9punkt - Die Debattenrundschau

Diese leise, fuchshafte Art

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.10.2021. Fintan O'Toole fragt im Guardian, ob sich Boris Johnson politisch nicht eher an Groucho Marx als an Churchill orientiert. Die FAZ  beobachtet mit Staunen, wie "Super Mario" Italien vom Populismus heilt. In der taz denken Jan Feddersen und Philipp Gessler über die Entgrenzung des Begriffs der "Rechten" bei Linken nach. Die Springer-Affäre erzeugt immer noch große hermeneutische Anstrengungen in allen Medien.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2021 finden Sie hier

Europa

Die EU hat Britannien in der Nordirlandfrage weitreichende Kompromissvorschläge gemacht, aber Boris Johnson und sein Brexit-Minister David Frost, sind nicht zufrieden und fordern jetzt, dass die vereinbarte Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs in Streitfragen ausgesetzt werden soll. Fintan O'Toole wittert darin im Guardian Taktik: "Am Donnerstag bestätigte der irische Premierminister Micheál Martin, dass Johnson dieses Thema bei den Gesprächen über das Protokoll nicht einmal angesprochen hatte. Und jetzt sollen wir glauben, dass es sich um eine rote Linie handelt, um eine Angelegenheit, die - anders als etwa Worthalten - von allerhöchster Bedeutung ist. Die britische Regierung hat eine Variante des Groucho-Marx-Prinzips entwickelt: Dies sind unsere Prinzipien, und wenn Sie nicht bereit sind, uns für sie zu bekämpfen, haben wir andere, mit denen wir Sie provozieren können."

Die Hoffnungen der Rechts- und Linkspopulisten sind bei den jüngsten Kommunalwahlen in Italien zerstoben wie Seifenblasen, schreibt Klaus Georg Koch in der FAZ. Überall haben Sozialdemokraten gewonnen! Die Rhetorik der Populisten klingt nach der Coronakrise altbacken, und geschafft hat das als alles "Super-Mario" Mario Draghi, der seit dem Frühjahr die Regierung führt: "Tatsächlich spielte das zuvor viel beschworene 'Volk' in Draghis Antrittsrede vor dem Parlament keine Rolle mehr, stattdessen sprach der Regierungschef von Bürgern und von den Institutionen des Staates, von Verantwortung, Pflichten, Solidarität. Damit war ein neuer Rahmen für das politische Handeln gesetzt. Wo bislang nach Kriterien des Klientelismus und politischer Gegnerschaft verfahren worden war - und politische Gegner wurden immer neu, in unbegrenzter Zahl produziert -, sollte nun im Sinn des Gemeinwohls gehandelt werden."
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Ideen

Jan Feddersen und Philipp Gessler, die gerade ein Buch gegen linke Identitätspolitik geschrieben haben, erklären in der taz die Hauptzüge ihrer Kritik: Sie werfen der neumodischen Linken eine Essenzialisierung von Identitäten bei gleichzeitiger Entgrenzung der Opferidentitäten vor, und einen ebenfalls völlig entgrenzten Begriff von der "Rechten", den sie als Waffe gegen ihre Diskursgegner einsetzen: "Dass er das ist, dass 'rechts' eine fast beliebige Chiffre geworden ist, hat mit einem entscheidenden Merkmal der sogenannten Identitätspolitik zu tun: einer aus der in der Tat rechten Staatsphilosophie um Carl Schmitt entliehenen Fähigkeit zum Freund-Feind-Denken. Wer nicht für die woke, die intersektional politisierte Sache ist, ist feindlich. Ist rassistisch, homophob, schlimmer noch: transphob, misogyn oder sonst wie feindlich und, eben, dies vor allem 'rechts'. Bei dieser Markierung als 'rechts', die Assoziationen mit Nazi und Ähnlichem aufzurufen beliebt, gehen alle in der Tat möglichen Fragen zur Sache unter."

