9punkt - Die Debattenrundschau

Die Hitze suchender Hass

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.01.2015. Papst Franziskus ist zwar gegen Massaker, aber er lässt nicht mit sich spaßen, wenn über Religion gespottet wird, hat er jetzt klargestellt. In Frankreich darf man das aber, meint die französische Justizministerin Christiane Taubira. Frankreich ist das einzige konservative Land mit revolutionärem Diskurs, meint Pascal Bruckner in der NZZ. Berliner Zeitung und SZ kritisieren die Dresdner Polizei, die über den Tod des Asylbewerbers Khaled I. gern ein bisschen gar nicht ermitteln wollte. Der New Yorker findet Pegida bedrohlich. Nicht nur im Netz, auch in Medien wird ganz schön viel Unsinn geredet, findet wirres.net.

Religion

Papst Franziskus lässt nicht mit sich spaßen, wie er auf einer seiner berühmten kleinen Reisepressekonferenzen klar gemacht hat, berichtet etwa Till Fähnders in der FAZ. Massaker an Spöttern lehnt er zwar ab, aber "wenn Dr. Gasbarri (der Reiseorganisator des Papstes), mein lieber Freund, meine Mama beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag. Denn man kann den Glauben der anderen nicht herausfordern, beleidigen oder lächerlich machen." (Das Charlie-Cover zeigt den Reisepapst in Brasilien, bereit, alles zu tun, um die Kunden zu bezirzen.)

Die französische Justizministerin Christiane Taubira ist anderer Meinung. In Frankreich "darf man alles zeichnen, auch einen Propheten" hat sie laut huffpo.fr bei der Beerdigung des Zeichner Tignous gesagt. "Denn in Frankreich, dem Land Voltaires und der Respektlosigkeit, hat man das Recht sich über alle Religionen lustig zu machen."

Viele angelsächsische Medien verzichten freiwillig darauf, ihr so geschätztes Recht auf freie Meinungsäußerung gegenüber Religionen auszuüben. Als Caroline Fourest bei Sky News in einem Interview über die Pariser Massaker das neue Titelblatt von Charlie Hebdo zeigen wollte, schnitt ihr die Moderatorin das Wort ab und entschuldigte sich bei den Zuschauern.



Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hat laut einem Bericht des Guardian noch einmal ganz klar gestellt, dass Beleidigung des Propheten in der Türkei nicht in Frage kommt: ""Pressefreiheit schließt nicht das Recht ein, den Propheten zu beleidigen" sagt Davutoğlu. "Menschen, die es vielleicht tolerieren, wenn ein Individuum beleidigt wird, reagieren beim Propheten ganz anders. Da die Türkei hier so empfindlich ist, ist ein Cartoon, der den Propheten beleidigt, ganz klar ein Akt der Aufhetzung.""

Meinungsfreiheit muss auf jeden Fall Grenzen haben, findet Mehdi Hasan, der im New Statesman "als Muslim mit der Heuchleiei der Meinungsfreiheit" aufräumen will: "Bringt denn Ihre Zeitschrift Karikaturen, die sich über den Holocaust lustig machen? Nein? Wie wär"s mit Karikaturen über Opfer des 11. September, die aus den Twin Towers fallen? Mir würde das nicht gefallen (und ich bin glücklich, dass es das nicht gab). Ziehen Sie auch das "Gedankenexperiment" Brian Klugs in Betracht. Stellen Sie sich vor, schreibt er, ein Mann hätte sich dem "republikanischen Marsch" am Sonntag am Paris angeschlossen und "hätte ein Schild mit dem Spruch "Je suis Chérif" getragen. Stellen Sie sich vor, setzt Klug hinzu, er hätte eine Zeichnung bei sich getragen, die sich über die ermordeten Journalisten lustig macht? "Wie hätte die Menge wohl reagiert."" Klar, sie hätte den Mann mit ihren Kalaschnikows sofort erschossen.

