9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2022 - Kulturmarkt

Siv Bublitz verlässt den Fischer Verlag, an ihrer Stelle soll Oliver Vogel verlegerischer Geschäftsführer werden, meldet Felix Stephan in der SZ. Stephan versteht den Wechsel als "programmatische Kehrtwende": "Siv Bublitz... war vor allem als streng betriebswirtschaftlich denkende Saniererin und Change Managerin bekannt. Unter ihrer Führung reduzierte der Verlag die Zahl seiner Veröffentlichungen und fuhr das ruhmreiche Sachbuchprogramm zurück. Der Katalog wurde handlicher, das literarische Programm unterhaltsamer und das messbare Publikumsbedürfnis rückte ins Zentrum der publizistischen Tätigkeit. Langjährige Hausautoren wie Monika Maron und Thomas Brussig verließen den Verlag im Streit, andere, wie die spätere Buchpreisträgerin Anne Weber, gingen lautlos. Jetzt geht auch die Verlegerin, 'wegen unterschiedlicher Auffassungen über die weitere Entwicklung der Verlage', wie es in der Mitteilung heißt. Oliver Vogel war mehr als zwei Jahrzehnte Lektor für deutsche Gegenwartsliteratur bei S. Fischer, davon lange Programmleiter. In dieser Zeit hat er sich den Ruf erworben, den Bedürfnissen der Autoren und der Literatur jenen des Marktes im Zweifel stets den Vorrang einzuräumen."

In der FAZ sieht Andreas Platthaus das ähnlich, betont aber, dass die mit der Person Bublitz verbundenen wirtschaftlichen Erfolge ausblieben: "Stattdessen litt der Ruf des Hauses, vor allem durch die von Bublitz betriebene Trennung von der langjährigen Fischer-Autorin Monika Maron im Herbst 2020. Man muss dieses breit kommentierte Ereignis wohl als Beginn der Entfremdung von Bublitz und der Konzernspitze in Gestalt von Monika Schoellers Halbbruder Stefan von Holtzbrinck sehen, die dort ein abermaliges Umdenken auslöste: volle Fahrt zurück zur Zeit vor Bublitz. Das ist das Eingeständnis eines Irrwegs. Nicht Siv Bublitz ist gescheitert, sondern die Konzernvorstellung eines gewandelten S.-Fischer-Verlags. Angesichts von dessen großer Vergangenheit ist das erfreulich, ein Zugeständnis an literarische Qualität."

In der FAS springt Julia Encke der zuletzt in die Kritik geratenen Transformationsforscherin Maja Göpel zur Seite, sie kann an ihr nichts Anstößiges finden, im Gegenteil: "Wer die öffentlichen Auftritte von Maja Göpel seit einigen Jahren verfolgt, kann feststellen, dass sie in Konfliktsituationen besonders brillant ist."
Stichwörter: Fischer Verlag, Bublitz, Siv

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2022 - Kulturmarkt

Tobias Timm und Stefan Koldehoff erzählen in der Zeit "Tim und Struppi"-hafte Geschichten um verschwundene Mumien, Goldsärge und hieroglyphenverzierte Stelen,die im arabischen Frühling bei Raubgrabungen entdeckt worden waren und über einen Hamburger Galeristen und verschiedenene deutsche Museen liefen, bevor sie bei der Polizei aktenkundig wurden: "Mit deutschen Museen hatte der Galerist über Jahrzehnte offenbar ein System aufgebaut, das für ihn und die Museen in vielerlei Hinsicht vorteilhaft war: Der Galerist lieh seine Ware oder Teile seiner Sammlung an verschiedene ägyptische Museen in Deutschland aus, die sich mit den Stücken schmücken und an ihnen forschen konnten." Die Affäre hat internationale Weiterungen, auch ein hoher Louvre-Beamter kam in Haft.
Stichwörter: Kunstraub, Antikenschmuggel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2022 - Kulturmarkt