Wie zur Bestätigung berichtet Ambros Waibel einige Seiten weiter in der taz, dass der taz und überhaupt allen anderen "bürgerlichen Medien" gerade von "Neuen deutschen Medienmachern*innen", einer staatlich geförderten Initiative zur journalistischen Nachwuchsförderung, die "Goldene Kartoffel" zugesprochen wurde, weil sie es wagten, einige Leitsätze linker Identitätspolitik zu problematisieren: "In dem Text der Jury heißt es: "Nur wenige Monate nach der 'Black Lives Matter'-Debatte haben sich im Frühjahr 2021 fast alle Medien in Deutschland gefragt, ob People of Color und Schwarze Menschen mit ihrem Antirassismus nicht doch zu weit gehen. Die Frage nach der Spaltung der Gesellschaft ist alles andere als harmlos. Sie dient dazu, die Stimmen von Feminist*innen, Schwarzen Menschen, Migrant*innen, behinderten oder queeren Menschen und so weiter zu delegitimieren."
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Medien

Die Affäre um Springer, die erst von der New York Times überhaupt lanciert werden musste, beweist unter anderem eines, findet Marcel Weiß in seinem Blog Neunetz: dass deutsche Medien provinziell sind. "Die Reaktion von Verleger Dirk Ippen, die Reportage kurz vor Veröffentlichung zu kippen, war ungeschickt, aber eher nur im Zeitpunkt ungewöhnlich für den deutschen Medienbetrieb. Der 81-jährige Ippen dürfte sich verhalten haben, wie man sich als gestandener Verleger in Deutschland eben verhält. Dachte er zumindest. Im Zweifel nicht gegen einen anderen Presseverlag. Erst recht nicht gegen Axel Springer. Ippen dürfte ebenfalls mit der massenmedialen Brille des 20. Jahrhunderts auf die Recherche seines Investigativ-Teams geschaut haben. Wenn er es kippt, ist es gekippt, was könnte ernsthaft passieren, außer dass ein paar Journalist/innen unzufrieden sind?"

Der neue Chefredakteur der Bild-Zeitung heißt bekanntlich Johannes Boie. Ein ganzes Autorenteam des Spiegels kann es gar nicht fassen, dass Wege von der Süddeutschen zur Bild führen können: "Erstaunlich für einen Mann, der sich in der Feuilleton-Redaktion der Süddeutschen Zeitung als Autor von klugen Essays und Denkstücken über die Digitalisierung und ihre Folgen für die Gesellschaft einen Namen gemacht hatte. Doch schon früh beschlichen Kolleginnen und Kollegen Zweifel, ob er auch meinte, was er schrieb. 'Johannes hatte diese leise, fuchshafte Art, mit der er auf sich aufmerksam machte', sagt ein Ex-Kollege." An dem stimmte was nicht!

Welche Auswirkungen wird Reichelts Abgang auf die Bild haben, fragen derweil Mat Schönauer und Moritz Tschernak, Autoren des Buches "Ohne Rücksicht auf Verluste. Wie Bild mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet" in der SZ: "Mit Reichelt wurde es düsterer, politischer, spalterischer. Die Schmuddelgeschichten des Boulevards rückten in den Hintergrund. Stattdessen auf Seite eins: Angst, Wut, Chaos. Kombiniert mit wiederkehrenden Motiven wie dem Islam oder Wladimir Putin oder den Kriegen in Syrien und Afghanistan und dem diesbezüglichen Versagen, das Reichelt der deutschen Politik attestierte. (…) Die Außenpolitik dürfte künftig seltener in Bild stattfinden, und auf keinen Fall mehr so obsessiv und radikal wie unter Julian Reichelt. Einige der Themen, die ihm sehr am Herzen lagen, sollen beim Rest der Redaktion auf deutlich weniger Begeisterung gestoßen sein, konnte man intern immer wieder hören. Und den Leserschwund der gedruckten Bild hielt Reichelt damit auch nicht auf."

"Die spektakuläre Offenlegung (der) charakterlichen Deformation von Julian Reichelt verdeckt (…) in ihrer öffentlichen Wirkung den Elefanten im Raum: Mathias Döpfner", schreibt, ebenfalls in der SZ, Georg Streiter, der bis 2009 das Politik-Ressort der Bild leitete. Er wirft beiden, "dem Intellektuellen Döpfner und dem Intellektuellen-Darsteller Reichelt" vor, "in den Nebel der Macht geraten" zu sein.
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Kulturmarkt