Mit einem neuen Gesetz reagiert Frankreich derzeit sehr hart auf alle Sympathiebekundungen für die Attentäter von Paris, berichten Doreen Carvajal und Alan Cowell in der New York Times, wogegen sich besonders unter den Muslimen viel Kritik regt. Denn ist das nicht auch eine Beschneidung der Meinungsfreiheit? "Die Ziele der Karikaturisten von Charlie Hebdo, so die Staatsanwaltschaft, waren Ideen und Konzepte. Wenn das mancher auch extrem fand, die Satire war breit gestreut. "Viele Leute sagen, es sei ungerecht, Charlie Hebdo zu unterstützen, aber Dieudonné zu zensieren", sagt Mathieu Davy, ein auf Medienrecht spezialisierter Anwalt. "Aber es gibt ganz klare Grenzen in unserem Rechtssystem. Ich habe das Recht, eine Idee, ein Konzept oder eine Religion zu kritisieren. Ich habe das Recht die Mächtigen in meinem Land zu kritisieren. Aber ich habe nicht das Recht, Menschen anzugreifen oder zur Gewalt anzustacheln.""
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Europa

Gestern veröffentlichte Pascal Bruckner zusammen mit anderen einen Text, der den Islam kritisierte (unser Resümee), nun kritisiert er im Interview mit Andreas Breitenstein und Barbara Villiger Heilig in der NZZ auch Frankreich: "Die schrecklichen Ereignisse der letzten Woche passierten mitten in einer schweren Krise Frankreichs... Dreieinhalb Millionen Arbeitslose. Alles sollte reformiert werden, doch das System ist gelähmt. Frankreich ist, neben Griechenland, der Patient Europas. Unser Konservatismus hat die paradoxe Eigenheit, sich als revolutionär zu verkleiden: Die Linke hört nicht auf, mit der Rhetorik des Fortschritts aufzutrumpfen. Dabei dient alles nur dazu, alte Privilegien aufrechtzuerhalten."

Hannes Stein kann in der Welt dem Vorschlag eines bekannten Rabbiners, europäischen Juden amerikanisches Asyl zu geben, durchaus etwas abgewinnen. Benjamin Netanjahu wurde in der Pariser Synagoge sogar von Juden begeistert empfangen, die ihm politisch fernstehen, schreibt Stein: "Aber dann stimmten die Leute in der Synagoge spontan nicht die israelische Nationalhymne, sondern die "Marseillaise" an. Wir sind stolze Franzosen, sollte das heißen. Wir lassen uns dieses Vaterland von keinem dahergelaufenen Mörder rauben. Allerdings muss man zugeben: Der Exodus der französischen Juden hat längst begonnen. Beinahe 7000 von ihnen sind anno 2014 nach Israel ausgewandert - doppelt so viele Leute wie im Vorjahr. Bei einer Umfrage unter 3833 jüdischen Franzosen stellte sich heraus, dass 74 Prozent von ihnen mit dem Gedanken spielen, das Land zu verlassen." Offenbar waren jüdische Einrichtungen auch von den belgischen Terroristen bedroht, die gestern bei eine Polizeirazzia ums Leben kamen, berichtet Spiegel Online.

In einer ausführlichen Reportage für den Guardian beschreibt Natasha Lehrer, was ein Auszug der Juden für Frankreich bedeuten würde.
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Internet

In der FAZ beklagt Evgeny Morozov laut die "Amerikanisierung des Internets", der nur Russland und China etwas entgegensetzen würden: "Man beachte den Unterschied: Russland und China wollen nur auf Daten zugreifen können, die von Bürgern ihres Landes innerhalb ihres Landes generiert worden sind, während die Vereinigten Staaten Zugriff auf alle Daten haben wollen, die irgendwo generiert werden, sofern sie von amerikanischen Unternehmen verarbeitet werden."
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Archiv: Internet
Stichwörter: Evgeny Morozov

Politik

Noch weiß niemand, wer den 20-jährigen Asylbewerber Khaled I. in Dresden getötet hat. Aber einige Fragen gibt es schon, meint Ulrike Nimz in der SZ: "Warum Polizisten eine Gewalttat ausschließen, wenn ein Mensch in einer Blutlache liegt. Warum eine gründliche Spurensicherung erst Stunden nach dem Leichenfund erfolgte. Und nicht zuletzt warum niemand etwas gehört oder gesehen haben will, trotz der vielen Fenster und Balkone." Für Christian Bommarius (Berliner Zeitung) grenzt das Verhalten der Polizei an "Strafvereitelung". Im Tagesspiegel beschreibt Matthias Meisner die ausländerfeindliche Stimmung in Dresden, die das Leben der Asylbewerber schon vor Khaled I.s Tod vergiftet habe.

