9punkt - Die Debattenrundschau

Die Mission Zeitungsverkauf

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.12.2019. Der Kampf gegen den Brexit ist verloren. In der SZ will Timothy Garton Ash den Remainern trotzdem Mut machen. Die Übermedien fragen sich, warum die SZ zwar über Jeffrey Epstein berichtet, nicht aber über dessen Kumpel John Brockman.  Bei den Zeitungsverlegern erklärt Mathias Döpfner, warum Zeitungen keine Subventionen wollen, höchstens eine klitzekleine (oder doch etwas größere?) Strukturförderung. Die taz malt sich aus, wie eine Zukunft nach der Klimakatastrophe aussieht: "Keine Hybride".
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.12.2019 finden Sie hier

Europa

Nicht aufgeben für ein europäisches England zu kämpfen, beschwört Timothy Garton Ash in der SZ die Remainer - auch wenn der Kampf gegen den Brexit verloren ist. Dennoch kann er all jene Schotten verstehen, die die Schottische Nationalpartei aufgrund des Wahlversprechens, ein zweites Unabhängigkeitsreferendum abzuhalten, wählten. Aber: "Ein solches Resultat würde uns ins 17. Jahrhundert zurückversetzen, in die Zeit vor der Vereinigung mit Schottland im Jahr 1707. Manche würden sogar behaupten, wir fielen ins 16. Jahrhundert zurück, als lediglich England und Wales unter einem Souverän vereint waren. Darin liegt eine tiefe Ironie. Ebenjener Brexit, der von postimperialistischen Illusionen englischer Größe lebt, wird letztendlich wohl zur Sprengung des ursprünglichen, kleinsten englischen Empire führen: das dieser Inseln. Nur Wales wird dann noch übrig sein, um zu entscheiden, ob es bleiben will oder gehen."

Heute gedenkt der Bundesrat des Porajmos, der Ermordung von mehr als einer halben Million Roma und Sinti durch die Nazis. Aber diese Minderheit bleibt nach wie vor in Deutschland ausgegrenzt, schreiben die Grünen-Politiker Filiz Polat und Romeo Franz in der FAZ: "Jahrhundertealte Vorurteile dominieren weiter das Bild der Minderheit in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Eklatante Diskriminierungen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, im Gesundheits- und Bildungssystem, in Film und Fernsehen und auf der Straße gehören zum Alltag. Erst in diesen Sommer strahlte der Sender Sat1 einen Dokumentarfilm aus, der nach einem Gutachten des Politikwissenschaftlers Hajo Funke Kriterien der Volksverhetzung erfüllt."
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Politik

Die Republikaner sind nicht mehr als der Ableger eines "Ein-Mann-Betriebes", seufzt Stefan Kornelius in der SZ: Und auch "das Impeachment ist endgültig in der tagespolitischen Gosse angekommen, es wurde banalisiert und ideologisiert. Dabei darf die Amtsenthebung niemals zum Normalfall der Demokratie gehören, sie signalisiert einen Notfall. Aber: Durch die beständige Trivialisierung der Vorwürfe, durch den kreischenden Umgang mit Zeugen und Tatsachen haben Republikaner und der Präsident selbst aus dem parlamentarischen Gerichtsverfahren eine ideologische Schlacht gemacht, die am Ende - und dies ist die größte Ironie des Verfahrens - Trump sogar noch hilft. Denn es ist seine Methode, es sind seine Werkzeuge von Polarisierung und Aggression, die sich als mächtiger erwiesen haben. Für jedes rechtsstaatliche System auf der Welt entfaltet sich hier beispielhaft die Dystopie des eigenen Untergangs. Donald Trump hat es geschafft, mit der Kraft der Lüge das Recht auszuschalten."
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Ideen

Die taz betreibt eine Serie, die sich eine Zukunft nach der nicht abgewendeten Klimakatstrophe ausmalt. In der Einführung heißt es: "Um die Mitte des Jahrhunderts ist Schluss. Planet und Menschheit haben den Point of no Return erreicht, eine unbewohnbare Erde führt zum Zusammenbruch von Zivilisation und internationaler Ordnung - wenn wir nicht radikal umsteuern. So steht es in dem Bericht, den der australische Thinktank Breakthrough National Centre for Climate Restoration im Sommer 2019 veröffentlicht hat."

