9punkt - Die Debattenrundschau

Prächtig ausgestattete Opferecke

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.03.2018. Frankreich geht dem Mord an Mireille Knoll nach. Auch in London und Berlin wird über Antisemitismus nachgedacht. In der Zeit wehrt sich Neil MacGregor gegen Vorwürfe, das Humboldt-Forum gehe zu lax mit Fragen der Raubkunst um. In American Interest erzählt Peter Pomerantsev, wie es mit der Idee der Freiheit bergab ging. Das britische Parlament ist laut Guardian empört über Mark Zuckerberg, der sich nicht den Fragen eines Untersuchungsausschusses zu Cambridge Analytica stellen will.  Warum sind die Autoren der "Erklärung 2018" eigentlich so weinerlich, fragt Thomas Schmid in der Welt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2018 finden Sie hier

Europa

Le Monde bringt auf seiner Homepage einen Agenturbericht mit Details zu dem Mord an Mireille Knoll (unser Resümee) - vor allem weiß man inzwischen ein bisschen mehr über die mutmaßlichen Täter, einen 27-jährigen und einen 21-jährigen Mann, die beide eine kriminelle und Gewalt-Vorgeschichte haben: "Die beiden Männer, die während ihres Verhörs nicht miteinander konfrontiert worden sind, haben widersprüchliche Angaben gemacht und sich gegenseitig bezichtigt, die tödlichen Messerstiche versetzt zu haben. Einer der Verdächtigten hat erklärt, dass sein mutmaßlicher Komplize während der Tat 'Allahu akbar' gerufen habe. In der Nacht auf Dienstag sind sie der 'vorsätzlichen Tötung einer Person aus dem Grund einer tatsächlichen oder angeblichen Angehörigkeit dieser Person zu einer Religion', des 'schweren Raubs' und der 'Sachbeschädigung' angeklagt worden."

Außerdem: In einem taz-Kommentar hofft Rudolf Balmer, dass eine Bekämpfung des islamistischen Antisemitismus in Frankreich der Integration nur nutzen könne.

In London trafen sich jüdische und einige nicht jüdische Labour-Angehörige, um gegen Antisemitismus in der Partei zu demonstrieren, berichtet Daniel Zylbersztajn in der taz: "Luciana Berger aus Liverpool las antisemitische Begebenheiten aus nur der vorigen Woche vom Blatt: Die Suspendierung eines Stadtrates wegen Holocaustleugnung. Die Einstellung eines Holocaust-Geschichtstrainings, weil ein Genosse behauptet hatte, es sei von israelischen Geldern getragen. Ein anderer Genosse behauptete, Antisemitismus sei im Namen der Meinungsfreiheit zu akzeptieren." Im Guardian begründet Hadley Freeman, warum sie an diesem Protest gegen den Corbynismus teilnahm.

In der FAZ weist Michael Hanfeld die Angabe zurück, dass neunzig Prozent der antisemitischen Straftaten in Deutschland einen rechtsextemen Hintergrund hätten: "Zu diesem Befund kommt man nur, wenn man die automatisch vollzogene Zuweisung solcher Taten ins rechtsextreme Spektrum mitmacht. Das Problem aber ist größer, es umfasst den alteingesessenen und den 'zugewanderten' Antisemitismus. Es geht um Islamismus und eine religiöse Radikalisierung, die bei Kleinkindern ansetzt."

Ob der katalanische Politiker Carles Puigdemont, der zur Zeit in Deutschland festgehalten wird, nach Spanien ausgeliefert wird, könnte von der Frage abhängen, ob er in seinen Bestrebungen Gewalt befürwortet hat. Der Richter Pablo Lllarena behaupte das in seiner Anklageschrift, so Hans-Christian Rösler in der FAZ: "Trotz monatelanger Ermittlungen gelang es Richter Llarena aber bislang nicht, Puigdemont und seinen Mitstreitern nachzuweisen, dass sie aktiv zu Gewalt aufgerufen haben. Llarena spricht dennoch von einem 'kriminellen Plan' mit dem Ziel der katalanischen Unabhängigkeit, mit dessen Verwirklichung die Angeklagten seit 2012 zu arbeiten begannen."
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Kulturpolitik