Zwei unterschiedliche Wahrnehmungen eines derzeit von Pegida- und Anti-Pegida-Demonstrationen geprägten Deutschlands lesen wir im New Yorker und in der Zeit. Amy Davidson vom New Yorker findet die Stimmung hier eher bedrohlich: "Eine Debatte, in der die eine Seite "Nazi" schreit und die andere "Isis" wird nicht gut ausgehen für Deutschland oder Europa. ... Es gibt einen frei fließenden, die Hitze suchenden Hass in Europa. Noch ist er polymorph. Die Frage ist, welche Form er als nächstes annehmen wird."

In der Zeit erklärt dagegen die in London lebende deutschtürkische Journalistin Kübra Gümüsay: ""Seit Pegida hat sich die Stimmung gewandelt", bestätigen viele meiner muslimischen Freunde. Sie sind nicht mehr Statisten in Angstszenarien, sie werden nach ihrer Meinung gefragt und wahrgenommen. Das erste Mal wird über die Stellungnahmen und Kundgebungen, die muslimische Gemeinden seit etlichen Jahren verstalten, breit berichtet."

Wer finanziert den islamischen Terror? Vor allem Saudi-Arabien und Katar. Genau deshalb ist der Kampf gegen IS eigentlich kein militärischer, erklärt der britische General Jonathan Shaw im Telegraph: "Das verfehlt den Punkt. Ein Krieg, wenn er denn erfolgreich ist, löste einige unmittelbare taktische Probleme. Er löste das fundamentale Problem des wahabitischen Salafismus als Kultur und als Glaubensbekenntnis, der außer Kontrolle geraten und immer noch die ideologische Basis des IS ist - und der weiter existieren wird, auch wenn wir ihn im Irak stoppen."

Während die Saudis den IS finanzieren, haben sie absurderweise gleichzeitig riesige Angst vor ihm. So bauen sie jetzt eine hochgerüstete Anlage mit Zäunen, um die Grenze zum Irak zu sichern, berichtet Spon.
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Gesellschaft

Beat Stauffer schildert in der NZZ den miserablen Zustand des Bildungssystems in Algerien: "Im gesamten Maghreb ist das Misstrauen gegenüber dem staatlichen Bildungswesen mittlerweile so gross, dass fast die gesamte Elite ihre Kinder an - zumeist europäische - Privatschulen schickt. Entsprechend boomen diese Institute, welche für die grosse Masse der Bürger unerschwinglich sind. Dadurch wird eine soziale Segregation zementiert, welche für die Zukunft aller Maghrebstaaten fatal ist."
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Stichwörter: Algerien, Maghreb

Medien

Die FAZ verbreitet neuerdings gern wieder die Ansicht, dass das Internet an allem Schuld sei, ganz besonders die Kommentatoren, deren Anonymität so etwas die Burka im Netz sei, so Jasper von Altenbockum (unser Resümeee). Selbst Matthias Müller von Blumencron, Online-Chef der FAZ, sieht das Internet (mit Blick auf Verschwörungstheorien über das Pariser Massaker) als "Propagandavehikel für jede noch so obskure Theorie". Felix Schwenzel widerspricht bei wirres.net: "Zu behaupten, in Zeitungen stünde nichts als die Wahrheit oder Zeitungen und Zeitschriften seien "früher" mal ohne Skepsis und medienkritischer Haltung zu lesen gewesen ist aus meiner Sicht völlig unrealistisch. Auch Zeitungen haben in den letzten hundert Jahren Quatsch ohne Ende geschrieben. Die Hitler-Tagebücher hatten nichts mit dem internet zu tun." Mehr auch bei Gunnar Sohn.
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