9punkt - Die Debattenrundschau

Aus heutiger Sicht erschreckend harmlos

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.11.2017. China verlangt von westlichen IT-Konzernen Hintertürchen für seine Überwachung, warnt David Bandurski vom Hongkonger "China Media Project" in der taz. "Cui Bono" fragt der Impresario Berthold Seliger, nachdem er die "Paradise Papers" gelesen hat - auffällig viele Kataloge mit Musikrechten werden in den Steuerparadiesen veranlagt. Die Schriftstellerin Ute Cohen erklärt in der Welt, kein ewiges Opfer sein zu wollen.

Europa

Fintan O'Toole, Kolumnist der Irish Times, erklärt der britischen Leserschaft im Guardian, dass es in den Brexit-Verhandlungen auch eine irische Frage gibt. Bisher ist in der Frage der Grenze zwischen Republik und Nordirland, die "offen" bleiben soll, noch nicht das geringste geklärt: "In sechs Monaten hat Britannien ein kümmerliches Papier über die Grenzfrage hervorgebracht, das im August publiziert wurde und allgemeine Heiterkeit auslöste. Es behauptet, es werde keine harte Grenze geben - keinerlei physische Grenzstruktur irgendeiner Art - , weil die EU ja einen liebenswerten Handelsvertrag schließen wird, in dem alles genauso geregelt ist wie im Gemeinsamen Markt und der Zollunion."

Nicht den kleinsten Lichtschimmer sieht der russische Soziologe Lew Gudkow im Interview mit der FR, wenn er in die Zukunft seines Landes guckt. "Unsere Daten zeigen, dass wir uns eher in einer Phase der Restauration des Totalitarismus befinden. Und das Dramatische ist, dass die Opposition unfähig ist, unsere Daten zu verstehen und damit zu arbeiten. Sie neigt eher dazu, sie abzulehnen, weil sie nicht in ihr Bild passen. Die Leute werfen uns vor, wir legitimierten das Regime. Ich antworte ihnen, das sei absurd, das wäre so, als legitimiere ein Fieberthermometer das Fieber."
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Politik

Die jungen Iraner, und besonders die jungen Iranerinnen nehmen sich ihre Freiheit immer häufiger einfach, sagt die Autorin Bita Schafi-Neya ("Freiheit unterm Schleier") im Gespräch mit Matthias Hertle in der FAZ. Und das sei von den Mullahs zum Teil auch so gewollt: "Sonst würden sie es verbieten. Sie haben ja das Sagen in dem Land. Ich weiß aber nicht, in welche Richtung das langfristig geht. Da spielen natürlich politische und auch wirtschaftliche Aspekte eine große Rolle. Und: Die Mullahs sind nicht per se frauenfeindlich, sie haben die Frauenquoten an den Hochschulen gewollt."

Anlässlich des mysteriösen Rücktritts Saad Hariris von seinem Amt als Ministerpräsident des Libanon erzählt der Schriftsteller Pierre Jarawan in der SZ die Geschichte der Dynastie der Hariris. Am Ende steht das übliche Chaos: "Auch wenn Hariri wenige Stunden später unter dem Jubel seiner Anhänger den Rücktritt vom Rücktritt verkünden wird, ist klar, dass das Land nach einer kurzen Phase der Stabilisierung wieder zum Schauplatz für den Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran geworden ist. Kronprinz Mohammed bin Salman muss Hariris Kehrtwende wie eine Provokation erscheinen."

Außerdem bringt die FAZ eine Reisereportage Viktor Jerofejews über die Städte Blagoweschtschensk und Heihe, die sich an den Ufern des Armur gegenüberliegen und intensive Beziehungen pflegen.

