9punkt - Die Debattenrundschau

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Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.03.2018. Heute beherrschen die Frauen alles. Naja, zumindest in dieser Presseschau: Viele Medien bringen Schwerpunkte zum Tag der Frau, die taz ein ganzes Dossier, das sich an Judith Butler abarbeitet, aber auch Recherchen zu Abtreibung in Deutschland bringt. Die SZ verteidigt das Kopftuch bei Richterinnen. Im Wiener Kurier äußert sich Seyran Ates skeptischer zum Kopftuch. In der NZZ skizziert Necla Kelek die Lage der Frau im Islam. Der Guardian freut sich über die wohl kommende Liberalisierung des Abtreibungsrechts in Irland.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2018 finden Sie hier

Gesellschaft

Schwerpunkt zum Tag der Frau

Heute ist der erste Tag der Frau seit #MeToo. Die taz bringt ein ganzes Riesendossier unter dem Titel "Back to Sex!" zur Frage: "Wie muss Körperpolitik im Jahr 2018 aussehen." Und schon der erste Satz des Editorials spricht einen Widerpruch an: "Die Unterscheidung zwischen Gender und Sex, also zwischen sozialem und biologischem Geschlecht, war ein Meilenstein in der feministischen Theorie. Und trotzdem gibt es Themen, da muss man über dieses biologische Geschlecht reden."

Im Moment von Kämpfen um Abtreibung und Gewalt gegen Frauen ist Heide Oestreichs erste Frage: "Müssen wir Judith Butler verabschieden?" und "Bedeutet die 'Rückkehr zum Körper' also eine Abwendung von Butlers These, dass auch der Körper eine Konstruktion sei? Das ist meines Erachtens die feministische Gretchenfrage heute." Aber sie besteht auf der Notwendigkeit des Butlerismus: "Wieso? Weil jeder Versuch, zwei biologische Geschlechter anhand von Materie dingfest zu machen, dazu tendiert, diese Geschlechter als Oppositionen oder bestenfalls komplementär zu setzen."

Über die gleiche Frage spricht Patricia Hecht mit der Psychoanalytikerin Sophinette Becker, die den Diskurs über die "Fluidität" der Geschlechter kapitalismuskritisch deutet: "Möglicherweise sind in einer Welt, in der viele gezwungen sind, immer wieder Arbeitsplatz und Wohnort zu wechseln, flüssige und flexible Identitäten viel adäquater." Sehr viel konkreter zur Sache geht es in einer Recherche von Dinah Riese und Hanna Voss: "Die Lage von ungewollt Schwangeren ist in einigen Regionen Deutschlands katastrophal. Zu wenig Ärzt*innen machen Abbrüche." Unter anderem stellt sich heraus, dass weder die Bundesländer noch die Ärztekammern Zahlen über Praxen, die Abtreibungen durchführen, nennen können. Im Berlin-Teil kann Dinah Riese immerhin melden, dass der Berliner Senat  "künftig veröffentlichen will, wer in Berlin Schwangerschaftsabbrüche anbietet. Bisher werden ÄrztInnen, die selbst über ihr Angebot informieren, strafrechtlich verfolgt."

Außerdem: ein Gespräch mit der Autorin Naomi Alderman, in deren Roman "Die Gabe" die Frauen stärker sind als die Männer. Eine Recherche über Transmänner, die nicht in der Bundespolizei dienen dürfen (wo man funktionsfähige Hoden nachweisen muss). Ein Gespräch mit der Rapperin FaluenzA über die Probleme von Transfrauen. Elisabeth Kimmerle schreibt über den Begriff des "Femizids" und die exorbitante Zahl von Morden an Frauen in der Türkei (über 400 im Jahr 2017 mit einer großen Dunkelziffer). Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Anstieg um ein Viertel, schreibt Can Dündar in der Zeit. Im SZ-Interview mit Meredith Haaf spricht die feministische Historikerin Mary Beard über das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen und über das Erbe antiker Geschlechterbilder.