In der Zeit wehrt Neil MacGregor, Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt Forums, Vorwürfe ab, das Forum gehe zu lax mit Fragen der Raubkunst um. Die Forderung, nur noch ethnologische Objekte zu zeigen, deren tadellose Herkunft ohne jeden Zweifel erwiesen ist, lehnt er jedoch höflich ab: "Fragen der Objektaneignung im kolonialen Kontext sind komplizierter, da die Ereignisse weiter zurückliegen. Die Herkunftsdokumentation ist gewöhnlich fragmentarisch, und selbst bei den vielen gut aufgeklärten Fällen bleibt oftmals strittig, wer heute berechtigt ist, diejenigen rechtlich zu vertreten, die einst enteignet worden waren. In den Herkunftsländern finden sich grundverschiedene Ansichten über Fragen der Restitution. ... Meiner Ansicht nach ist es deshalb umso wichtiger, die fraglichen Gegenstände auszustellen und öffentlich - im Humboldt Forum - zu diskutieren. Das vielleicht nicht zu lösende Problem, wie man im Rahmen unterschiedlicher Rechtssysteme entscheiden soll, wird zentrales Thema der Debatten im Humboldt Forum sein müssen."

Wissenschaft

In der SZ stellt Johan Schloemann drei Wissenschaftlerinnen vor, die Spitzenpositionen der deutschen Geisteswissenschaften besetzen: die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, die die erste Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin wird, die Germanistin Sandra Richter, die die erste Leiterin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach wird, und die Literaturwissenschaftlerin Julika Griem, die die erste Leiterin des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Essen wird: "Es gibt weitere Beispiele, und sie zeigen, dass da wirklich etwas in Bewegung gekommen ist, während der allgemeine Frauenanteil bei den Professuren in Deutschland noch bei 22 Prozent liegt."
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Ideen

Seit dem Kalten Krieg ist es mit der Idee der Freiheit auch im Westen bergab gegangen, schreibt Peter Pomerantsev in American Interest. In den Fünfzigern konnte die Überlegenheit des Westens auch mit kulturellen Argumenten belegt werden: "Diese Verflechtung von Wahlfreiheit und Saxofon-Solos, Kapitalmärkten und abstraktem Expressionismus ist nun schlicht auseinander gefallen. Länder wie China und Russland zeigen, dass man alle Verheißungen einer 'freien' Kultur und freie Märkte - Moderne Kunst, Reality-TV, Zocken auf dem Aktienmarkt - und wenige politische Freiheiten haben kann. Unterdessen haben Länder wie die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich vorsätzlich die politische von ökonomischer Freiheit entkoppelt, glücklich, dass sie nicht nur 'Free-market'-Deals mit Regimes schließen können, die auf Menschenrechten herumtrampeln, sondern dass sie auch noch das Geld dieser 'Investoren' in New York und London waschen dürfen."

Die Deutschen sehen die eigenen Familien konkret zunehmend als Opfer des Nationalsozialismus. Gleichzeitig sehen sie sich abstrakt in einer besonderen moralischen Verantwortung für den Rest der Welt, glaubt die Frankfurter Politologin Melanie Tatur in der NZZ. Das habe sich besonders während der Flüchtlingskrise in der "Willkommenskultur" gezeigt: "Die moralischen Kosten der Instrumentalisierung der deutschen Schuld und Verantwortung lassen sich heute nicht einschätzen. Es ist zu befürchten, dass sie beträchtlich und gefährlich sein werden. Die deutsche Geschichtspolitik der 'Vergangenheitsbewältigung' hat auf der Ebene der offiziellen Erinnerung und der informellen Familiengeschichte konkrete Schuld und Verantwortung durch eine abstrakte Verpflichtung gegenüber Ideen und moralischen Werten und Prinzipien ersetzt. Sie hat die Nachgeborenen damit von konkreter Schuld und Verantwortung entlastet. Genau damit aber fügt sich die Geschichtspolitik und die von ihr geprägte deutsche Gesellschaft in eine spezifisch deutsche Tradition." (Soll das heißen, im Grunde sind wir immer noch Nazis und darum haben wir die Flüchtlinge willkommen geheißen?)

Ebenfalls in der NZZ überlegt Almut Seiler-Dietrich, ob Ngugi wa Thiong'os frisch übersetzter Grundlagentext zur afrikanischen Sprachdebatte, "Decolonizing the Mind" von 1986, heute immer noch aktuell ist. Ngugi beschreibt darin die europäischen Sprachen als Herrschaftsinstrumente eines poskolonialen Imperialismus. Das lässt sich so nicht mehr halten, meint Seiler Dietrich, eher seien Aufsteig und Ansehen von AutorInnen mit der Verwendung europäischer Sprachen verknüpft. In dem Buch vermisst sie allerdings einen Punkt. "Nirgendwo sei die "Rede vom Vorteil der von klein auf geübten Mehrsprachigkeit, der in der Befähigung zum Agieren in der globalisierten Welt besteht. Die behauptete Glottophagie findet, wenn überhaupt, auf politischer Ebene statt, etwa wenn der sich zurzeit aufschaukelnde Konflikt in Kamerun 'Anglofone' und 'Frankofone' gegeneinander aufbringt: Tribalismus als koloniale Restmasse."
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Internet