Die Energie- und Papierpreise explodieren, das pandemiebedingte Umsatzplus im Buchhandel pendelt sich wieder auf das niedrige Vor-Corona-Niveau ein, dazu kommen unzählige Remissionen, schreibt Herbert Ohrlinger, Leiter des Zsolnay Verlags, im Freitag: "Nicht nur Amazon, aber vor allem Amazon sendet im großen Stil Remissionen, also bei den Verlagen georderte Bücher, die nicht verkauft wurden, zurück. Es handelt sich um Rekordwerte von 30 Prozent und mehr des Jahresumsatzes einzelner Verlage. (…) Nicht verkaufte Bücher werden nämlich (nach immer kürzer werdenden Fristen) auf Kosten der Verlage zurückgeschickt. Mit einer gewissen Verzögerung werden diese sogenannten Remissionen bilanzwirksam und enthalten ein beträchtliches Risiko, sofern sich die Balance verschiebt."
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Stichwörter: Buchhandel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2022 - Kulturmarkt

Hans-Georg Maaßen arbeitet seit Jahren für den C.H. Beck Verlag am Grundgesetz-Kommentar "Epping/Hillgruber" und ist dort ausgerechnet fürs "Asylrecht" zuständig. Der Staatsrechtler Stefan Huster, ein Co-Autor, "hat dem Verlag die Mitarbeit aufgekündigt - weil Maaßen das Narrativ der Systemgegner bediene und er dies nicht hoffähig machen wolle", schreibt Wolfgang Janisch auf den Meinungsseiten der SZ und fordert: "Der C.H. Beck-Verlag sollte sich selbst und der Gesellschaft den Gefallen tun, sich schleunigst von diesem Autor zu trennen. Hans-Georg Maaßen ist als Kommentator des Grundgesetzes untragbar. Das gilt für Artikel 16 (Ausbürgerung, Auslieferung) und noch mehr für Artikel 16a (Asylrecht), die er derzeit kommentiert, aber es gilt für jeden anderen Artikel. Einem wie Maaßen darf man die Deutung der Verfassung nicht anvertrauen. (…) Maaßen muss weg, weil juristische Kommentarwerke zu den Stützen des Rechtsstaats gehören. Dort geht es um verbindliche Interpretationshilfen, die hohe Autorität genießen. (…) Damit ist ein Autor nicht geeignet, der gegen Andersdenkende und Minderheiten agitiert." Der Beck-Verlag will sich nicht von Maaßen trennen, deshalb fordert Janisch einen gemeinsamen Brief der Co-Autoren: "Er oder wir".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2022 - Kulturmarkt

"Das bisschen Affäre" um Maja Göpel (Unser Resümee) hätte sich die Zeit sparen können, meint Paul Jandl in der NZZ: "Es ist ein surrealer Schwank über einen Wissenschafts- und Publikationsbetrieb, der sich normalerweise wenig Gedanken darüber macht, ob Bücher gut geschrieben sind. Das Sachbuch wird in einer Grauzone produziert, in der das Thema allemal wichtiger ist als stilistische Feinheiten. Dazu kommt, dass der, der sich auf einem Fachgebiet auskennt, nur selten auch ein guter Schreiber ist. Die Hüter akademischer Wissensschätze haben in Zeiten popularisierten Wissens mehr und mehr das Nachsehen. In der Zeit, in der jemand wie Maja Göpel Bücher zur ökologischen Weltbedrohungslage schreibt, hätte das deutsche Professorenwesen vielleicht gerade einmal seine Zettelkästen zusammengesucht."
Stichwörter: Göpel, Maja

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2022 - Kulturmarkt

Die "Transformationsforscherin" Maja Göpel, Autorin des Bestsellers "Unsere Welt neu denken", ist nicht die Autorin des Bestsellers. Da sie gesellschaftlich und beruflich so eingespannt war, hat sie das Buch vom Journalisten Marcus Jauer schreiben lassen, berichtet Stefan Willeke in der Zeit (auch die Zeit ist institutionell vielfach mit Göpel verbunden). Jauer wollte laut Willeke selbst nicht genannt werden. Da er aber die Hälfte des Honorars bekommen hat, hat er zumindest prächtig verdient, so Willeke. Göpel selbst sei zwar übrigens eine charismatische Person, aber eine schlechte Schreiberin: "Man benötigt nicht viel Sprachgefühl, um zu erkennen, wie stark sich das Buch von Göpels vorherigen Texten unterscheidet. Es steckt voller eingängiger Beispiele und wurde in der Ich-Form verfasst. 'Als ich Mutter wurde', auch darüber wird berichtet. Es beginnt mit einer spannungsreichen Szene in der Londoner U-Bahn - wie bei einer Reportage in einer Zeitung. Fragt man Maja Göpel, ob es im Buch Kapitel gebe, die ausschließlich sie selbst oder ausschließlich Jauer verfasst habe, dann antwortet sie: 'Nee, das gibt's beides nicht.'" Göpel hat für das Buch tolle Kritiken und renommierte Preise erhalten. Aber bei der schön gelegenen Denkfabrik "New Institute" in Hamburg, die sie schnell verlassen hat, hat sie wegen der Ghostwriterei offenbar Ärger bekommen.
Stichwörter: Göpel, Maja

