9punkt - Die Debattenrundschau

Die Stille der Vögel

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.08.2018. Im Guardian erklärt der deutsche Journalist Alexander Menden, warum er und seine Familie nach vielen Jahren London verlassen. Die FAZ zitiert aus einer wütenden Resolution der VG Bild Kunst nach dem Scheitern der EU-Urheberrechtsreform.  Laut Welt und Berliner Zeitung drohen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zwei Probleme: der Welfenschatz und die kommende Evaluierung.  In Zeit online erklärt Jimmy Wales, wie er sich die Zukunft des Journalismus vorstellt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.08.2018 finden Sie hier

Europa

Der deutschen Jouranlist Alexander Menden (der für die SZ über Kunst berichtet) erklärt im Guardian, warum er und seine Familie das Brexit-gebeutelte Britannien verlassen. Zum einen zeigt er sich angewidert vom Zustand der britischen Politik, aber es gibt auch ganz konkrete Punkte. So sei eine der in den Medien ohne Nachfrage wiederholten Behauptungen der britischen Regierung, dass der Status der drei Millionen EU-Bürger sicher sei. Doch "trotz offizieller Beteuerungen ist es immer noch unklar, wie dieser Status aussehen wird, wenn Britannien die EU im März 2019 verlassen hat. Wenn das von des Innenminister Sajid Javid  angekündigte 'settlement scheme' realisiert wird, müssen wir für einen Status, den die Freizügigkeit bisher garantierte, Anträge stellen und bezahlen. Aber Freizügigkeit ist weder Privileg noch Verhandlungsmasse. Sie ist eine gegenseitige Vereinbarung zwischen EU-Staaten, die die gesetzliche Grundlage für unseren Umzug nach Britannien vor vielen Jahren bildete. Sie ist einseitig von der britischen Regierung gekündigt wurden. Wir konnten dabei nicht mitreden."

Wir brauchen einen sicheren Rechtsstatus für Wirtschaftsflüchtlinge, um ihnen ein selbstbestimmtes, legales Leben zu ermöglichen, fordert Daniel Fallenstein, Journalist bei den Ruhrbaronen in der Welt. "Wenn wir endlich Wirtschaftsmigration als solche zulassen, entspannen sich auch andere Fronten. Das Asylsystem wird entlastet. Eine ordentliche Einreise entlastet die strapazierten Grenzregionen der EU und ihrer Mitgliedstaaten. Eine automatische Arbeitserlaubnis und Niederlassungsfreiheit gibt Unternehmen und Migranten die Sicherheit, verlässliche Arbeitsverträge einzugehen. Ganz zu schweigen davon, dass die großen Integrationserfolge am Arbeitsplatz errungen werden und nicht im Asylbewerberheim."
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Urheberrecht

Tobias Müller zitiert in der FAZ aus einer im Netz nicht auffindbaren Resolution der VG Bild Kunst, in der die Verwertungsgesellschaft noch mal ihren ganzen Zorn über das Scheitern der EU-Urheberrechtsreform vor einigen Wochen artikuliert: "Die Parlamentarier hätten sich kurz vor der Abstimmung durch 'eine fragwürdige, gut finanzierte Netz-Kampagne' beeinflussen lassen. Eine Mehrheit des Parlaments habe die hart erarbeiteten Kompromisse der vergangenen zwei Jahre zunichte gemacht. Zu der vorangegangenen 'Fake-News-Kampagne' gehört nach Ansicht von Alexander Voss die verdrehte Logik, Konzerne wie Google könnten, wenn sie sich nicht um eine Lizenzpflicht bemühen, Medien gewissermaßen zensieren, das Ende des freien Internets in Europa einläuten und gegen die Meinungs- und Kunstfreiheit verstoßen."
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Geschichte

