslosen unter den Konzernen gewesen und hätte Veränderungen eingeleitet, die wir uns jetzt noch gar nicht vorzustellen vermögen."
Archiv: Kulturmarkt

Europa

Der marokkanische Autor Fouad Laroui erklärt im Rue89, warum man nicht Muslime auffordern sollte, sich "als Muslime" zu den Pariser Massakern zu äußern: Dagegen spreche das republikanische Modell Frankreichs: "Es ist das beste Modell. Ich bin gegen das kommunistaristische Modell der Niederlande, wo ich arbeite, oder Großbritanniens, wo ich mehrere Jahre gelebt habe. Im republikanischen Modell gibt es keine Communities, es gibt Individuen. Jeder ist verantwortlich für seine Taten und äußert sich als Bürger, nicht über den Weg einer Community. Wenn man die Meinung einer religiösen Autorität horen will, kann man sie fragen, aber mit welchem Recht fordert man von einem Individuum, etwas "in seiner Eigenschaft als Muslim" zu tun?"

Michael Wolffsohn widerspricht Hannes Stein, der die Juden Europas in der Welt aufgefordert hatte, ins sichere Amerika auszuwandern (unser Resümee): "Es gab in den letzten Jahren auch in den Vereinigten Staaten antisemitische Vorfälle, allerdings noch keine terroristischen. Doch auch in Amerika werden Juden die ersehnte Sicherheit nicht finden, denn Juden sind in Gefahr, weil die freie Gesellschaft von außen und innen bedroht wird. Wenn und wo Juden bedroht sind, ist die offene, freiheitliche Gesellschaft bedroht. Die Juden sind nur ein Zeichen für die Dauergefahr, in der sich die offene Gesellschaft befindet. Überall und immer."

Weiteres: In der Zeit porträtiert Georg Blume den französischen Rechtspopulisten Eric Zemmour, dessen Buch über den "Franzöischen Selbstmord" ein Sarrazin-ähnlicher Skandalerfolg war.
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Gesellschaft

"Es wird nicht mehr zugehört. Das besorgt mich", schreibt Christian Thielemann, der Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle, in der Zeit und meint damit nicht die Konzertbesucher, sondern die pauschale Ablehnung der unter dem Begriff Pegida versammelten Wut, Sorgen und Ängste. Für ihn reagieren die Demonstranten auf eine Politik, der die bürgerlichen Werte abhanden gekommen sind: "Ich würde mir wünschen, dass am Berliner Humboldt-Forum (oder an der Dresdner Frauenkirche) 99 Thesen zu unseren bürgerlichen Werten prangten. Für alle zugänglich, jederzeit nachzulesen."

Ebenfalls in der Zeit sieht Soziologe Heinz Bude vor allem gut Qualifizierte, die es zu nichts gebracht haben und die in den neuen Ländern vor sich hinmuckeln, als gefährlichstes Potenzial von Pegida: "Diese Menschen leiden unter einem fast existenziellen Neid."

Nach dem Anschlag in Paris fürchten heute auch in München Juden um ihre Zukunft in Deutschland, berichtet Jakob Wetzel in der SZ. Denn auch hier hätten in den letzten Jahren antisemitische Vorfälle zugenommen, zitiert Wetzel Charlotte Knobloch: "Erst vor einem halben Jahr hatten Radikale in München während einer Demonstration gegen den Gaza-Krieg Parolen wie "Tod den Juden" skandiert. Gebrüllt hätten keineswegs nur junge radikalisierte Muslime, sondern auch Rechtsextreme, Linke und Menschen aus der bürgerlichen Mitte, sagt Knobloch. "Sie alle eint ein gemeinsames Feindbild: wir Juden.""

Außerdem: Was macht Gruppen schlau? Das MIT hat es in mehreren Studien bestätigt bekommen: Frauen.
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Archiv: Gesellschaft

Medien

In der NZZ kann es Milosz Matuschek nicht fassen, dass amerikanische und britische Zeitungen die Karikaturen von Charlie Hebdo nicht abgedruckt haben: "Wer auf eine Karikatur verzichtet, bloß weil sie eine Provokation sein könnte, Blasphemie gar, übernimmt bereits die Denkstruktur und das Wertegebilde derjenigen, die sich im Recht glauben, wenn sie darauf mit Kalaschnikows und rollenden Köpfen antworten. Man ist auf die Errungenschaft der Satire entweder nicht stolz oder sich der eigenen Rechte nicht bewusst, und empfindet schon das eigentlich Selbstverständliche als Affront. Wenn wir selbst nicht wissen, wofür wir warum stehen sollten, dann haben längst andere darüber entschieden, wofür wir zu stehen haben."

