9punkt - Die Debattenrundschau

Wie jede andere Hierarchie auch

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.11.2017. Die Ärztin Kristina Hänel wurde zu 6.000 Euro verurteilt, weil sie auf ihrer Website über Abtreibung informierte - taz und emma.de berichten. Die FAZ rät vom Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam ab. Bei Zeit online schildert die Philosophin Kate Manne Frauenfeindlichkeit als soziales Phänomen. Der Guardian fürchtet gewalttätige Proteste gegen den Bollywood-Film "Padmavati", der fanatische Hindu-Nationalisten aufbringt.

Europa

Die Gießener Ärztin Kristina Hänel, die auf einer kargen Seite im Internet über die Möglichkeit des Schwangeschaftsabbruchs informiert und von "Lebensschutz"-Aktivisten wegen des Verbots für Werbung für den Abbruch verklagt wurde, ist vom Amtsgericht der Stadt verurteilt worden, berichtet  Dinah Riese in der taz: "Das Gericht folgt dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Hänel muss nicht nur 6.000 Euro Strafe zahlen, sie trägt auch die Kosten des Verfahrens. Der Gesetzgeber habe sich klar ausgedrückt, sagt die Richterin: 'Er wünscht nicht, dass Schwangerschaftsabbrüche öffentlich diskutiert werden, als wären sie etwas Alltägliches.'" Hänel wird in Revision gehen.

Chantal Louis hält bei emma.de nochmal fest: "Hat die Fachärztin für Allgemeinmedizin Litfasssäulen plakatiert oder TV-Spots mit 'Abtreibungs-Werbung' geschaltet? Aber nein. Ihr 'Vergehen' besteht darin, dass, so die Richterin, 'Sie auf Ihrer Website über die verschiedenen Formen des Schwangerschaftsabbruchs informiert haben und angegeben haben, dass Sie selbst diese durchführen'. Das ist in Deutschland strafbar? Ja."

Von einem "Wählerauftrag", über den Politiker und Journalisten gern raunen, ist im Grundgesetz nicht die Rede, schreibt Heinrich Schmitz bei den Kolumnisten: "Sobald die Wählerinnen und Wähler ihre Stimmen abgegeben haben, haben sie ihre Pflicht erfüllt. Dann ist ein Bundestag gewählt. Und dann hat dieser Bundestag, so wie er gewählt wurde, die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, eine/n Bundeskanzler/in und damit eine Regierung zu wählen. Ob das Wahlergebnis den Abgeordneten gefällt oder nicht, ist dabei vollkommen egal."
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Kulturpolitik

In Potsdam wird derzeit mit aller Macht versucht, den historischen Stadtkern vollständig zu rekonstruieren. Das hat soziale Folgen, weil Plattenbauten und andere Gebäude zerstört werden. Es gibt auch Bewohner, die nicht in einem städtischen Barock-Museum leben wollen, besonders, wenn die Rekonstruktion ein fragwürdiges Projekt wie die in der DDR abgerissene Garnisonkirche betrifft, schreibt Arnold Bartetzky in der FAZ. Dort "fand nicht nur der Hand­schlag zwi­schen Hit­ler und Hin­den­burg nach der Reichs­tags­er­öff­nung am 21. März 1933 statt, der als sym­bo­li­scher Akt der An­er­ken­nung der Na­zis als Er­ben preu­ßisch-mi­li­ta­ris­ti­scher Tra­di­ti­on des Kai­ser­reichs in die Ge­schich­te ein­ging. Die im acht­zehn­ten Jahr­hun­dert für Mi­li­tär­an­ge­hö­ri­ge und Hof­be­diens­te­te er­rich­te­te Kir­che war schon lan­ge vor dem be­rüch­tig­ten 'Tag von Pots­dam' ein Boll­werk an­ti­de­mo­kra­ti­scher Kräf­te ge­we­sen", so Bartetzky, der empfiehlt, auf einen Wiederaufbau der Kirche zu verzichten. 
Stichwörter: Potsdam, Garnisonkirche

Gesellschaft

Die Philosophieprofessorin Kate Manne hat gerade das Buch der Stunde vorgelegt: "Down Girl - The Logic of Misogyny ". Im Gespräch mit Claudia Steinberg von Zeit online erklärt sie, dass sie Frauenfeindlichkeit als "ein systematisches soziales Phänomen erklären" will: "Im Kern erfüllt sie eine soziale Funktion, psychologische Ansätze als Erklärungsmodelle sind naiv. Das weiße, heterosexuelle Patriarchat funktioniert wie jede andere Hierarchie auch. An der Spitze dieser Ordnung existiert ein untrüglicher Sinn dafür, wer wohin gehört und wer wem etwas schuldet, wenn es um Geschlecht, Ethnie, Klasse, Sexualität, oder Behinderung geht."