Mit Blick auf den gestrigen 75. Jahrestag des Aufstands von Treblinka fragt der Judaist Stephan Lehnstaedt in der SZ: "Wenn ausgemergelte, unbewaffnete und unterdrückte Insassen von Treblinka gegen den Genozid kämpfen konnten, warum tat es dann sonst niemand?" Er fordert eine neue Debatte: "Was bedeutet es, wenn ein ganzes Volk zugesehen, zugestimmt und sogar mitgemacht hat, als ein Völkermord stattfand? Und warum ist weniger als ein Promille dieser Menschen dagegen aufgestanden oder hat den Juden zumindest im Stillen geholfen? Diese zentralen Fragen jeder historisch-politischen Bildung sind bisher überhaupt nicht gesellschaftlich gestellt, geschweige denn beantwortet worden, obwohl sie eine universelle Bedeutung haben: Wie verhalten wir uns bei Not, Unrecht und Verfolgung von anderen?"
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Stichwörter: Treblinka

Kulturpolitik

Vor zehn Jahren stellten Nachfahren der ehemaligen jüdischen Eigentümer des sich aktuell im Besitz des Berliner Kunstgewerbemuseums befindlichen Welfenschatzes Antrag auf Restitution. 2014 entschied sich eine deutsche Kommission gegen die Rückgabe, die Kunsthändler seien in dem speziellen Fall nicht unter Druck gesetzt worden. Da der US-Kongress, wo die Nachfahren seit 2015 klagen, den NS-Kunstraub jedoch als Bestandteil des NS-Genozids ansieht, wies der US Court of Appeals zwar die Klage gegen Deutschland ab, ließ aber die Klage gegen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu, erläutert Gurlitt-Anwalt und NS-Raubkunst-Experte Hannes Hartung in der Welt und fordert Verantwortung der öffentlichen Sammlungen: "Gegen die Privatsammlung von Cornelius Gurlitt war es mit aller Härte vorgegangen und hat den alten Mann an den Pranger gestellt. Er musste als Sündenbock für alle gesetzgeberischen Versäumnisse in Deutschland im Umgang mit Raubkunst herhalten. Man verlangte von ihm die bedingungslose Restitution jedweden Gegenstandes, der unter Raubkunstverdacht steht. Diese Logik würde für die SPK die vollständige Restitution des Welfenschatzes bedeuten."

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat derzeit noch ganz andere Probleme, wie Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung berichtet. Laut Koalitionsvertrag soll sie sich einer Evaluierung unterziehen, also Verwaltungsstrukturen, Finanzierung, Forschungspolitik und Digitalisierung offenlegen, so Bernau. Einige Fragen werden auf den Tisch kommen: "Wie autonom sollten die General- und die Abteilungsdirektionen sein, die derzeit meist im Schatten des übermächtigen Stiftungspräsidenten stehen? Wie kann die Staatsbibliothek ihren in Jahrhunderten aufgebauten Anspruch, eine Natur- und Geisteswissenschaften umfassende Universalbibliothek zu sein, wieder erringen? Wird das Humboldt-Forum zur Touristenfalle oder zum urbanen Kulturzentrum? Und welche Macht steht der Politik eigentlich zu, welche Autonomie darf die Stiftung beanspruchen?"

Ideen

Einige Zeitungen würdigen der Merkur-Herausgeber Kurt Scheel, der sich im Alter von siebzig Jahren das Leben genommen hat. Christian Schröder schildert ihn im Tagesspiegel als recht eigensinnigen Außenseiter im Feuilletonbetrieb: "Scheel hatte ab 1977 als Lektor für deutsche Literatur und Sprache an der Universität von Hiroshima gearbeitet, bevor er 1980 Redakteur beim Merkur in München wurde. So brachte er einen Blick von außen auf die deutschen und europäischen Verhältnisse mit. Wenn er die Idee des Westens kulturell wie politisch verteidigte, brach er seine Argumentation auch schon mal auf dass Format eines Slogans herunter: 'Überall dort, wo Freiheit herrscht, gibt es auch Kapitalismus.'"

