9punkt - Die Debattenrundschau

Anstelle des Proletariats

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.08.2014. In der taz untersucht Isolde Charim die Strategie der religiösen Verbrämung schieren Sadismus beim "Islamischen Staat". Auch die New Republic denkt über dieses Thema nach, während Rue89 noch nach den einfachsten Informationen über die Terrorgruppe sucht. Die taz beleuchtet das deutsche Verhältnis zu den Armeniern. In der Berliner Zeitung erinnert Götz Aly an das Versagen des sozialistischen Internationalismus im Ersten Weltkrieg. Und die NSA hat noch eine Datenbank.

Politik

Waffenlieferungen an die Kurden für den Kampf gegen die Isis wären fatal, meint Ilyas Saliba vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung im Tagesspiegel. Wer weiß, wo diese Waffen am Ende landen. Aber Nichtstun sei auch keine Lösung. Saliba fordert daher eine von der UN mandatierte Intervention in Syrien und im Irak: "Es geht hier nicht um eine Militarisierung der deutschen Außenpolitik, sondern um gebotene Maßnahmen im Sinne der leidenden Zivilbevölkerung sowie der internationaler Sicherheit. ... Ein Auslandseinsatz der Bundeswehr ist immer schwer zu vermitteln. Ein solches Vorgehen birgt aber definitiv weniger Risiken als Waffenlieferungen."

Was wissen wir eigentlich über den "Islamischen Staat", fragt Pascal Riché in einem Erklärstück für Rue89. Na, die Zahlenangaben divergieren schon mal:
- "Der Economist hat die Zahlen der Kämpfer im Juni auf 6.000 im Irak und zwischen 3.000 und 5.000 in Syrien geschätzt. 3.000 sind nach Angaben des Wochenmagazins Ausländer (aus Tschetschenien, Frankreich, Großbritannien...)
- Das Kommando der amerikanischen Armee spricht von 12.000 Männern.
- Die New York Times stützt sich auf Informationen der Gehimdienste und spricht von "10.000 bis 17.000 Kämpfern...""
- Laut syrischem Menschenrechtsobservatorium (OSDH) seien sie mehr als 50.000, davon 20.000 Ausländer."

Der israelische Friedensaktivist Itay Mautner erklärt im Interview mit der taz, warum die Friedensbewegung es derzeit in Israel sehr schwer hat: "Als die Leichen der israelischen Jungen gefunden wurden, stieß man auf die Aufzeichnung eines Telefonanrufs. Einer der drei Jugendlichen hatte sie gemacht, er hatte sein Telefon angelassen. Man konnte wie in einem Film hören, wie der Junge ermordet wurde, sein minutenlanges Stöhnen. Das war unerträglich. Plötzlich war die Grenze von 1967 zwischen Ost- und Westjerusalem wieder da. Die Palästinenser gingen nicht in den Westen, die Israelis nicht in den Osten. Drei Tage später hat der Krieg begonnen."

Dass es in Israel aber immer noch Kritik am eigenen Vorgehen gibt, erfährt man aus einer Reportage von Lissy Kaufmann im Tagesspiegel: Sie hat sich mit zwei jungen Israelis unterhalten, die den Armeedienst verweigern, obwohl sie Israels Recht auf Verteidigung gegen die Raketen der Hamas nicht bestreiten: ""Aber Israel lässt den Menschen in Gaza ja kaum eine andere Chance. Ich glaube, dass es bessere Wege gibt, sein Land zu verteidigen und die Hamas zu eliminieren", sagt Shifra. Es wäre beispielsweise viel wirkungsvoller, wenn Israel die palästinensische Opposition, Präsident Mahmud Abbas, unterstützen würde."

Dirk Braunstein vom Frankfurter Institut für Sozialforschung wirft dem Columbia-Professor Hamid Dabashi in der FAZ empört "Geschichtsklitterung" vor. Dabashi hat in einem Essay für Al Dschasira Zitate von Adorno und Benjamin benutzt, um die Israelis als die neuen Nazis darzustellen. Braunstein zitiert: ""Während der abscheuliche und teuflische Zionismus, den Netanjahu interpretiert und ausübt, mit Adorno die Bestätigung seines Gedankens ist, dass alle Poesie nach Auschwitz barbarisch ist, wohnt in denselben Ruinen von Gaza, gleich neben den gebrochenen Schädeln toter palästinensischer Kinder, die keimende Saat unserer künftigen Welt - verängstigt, phantasmagorisch, abtötend, vorgezeichnet." So instrumentalisiert Dabashi getötete Kinder, um von deren gebrochenen Schädeln zu reden, jedenfalls - da ist er dann doch ganz Antikolonialist -, sofern es sich um palästinensische Kinderschädel handelt".
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Religion

Al Qaida ist AOL. Der "Islamische Staat" ist Google, meint Josh Kovensky in New Republic und vergleicht die Propagandazeitschriften der Terrororganisationen. Dabiq, die Zeitschrift des Islamischen Staats sei zugleich noch radikaler und stärker religiös verbrämt, stellt Kovensky fest und zitiert den Islamwissenschaftler Colin Clarke: "Dabiq kombiniert theologische Argumentationen mit Erfolgen auf dem Schlachtfeld. Isis achtet sehr darauf, für alles eine religiöse Rechtfertigung zu finden. In diesem Punkt ist Al Qaida über die Jahre weich geworden."