Der Text von Eva-Maria Tepest und Lynn Musiol liest sich dann eher wie aus der taz von 1979: "Der Kapitalismus konnte uns schon seit Jahrzehnten nichts mehr geben. Also pflanzten wir an. Als Grundversorgung für die Kommune, im ersten Frühjahr und aufgrund ihrer Haltbarkeit, zunächst deutsche Klassiker: Kartoffeln und Kohl. Gleich danach Medizinalpflanzen: Salbei (Halsschmerzen), Johanniskraut (Depression), Kamille, Ringelblume und Arnika (Antiseptikum und Antibiotikum) sowie Wermut (entwurmend). Zuletzt sortenreines Gemüse wie Kürbis, Pastinake, Möhren, Zwiebeln. Und Obstbäume: Apfel, Zitronen, Feigen. Keine Hybride."

Kurator Diedrich Diederichsen spricht in der SZ über seine Hubert-Fichte-Ausstellung "Liebe und Ethnologie" in Berlin, die von einem groß angelegten Journal online flankiert wird. In dem SZ-Gespräch verteidigt Diederichsen "Fichtes Konzept der Empfindlichkeit" vor dem Vorwurf, lediglich queeren Sextourismus zu bedienen: "Fichte hielt das globale schwule Netzwerk, das er in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren erkundete, für eine Mischung aus einer Art utopischem, schwulen Underground Railroad - ähnlich dem Netzwerk für entflohene Sklaven in den USA - und dem beginnenden Massentourismus. ... In welchen Milieus ist das organisiert und wieso überschneidet es sich oft mit religiösen, rituellen Gegenkulturen? Die brasilianische Candomblé-Kultur, zum Beispiel, hat nicht nur schwule Komponenten, es gibt da ja auch ganz starke lesbische Traditionen, eine Art weiblichen Nepotismus, wo von Tante zu Nichte das Wissen weitergegeben wird. In der Casa das Minas in São Luís do Maranhão, dem Ort, wo Fichte am ausgeprägtesten 'ethnologisch' gearbeitet hat, war das ein ganz wichtiger Punkt. An dem Homosexualität oder 'Verschwulung', wie er es nannte, sind so zugleich schwärmerische, fast hippiehafte Menschheitsutopien geknüpft, aber sie sind auch Gesellschaftsformen, andere Organisationen von Sex in Gesellschaft."
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Kulturmarkt

Nach einem Urteil des europäischen Gerichtshofs dürfen gelesene E-Books nicht weiterverkauft werden, meldet der Tagesspiegel mit dpa: "Es argumentierte, das Interesse der Rechteinhaber, angemessen vergütet zu werden, würde durch das fragliche Vorgehen deutlich stärker beeinträchtigt als im Fall gedruckter Bücher. Der Zustand digitaler Kopien werde durch den Gebrauch schließlich nicht schlechter. Auf dem Second-Hand-Markt seien sie folglich perfekter Ersatz für neue Exemplare."
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Gesellschaft

Die Berliner Ärztin Bettina Gaber legt vom Bundesverfassungsgericht Beschwerde ein, weil sie aufgrund der Paragrafen 219a, der ihr Information über Schwangerschaftsabbruch verbietet, eine Strafe von 2.000 Euro zahlen soll. Christian Rath wägt in der taz ab, wie der Prozess vor dem Gericht laufen könnte: "Als Vorfrage der Entscheidung steht auch im Raum, ob das Bundesverfassungsgericht an seinem Konzept festhält, dass das 'werdende Leben' zwingend durch strafrechtliche Normen geschützt werden muss. Es gibt bisher keine Anzeichen, dass Karlsruhe von diesem oft als frauenfeindlich kritisierten Ansatz abrücken wird. Es ist also sogar denkbar, dass Karlsruhe zwar einerseits den Paragrafen 219 a für verfassungswidrig erklärt, zugleich aber die grundsätzliche Kriminalisierung von Abtreibungen als zwingend notwendig bestätigt."