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2022 - Kulturmarkt

Helmut Mayer berichtet in der FAZ über die Schwierigkeiten der Verlage mit dem immer häufiger zu hörenden Vorwurf des "Plagiats": "Urheberrechtsverletzungen im juristischen Sinn können bei Texten nur vorliegen, wenn zunächst die Vorlagen selbst 'schutzfähig' sind und der Autor noch nicht länger als siebzig Jahre tot ist. Geht es um die Schutzfähigkeit eines Textes oder einer Textpassage, kommt es letztlich darauf an, wie individuell sich bestimmte Formulierungen präsentieren, welche 'Schöpfungshöhe' sie besitzen." Software soll Texte nun durchleuchten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2022 - Kulturmarkt

Sarah Obertreis porträtiert für die Wirtschaftsseiten der FAZ den neuen Geschäftsführer des Börsenvereins, Peter Kraus vom Cleff, ehemals kaufmännischer Geschäftsführer von Rowohlt. Sein Job sei nicht leicht. Die Buchbranche leidet unter Corona-Nachwirkungen, Papier-Preisen und Kaufzurückhaltung. "Dabei sieht es auf dem Buchmarkt schon seit vielen Jahren nicht rosig aus. Der Umsatz bleibt bis jetzt zwar stabil - 2021 ist er zum vierten Mal in Folge leicht gestiegen auf 9,63 Milliarden Euro, aber die Zahl der Buchkäufer geht weiter zurück. Schon seit einem Jahrzehnt verliert die Branche Kunden. Der Börsenverein macht dafür auch den Aufstieg der sozialen Netzwerke und die großen Streamingportale verantwortlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2022 - Kulturmarkt

So wie Deepl und Google Translate den Übersetzern Kopfzerbrechen bereiten dürften, gibt es in der Branche der Sprecher und Vorleserinnen Sorge vor automatisierten Stimmen, berichtet Fridtjof Küchemann, der für die FAZ mit verschiedenen Akteuren der Branche gesprochen hat. Mit künstlicher Intelligenz und immer echter klingenden Stimmen wollen darauf spezialisierte Firmen ganze Kontinente bisher unvorgelesener Texte erobern. "Bei Polly, dem Text-to-Speech-Angebot der Amazon-Tochter AWS mit 68 Stimmen in dreißig Sprachen im Angebot, erlauben sogenannte SSML-Tags im für die maschinelle Sprachproduktion vorgesehenen Text die Steuerung und Korrektur von Atmung, Betonung oder sogar dem Timbre einer Stimme. Der Befehl lässt die Stimme scheinbar Luft holen, lässt sie flüstern."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2022 - Kulturmarkt

500 Jahre nach Erfindung des Taschenbuchs kommt die "Demokratisierung des Wissens" ausgerechnet durch Open-Access-Publikationen an ihr Ende, schreibt der Kulturwissenschaftler Jan Söffner in der NZZ. Durch digitale Übertragungswege sei der Preis für die Verbreitung von Texten faktisch auf null gegangen: "Gefördert wurde dieses Geschäftsmodell von der Politik wie auch von vielen Universitäten - und zwar dadurch, dass sie Open-Access-Publikationen, also digitale Gratispublikationen, einforderten. Sie verlangten damit unwissentlich, dass akademische Bücher in den Orkus irgendwelcher Massenspeicher versenkt und dort, wenn überhaupt, von akribisch suchenden Wissenschaftern aufgefunden werden sollten." Aber auch mit dem Gegenteil von Open Access, nämlich Wissenschaftsverlagen wie Elsevier kann Söffner nichts anfangen: "Der Preis für das Buch beziehungsweise die Online-Lizenzen wird so hoch gesetzt, dass die Universitäten, die zum Kauf verpflichteten Wissenschaftsbibliotheken und indirekt die Steuerzahler das Geschäft der Konzerne auch an dieser Stelle finanzieren." Die Antwort auf diese Problematik ist laut Söffner das Taschenbuch!