Dass die Eröffnung des Berliner Flughafens in die zwanziger Jahre verschoben wurde, haben Sie mitbekommen, ja? Auch die Staatsoper Unter den Linden will nicht fertig werden, meldet der Tagesspiegel. "Kurz vor der offiziellen Einweihung liegt nicht einmal die förmliche Genehmigung zur Aufnahme des Spielbetriebs vor. Die Liste der Mängel ist lang. Trotzdem will die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung das Haus der Pannen möglichst schnell loswerden - und der Staatsoper überlassen. Die Übergabe soll bereits am kommenden Mittwoch erfolgen, bestätigte die Senatsverwaltung für Bauen. Ein Besuch Unter den Linden wirft aber die Frage auf: Wer wird dann die Heerscharen von Bauarbeitern anleiten, die an der Spielstätte noch im Einsatz sind? Die Staatsoper selbst hat keine Bauabteilung, die Senatsverwaltung für Kultur ebenso wenig."
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Wissenschaft

Die rationalen Naturwissenschaften. Der Stuttgarter Kulturhistoriker Roland Halfen musste über diese Vorstellung herzlich lachen, als er in der NZZ die Ausführungen des britischen Astronomen Martin J. Rees las, der unser baldiges Aufgehen in der Künstlichen Intelligenz prophezeite (unser Resümee). Mehr Gläubigkeit geht ja kaum, spottet Halfen in seiner Antwort. "Martin Rees etwa bezeichnet sich selber zwar als Atheist. Aber seine Ausführungen legen nahe, dass die von der traditionellen Religion bedienten Bedürfnisse − nach einem Ausblick auf eine Zukunft jenseits von Geburt und Tod, nach einer Verlegung des Wohnortes in den Himmel, nach ewigen Wesen, unverletzlich und ohne Makel, mit überragenden Einsichten in die Natur des Kosmos − in seinem seelischen Souterrain anscheinend noch vernehmlich wirksam sind; gleichsam sträflich unversorgte Kellerleichen, die bisher nicht durch unangenehme Gerüche auffielen, weil sie nicht wirklich tot sind."
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Gesellschaft

Missbrauchte Frauen sind nicht alle einfach nur und für immer Opfer, erklärt die Schriftstellerin Ute Cohen, die einen autobiografischen Roman über Kindsmissbrauch geschrieben hat, im Interview mit der Welt. Genau hier läuft für sie die #metoo-Debatte falsch: "An der gegenwärtigen Debatte fällt auf, dass Frauen genau zu diesen ewigen Opfern gemacht werden. Es ist schon anmaßend protektionistisch, wenn man Frauen als verängstigte Rehlein darstellt, denen Stimme und Handlungsmacht geliehen werden muss. ... Die Butler-Epigoninnen-Szene ist wahnsinnig herrschaftlich und verstärkt den immer gleichen Diskurs. Wenn man als Opfer aus diesem Rahmen ausbricht, entzieht man dieser Szene die Existenzberechtigung, beraubt sie ihres parasitären Daseins. Ich habe den Eindruck, dass sich nicht nur Täter am Leid laben, sondern auch die 'Beschützerinnen'."

Es gibt auch "Hipster-Rassismus", schreibt Arwa Mahdawi in dem in diesen Fragen sehr strengen Guardian. Lena Dunham, die Erfinderin der Serie "Girls" ist diesem Vorwurf gerade ausgesetzt, weil sie einen Kollegen verteidigte, dem von der afroamerikanischen Schauspielerin Aurora Perrineau Vergewaltigung vorgeworfen wurde. Dunham hat sich dann gleich dafür entschuldigt - zu spät. "Aber was ist Hipster-Rassismus, und wie erkennen wir ihn? Rachel Dubrofsky, Kommunikationsexpertin der University of South Florida erklärt dem Guardian, dass 'Hipsterrassismus oft von weißen, häufig linken Leuten ausgeht, die glauben, von Rassismus frei zu sein, so dass sie sich das Recht zuschreiben, rassistische Dinge zu tun und zu sagen, ohne eigentlich rassistisch zu sein.'" Häufig gehe dies mit Ironisierungen einher.

