9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Subjekt, das nicht spricht

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.01.2015. In Libération ruft Roberto Saviano die Politiker der EU zu einem europäischen Hearing über Meinungsfreiheit auf. In der Welt erklärt der Dichter Nikos Dimou das griechische Identitätsproblem. In der Berliner Zeitung macht Jagoda Marinic die deutsche Einbürgerungspolitik für die Pegida-Misere mit verantwortlich. Die Auspeitschung Raif Badawis ist möglicherweise gestoppt, Amnesty will aber noch nicht Entwarnung geben.

Europa

"Das gegenwärtige Europa vergisst, die Meinungsfreiheit zu verteidigen", ruft Roberto Saviano in einem längeren Text für Libération. Und er wendet sich an Politiker: "Vom Europäischen Parlament, den Staatschefs, von Matteo Renzi, Angela Merkel, François Hollande und David Cameron, erwarte ich, dass sie einen Monat nach dem Massaker bei Charlie Hebdo eine europäische Konsultation über jene abhalten, die die Meinungsfreiheit mit dem Leben bezahlen, die unter Polizeischutz leben müssen, die Drohungen und Angriffe erleiden, die erpresst und geschlagen werden. Europa soll sich versammeln und jenen zuhören, die im Namen der Kultur, der Kunst und der Information ihr Leben riskieren."

Weiteres zum Thema: In der SZ beschreibt Cengiz Aktar, wie die türkische Charlie Hebdo-Ausgabe zum Test für die Pressefreiheit im einst laizistischen Land werden könnte. Ebenfalls in der SZ fragt Andreas Zielcke dann doch noch mal: "Was soll Satire? Was darf sie?"

Der griechische Dichter Nikos Dimou erklärt im Interview mit der Welt, warum Griechen und der Rest Europas sich so oft missverstehen. Griechenland, sagt er, hat "die entscheidenden Entwicklungen, die Europa zu Europa gemacht haben, nicht mitgetragen. Griechenland hat keine Renaissance erlebt, keine Reformation, keine industrielle Revolution und keine Aufklärung. Die Griechen lebten tausend Jahre im feudalen Byzanz, darauf folgten vierhundert Jahre osmanische Regentschaft. Als Griechenland schließlich in die Moderne katapultiert wurde, war das ein Kulturschock. ... Meine Diagnose lautet: Wir Griechen haben ein Identitätsproblem."

Kerstin Holm macht sich in der FAZ große Sorgen um Russland: "Wer jetzt noch anmahnt, Russlands Sicherheitsinteressen zu schützen, es nicht medial zu dämonisieren und aus Europa herauszudrängen, wie es sechzig Seniorpolitiker, -diplomaten und Künstler mit ihrem offenen Brief in der Zeit taten, wird gebrandmarkt als Diktatorenkollaborateur."
Archiv: Europa

Medien

Der amerikanische Journalist Barrett Brown, der mit Hackern von Anonymous zusammengearbeitet hatte und die Tätigkeiten des Privatgeheimdienstes Stratfor offenlegen half, ist nach zwei Jahren Untersuchungshaft zu weiteren drei Jahren verurteilt worden. Eike Kühl schildert den Fall bei Zeit online: "Das Urteil gegen Brown ist auch ein Hinweis für Journalisten, die mit geleakten Daten arbeiten. Es zeigt, wie willkürlich und mit welchen Einschüchterungstaktiken die US-Behörden inzwischen gegen investigative Journalisten vorgehen."
Archiv: Medien

Religion

Die Auspeitschung des saudischen Bloggers Raif Badawi wegen Apostasie ist "offenbar gestoppt", meldet die Webiste der Sendung Zapp, die über die Bestrafung des Bloggers berichtet hatte. Zapp hat einen Brief des saudischen Botschafters erhalten, aus dem auf der Website zitiert wird: "Die Bestrafung von Herrn Raif Badawi wurde, wie ich verstanden habe, gestoppt. Er wird keine Peitschenhiebe mehr erhalten. Ich nehme an, dass Herr Badawi, nachdem die Auspeitschung gestoppt wurde, nicht zehn Jahre in Haft bleiben wird." Laut Michael Hanfeld in der FAZ, der bei Amnesty International nachgefragt hat, ist es für eine Entwarnung aber noch zu früh.

Der Philosoph Rachid Boutayeb will zwar die muslimische Religiosität nicht in Frage stellen, aber den Islam dekonstruieren will er schon, wie er im Gespräch mit Mohammed Khalloouk im Freitag darlegt: "Wenn man unbedingt das islamische Subjekt zu definieren sucht, dann ist es unabdingbar, seine Beziehung zu den religiösen Autoritäten zu analysieren. Es handelt sich, kurz und bündig, um ein Subjekt, das nicht spricht. Hierin liegt der Grund der Krankheit der islamischen Gesellschaften unserer Zeit."