Weiße Linke, die sich ihre Privilegien, sprich: "versteckten Rassismen", nicht eingestehen, "lügen, wenn sie behaupten, dass sie keine Rassisten seien" - so geht laut Judith Sevinc Basad in der NZZ die These der britischen Journalistin Reni Eddo-Lodge in deren Buch "Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe". "Humbug", schimpft Basad, ärgert sich aber noch mehr über die Sendungen der deutschen und Schweizer Öffentlich-Rechtlichen, die den Ansatz bereitwillig aufnehmen und ihre weißen Konsumenten auffordern, "die vermeintlichen Privilegien abzulegen, sich zu schämen oder sich Menschen mit dunklerer Hautfarbe unterzuordnen": "Der Deutschlandfunk veröffentlichte auf Facebook sogar eine Checkliste, auf der Menschen ihre Privilegien ankreuzen konnten. Dazu die Überschrift: 'Auf wie viele Privilegien kommen Sie - und wie oft haben Sie schon darüber nachgedacht?' Als Privileg erachtete die Redaktion nicht nur die Eigenschaften 'Mann', 'weiß' und 'heterosexuell', sondern dachte sich auch neue Kategorien aus, wie 'in einem bezahlten Job arbeiten' oder 'an Sicherheitskontrollen an Flughäfen nicht nervös werden'. Der Hintergedanke: Je mehr Punkte man ankreuzen muss, desto mehr sollte man seine eigenen Privilegien infrage stellen - und sich zwangsläufig für seine vermeintlichen Erfolge im Leben schämen."
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Religion

"Macht Jom Kippur zum Feiertag!", um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen, fordert der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf in der FAZ die christlichen Kirchen auf. Um der Wirtschaft gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, schlägt er vor: "Die Repräsentanten der christlichen Kirchen im Lande sollten in ökumenischer Eintracht auf den besonderen staatlichen Schutz für einen ihrer überkommenen christlichen Feiertage verzichten. Sie könnten so demonstrieren, dass sie um der Gleichberechtigung der jüdischen Bürger willen dazu bereit sind, die von ihnen erwünschte Präsenz des Jüdischen in der deutschen Gesellschaft in deren Zeitordnung sichtbar zu machen. (...) Für den empfohlenen Verzicht bietet sich aus praktischen Gründen und mit theologischen Argumenten der Pfingstmontag an." Und: "Muslimische Akteure täten gut daran, eine entsprechende Initiative christlicher Kirchenvertreter ihrerseits zu unterstützen - auch als ein Ausdruck der entschiedenen Absage an den Antisemitismus in manchen islamistisch geprägten Sozialmilieus."
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Medien

Den Kölner Stadt-Anzeiger und den Express ist DuMont nicht losgeworden, offenbar gab es kein ansprechendes Gebot, meldet Christian Meier in der Welt. Die Zukunft der Hamburger Morgenpost ist noch ungewiss, über den Verkauf der Mitteldeutschen Zeitung wird immerhin mit der Mediengruppe Bauer verhandelt, das Angebot soll bei über 50 Millionen Euro liegen, so Meier weiter: "Die Mission Zeitungsverkauf ist damit stecken geblieben. Fragt sich, ob DuMont ein Zeitungshaus wider Willen wird - oder ob das Management nun die Kraft hat, für Köln eine gute Strategie zu entwerfen. Der Stadt-Anzeiger ist ansehnlich profitabel, große Probleme hat das Boulevardblatt Express. Der ursprüngliche Plan von Medienmanager Bauer war, mit dem Erlös des kompletten Zeitungsverkaufes in digitale Geschäftsfelder zu investieren. Eine Summe von rund 50 Millionen Euro, die möglicherweise durch den Verkauf in Halle reinkommt und von der ein Teil auch an die Gesellschafter gehen könnte, dürfte allerdings nur begrenzt weiterhelfen, die bisherigen Digitalgeschäfte zu beflügeln."

