9punkt - Die Debattenrundschau

Der Riese in der Mitte

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.08.2014. Die Berliner Zeitung findet freundliche Worte zum Abschied Klaus Wowereits. Osteuropa bringt einen Essay Boris Dubins, der Putin als Inkarnation russischer Verweiflung ansieht. Die NZZ erinnert an die Zeit, als Wien modern war. Huffpo.fr beschreibt die knallharte Agenda der Fleur Pellerin. In der FR fordert Klaus Harpprecht eine deutsche Antwort auf die französische Misere. In der Welt schreibt Monika Grütters einen Preis für Buchhandlungen aus.

Politik

In der Berliner Zeitung versucht Harald Jähner zu fassen, was genau den zurückgetretenen Klaus Wowereit denn nun als Regierender Bürgermeister von Berlin augezeichnet hat. Außer der Pleiten, versteht sich: "Was die Repräsentanz der Stadt nach innen und außen angeht, war Klaus Wowereit ein Segen wie nur Willy Brandt in der Reihe seiner Vorgänger. "Arm, aber sexy". Wowereits bekanntestes Zitat markiert irgendwo zwischen Zustandsbeschreibung und Wunschvorstellung, dass in Berlin nicht die Herkunft, nicht der soziale Status entscheidet, sondern der Esprit, die Ideen, die Kreativität, die man mitbringt. Es legt die Betonung auf das Überraschende der Stadt und ihrer einzelnen Bewohner, auf die Vielfalt, die es in den Straßen knistern lässt, und auf die Chancen, die sie jedem gibt."

Osteuropa plant per Crowdfunding ein Gedenkbuch für den gerade verstorbenen russischen Soziologen Boris Dubin. Als Vorgeschmack bringt die Zeitschrift einen Essay, in dem Dubin Putins hohe Umfragewerte als Ausdruck einer politischen Verkümmerung und gesellschaftlichen Depression wertete: "Eben jene zwei-Drittel-Mehrheit der Bürger Russlands bekundet bei Umfragen immer wieder, dass sie kein Interesse an Politik hat, mit dieser nichts zu tun haben will, sie für eine schmutzige Angelegenheit und Politiker für Menschenhält, die allein von Habgier getrieben sind. Unter diesen Bedingungen wird aus einem Symbol der Hoffnung leicht ein Symbol der Hoffnungslosigkeit."
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Geschichte


(Bild: Pferdetramway Schottenring-Dornbach,1868, Aquarell, © Wien Museum)

Georg Renöckl erinnert in der NZZ an die Wiener Weltausstellung 1873, der das Wien Museum gerade die Ausstellung "Experiment Metropole" widmet: "Für das damalige Wien war die Weltausstellung schlicht das richtige Projekt zur richtigen Zeit: Die Stadt wurde vom Gründerfieber gebeutelt, sie erlebte einen Um- und Aufbruch, wie er umfassender nicht hätte sein können. Mit der Ringstraße verpasste sie sich endlich den großen, eleganten Boulevard, wie ihn auch andere europäische Hauptstädte hatten. Das zu Geld gekommene Bürgertum kämpfte um mehr Macht, Migrantenströme aus den Kronländern veränderten die demografische Zusammensetzung Wiens nachhaltig."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ erklärt Aldo Keel kurz, wer dieser isländische Vulkan ist, der plötzlich bebt, und von welcher Sagenfigur er seinen Namen hat: Bardarbunga. In der Welt fragt Berthold Seewald, wer in einem gerade entdeckten, 2400 Jahre alten griechischen Grab nahe Amphipolis liegt: Admiral Nearchos oder gar Alexander der Große?
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Kulturpolitik