Ergänzt: "Der Feminismus sollte endlich wieder anfangen, für die Interessen der Individuen zu kämpfen, anstatt das eigene Geschlecht zu einer Masse von hypersensiblen Opfern zu homogenisieren" schreibt Judith Sevinc Basad in der FAZ mit Blick auf die "identitäre Machtausübung" moderner Feministinnen: "Sie greifen auf die Identitätspolitik der Marxisten aus den sechziger Jahren zurück. Das Wohl der eigenen Gruppe wird demnach über die Interessen anderer Menschen gestellt. Dazu wird die Gesellschaft in unterschiedliche Identitäten eingeteilt, um dann darüber zu entscheiden, welche Interessen von größerer Bedeutung sind. Wer sich gegen diese Hierarchie wehrt, wird mit einem schlechten Gewissen bestraft."

Im Zeit-Dossier geht Alice Bota der Frage nach, warum in Russland so viele Frauen einen Männertyp wie Putin verehren und dabei oft ihren eigenen Geschlechtsgenossinnen in den Rücken fallen: "Schaut man genauer hin, dann erkennt man: Die restriktivsten Gesetze der jüngeren Zeit stammen von Frauen. Es waren weibliche Politiker, die NGOs als ausländische Agenten klassifizieren ließen, weibliche Politiker, die Aufklärung über Homosexualität bestrafen lassen wollten. Und auch das gehört zur Wahrheit: Jene Herabstufung häuslicher Gewalt zur 'Ordnungswidrigkeit', gegen die die Aktivistin Aljona Popowa kämpft - eine Frau hat sie dem Parlament zur Abstimmung vorgeschlagen." Seitdem nehmen die Opferzahlen in den Statistiken des Innenministeriums "rasant zu, sagt Aljona Popowa: 51 689 'Ordnungswidrigkeiten' im ersten Halbjahr 2017, doppelt so viele Misshandlungen wie früher in einem ganzen Jahr, und das sind nur die offiziellen Fälle."

Über 130 Millionen Mädchen besuchen weltweit keine Schule, weniger als 20 Prozent der Frauen haben in Entwicklungsländern Zugang zu finanziellen Dienstleistungen, erinnert die Komikerin Carolin Kebekus in der SZ und fordert mehr Investitionen in Bildung: "Jedes weitere Schuljahr bedeutet etwa zwölf Prozent mehr Einkommen im Erwachsenenalter. Dieses Geld geben Frauen dann meistens sinnvoll für ihre Familien und die Gemeinschaft aus. Das belegen etliche Studien. Leider haben noch immer über eine Milliarde Frauen nicht einmal Zugang zu einem Bankkonto. Erhielten Mädchen den gleichen Bildungszugang wie Jungen, hätten Entwicklungsländer mindestens 112 Milliarden US-Dollar mehr in den Staatskassen - Geld, das diese wiederum in Schulen, Universitäten, Lehrerinnen und Lehrer investieren können."

Wo bleibt #MeToo in der muslimischen Gesellschaft, fragt indes Necla Kelek in der NZZ. Der sexuelle Übergriff sei "Islam-immanent", meint sie mit Blick auf den Koran und die Hadithe: "Das männliche Geschlecht hat gemäß den autoritativen Texten des Islam ein Recht auf Sex. Der Mann kann danach nicht lernen, seinen Sexualtrieb zu beherrschen, sondern die Frau soll außerhalb des Hauses Haare und Körper verhüllen, damit der Mann nicht sexuell gereizt wird. Deshalb wird in islamischen Gesellschaften auch meist das Vergewaltigungsopfer verurteilt, weil a priori davon ausgegangen wird, dass die Frau den Mann verführt hat. Wer nach diesen Prinzipien sozialisiert wurde, hat Probleme zu verstehen, dass er sich zurückzuhalten hat, auch wenn er auf Mädels trifft, die sich amüsieren wollen."