Mona Sarkis untersucht für die NZZ arabische Parodien auf den IS, die es zwar reichlich gibt, die aber wenig Biss zu haben scheinen. Man setzt sie vor allem als Instrument gegen andere ein: "Folgt man etwa dem palästinensischen al-Filastiniya TV, dann stehen die sunnitischen Fanatiker offenbar in keinerlei Beziehung zu jenem religiösen Wahn, den sunnitische Kleriker quer durch die ganze Region mit Klauen und Zähnen verteidigen. Vielmehr sind sie eine reine Ausgeburt von Zionisten und Imperialisten, die die Region weiter in den Abgrund treiben wollen. So schießen in einer Show des Senders IS-Kämpfer sämtliche Checkpoint-Passanten nieder, lassen einen Israeli aber unbehelligt. ... Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, doch auch so wird bereits klar: Die arabischen Parodien zeugen zwar von Mut gegenüber dem IS, aber keineswegs von Subversivität gegenüber ihren jeweiligen Führern. Vor allem der muslimische Konfessionalismus bleibt unangetastet."

Und eine kleine Meldung aus der taz: "Zur Handball-WM in Katar wurden nicht nur Fans, sondern auch Journalisten eingeladen - auf Kosten des Internationalen Handballverbands. Allein aus Deutschland haben 20 Medienvertreter das fragwürdige Angebot angenommen."

Weitere Artikel: Auch die Türkei hat einen Whistleblower, berichtet Spon, der unter dem Decknamen Fuat Avni Informationen aus dem innersten Kreis von Erdogan verbreitet. China nutzt das Massaker bei Charlie Hebdo, um seine muslimische Minderheit zu unterdrücken, berichtet Matt Schiavenza in der New Republic: ""Die Welt ist verschiedenartig und es sollte Grenzen in der Pressefreiheit geben", schrieb der Chef des Pariser Büros der Nachrichtenagentur Xinhua, Ying Qiang. "Uneingeschränkte, gewissenlose Satire, Demütigung und Meinungsfreiheit sind nicht akzeptabel."" Marc Zitzmann stellt in der NZZ das französische Online-Magazin Mediapart vor, das trotz Bezahlschranke mit seinem investigativen Journalismus erfolgreich ist. ARD-Vorsitzender und NDR-Intendant Lutz Marmor sieht im FAZ-Gespräch kein Problem mit der Glaubwürdigkeit der Medien: "Siebzig Prozent Zustimmung erhalten wir übrigens auch auf die Frage, ob der NDR sein Geld wert ist." Christoph Bommarius nutzt in der FR den Austieg Michael Mierschs aus der Achse des Guten für eine kleine Kopfnuss gegen den so hassgeliebten Henryk Broder: "Henryk M. Broder hat schon vor Jahren in den Ressentiments von Pegida seine geistige Heimat gefunden."
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Politik

In einem hat Pegida Recht, meint der Autor Simon Urban bei Zeit online. Muslimische Religionsführer werden immer mehr auf eine Gleichstellung mit den christlichen Kirchen drängen, alles andere wäre Diskriminierung. Urban würde allerdings eine andere Lösung bevorzugen: "die strikte Verbannung jedweder Religion ins Privatleben und die überfällige Etablierung eines rigorosen Laizismus, der alle Glaubensgemeinschaften in Deutschland gleichstellt. Und zwar indem er Katholiken, Protestanten und Muslimen gleichermaßen jede finanzielle Zuwendung von Seiten des Staates, jede Übernahme staatlicher Aufgaben sowie sämtliche rechtlichen Sonderstellungen verweigert. Und der jeden Anspruch von Bischöfen und Imamen, sich über reine Kirchenarbeit hinaus in das öffentliche Leben eines säkularen Landes einzumischen, entschieden zurückweist." Dafür, meint Urban, würde es sich wirklich lohnen, auf die Straße zu gehen.

Die deutsche Politik steht vor großen Reisen inklusive großer Wirtschaftsdelegationen nach Saudi-Arabien. Die Zeit verspricht nicht locker zu lassen und ab jetzt jede Woche über die Auspeitschungen des Bloggers Raif Badawi zu berichten.
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Ideen

Heute tagt in Paris ein prominent besetzter Kongress über "Heidegger und die Juden". Reden werden Alain Finkielkraut, Bernard-Henri Lévy und viele andere. Jürg Altwegg gibt in der FAZ einen Überblick über die höchst komplexe Gemengelage der Heidegger-Diskussion in Frankreich.
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Überwachung

Behörden müssen digitale Verschlüsselungssysteme jederzeit aushebeln können, zur Not, indem Internetkonzerne gezwungen werden, die Schlüssel auszuhändigen. Das fordert ein neues Papier des Anti-Terror-Koordinators der EU, Gilles de Kerchove, berichtet Johannes Boie in der SZ: "Der Text beginnt nach einigen formellen Floskeln mit dem Satz, der alle weiteren Seiten rechtfertigen wird: "In Europa besteht nie gekannte, mannigfaltige und sehr ernsthafte Terrorgefahr." Die Gefahr besteht zweifellos. Sie zum Teil dieser Argumentation zu machen, erlaubt es, Kritiker einer strikten Überwachungsinfrastruktur als verharmlosend, wenn nicht als Wegbereiter neuen Terrors zu brandmarken. Umgekehrt ermöglicht die Argumentationsmechanik es, noch das radikalste Aushebeln von Datenschutz und Privatsphäre als notwendige politische Aktion zu verkaufen."
Archiv: Überwachung