9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2020 - Kulturmarkt

Die Geschäfte der digitalen Frankfurter Buchmesse scheinen gar nicht so schlecht zu laufen, weiß Felix Stephan in der SZ, aber intellektuelle Debatten oder gesellschaftliche Fragen werden so nicht aufgeworfen: "Der Preis für diese tabellarische Scheingewissheit besteht darin, dass das Buch seine Rolle als Leitmedium gesellschaftlicher Selbstverständigung einbüßt und sich die Buchbranche von der Öffentlichkeit entkoppelt. Wie das aussieht, führt der US-amerikanische Buchmarkt vor: Die Geschäfte laufen, internationale Megabestseller wie zuletzt Michelle Obamas Autobiografie machen Aktionäre glücklich, spektakuläre Übernahmen bringen hochprofitable Verlagskonzerne hervor... Mit einem kontinentaleuropäischen Verständnis von Öffentlichkeit, von kritischem Geist und intellektuellem Bewusstsein hat das nicht besonders viel zu tun."

In der FAZ berichtet Andrea Diener ein wenig erschöpft von vier Tagen virtuellen Messebetriebs: "In der Praxis stellte sich aber heraus, dass es einem nur bedingt guttut, stundenlang auf viergeteilte Bildschirme zu starren, in denen Köpfe mit knarzenden Mikros Zahlen referieren. Ja, die Inhalte werden nach wie vor verhandelt, die Arbeit ist die gleiche geblieben, aber der ganze Spaß fehlt." Die kümmerlichen Reste der realen Buchmesse haben ihren FAZ-Kollegen Kai Spanke dagegen nur deprimieren können: "Präsenz - das ist die theoretisch längst bekannte, nun aber körperlich spürbare Lektion - bedeutet mehr als bloße Anwesenheit. Es handelt sich um ein im besten Sinne aufdringliches Miteinander, das aus bloßen Begebenheiten Ereignisse macht. Allerdings funktioniert das nur mit Rummel und Gerempel. Diesmal kann man auf den Gängen der Festhalle dem Nichts beim Nichten beiwohnen. In der taz schickt Ulrich Gutmair Eindrücke. Welt-Kritikerin Mara Delius fehlen irgendwie "das Reden, das Lästern, die zufälligen Begegnungen, schönen Entdeckungen und plötzlichen Peinlichkeiten".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.10.2020 - Kulturmarkt

Berthold Seliger, selbst Veranstalter und Agent, schildert bei Telepolis die Schwierigkeiten der Kulturbranche mit Covid 19, die sich für einige schon zur Katastrophe ausgewachsen haben. Nicht für die ganz großen wie Eventim und nicht für die subventionierten, denen vom Staat unter den Arm gegriffen wird. Sehr wohl aber für die privaten und mittelständischen. Nur ein Aspekt: "Die etwa 700.000 soloselbständigen Kulturarbeiter*innen - also zum Beispiel Bühnenarbeiter*innen, Stagehands, Securities, Roadies, Catering-Kräfte, Tourmanager*innen, Busfahrer*innen oder Ton-, Licht- und Backline-Techniker*innen - erfahren praktisch keine Unterstützung und müssen sich mit Hartz-IV durchschlagen. Je länger der Konzert-Shutdown im Bereich der Zeitkultur andauert, desto mehr dieser Kulturarbeiter*innen werden sich andere Jobs suchen müssen und in Zukunft der Konzertszene nicht mehr zur Verfügung stehen und somit das Veranstalten von Konzerten erschweren, wenn nicht unmöglich machen."

Etwas ängstlich blickt Lothar Müller (SZ) auf die Frankfurter Buchmesse, die in diesem Jahr nur digital stattfinden wird: "In der diesjährigen Special Edition können die internationalen und heimischen Verlage testen, wie gut der Rechtehandel, der ohnehin nicht auf die Tage in Frankfurt beschränkt ist, auf den von der Messe entwickelten digitalen Plattformen oder in unmittelbarer Fernkommunikation funktioniert. Nicht unwahrscheinlich, dass sie, wenn im kommenden Jahr wieder Präsenzmesse sein kann, geschrumpft sein wird. Für die Verlage ist die Buchmesse als Präsenzmesse nicht zuletzt ein Kostenfaktor, nicht nur wegen der Stand-, sondern auch wegen der Hotelkosten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2020 - Kulturmarkt