Wenn etwas noch beliebter ist als das Dunham-Bashing, dann ist es das Swift-Bashing. Dafür hat sich der Guardian sogar zu einem Editorial aufgeschwungen: Da Taylor Swift sich zu Donald Trump nicht äußern will, denunziert sie der Guardian als Unterstützerin: "By focusing only on her own, extremely profitable, business, Swift appears at first glance to be an apolitical pop star, keen to attract people of all leanings. She began her career in country, a genre whose fans have historically identified as Republican (early on, she wrote that 'Republicans do it better', though after Barack Obama's victory she said she was 'so glad this was my first election'). But these days, even heartland country singers are mocking the president. Her silence seems to be more wilful: a product of her inward gaze, perhaps, or her pettiness and refusal to concede to critics. Swift seems not simply a product of the age of Trump, but a musical envoy for the president's values."
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Geschichte

Über die 68er lässt sich Erfreuliches und Unerfreuliches sagen: Beides steht uns demnächst mit dem 50-jährigen Jubiläum ins Haus. Was bei den Sonntagsreden aber wohl nur selten zur Sprache kommen wird, sind die unerfreulichen Zustände vor 68, denkt sich Urs Hafner, der für die NZZ die Ausstellung "1968 Schweiz" im Bernischen Historischen Museum besucht hat. "Wie bieder, wie korsetthaft eng müssen die Zeiten vor 1968 gewesen sein! Wahrscheinlich waren die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg die miefigsten überhaupt seit dem eidgenössischen Bauernkrieg von 1653. Um 1960 schockierten die 'Halbstarken' die Öffentlichkeit, indem sie Töffli fuhren und Bluejeans mit selbstgebastelten Nietengürteln trugen, auf denen sie 'Elvis' aufgemalt hatten. Viele der damaligen Forderungen und Protestformen sind aus heutiger Sicht erschreckend harmlos."
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Stichwörter: Schweiz, 68er

Urheberrecht

Bono setzt sich für Entwicklungshilfe ein, vermeidet aber Steuern, aus denen sie finanziert wird, indem er Briefkastenfirmen in Steuerparadiesen gründet. Er ist nicht das einzige durch die "Paradise Papers" offengelegte Beispiel. Auffallend viele Kataloge mit Rechten an Musik sind in  Steuerparadiesen veranlagt, etwa ein Katalog mit vielen Rechten an Popmusikstücken, schreibt der Impresario Berthold Seliger (unter der schwer zu vermeidenden Überschrift "Cui Bono") in der Jungle World: "Wann immer ein Werk dieses Songkatalogs bis 2014 im Radio oder Fernsehen lief, auf einem Streamingdienst abgerufen oder auf Konzerten gespielt wurde, verdiente der First State Media Works Fund 1. Gema und Urheberrecht sei Dank. Und wer diese Songs hörte, half mit, Millionen Dollar am Fiskus vorbei in eine Steueroase zu verschieben. Wir hören Bob Marley, und den Profit streicht ein Steuerumgehungsfonds ein."
Archiv: Urheberrecht

Medien

Der WDR ist kritisiert worden, weil er eine Veranstaltung mit dem antiisraelischen Musiker Roger Waters plante (unser Resümee) - die der Sender nun gekündigt hat, wie turi2 meldet.
Archiv: Medien
Stichwörter: Roger Waters, BDS-Kampagne

Internet

Vor kurzem waren Facebooks Mark Zuckerberg und Apples Tim Cook in China. Kurz danach hat die chinesische Regierung neue Regeln über "Sicherheit" im Internet erlassen - alle neuen IT-Produkte, die in der Kommunikation eingesetzt werden, müssen zuvor einem Sicherheitscheck unterworfen werfen, berichtet David Bandurski vom "China Media Project" in Hongkong in der taz: "Zweck dieser Überprüfung sei es, so meldeten die Staatsmedien, den 'Risikograd von neuen Technologien und Anwendungen' zu erkennen, was 'ihre Fähigkeit betrifft, die öffentliche Meinung und soziale Mobilisierung zu beeinflussen'. Für in- wie ausländische Technologieunternehmen bedeutet das im Grunde, den chinesischen Behörden bei der Entwicklung von Innovationen einen Sitz in der ersten Reihe einzuräumen - damit sie dann dafür sorgen können, die staatlichen Kontrollen einzuarbeiten."
Archiv: Internet