Die Satzung der Buchmesse "sieht vor, dass der Veranstalter 'keinerlei Zensur' ausübt und dass eine Ausstellung von Werken nur dann unzulässig ist, wenn deren 'Herstellung, Verbreitung oder Einfuhr von Gerichten der Bundesrepublik Deutschland verboten' worden ist", schreibt Maria Delius in der Welt zum Buchmessen-Boykott verschiedener AutorInnen (Unsere Resümees). Auch Jasmina Kuhnkes Verweis auf Bedrohung will Delius nicht gelten lassen: "Hat nicht auch Salman Rushdie die Messe besucht, noch in Hochzeiten der Fatwa-Bedrohung?  (…) Nun ist es Jasmina Kuhnkes gutes Recht, als Opfer von Rassismus ihren Auftritt abzusagen, genauso wie es ihr frei steht, offen anzuklagen, dass sie bedroht wird. Aber gerade eine Autorin sollte doch die hermeneutische Genauigkeit und das Gespür für chronologische Abläufe besitzen, rhetorisch aus einem neurechten Verlagsstand als solchem nicht einen Nazi-Aufmarsch zu machen und daraus dann eine Legitimation für einen Boykott zu begründen; zu suggerieren, die Buchmesse bereite geradezu bereitwillig Rassisten eine breite Bühne, ist schlicht unredlich. Letztlich zeigt sich eine Verschiebung: wie der aufgeklärte Öffentlichkeitsbegriff angegriffen wird durch die Impulse einer aktivistischen Mobilisierung, die lieber absagt statt hinschaut."

Genau nach dieser Form von Aufmerksamkeit, die ihnen in den letzten Tagen zuteil wurde, gieren die rechten Verlage, schreibt der Schriftsteller Tijan Sila auf Facebook. Widerstand gegen Rechte ist sinnvoll, aber man sollte ihnen dabei nicht einfach nur Schlagzeilen und Raum liefern: "Jede Sekunde der PR, die die drei Rechten gestern bekamen (sie schafften es sogar ins Fernsehen, einer trug ein Rammstein-Shirt), ging auf Kosten von Schriftsteller:innen."

Nur ein Viertel der Aussteller ist dieses Jahr auf der Messe anwesend und auch sonst ist eine veränderte Stimmung spürbar, notiert Paul Jandl in der NZZ: "Die Schwerpunkte verschieben sich. Literarische Autoren müssen mit ihrer Biografie zunehmend für das geradestehen, was sie da schreiben. Das Identitätsthema ist das trojanische Pferd des Büchermachens. Es trägt eine Weltoffenheit in sich und zugleich Tendenzen der Abschottung. (…) Jo Lendle, Chef des Hanser-Verlags, meint zu den Debatten: 'Wie gehen wir mit Empfindlichkeitsbewegungen um? Kann man sich noch auf Zentren einigen, oder adressieren wir eigentlich nur noch voneinander unabhängige Bubbles?'"
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Politik

In der SZ schildert Lea Sahay, wie China seine Macht innerhalb der UN ausweitet: "Peking hat seinen Einfluss soweit ausgebaut, dass inzwischen nicht nur seine 'Neue Seidenstraße' ein offizieller Teil der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung geworden ist. Niemand behindert die Arbeit von nichtstaatlichen Organisationen innerhalb der UN so aggressiv wie China. Besonders betroffen sind zivilgesellschaftliche Vertreter, die sich für Menschenrechte engagieren. Aber auch Organisationen, die zu Themen arbeiten, die für China unverfänglich sind, müssen sich auf Druck Pekings zu Konflikten wie Taiwan und Tibet positionieren. Andernfalls laufen sie Gefahr, ihren Beraterstatus zu verlieren."

In islamischen Ländern werden Genderfragen etwas rigider gehandhabt, erzählt Constantin Huber in hpd.de am Beispiel der Kosmetikunternehmerin Nur Sajat, die von den malaysischen Behörden aufgefordert wird, in ihre "männliche Ursprungsidentität "zurückzukehren und die nach Thailand geflohen ist. "Allgemein verbieten die islamischen Gesetze des Landes explizit, dass sich ein Mensch für ein anderes Geschlecht 'ausgibt' als jenes, das bei der Geburt 'zugeteilt' wurde. Der Möglichkeit, dass sich das Geschlecht entweder ändert oder aber ein Mensch in einem Körper geboren wurde, bei dem Sex und Gender nicht (vollständig) übereinstimmen, wird damit kein Raum gegeben. Die aktuellen Scharia-Gesetze sollen sogar noch ausgeweitet werden, sodass jegliche 'Förderung' des LGBTQIA-Lebensstils als Beleidigung des Islams aufgefasst werden kann."
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Stichwörter: China, Afrika, UN, Malaysia, Taiwan