Mit Bangen blickt Andreas Platthaus in der FAZ auf  die morgen beginnende virtuelle Buchmesse: "Die Buchmesse hat sich in eine Lose-lose-Situation hineinmanövriert: Sollte ihr virtuelles Alternativprogramm zum klassischen Messebetrieb - 'weltweit empfangbar und kostenfrei' - ein Erfolg werden, hat sie sich selbst abgeschafft; enttäuscht es Partner und Publikum, ist auch das Ansehen der klassischen Messe beschädigt." Für Paul Jandl in der NZZ hat die virtuelle Buchmesse immerhin den Vorteil, "dass es weniger kranke und noch viel weniger gekränkte Autorinnen und Autoren geben wird".

Außerdem berichtet Jens Uthoff in der taz über eine Konferenz der Grünen zur Not der Veranstaltungswirtschaft.
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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2020 - Kulturmarkt

Für den Buchhandel ist der Literaturnobelpreis für Louise Glück (mehr bei efeu) kein Grund zu feiern, weiß Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Normalerweise verpasst der Preis dem Handel einen Schub, von Glück sind allerdings gerade mal zwei Bände ins Deutsche übersetzt worden, die derzeit beide nicht lieferbar sind: "Die Umsätze des Handels sind in den ersten sechs Monaten 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwischen zwanzig und dreißig Prozent zurückgegangen. Auch die Verlage haben im ersten Halbjahr Verluste von bis zu zwanzig Prozent hinnehmen müssen und die Veröffentlichung von Titeln verschoben. Jetzt versucht man, aufzuholen, hofft wie stets auf das Weihnachtsgeschäft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2020 - Kulturmarkt

Die große Buchhandelskette Thalia hat einem chinesischen Staatsunternehmen ganze Regale für Propaganda zur Verfügung gestellt. Bücher mit Kritik an China gab es dort nicht (unser Resümee, die Kette hat reagiert und ihre Präsentation neu arragiert). Viele wurden sich erst jetzt bewusst, dass Buchhandelsketten so etwas überhaupt tun, schreibt Wolfgang Tischer im Literaturcafé: "Erst durch die Diskussion um die staatlichen Propagandabücher bei Thalia, wurde vielen bewusst, dass es bei den großen Buchhandelsketten üblich ist, Bücher und Aktionsflächen gegen Geld zu platzieren. Der vermeintliche Bücher-Tipp ist bisweilen gar keiner, stattdessen fließen vier- oder fünfstellige Beträge von den Verlagen an die Buchkette. Verlage können so die Sichtbarkeit ihrer Bücher steigern. Selbst Bestseller können so in den Listen weiter nach oben gebracht werden."
Stichwörter: Thalia

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2020 - Kulturmarkt

Die Buchhandelskette Thalia stellt Buchregale für chinesische Propaganda zur Verfügung, berichtet Christian Burmeister bei RND.de. In der Filiale Berlin Alexanderplatz gebe es einen großen Bereich mit frommer Literatur über das heutige China. Kritische Bücher über China finde man zwar auch - aber ganz woanders in der Buchhandlung. Und zu Taiwan nichts. "Auf die Fragen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) schickt der Buchhändler nur ein knappes Statement: 'Vor allem als Service für die wachsende chinesische - beziehungsweise China-Interessierte - Community in Deutschland, testet Thalia in Zusammenarbeit mit China Book Trading ein chinesisches Buchsortiment.' Der Test laufe ausschließlich in Berlin, Hamburg und Wien, zeitlich begrenzt. 'Unsere chinesischen Partner schlagen Bücher vor, die vom Thalia Sortimentsmanagement geprüft und freigegeben werden.' 'China Book Trading' gehört zu 100 Prozent der Kommunistischen Partei Chinas und untersteht ihrer Kontrolle." Laut Spiegel online wurde dieses Statement von Thalia später korrigiert: "Auf Nachfrage erklärte eine Thalia-Sprecherin zunächst, dass dieses Sortiment in Zusammenarbeit mit einer Firma namens China Book Trading entstanden sei. Am Freitagnachmittag korrigierte sie das Statement, es habe einen 'Übertragungsfehler' gegeben. Der korrekte Name des Partners laute China National Publications Import and Export (Group) Corporation, kurz CNPIEC." Mehr im ZDF (hier).
Stichwörter: Thalia