In der Welt ist Necla Kelek beeindruckt, wie offen sich muslimische Organisationen nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo zu Europa, zu Presse- und Meinungsfreiheit bekannt haben. Diesen Weg muss man weitergehen, ermuntert sie: "Werden die vielen Tausend Kinder, die islamisch betriebene Internate und Koranschulen besuchen, nun die Chance bekommen, die autoritativen Texte zu hinterfragen? Wird man ihnen beibringen, zu interpretieren und Vernunft und Glauben voneinander zu trennen? Welchen Weg werden also die Islamverbände gehen?"
Anzeige
Archiv: Religion

Gesellschaft

Gerade mit Blick auf Pegida kritisiert die Autorin Jagoda Marinic in der Berliner Zeitung die Einbürgerungspolitik in Deutschland, die viele lebenslang zu "Ausländern" macht: "Deutsche stellen sich jetzt schützend vor Ausländer, das ist edel und gleichzeitig Ergebnis eines Versäumnisses. Diese Ausländer könnten längst Deutsche und somit Volk sein, wenn sich die SPD in Sachen Staatsbürgerschaftsrecht besser durchgesetzt hätte. Mit diesen Wählerstimmen müsste man sich wegen einer AfD oder Pegida nicht hysterisieren, könnte zusammenstehen statt vor oder hinter jemandem, denn das Volk als Ganzes wäre wahlberechtigt."

In der arabischen Presse haben nur wenige das Massaker bei Charlie Hebdo ohne wenn und aber verurteilt, schreibt Najem Wali in der NZZ. Doch es gab Ausnahmen, zum Beispiel in Nawafiz, der wöchentlich erscheinenden Kulturbeilage der libanesischen Zeitung Al-Mustaqbal: "Auf die mehrfach gestellte Frage, warum an der Marche Républicaine am 17. Januar Millionen Menschen und auch zahlreiche Staatsoberhäupter teilgenommen hätten, während niemand einen Fuß vor die Tür setze, wenn es um die Hunderte oder Tausende von Toten gehe, die etwa die Konflikte in Gaza und Syrien forderten, antwortete dort der Kolumnist Majid Kayali: "Wir können vom Westen nicht etwas verlangen, was wir selbst nicht tun.""
Archiv: Gesellschaft

Urheberrecht

Der Urheberrechtler Rainer Kuhlen lobt auf Netzpolitik den Entwurf (PDF) der Piratenpolitikerin Julia Reda für eine Harmonisierung des Urheberechts in der EU: "Sie fordert ein offenes Prinzip ("open norm"), welches vergleichbar dem US-amerikanischen Fair use sozusagen als Leitprinzip für einen möglichst freizügigen Umgang mit allen Wissens-und Informationsprodukten dienen kann, ohne die Rechte der Urheber unverhältnismäßig auszuhebeln." Ebenfalls auf Netzpolitik berichtet Leonhard Dobusch, dass selbst einige Urheberverbände diesem Entwurf einiges abgewinnen können.
Archiv: Urheberrecht

Kulturpolitik

Europäische Kulturhauptstadt ist in diesem Jahr - neben Pilsen - das wallonische Grenzstädtchen Mons. Tobias Müller (taz) beobachtet dort reges Werkeln: Calatrava und Libeskind bauen, "300 Veranstaltungen sollen stattfinden, fünf Museen eröffnen und zwei neue Konzerthallen. Zugleich spürt man ganz selbstverständlich Regionalkolorit, die Handschrift der bodenständigen, vom Niedergang der Kohlenminen gebeutelten Region, über deren Realität sich Mons auch dann nicht erheben will, wenn das Städtchen Europa den roten Teppich ausrollt."

Geschichte

Harald Welzer denkt im Freitag über das Chaos des unmittelbare Kriegsendes 1945 nach, über das sehr wenig geschrieben wurde: "Es gibt historische tipping points, Leerstellen der Ordnung, die sich nicht nach Kausalitäten und linearen Abläufen sortieren lassen. Erstaunlich bleibt bei alldem, wie Menschen solche Situationen absenter Ordnung bewältigen. Es gibt allem Anschein nach keinen Nullpunkt, an dem die subjektive Suche nach Auswegen aufhört. Es sei denn den, an dem absolute Gewalt herrscht."
Archiv: Geschichte
Stichwörter: Kriegsende, Harald Welzer