9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Art politischer Urknall

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.08.2014. Ein britischer Rapper soll der Mörder James Foleys sein. Stimmt etwas am Multikultimodell Großbritanniens nicht, fragen die Medien. Aber auch am Multikultimodell Frankreichs stimmmt etwas nicht, meint die Welt. In der FAZ am Sonntag erklärt Fotograf Christoph Bangert, warum er es richtig findet, Standbilder aus dem Köpfungsvideo zu veröffentlichen. Die Deutschen sollten sich keine Illusionen über ihre Hauptschuld am Ersten Weltkrieg machen, rät Heinrich August Winkler in der FAZ. Nein, er, Winkler, solle  Deutschland nicht isoliert betrachten, meint Dominik Geppert in der SZ.

Gesellschaft

Ein britischer Rapper soll der Mörder des amerikanischen Journalisten James Foley sein, berichtet Lizzie Dearden im Independent: "Abdel-Majed Abdel Bary, 24, war zuhause in London als L Jinny oder Lyricist Jinn bekannt. Mit seiner Karriere ging es immerhin so weit aufwärts, dass man ihn in Videos sah und die BBC seine Songs 2012 im Radio spielte. Er hatte schon zu Beginn des Jahres Aufsehen erregt, als er auf Twitter ein Bild von sich mit einem abgetrennten Kopf in der Hand veröffentlichte." Scott Shane berichtet in der New York Times (die offenbar kein Problem damit hat, ein Bild aus dem Video zu zeigen), dass britische Offizielle einen Verdacht über den Mörder hätten, aber noch keinen Namen nennen wollen (Shane selbst nennt den Namen Abdel Bary aber). Ebenfalls in der New York Times berichtet Kimiko des Freytas-Tamura, dass 500 Briten sich dem "Islamischen Staat" angeschlossen haben sollen und die britische Regieurng die Hilfe gemäßigter Imame sucht, um die Jugendlichen zu beeinflussen.

Jochen Buchsteiner kommentiert in der FAZ am Sonntag das britische Entsetzen über die starke Beteiligung von Briten am Terror des "Islamischen Staats": "Umso rätselhafter erscheint die Naivität, mit der die Briten auf den religiös-politischen Extremismus in ihrer Mitte reagieren. Seit Jahren sehen sie dabei zu, wie in ihren Vierteln und Vorstädten homogene muslimische Parallelgesellschaften entstehen. Kritik daran wird kaum geübt, auch weil die, die es wagen, mit dem Vorwurf der "Islamophobie" leben müssen."

Der Fotograf Christoph Bangert, der gerade einen Band mit Kriegsbildern herausgebracht hat, die zu grausam sind, um in Medien gezeigt zu werden, ist im Interview Tobias Goltz in der FAZ am Sonntag durchaus der Meinung, dass Standbilder aus dem Köpfungsvideo gezeigt werden sollten: "Er wurde nun mal in dieser Form umgebracht. Das ist wie ein Feigenblatt: Wir zeigen, wie jemand geköpft wird, aber wir zeigen es dann doch nicht so richtig. Wir müssen uns als Bildbetrachter bewusst werden, dass so etwas stattfindet. Ja, es ist barbarisch: Und dem sollten wir ins Auge sehen."

Außerdem: Thomas Steinfeld setzt sich in der SZ mit Guy Standings Buch über das "Prekariat" auseinander, das durch die Flexibilisierung von Arbeit entstanden sei.
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Europa



Der ungeheure Erfolg der Integrationskomödie "Monsieur Claude und seine Töchter" in Frankreich zeugt davon, dass die Franzosen immer noch vom Erfolg ihres republikanischen Integrationsideals träumen, das Sascha Lehnartz in der Welt aber als gescheitert ansieht: "Dass Frankreich sich in einer tiefen Identitätskrise befindet, wird bei jedem Besuch in einer Buchhandlung deutlich. Die Zahl der Titel, welche den Abstieg des Landes beklagen, ist rekordverdächtig. Inzwischen gibt es einen eigenen Namen für das Genre: "le déclinisme" (le déclin/Niedergang)."
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Stichwörter: Frankreich