Patrick Bahners verweist in der FAZ auf Scheels letzten Beitrag in dem von Scheels Freund Michael Rutschky begründeten Blog Das Schema, in dem Scheel einen Ausflug an die Havel schildert: "Scheel wollte die Stille der Vögel nicht hinnehmen, die ihn beim frühmorgendlichen Bad in der Havel überraschte. 'Was machen die gefiederten Freunde, frage ich mich, und füge vogelkritisch hinzu: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.'" Und in der SZ schreibt Willi Winkler: "Kurt Scheel war ein Autor, der fast nichts schrieb und es doch besser konnte als fast alle anderen."
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Medien

Simone Schlindwein erzählt in der taz die Geschichte der drei russischen Journalisten, die in Zentralafrika erschossen wurden sind und die im Auftrag des Medien-Startups "Zentrums für Recherchemanagement" (ZUR) des Kreml-Kritikers Michael Chodorkowski recherchierten. Offenbar waren sie russischen Södnern auf der Spur, die im Auftrag eines Oligarchen eine Goldmine gegen marodierende Islamisten absicherten: "Berichten zufolge hatte die russische Mineralienfirma M-Invest zu Beginn des Jahres die Konzession Ndassima zugesprochen bekommen, als 'Belohnung' für das russische Militarengagement in der Zentralafrikanischen Republik."

Im Zeit-Interview mit Julia Jaki erzählt Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, dass seit der Trump-Wahl die Spenden für Wikipedia gestiegen sind, was Wikipedia gegen Fake-News unternimmt und wie er sich mit seiner neuen Plattform WikiTribune die Zukunft des Journalismus vorstellt: "Das Finanzierungsmodell ist schon lange am Boden, der finanzielle Druck ist riesig und zwingt selbst qualitativ hochwertige Medien dazu, Clickbaitschlagzeilen zu verfassen. Gleichzeitig weiß ich, dass es eine tolle Gemeinschaft gibt, die mit Leidenschaft Sachverhalte verifiziert. Reiner Bürgerjournalismus beantwortet nicht alle Fragen, es gibt Dinge, für die man professionelle Journalisten braucht. So kam es zu dem Hybridmodell: professionelle, bezahlte Journalisten und eine Community, die diese unterstützt. Wenn wir das hinbekommen, dann können wir Kosten senken und die Journalisten besser bezahlen."
 
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Gesellschaft

Die Antirassisten sind es, die ständig den Begriff "Rassismus" im Munde führen und damit einen Begriff verwenden, "der am Leben hält, was zu bekämpfen sie sich vorgenommen haben", schreibt Jan Fleischhauer in seiner Spiegel-online-Kolumne: "Oder wie es der Werbefachmann Thomas Brasch auf Twitter schrieb: 'Wer ständig Rassismus brüllt, wenn er Diskriminierung meint, braucht sich nicht wundern, wenn auch die kommenden Generationen noch weiter glauben, es gäbe Menschenrassen.'"

Rassismus ist eine Ideologie mit "biologistischen Konnotationen", Xenophobie ein Gefühl, also ein Unbehagen allem Fremden gegenüber und Rechtsextremismus ein antiliberales und "rigides politisches Ordnungskonzept", hält der Soziologe Rainer Paris in der NZZ fest, verärgert darüber, dass die Begriffe im medialen Diskurs immer wieder vermischt werden. Und: "Vor allem aber ist zu betonen, dass es diese Mechanismen, etwa die rassistische Bindung humaner Qualifizierungen an naturale Merkmale oder tiefsitzende Aversionen gegen Andersdenkende, ja keineswegs nur im rechten oder rechtspopulistischen Lager gibt. Sie sind auch dort, wo sie, etwa in bestimmten Diskursen des Feminismus und der Ökologiebewegung, nach außen vehement abgelehnt werden, oft untergründig präsent und treten zuweilen offen zutage."
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