Das Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts, einer Rechtsreferendarin das Tragen eines Kopftuchs aus religiösen Gründen zu untersagen, widerspricht dem Recht auf Glaubensfreiheit und der Pflicht des Staates zu weltanschaulicher Neutralität, meint Matthias Drobinski in der SZ: "Religionsfreiheit ist das Recht auf gegenseitige Zumutung. Es ist um dieser Freiheit willen zumutbar, eine Frau mit Kopftuch im Gerichtssaal zu ertragen. Es müsste aber auch der Referendarin zugemutet werden, diesen Gerichtssaal zu verlassen, wenn sie befangen sein könnte. Das Recht auf gegenseitige Zumutung hat seine Grenzen. Eine Burka hätte bei keiner Staatsvertreterin etwas zu suchen: Der Bürger kann erwarten, auf ein offenes Gesicht zu treffen."

Skeptischer zum Kopftuch äußert sich Seyran Ates im Gespräch mit dem Wiener Kurier: "Setzen Sie sich doch an einen bestimmten Platz in Wien, wo viel Migrationshintergrund ist, und schauen Sie sich das Straßenbild an. Da gibt es vier- oder fünfjährige Mädchen mit Kopftüchern. Die gab es vor zwanzig Jahren nicht und auch nicht vor zehn. Wir müssen uns fragen: Was ist passiert in der Zwischenzeit, dass kleine Kinder Kopftuch tragen? An der Zunahme der Kopftücher kann man den Einfluss des politischen Islam festmachen."

Heute wird in Irland der Text für ein Referendum zur Liberalisierung von Abtreibung vorgelegt. Suzanne Moore begrüßt im Guardian den gesellschaftlichen Aufbruch, den die Debatte in Irland ausgelöst hat: "Die Dynamik für die Liberalisierung von Abtreibung in der irischen Öffentlichkeit und bei den Politikern sagt uns eine Menge über die heutigen Kulturkriege. Zum Beispiel, dass sie gewonnen werden können und dass die Gesinnung sich verändern kann. Und sie erinnert uns daran, dass weibliche Autonomie stets in Gefahr ist, dass es das Ziel jedes Fundamentalisten in einem Kulturkrieg ist, den weiblichen Körper seiner Autonomie zu berauben, sei es durch Jungfräulichkeitstests oder Beschränkung des Zugangs zu Verhütungsmitteln oder legaler Abtreibung."
Archiv: Gesellschaft

Überwachung

In Sachen Spionage war die Sowjetunion stets ganz vorne und auch heute ist Russland in der "Kunst des Hackens" Weltspitze, schreiben Georg Mascolo und Hakan Tanriverdi in der SZ: "im Kalten Krieg war für den KGB und seinen ostdeutschen Partner, die Stasi, das Stehlen von Computertechnologie neben militärischen Geheimnissen die wichtigste Aufgabe. Ganze Abteilungen arbeiteten auf Bestellung der hoffnungslos unterlegenen osteuropäischen Technologiekombinate. Es war einer der größten Raubzüge des industriellen Zeitalters."
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Stichwörter: Russland, Sowjetunion, Spionage

Internet

Ein sehr instruktives Gespräch führt Katharina Kutsche auf sueddeutsche.de mit dem Software-Unternehmer Rafael Laguna, der mit seiner Firma Open-Xchange auf Open-Source-Code aufsetzt und Behörden und der öffentlichen Hand ins Gewissen redet, sich nicht dem Giganten Microsoft auszuliefern, der mit Behörden in Europa Milliarden-Umsätze macht: "Wenn die öffentliche Hand Geld für Software-Entwicklung investiert, sollte sie es immer so tun, dass am Ende Open-Source-Software rauskommt. Dann können auch andere Behörden in Europa die Ergebnisse nutzen. Und wenn man sensibelste Daten einer Bundes- oder Landesbehörde abspeichert, dann doch bitte in einem System mit vollster Kontrolle - das geht nur mit Open Source. Eine Polizei, die sich auf Microsoft standardisiert, betreibt Daten-Harakiri."