Medien

Die Gesellschafter des Spiegel stützen den Chefredakteur Wolfgang Büchner recht halbherzig - hier die kurze und trockene Erklärung vom Freitagabend. Büchner wird somit trotz des Konflikts mit der Print-Redaktion, die eine Petition gegen ihn in Umlauf brachte, nicht gekippt (allerdings soll er sich laut SZ "aus dem redaktionellen Tagesgeschäft zurückziehen", um sich ganz auf den "Spiegel 3.0" zu konzentrieren). Michael Hanfeld kommentiert in der FAZ: "Der Witz ist: Einen Plan B haben die Kritiker nicht und der Spiegel 3.0 ist ohne den jetzigen Chefredakteur und den besonnen agierenden Verlagsgeschäftsführer Ove Saffe so leicht nicht zu haben." Presseschau bei turi2.
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Stichwörter: Der Spiegel

Geschichte

In der FAZ wehrt sich der Historiker Heinrich August Winkler gegen alle Versuche, die Hauptschuld der Deutschen am Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Frage zu stellen, wie es Christopher Clark, Herfried Münkler in ihren Büchern und zuletzt Jens Jessen in der Zeit taten. Man weiß schließlich, wo das am Ende hinführt, wirft er Jessen vor: Zu einer Relativierung der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg! "Der "Epochenbruch von 1933" erscheint bei Jessen als ein Ereignis ohne deutsche Vorgeschichte, als eine Art politischer Urknall. So verrätselt und verinselt er die Zeit des Nationalsozialismus und nähert sich schließlich jener apologetischen Position, der der Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Röpke in seinem 1945 erschienenen, noch im Schweizer Exil geschriebenen Buch "Die deutsche Frage" klassischen Ausdruck verliehen hat: "Heute sollte sich jeder klar darüber sein, dass die Deutschen die ersten Opfer der Barbareninvasion gewesen sind, die sich von unten herauf über sie ergoss ...""

In der SZ ist der Historiker Dominik Geppert überrascht von der "Giftigkeit, mit der die uralte Frage der Schuld am Ersten Weltkrieg wieder aufgekocht wird". Er fragt die Clark-Kritiker Winkler, Röhl und Wehler, warum Deutschland immer isoliert betrachtet werden muss. Die Vorgeschichten der anderen am Krieg beteiligten Staaten "in das Gesamtbild einzubeziehen, ist nicht "nationalapologetisch", wie mir und anderen vorgeworfen wird, sondern wissenschaftliche Redlichkeit. Wer hingegen fordert, der Fokus auf das Deutsche Reich müsse aus Gründen politischer Zweckmäßigkeit aufrecht erhalten bleiben, betreibt Geschichtsschreibung in volkspädagogischer Absicht. Wenn in dieser Debatte der Vorwurf nationaler Verengung angebracht ist, dann für den methodischen Nationalismus, der einer solchen Betrachtungsweise zugrunde liegt und die Perspektiven anderer Nationen vernachlässigt."

Weitere Artikel: In der NZZ schreibt Marc Tribelhorn über die Ausstellung "14/18 - Die Schweiz und der Große Krieg" im Historischen Museum Basel. Und Stefan Stirnemann berichtet von einem nationalsozialistischen Plagiat: Die 1944 erschienene, noch heute lieferbare "Stilkunst" des NSDAP-Mitglieds Ludwig Reiners beruht im wesentlichen auf der 1911 erschienenen "Deutsche Stilkunst" des jüdischen Autors Eduard Engel. In der FAZ erinnert Regina Mönch an das 1987 in der DDR erschienene, jetzt wiederaufgelegte Kinderbuch "Markus und der Golem" über die Deportation jüdischer Kinder durch die Nazis.
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Religion

In der SZ erklärt der in Bagdad in eine christliche Familie geborene Schriftsteller Sinan Antoon, warum er jetzt erstmals einen Roman über Christen im Irak schreibt: "Ich hatte über dieses Thema nicht schreiben wollen, ich wollte andere Welten entdecken, die ich nicht schon bis ins Detail kannte. Ich war seit langem Atheist, aber der Anschlag auf die Kirche [in Bagdad] hatte mich zutiefst erschüttert. Seine Durchführung und seine Dimension waren präzedenzlos. Menschen wie Jusef, säkulare Iraker, Christen oder nicht, die an eine pluralistische irakische Identität glaubten, solche Menschen starben aus, buchstäblich und im übertragenen Sinn."
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Stichwörter: Christenverfolgung, Irak