9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.10.2023. Für die taz gibt es keine Alternative: "Die Hamas muss jetzt zerstört werden." Das Trauma wird Israel für immer verändern, schreibt Eva Illouz in der NZZ. In der SZ sagt der Nahosthistoriker Eugene Rogan voraus, dass die Hamas für ihr Morde in der arabischen Welt "trotzige Anerkennung" bekommen wird. Die Mordaufrufe der Hamas für den gestrigen Freitag hatten Wirkung: In Frankreich wurde der Lehrer Dominique Bernard erstochen. In Berlin sind jüdische Kinder gestern zuhause geblieben - aus Angst vor Angriffen. Auch jene Feuilletondebatten, die die letzten Jahre dominierten, stehen in neuem Licht: Kann es sein, dass die "Weltoffenheit" genozidalen Diskursen galt? Die Aufarbeitung beginnt.
13.10.2023. Die Welt hat Angst vor diesem Freitag. Die israelische Armee ruft die Bewohner des nördlichen Gaza-Streifens auf, ihn in Richtung Süden zu verlassen. Die Bilder, die aus dem Gaza-Streifen kommen, sind grauenhaft. In der taz schildert der Militärsoziologe Yagil Levy das tragische Dilemma der israelischen Armee. In Deutschland fürchtet man nach Aufrufen der Hamas zu neuer Gewalt Demonstrationen und Attentate: Wo bleibt das Zeichen der Solidarität der Mehrheitsgesellschaft auf den Straßen, fragt die Jüdische Gemeinde. In Paris feiern Tausende die Morde der Hamas.
12.10.2023. Esther Schapira schreibt in der Jüdischen Allgemeinen über Vivian Silver, eine überzeugte Pazifistin, die sich in Gaza für palästinensische Frauen einsetzte. Sie gehört heute wohl zu den Geiseln. Ofer Waldman, ehemaliger Hornist des West-Eastern Diwan Orchestra, spricht aus, was ihm heute mit am meisten wehtut: "Das Schweigen fast aller palästinensischer Freundinnen und Freunde." Warum, fragt Philipp Peyman Engel im Tagesspiegel, rufen die Leute immer nur "Free Palestine" und nie "Free Palestine from Hamas"? Die einzige Chance auf eine dauerhafte Lösung besteht darin, den radikalen Islam zu besiegen, sagt Alain Finkielkraut in der Welt. Es gibt keine mildernden Umstände für linken oder muslimischen Antisemitismus, hält Armin Nassehi in der Zeit fest.
11.10.2023. Die Zahl der von Hamas umgebrachten israelischen Zivilisten steigt laut New York Times auf über tausend. Die Namen der Orte mit den schlimmsten Massakern sind das Nova-Musikfestival, der Kibbuz Be'eri und der Kibbuz Kfar Aza. "Der ultimative israelische Albtraum ist Hilflosigkeit", schreibt der israelische Politologe Yossi Klein Halevi in Atlantic. Aber er hofft, dass die Ereignisse das Land zusammenschweißen. Israel steht vor dem größten moralischen Dilemma seit seiner Gründung, schreibt Ronen Steinke in der SZ. In der FAZ macht Amin Maalouf auf einen Unterschied zu 1973 aufmerksam: Die arabischen Staaten halten sich raus. In der Welt attackiert Mirna Funk jene Linke, die jetzt ausnahmsweise mal keine Worte findet.
10.10.2023. Nach wie vor okkupieren die Ereignisse in Israel unsere ganze Aufmerksamkeit - und wieder können wir nicht einen konzisen Überblick liefern, sondern viele Splitter, die versuchen, wenigstens den Moment ein wenig einzufangen. Es gibt viele Reaktionen auf Reaktionen: FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube ist zornig, unter anderem über die eiskalten Öffentlich-Rechtlichen. Sollen wir die Bilder zeigen, fragt Deniz Yücel, in der Welt? Ja, wir sollen. Die BBC und die Washington Post zeigen, wie man mit den Videos umgehen kann. Der Streit setzt sich auch auf Berliner Straßen fort, protokolliert unter anderem die Berliner Zeitung. Spiegel online resümiert: 900 Israelis sind gezählt, die von den Hamas-Terroristen umgebracht wurden. Nicht nur Israel war abgelenkt, schreibt Ayaan Hirsi Ali in Unherd, wir waren es.
09.10.2023. Der sadistische Spaß, den die Terroristen bei ihren Verbrechen zeigen, soll unterstreichen, dass Juden auch in ihrer Heimat Opfer von Pogromen werden können. Die Medien und die sozialen Medien versuchen den Schock zu verarbeiten, den diese Verbrechen in Israel und der Weltöffentlichkeit auslösen. Zugleich versuchen erste Kommentare die neue Weltlage zu verstehen.
07.10.2023. Unter anderem die taz würdigt den heroischen Einsatz der Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi für die Demokratie im Iran. Die Welt fragt, ob Elon Musk mit seiner Twitter-Übernahme einem rechtsextremen und antisemitischen Szenario folgt. Es ging im bayerischen Wahlkampf um fast nichts, aber dafür in immer schärferer Polarisierung, beobachtet die FAZ. Die SZ porträtiert den Medienmanager Mark Thompson, der CNN ins Streaming-Zeitalter bugsieren soll. Mit Faschismus-Vergleichen kommt man nicht weiter, schreibt Hedwig Richter ebenfalls in der SZ mit Blick auf den neuen Rechtsextremismus.
06.10.2023. Die Deutschen sind die Gewinner von gestern und darum die Verlierer von heute, sagt Ivan Krastev in einem Gespräch mit Robert Habeck im Spiegel. Das in Dänemark geplante Gesetz gegen Koran-Verbrennungen geht über das vor wenigen Jahren abgeschaffte Blasphemiegesetz sogar noch hinaus, fürchtet die NZZ. Die Ruhrbarone untersuchen das segensreiche Wirken der Mercator-Stiftung. In Ravensbrück waren nicht nur Frauen eingesperrt, sondern auch Männer, darunter viele Homosexuelle. Eine Ausstellung erinnert daran - die taz rät zum Besuch.
05.10.2023. In der Zeit verzweifelt die Autorin Laura Cwiertnia angesichts der Ereignisse in Bergkarabach: Die Erinnerung an die dort lebenden Armenier wird systematisch ausgelöscht - so wie schon einmal in der Türkei. In der FAZ blickt der russische Soziologe Lew Gudkow deprimiert auf den Zustand der Russen im allgemeinen und der Opposition im besonderen: Ohne eine Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit werde sich nie etwas ändern, bescheinigt er beiden. In der taz ermuntert der Sozialwissenschaftler Tim Engartner zu mehr Investitionen in die Bahn: Dann klappt das Bahnfahren so gut wie in der Schweiz!
04.10.2023. Die russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa erzählt in der NZZ vom Überlebenskampf der verbliebenen Opposition im Land. Vor hundert Jahren wurde der Begriff des "Totalitarismus" geprägt, und eine antitotalitäre Haltung ist aktueller denn je, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. Can Dündar schreibt in Zeit online über die neue türkische Auswanderungswelle - von der Deutschland profitiert. Und in Amerika ist etwas nie Dagewesenes passiert: Der Sprecher des Repräsentantenhauses wurde abgewählt - erste Kommentare zum Chaos in der amerikanischen Politik.