Außerdem: Unter anderem turi2 meldet, dass die Bundesregierung künftig nur noch den Ausbau von Glasfasernetzen fördert, für die Kupferleitungen der Telekom wird kein Geld mehr ausgegeben.
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Archiv: Internet
Stichwörter: Open Source, Microsoft

Kulturpolitik

Im Zeit-Feuilleton plädiert Hanno Rauterberg dafür, alle Raubkunst in ethnologischen Museen Deutschlands an die Ursprungsländer zurückzugeben. Wobei er den Begriff Raubkunst sehr weit fasst: "zusammengekauft, zusammengeklaut" - ist für ihn alles dasselbe. Sein Vorschlag: "Das Humboldt Forum könnte doch, ganz im Sinne Macrons, eine Einladung aussprechen. Könnte sagen, hier, liebe Eigentümer, sind unsere 500 Bronzen - bitte nehmt, was euch richtig und wichtig erscheint. Und alles, was hier in Berlin, in der Mitte Europas, auch künftig zu sehen sein soll, als Botschafter eurer Kultur, das belasst im Museum, und sei es leihweise."

Der Philosoph Achille Mbembe sekundiert Rauterberg im Interview, auch wenn er zugibt, dass Rückgabe oft keine Option ist, weil "viele afrikanische Regierungen keine Kulturpolitik betreiben. Sie nehmen die Kultur und die Kunst nicht ernst. Für sie ist Kultur gleichbedeutend mit Agrikultur". Dennoch würde er gerne "auf einer internationalen Ebene darüber nachdenken, wie man diese Objekte für temporäre Ausstellungen von Museum zu Museum reisen lassen könnte. Selbstverständlich gibt es dabei einige Zwänge und Hindernisse: Wie sorgt man für einen sicheren Transport? Wie versichert man die Objekte? Aber das Ziel sollte ein grenzenloses Zirkulieren von Kunstgegenständen sein. Und zwar nicht nur der geraubten Objekte aus Afrika, sondern des gesamten Erbes der Menschheit. ... Eine Politik der Restitution und der Reparation müsste begleitet werden von einem Aufbau und Unterhalt beständiger Museen in Afrika, bezahlt von den ehemaligen Kolonialmächten."

Dass der Transport von Objekten schon innerstädtisch kein leichtes Unterfangen ist, weiß indes Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung mit Blick auf den Umzug der Ausstellungsstücke von Dahlem ins Humboldt-Forum. Sicherheitsvorkehrungen müssen getroffen werden, Wetterverhältnisse,  Pilzbefall der Objekte und Platzmangel bedacht werden: "Das Kriegsschiff von der Insel Luf etwa ist das einzige seiner Art, das es noch gibt, die Kultur, in der es entstand, gibt es schon seit fast 100 Jahren nicht mehr. Dieses Schiff ist wortwörtlich unersetzbares Welterbe. Um solch ein Objekt zu transportieren, musste die Außenwand der großen, 1969 abgeschlossenen Halle für den Bau einer Klimaschleuse mit einem gewaltigen Portal geöffnet werden. Geplant ist, dass am 25. Mai die neuen Bootshallen im Humboldtforum inklusive Boden- und Wandkonstruktionen sowie einer notdürftigen Klimaanlage soweit fertig sind, dass darin die kostbaren Schiffe und Häuser der Sammlung neu aufgestellt werden können."

Emmanuel Macron macht inzwischen ernst mit seiner Ankündigung, Raubkunst aus Afrika in französischen Museen zurückgeben zu wollen, meldet Benjamin Sutton im Blog Hyperallergic. Er beauftragte den senegalesischen Autor und Ökonom Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy mit der Erforschung der französischen Kunstkollektionen.