9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Diese Straßenmacht-Erinnerung

02.10.2023. In der FAZ erklärt die - wenn man so sagen kann - russische Autorin Irina Rastorgujewa am Beispiel ihrer Heimat Sachalin, was russische Identität ist. Antirassismus kann zu Rassismus führen, warnt Yascha Mounk in seinem Blog. Die Popularität der AfD in den Neuen Ländern hat auch mit schlecht verarbeiteten Erfahrungen des demokratischen Aufbruchs 1989 zu tun, meint die Historikerin Christina Morina im Tagesspiegel. Journalisten sind nicht besonders links und sollten darauf achten, dieses Narrativ nicht selbst in den Medien zu verbreiten, meint der Medienwissenschaflter Thomas Hanitzsch in der SZ.

Seit dreitausend Jahren und neun Monaten

30.09.2023. "Erstaunlich, wie schnell Macht sich verflüssigen kann", sagt der Historiker Christopher Clark, der in FR und Welt Parallelen zwischen dem Revolutionsjahr 1848 und der Gegenwart skizziert. Die Flucht der Armenier aus Bergkarabach ist nichts anderes als eine "ethnische Säuberung", schreibt die armenische Schriftstellerin Anna Davtyan in der FAS. Im Tagesspiegel warnt der Politologe Daniel Ziblatt die demokratischen Parteien davor, die Sprache der Rechtsextremen zu imitieren. Und in der Berliner Zeitung findet die Historikerin Hedwig Richter es unanständiger Fleisch zu essen, als das Brandenburger Tor zu beschmieren.

Seltsame Anziehungskraft

29.09.2023. Das mit der Polarisierung ist viel komplexer, als Kollege Andreas Reckwitz meint, sagt der Soziologe Steffen Mau im Spiegel: Die Gebildeten haben da die unteren Schichten noch nicht ganz verstanden. In der SZ spricht Karl Schlögel über die "American Matrix", die vor allem eine für die Sowjetunion war. Joe Biden war ein guter Präsident, aber er sollte gehen, so lange er noch kann, meint Timothy Garton Ash im Guardian.

Das Tempo ihrer Flucht

28.09.2023. In der Zeit antwortet Serhij Zhadan auf Navid Kermani: Die Ukrainer müssen sich wehren. "Wir haben es mit Völkermord zu tun, und wir sollten ihn auch so nennen." Yascha Mounk lässt sich auf Twitter nicht in die "Identitätsfalle" locken und verweigert jeglichen "strategischen Essenzialismus". Die taz erinnert an das Münchner Abkommen und den Verrat an den deutschen Sozialdemokraten in der Tschechoslowakei.

Wenn das Inkassobüro klingelt

27.09.2023. "Der Blick, den Peking auf Demokratien hat, ist grundsätzlich konfrontativ", meint der Sinologe Frank Dikötter, der in der FR daran erinnert, dass US-Außenminister John F. Dulles China von seinem Plan einer "friedlichen Evolution" ausgeschlossen hatte. Von der Grundschule bis zum Uniabschluss wird Chinesen seit diesem Semester Xi Jinpings Lehre eingetrichtert, berichtet die FAZ. In der SZ erzählt die ukrainische Verlegerin Julia Orlowa, wie sensibel sie in Kriegszeiten beim Verlegen von Büchern vorgehen muss. Und die taz glaubt: Es ist die allgemeine Unsicherheit, die die Menschen in die Fänge von Rechtspopulisten treibt.

Vom akuten Treppentod bedroht

26.09.2023. Die taz erinnert an das Pogrom im anatolischen Sivas gegen Aleviten vor dreißig Jahren, bei dem 37 Menschen starben: Das Verfahren wurde jetzt eingestellt. Während Frauen im Iran ihr Leben riskieren, um das Kopftuch ablegen zu dürfen, errichtet Birmingham die Skulptur "The Strength of the Hijab", staunt die NZZ. China ist ähnlich bedrohlich wie die Klimakrise, meint im Tagesspiegel die Sinologin Janka Oertel. In der FAZ freut sich die Schriftstellerin Eva Lapido über die zunehmende Toleranz der deutschen Gesellschaft. Nur die German Angst, die vergeht nie, seufzt die SZ angesichts von 3500 Baunormen.

Neun karge Zeilen

25.09.2023. Im Tagesspiegel ruft Tatsiana Khomich, Schwester der seit Monaten in Belarus inhaftierten ukrainischen Oppositionellen Maria Kolesnikowa, die EU-Staaten zum Handeln auf. In der FAS fordert die Historikerin Christina Morina, endlich die Demokratiegeschichte der DDR anzuerkennen. Die SZ fragt, wie stark die Sinologie von China beeinflusst ist. Und in der FAZ fühlt sich der Politologe Peter Graf Kielmansegg ganz ohnmächtig angesichts der Dominanz der Grünen.

Dreißig russlandfreundliche Anträge

23.09.2023. Aus der AfD ist eine "Alternative für Russland" geworden, berichtet das Magazin correctiv.org, das die immer extremere Pro-Putin-Ausrichtung der AfD untersucht. Das "neutrale" Österreich steht der AfD kaum nach, berichtet die taz. Der Tagesspiegel beleuchtet Gleichschaltungen im polnischen Kulturbetrieb. In der SZ fordert die Religionswissenschaftlerin Rabia Kücüksahin, dass sich der Staat hinter Beamtinnen stellt, die das Kopftuch tragen wollen.

Vor allem aber hatte jedes Werk einen Schöpfer

22.09.2023. Das Herannahen der AfD erinnert die Lyrikerin Daniela Danz in der FAZ an den Meteor aus Lars von Triers "Melancholia": Ist die Katastrophe unausweichlich? Wie unabhängig ist Kulturjournalismus überhaupt noch? Der Musikjournalist Axel Brüggemann lotet die Krise am Beispiel der klassischen Musik aus - der Perlentaucher blättert ein Kapitel vor. Es gibt Cancel Culture nicht nur, sie ist sogar überall, sagt Julian Nida-Rümelin im Tagesspiegel. Erst wollen alle den Tod des Autors, dann tritt er durch KI wirklich ein, und es ist auch wieder nicht recht, konstatiert die SZ.

Europa endet dort, wo die Demokratie endet

21.09.2023. "Nicht nur der Ukraine rennt die Zeit davon. Es ist Europa, das freie Europa, das den Krieg zu verlieren droht", schreibt Navid Kermani in einem düsteren Zeit-Essay zur Lage im Krieg gegen die Ukraine. In Zeit und FAZ reagieren Hamed Abdel-Samad und Susanne Schröter auf Constantin Schreibers Ankündigung, nichts mehr über den Islam sagen zu wollen. In der NZZ fragt SaÏda Keller-Messahli, warum die Linke in Frankreich die Idee des Laizismus aufgegeben hat.