Springer-Chef Mathias Döpfner, nebenbei Präsident des Zeitungsverlegerverbandes BDZV, will zwar Subventionen für Zeitungen, aber sie sollen nicht Subventionen heißen. Für die defizitäre Zustellung von Zeitungen per Boten sollen die Zeitungen zwar 40 Millionen Euro jährlich bekommen. Das solle sich aber als "vollständig getrennte Zustellungs-Infrastrukturförderung" verstehen, so Döpfner in einem Brief an die Mitglieder seines Verbandes, der auch auf der Homepage des Verbandes zitiert (aber nicht veröffentlicht) ist. Döpfner äußert sich in dem Brief auch erfreut über die Erfolge seiner Lobby-Arbeit: "Die Europäische Union habe mit der europäischen Urheberrechtsrichtlinie nach jahrelangem zähen Ringen 'einen robusten Rechtsrahmen für unsere journalistischen Angebote in der digitalen Ära geschaffen'." 40 Millionen Euro sind den Zeitungen als Subvention aber übrigens viel zu gering - 400 Millionen wären ihnen lieber (unser Resümee).

Zwischen 3.681 und 10.405 Euro verdienen Redakteure monatlich in der ARD - zu viel findet die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) und plädiert dafür, die Gehälter von Mitarbeitern der Öffentlich-Rechtlichen zu kürzen, schreibt Elisa Britzelmeier in der SZ. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den Gehältern der einzelnen Sender -ZDF, BR, HR, SR und vor allem der WDR liegen deutlich oberhalb des Durchschnitts, so Britzelmeier und hat nachgefragt: "ARD und ZDF haben vor allem eine - nicht ganz schlüssige - Begründung für die vergleichsweise hohen Gehälter: das Durchschnittsalter. Weil aus Spargründen in den vergangenen Jahren kaum jemand mehr angestellt wurde, seien die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei ihnen älter als im öffentlichen Dienst, entsprechend verdienten sie mehr. Also teuer, weil alt? Wenn man sich das Durchschnittsalter bei den Landesrundfunkanstalten anschaut, stellt man fest: Die Begründung greift nicht ganz. Denn nach dieser Logik müsste man ja meinen, dass der WDR, mit seinem besonders hohen Vergütungsniveau, der Sender mit den ältesten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist. Das stimmt aber nicht. Beim WDR liegt das Durchschnittsalter bei 49,2 Jahren, beim SWR etwa sind die Mitarbeiter mit 50,47 Jahren noch ein wenig älter. Der SWR allerdings wird im Gutachten nicht genannt."

Boris Rosenkranz erkundet für die Übermedien die etwas peinlichen Grenzen der Berichterstattung der SZ über den Fall Jeffrey Epstein. Der Milliardär stand bekanntlich im Zentrum eines krassen und vieldutzendfachen Falls von sexuellem Missbrauch und hat sich (höchstwahrscheinich) im Gefängnis das Leben genommen. Zum engen Umkreis Epsteins gehörte John Brockman, einst ein Idol Frank Schirrmachers und Erfinder von edge.org und der "dritten Kultur", in der Geistes- und Naturwissenschaften fusionieren sollten. Auch SZ-Feuilletonchef Andrian Kreye war engstens mit Brockman bekannt, der Hunderttausende Dollar Unterstützung von Epstein bekam und ihn dafür in glamouröse Kreise einführte. Aber das erwähnt Kreye in der Epstein-Berichterstattung nicht. Dabei hat Evgeny Morozov, einst häufiger Autor bei der SZ, Brockmans Kungeln mit Epstein detailreich angeprangert (unser Resümee). Über den Rückritt von Joichi Ito beim Media Lab des MIT, das ebenfalls von Epstein unterstützt wurde (unsere Resümees), hatte er dagegen berichtet. "Er schreibt, Epsteins Gelder wirkten 'wie radioaktiver Müll in den Haushalten der Institute und Institutionen', und die Liste der Empfänger sei lang: 'Einige haben sich schon distanziert. Andere, wie die Harvard University, die 6,5 Millionen Epstein-Dollar bekommen haben soll, äußern sich nicht.' Dass auf der Empfänger-Liste auch die Edge Foundation stand, erwähnt SZ- und Edge-Autor Kreye nicht. Auch nicht, dass Brockman derjenige gewesen sein soll, der Epstein mit von ihm vertretenen Wissenschaftlern wie Ito zusammenbrachte."
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