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2020 - Kulturmarkt

Die Frankfurter Buchmesse wird sich "dauerhaft verändern", erklärte Buchmessen-Direktor Juergen Boos der dpa, wie der Tagesspiegel meldet. "Volle Messehallen, Gedränge in den Gängen, Besucherrekorde - 'das werden wir so schnell nicht wieder erleben'." In der Berliner Zeitung befürchtet Cornelia Geißler, dass damit das Ende der Buchmesse überhaupt eingeläutet wird. Denn: "Wer einmal ausgesetzt hat, wird sich hinterher fragen, ob der Verzicht teurer war als der ansonsten zu zahlende Messestand sowie Reise- und Hotelkosten. Nicht diskutiert wird dabei bisher die Bedeutung der Buchmesse als politischer Ort. Immerhin fehlt nun auch der direkte Kontakt zu Autoren und Verlagsleuten aus Ländern mit Zensur. Es fehlen Podiumsdiskussionen zu brennenden Fragen und andere Formen der Themensetzung."

Auch Gerrit Bartels fragt sich im Tagesspiegel, ob man die Frankfurter Buchmesse noch braucht, wenn sie nicht mehr Messe, sondern Literaturfestival ist: Denn "wie unterscheidet sich ein Literaturfestival in Frankfurt von anderen in Deutschland? Zum Beispiel von dem Internationalen Literaturfestival in Berlin, das trotz Corona immer noch noch ein internationales ist. ... Dass das ursprüngliche Messegeschehen, das, bei dem es ums Geschäft geht, um Verträge, um Abschlüsse für neue Bücher, ins Netz wandert, diese Entwicklung gibt es lange. Nur könnte es sein, dass es nun noch weniger Gründe gibt, eben auf eine 'Buchmesse' nach Frankfurt zu fahren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2020 - Kulturmarkt

Mit der späten Absage rächt sich der frühe Mut der Frankfurter Buchmesse (mehr hier) erkennt Andreas Platthaus in der FAZ, aber er sieht darin auch das Ergebnis eines Machtspiels: "Im Vorfeld der Entscheidung für die Durchführung hatte sich die Frankfurter Messeleitung auf Absprachen mit den vier in Deutschland dominierenden Buchkonzernen beschränkt - Holtzbrinck, Random House, Bonnier und Droemer-Knaur -, die aber alle gar nicht selbst zur Messe wollten. Seltsamerweise dachte man in Frankfurt, das Fernbleiben all der in diesen Konzernen vereinten Verlage machte nichts aus, solange man deren Zusicherung hatte, sich am virtuellen Messeprogramm zu beteiligen. Das war ein Affront gegen die kleineren Verlage. Die reagierten anders als in Frankfurt erwartet: Statt sofortiger Standbuchungen kamen Absagen."
Stichwörter: Frankfurter Buchmesse

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2020 - Kulturmarkt

Vermutlich liegt der aktuelle Erfolg des Sachbuchs daran, dass die lesefreudige Generation der Babyboomer in den Ruhestand geht, glaubt C.H. Beck-Verleger Jonathan Beck im Welt-Gespräch mit Marc Reichwein. Konkurrenz durch die Wikipedia für seine von anderen Verlagen kopierte, kompakte Reihe "C.H. Beck Wissen" sieht er nicht: "Für eine besondere Zugangsweise und einen methodischen roten Faden steht ein einzelner Autor besser ein, als es eine Faktensammlung je könnte, zumal sich die kollektive Autorschaft manchmal in Gefechten verliert. Bei Wikipedia habe ich Deutungskämpfe, bei einem 'Wissen'-Buch die Deutung und die Fakten, die eine führende Expertin oder ein führender Experte für ein Thema für relevant hält - und die er oder sie mir verbindlich präsentiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2020 - Kulturmarkt

Die diesjährige Frankfurter Buchmesse wird wohl zu einer recht bescheidenen Veranstaltung, berichtet das Branchenblatt Buchreport: "Bis zum vergangenen Wochenende konnten Standbuchungen kostenlos storniert werden. Mittlerweile sollen offenbar noch 750 Aussteller verblieben sein. Das sind nur 10 Prozent der sonst üblichen Ausstellerzahl. Anfang Juni hatte Messechef Juergen Boos noch 30 Prozent der üblichen Ausstellerzahl als Hausnummer für die 'Sonderedition' ausgegeben und von einer 'europäischen Buchmesse' gesprochen."