Kulturstaatsministerin Monika Grütters solidarisiert sich im Welt-Gespräch mit Wieland Freund und Marc Reichwein mit den gegen Amazon protestierenden Autoren (die Verlage halten ja eher still), und sie annonciert die Auslobung eines Preises für inhabergeführte Buchhandlungen: "Ein solcher Preis - immerhin sprechen wir von gut einer Million Euro Preisgeld, aus dem viele einzelne Buchhandlungen prämiert werden können - ist mehr als ein symbolischer Akt. Schon Preisgelder von 7000 bis 10.000 Euro sind für eine kleine Buchhandlung viel Geld, mit dem sich kulturell anspruchsvolle Arbeit wirksam unterstützen lässt." Außerdem spricht sie sich gegen eine Lese-Flatrate aus und verspricht, den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Ebooks zu verwirklichen.
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Ideen

In der taz stellt Tim Caspar Boehme das neue, von Frank Böckelmann und Horst Ebner herausgegebene Magazin Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung vor: "Böckelmann und Ebner wollen mit dem Magazin "auf einen wachsenden Konsensdruck" reagieren, der erzeugt werde "durch global vernetzte, machtvolle Sinnproduzenten alter und neuester Medien, die im Zusammenschluss mit der vom Finanzkapital beherrschten Weltwirtschaft und den ihnen servil zuarbeitenden Wissenschafts- und Forschungsbetrieben die neokonforme öffentliche Meinung inszenieren"."
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Medien

Unter der besonders furchtbaren Überschirft "Stalingrad an der Elbe" beschreibt Ulrich Clauss in der Welt den Konflikt beim Spiegel nicht nur als "Selbstentzündung eines publizistischen Eliteorden", sondern als eine allgemeine Innovationskrise: "Hört man sich unter Consultern und Managementberatern um, wirft der Konflikt beim Spiegel kein gutes Licht auf die komplette Branche, "der seit bald 50 Jahren eigentlich nichts Neues eingefallen ist", wie es einer formuliert."

Dmitrij Kapitelman hört und sieht für die taz russisches Staatsfernsehen und bewundert die Kunst des Weglassens.
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Gesellschaft

Beeindruckt ist Peter Richter in der SZ vom Reverend Al Sharpton, der in Ferguson die große Trauerrede für den Teenager Michael Brown hielt: "Inoffiziell galt er als der Mann, der vom Präsidenten nach Missouri geschickt worden war. Die Ansprache, die er am Montag dort hielt, hat ihn endgültig zum Martin Luther King der Obama-Jahre gemacht. Oder zu ihrem Malcolm X, das ist noch nicht ganz klar."
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Europa

Ein Name wie aus "Harry Potter", wenn die Zauberer aus Frankreich zu Besuch kommen: Fleur Pellerin heißt die neue Kulturministerin in Frankreich, und sie sieht auch ein bisschen so aus. Ihre Agenda ist allerdings knallhart. Sie soll die französische "Kulturelle Ausnahme" gegen die amerikanischen Internetgiganten verteidigen, schreibt Alexis Ferenczi in der franzöischen Huffpo, und sie hat sich dafür schon qualifiziert: "Im Jahr 2013 vergleicht sie die Mahngelder der Urherrechtsüberwachungsbehörde Hadopi "mit den automatischen Radars auf den Autobahnen" und bezeichnet diese Methode als "wenig freiheitsfeindlich". Außer Google wird Fleur Pellerin das Verhalten von Netflix und Amazon beobachten müssen, deren Dienste sich nicht nur den französischen Finanzämtern, sondern auch der in Frankreich festgeschriebenen Verpflichtung zur Finanzierung kultureller Werk entziehen."

Klaus Harpprecht analysiert im FR-Feuilleton die französische Misere und warnt die Deutschen, dass sie sich von den Problemen der anderen Euroländer nicht islosieren können. Darum ruft er zu einem "inner-europäischen Marshall-Plan" auf, "dessen Hauptlast natürlich der Riese in der Mitte zu tragen hätte". Es sei "hoch an der Zeit, dass sich französische, deutsche, italienische Experten mit den besten Köpfen der Zentralbank zusammenfinden, um realistische Pläne zu entwerfen, wie den Euro-Ländern auf die Beine zu helfen ist. Die Nachricht von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Fiskal- und Wirtschaftspolitik (als Basis der politischen Union) sollte in die sperrigsten Köpfe vorgedrungen sein."
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