Auf drei Anfragen des britischen Parlaments, sich zu Fragen der Manipulation der Brexit-Abstimmung qua Cambridge Analaytica und Facebook zu äußern, hat Mark Zuckerberg bisher nicht reagiert. Der Guardian zitiert den Vorsitzenden des Untersuchungsausschuss Damian Collins: "Angesichts der außergewöhnliche Beweislage, die wir bislang ermittelt haben, erscheint es mir absolut erstaunlich, dass Mark Zuckerberg nicht bereit ist, sich einer parlamentarischen Befragung zu stellen, zumal es sich hier um Fragen von fundamentaler Bedeutung für seine Nutzer handelt. Ich fordere ihn auf, dies nochmal zu überdenken, wenn es ihm in irgendeiner Weise um die Leute zu tun ist, die die Dienste seiner Firma nutzen."
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Gesellschaft

Die deutsche Sprache wird verschwinden, nicht nur in der Wissenschaft, auch im Alltag, glaubt der Schriftsteller Eugen Ruge in einem Artikel, den die Zeit aus der Zeitschrift Sinn und Form übernommen hat. Wenn selbst deutsche Politiker wie Alexander Graf Lambsdorff oder Guenther Oettinger sie gegenüber dem Englischen nicht für konkurrenzfähig halten, sei es sicher bald vorbei damit. Oettinger erklärte laut Ruge schon 2005, "die zukünftige Arbeitssprache in Deutschland werde Englisch sein. Er gewährt der deutschen Sprache immerhin eine Art Gnadenbrot. Originalton Oettinger: 'Deutsch bleibt die Sprache der Familie, der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest, aber - Englisch wird die Arbeitssprache.' Mit großem Recht fragt der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant: Wenn Englisch die Arbeitssprache ist - warum sollen Migranten dann Deutsch lernen? Eine Familiensprache haben sie schon, sie brauchen keine zweite."

Welt-Autor Thomas Schmid kommt nochmal auf die "Erklärung 2018" (unsere Resümees) zurück, in der er viele ehemals linke Unterzeichner der 68er-Generation findet. Zum Teil kann er ihren Impuls verstehen, er konzediert, dass es eine starke Selbstgerechtigkeit starker Ströme der Linken und Grünen gebe (von Mainstream spricht er nicht), kann den Autoren der "Erklärung" aber dennoch nicht folgen: "Warum aber richten sich die neuen und alten Freunde der Nation, der Volksgemeinschaft, der Grenzschließung so gemütlich in dieser selbsterfundenen und prächtig ausgestatteten Opferecke ein? Warum werden sie zu einer One-Point-Group, die immer nur 'Flüchtlinge, Grenzen, Nation, Souveränität' ruft und alle anderen Probleme dieser wahrlich problemreichen Wirklichkeit konsequent ausblendet? Warum versimpeln sie sich so? Warum geben sie sich so lustvoll einer defensiven, aber verdruckst aggressiven Weinerlichkeit hin?"
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Medien

In der NZZ kritisiert Marc Felix Serrao die Zeit, die die Zusammenarbeit mit ihrem Kolumnisten Thomas Fischer beendet hat, weil der bei Meedia die Zeit-Berichterstattung über Dieter Wedel kritisiert hatte: "Warum verzichtet die Zeit, die sich als liberale und 'führende meinungsbildende Wochenzeitung' versteht, auf einen Autor, der so viel zur Meinungsbildung beiträgt?"
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Politik

Richard Herzinger beobachtet in der Welt eine neue Ideologisierung der Politik im Zeichen der Installation Xi Jinpings als großem Führer: "Das chinesische Gebräu aus sozialistischer Retro-Theorie und extremem Nationalismus stellt zwar kein originalgetreues Abbild der alten marxistisch-leninistisch-maoistischen Lehre dar. Und sicher lässt es sich nicht ohne erhebliche Modifikationen auf andere Weltteile und politische Kulturen übertragen. Doch als Inspiration für diverse autoritäre Bestrebungen besitzt es leider explosives Potenzial. So lässt sich das kollektivistische Ideal einer 'sozialistischen Gesellschaft' relativ mühelos in die Vision einer ethnisch reinen 'Volksgemeinschaft' übersetzen. "
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Stichwörter: China, Xi Jinping