In ihrem Blog meditiert Caroline Fourest, eine der frühesten Kritikerinnen des wegen Vergewaltigung angeklagten Predigers Tariq Ramadan, über die spirituelle Seite der Frauenfeindlichkeit: "Wenn ich an all die fundamentalistischen christlichen oder islamistischen Prediger nachdenke, über die ich recherchiert habe, dann ist mir, glaube ich, kein einziger begegnet, der ein ausgeglichenes Sexualleben oder zumindest eines, das seinen Predigten entsprach, hatte. Die Welt ist voller homophober Fernsehpriester mit homosexuellen Beziehungen, pädophilen Priestern und islamistischen Vergewaltigern."

Außerdem: In Deutschland wurde gerade ein Bericht zu Gewalt in Beziehungen veröffentlicht. Die Feministin Alexandra Wischnewski erklärt im Interview mit Martin Steinhagen von der FR, warum sie den Begriff "Feminizid" in die Debatte einführen will. In der NZZ berichtet Aldo Keel unterdessen, dass auch einige Geistegrößen der schwedischen Akademie, die den Literaturnobelpreisträger bestimmt, nun gravierender sexueller Übergriffe bezichtigt werden.
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Religion

Der Umsturz in Simbabwe wurde auch von "Spirit Medien", die Kontakt mit den Vorfahren halten, und evangelikalen Predigern betrieben, schreibt Dominic Johson in der taz: "In vielen postkolonialen Gewaltsystemen Afrikas haben Propheten und Prediger eine zentrale Rolle in der politischen Kultur übernommen. Das wird international meist übersehen oder belächelt, aber das ist genauso ein Fehler wie die Ignoranz der Kolonialisten gegenüber der Sprengkraft vorkolonialer Überlieferungen. Wo es keine funktionierenden Verfassungen und Rechtssysteme gibt und allein die Willkür der Mächtigen herrscht, ist der Verweis auf den Allmächtigen und die immerwährende göttliche Wahrheit die einzige Möglichkeit, aus dem Volk heraus den Allmachtsanspruch des Staatschefs zu hinterfragen."

Droht eine neue Rushdie-Affäre, diesmal ausgelöst von hinduistischen Fundamentalisten? Der auf Bollywood-Filme spezialisierte Journalist Sunny Malik erzählt im Guardian die Geschichte von Sanjay Leela Bhansalis Film "Padmavati", der von Fanatikern der Hindu-Kaste Karni Sena angegriffen wird, weil er angeblich eine Hindu-muslimische Romanze schildert. In Indien ist der Film schon auf den Index geraten. In Britannien soll er nun gezeigt werden - so dass nun Proteste drohen. Sprecher der Karni Sena-Kaste drohten, der Schauspielerin Deepika Padukone wegen ihrer "unanständigen" Rolle die Nase abzuschneiden und setzten ein Kopfgeld auf sie und den Regisseur aus: "Es ist schrecklich, dass solche Drohungen im indischen Fernsehen ausgesprochen werden, aber es ist noch bestürzender, dass die Ko-Stars Padukones in dem Film, Shahid Kapoor and Ranveer Singh, sie nicht öffentlich verteidigten. Dieser Mangel an Solidarität kennzeichnete die indische Filmindustrie schon bei früheren Kontroversen."

Hier der Trailer der Viacom-Großproduktion:

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Ideen

Seine Studenten in Stanford, die nach der Wahl Donald Trumps so eifrig demonstrierten, mussten schlucken, dass eine Mehrheit des Volkes ihre "unfehlbare Autorität" nicht anerkennt und auch kein Bündnis mit ihnen will, schreibt  Hans Ulrich Gumbrecht in der NZZ. Auch der Vorwurf des Populismus zieht nicht mehr. Eher sollten Gebildete wie Intellektuelle "lernen, dass Niederlagen von Parteien und Politikern unserer Sympathie, selbst Niederlagen gegen angeblich 'populistische' Konkurrenten, jedenfalls nicht das Ende der parlamentarischen Demokratien anzeigen. Zumal für Intellektuelle im Berufs- oder Beamtenstatus wie mich gibt es dringenden Anlass zu selbstkritischer Reflexion. Denn gerade unsere Vorgänger sind immer wieder den Versuchungen rechter oder linker Totalitarismen unterlegen - viel deutlicher als jene tatsächlich populären Wählerschichten, die wir durch die Brille des Populismusbegriffs nicht zu sehen vermögen."
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