Isolde Charim überlegt in der taz, warum die Isis ihre Gewaltorgien religiös verbrämt und vermutet mit Carl Schmitt, dass sie ihrem Partisanentum so eine Legitimität verleihen will: "Es gibt die langen Bärte, die frommen Sprüche und vor allem die mittelalterlichen Hinrichtungsarten trotz modernster Waffen. Durch diese Beschwörung der Vergangenheit versuchen sie, in einer "Hermeneutik der radikalen Gleichzeitigkeit" (Friedrich Wilhelm Graf), direkt an ihre religiöse Quelle anzudocken. In entlehnten Kostümen und mit geborgter Sprachen, wie es bei Marx heißt, inszenieren sie eine imaginierte religiöse Urszene, die sie zu berechtigten Nachfolgern machen soll. Dies soll sie als Gotteskrieger legitimieren. Solches Einschreiben in die Tiefe und Kontinuität der Zeit entspricht genau dem, was Schmitt unter Legitimität versteht."

In der NZZ beklagt Hoo Nam Seelmann den Missbrauch Buddhas für Werbezwecke in westlichen Schaufenstern.
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Internet

Stuart Jeffries trauert im Guardian um die Freiheit des World Wide Webs, das sich Facebook, Apple und Netflix zur Beute gemacht haben.
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Überwachung

Es gibt eine weitere riesige Datenbank der NSA. Sie heißt ICREACH, enthüllt The Intercept mit Papieren Edward Snowdens. Die Datenbank, so erläutert Zeit online, sammelt "Informationen über die private Kommunikation von Ausländern und nicht straffällig gewordenen US-amerikanischen Bürgern. Sogar religiöse und politische Überzeugungen können mit einer Suchanfrage abgefragt werden. Die Datenbank soll jedoch keine direkte Beziehung zu der großen NSA-Datensammlung haben, die mehrere Millionen Informationen über Telefonanrufe von US-Bürgern hat.
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Gesellschaft

Die Krisen bei Suhrkamp, dem Spiegel und der SPD haben etwas gemeinsam: ein demogragfisches Problem, meint Wolfgang Michal bei Carta: "Die politische Transformation, die wir uns angewöhnt haben, "Postmoderne" oder "Postdemokratie" zu nennen, arbeitete an der Überwindung der Suhrkamp-, SPD- und Spiegel-Kultur. Leider überdeckten die drei Vaterfiguren der westdeutschen Aufklärung - Unseld, Brandt und Augstein - diese Transformation. Die müden Alten sahen keinen Handlungsbedarf mehr und ließen die Dinge schleifen. Brandt ließ den aufkommenden Grünen viel Raum, Augstein dem Konkurrenzblatt Focus, Unseld der Esoterik."
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Ideen

Sehr skeptisch beurteilt in der NZZ Uwe Justus Wenzel Douglas Rushkoffs Zeitdiagnose "Present Shock", die unsere allgemeine Überforderung durch das Zuviel an Informationen zum Thema hat: "Der Autor scheint zu glauben, es komme nur darauf an, die richtigen Programme zu schreiben, um die Maschinen für uns und nach menschlichem Rhythmus arbeiten zu lassen." (Auch Pavel Lokshin war auf Zeit online mit dem Buch nicht warm geworden)
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Medien

Marie-Astrid Langer empfiehlt in der NZZ für heute abend die Arte-Doku "Journalismus von morgen" über die Zukunft der Zeitungen.
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Geschichte

In diesem Sommer feierte die Deutsch-Armenische Gesellschaft zusammen mit dem Lepsius Haus ihr hundertjähriges Bestehen - ein guter Anlass, meint Jürgen Gottschlich in der taz, sich mit der Rolle Deutschlands als engster Bündnispartner der Türkei während des Völkermords an den Armeniern auseinanderzusetzen: " Viele Armenier ärgern sich, dass die Bundesregierung nach wie vor den Terminus "Völkermord" vermeidet, zuletzt immer mit dem Hinweis darauf, das würde die in der Türkei seit einigen Jahren ebenfalls begonnene Debatte nur unnötig belasten. Das Argument ist nicht ganz falsch, viele Armenier haben aber nicht zu Unrecht das Gefühl, dass das offizielle Deutschland sich auch hinter dieser Position bequem verschanzt."

Götz Aly setzt in der Berliner Zeitung (in der FR ist seine Kolumne ja entsorgt worden) seine Serie zum Ersten Weltkrieg fort. In Teil 4 schildert er das Versagen des sozialistischen Internationalismus. Stattdessen legte man sich nationale Ideologien zurecht: "Der seit 1914 von der SPD verfochtene nationale Sozialismus liest sich so: "Der Staat hat einen Sozialisierungsprozess und die Sozialdemokratie einen Nationalisierungsprozess durchgemacht." Aus dieser Doppelbewegung hin zum Kollektivismus folgte Deutschlands "geschichtliche Sendung". So entstand unter sozialdemokratischer Miturheberschaft in der belagerten Festung Deutschland die Vorform des totalen Staates, anstelle des Proletariats wurde das Volk zum "historischen Subjekt" revolutionären Willens." Hier die Links zu Teil 1, Teil 2, Teil 3 der Serie. (Foto: Auch Sozialdemokrat Karl Liebknecht stimmte für die Kriegskredite, das Foto entnehmen wir der Wikipedia.)
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