9punkt - Die Debattenrundschau

Das Bielefeld-Sandwich

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.10.2017. Warum werden nach Terroranschlägen eigentlich immer neue Maßnahmen der Überwachung beschlossen, wenn doch eigentlich Behördenversagen vorliegt, fragt Netzpolitik, nachdem klar wurde, dass ein V-Mann den Attentäter Anis Amri zur Tat aufgefordert hatte. Die Salonkolumnistinnen haben Zweifel an der #MeToo-Aktion. Unter dem französischen Hashtag der Aktion, #balanceTonPorc, wird jetzt auch Tariq Ramadan der sexuellen Belästigung beschuldigt. Die SZ bringt Reaktionen auf den im Perlentaucher veröffentlichten Vortrag Götz Alys über Raul Hilberg und das Institut für Zeitgeschichte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.10.2017 finden Sie hier

Überwachung

Wird darüber eigentlich genug disktuiert? Wie bei der NSU tun sich bei der Untersuchung der Vorgeschichte des Berliner Weihnachtstattentats Abgründe auf: Ein V-Mann des Verfassungschutzes in NRW scheint den Attentäter Anis Amri zur Tat aufgefordert zu haben. Wütend kommentiert Markus Reuter bei Netzpolitik: "Und während Bundesländer wie Baden-Württemberg eilig Überwachungspakete auf den Weg bringen, in Bayern Gefährder für immer präventiv eingesperrt werden dürfen, die Handys von Geflüchteten gescannt werden, die intelligenten Videokameras anlasslos auf unschuldige Bürger draufhalten - zeigt sich erst einmal eines: Es war Behördenversagen. Alle Forderungen nach Massenüberwachung sind damit eine arglistige Täuschung der Menschen." Auch Gerd Appenzeller stellt im Tagesspiegel die Frage: "Versagt in Berlin der Staat?"
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Gesellschaft

Judith Sevinç Basad erzählt bei den Salonkolumnisten, wie ihr vorgeworfen wurde, die "Social-Media-Solidarity gebitched" zu haben, weil sie auf Facebook die #MeToo-Aktion kritisiert hat. Aber sie bleibt dabei: "In der Aufregung um #MeToo offenbart sich die Neurose des modernen Feminismus. Anstatt Ursachen zu bekämpfen, benutzt er den Hashtag, um sich in der Opferrolle zu inszenieren und seine linke Systemkritik zu feiern." Auch das Argument, es habe keinen Sinn, im Moment der Belästigung selbst öffentlich zu werden und zur Polizei zu gehen, leuchtet ihr nicht ein: "Selbst, wenn sich die Täter nicht ausfindig machen lassen, ist es doch wichtig, die Männer anzuzeigen. Denn Studien, Präventionsprogramme und staatliche Maßnahmen gegen sexuelle Gewalt werden eher durch reale Anzeigen gegen Unbekannt begründet, als durch Hashtags von Hollywoodstars und Wut-Feministinnen."

In Frankreich lautet der Hashtag übrigens nicht #MeToo, sondern viel krasser #balanceTonPorc. Im NouvelObs erklärte die Erfinderin des Slogans, die Journalistin Sandra Muller, vor einigen Tagen, wie sie darauf kam. "Balancer" heißt umgangssprachlich "denunzieren". Und das "Schwein" ist eine Anspielung auf das Äußere Harvey Weinsteins: "In Cannes nannte man ihn das Schwein."

Unter diesem Hashtag sind nun auch Vorwüfe gegen den muslimischen Theologen Tariq Ramadan laut geworden, über die Asra Q. Nomani in einem New-York-Times-Blog berichtet: Der sexuellen Belästigung beschuldigt wird er von der Autorin Henda Ayari, die die Vorwürfe bereits in einem Buch vorbrachte, wo sie den Namen Ramadans allerdings noch nicht nannte. Nun macht sie ihn auf Facebook publik. Ayari erhebt nun auch vor der Polizei Anklage. Mehr bei Le Monde.
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Ideen

Unsere Nachfahren werden keine Menschen sein, erklärt Martin J. Rees in der NZZ: "Warum? Weil an der Spitze der posthumanen Evolution superintelligente (und ungemein fähige) Maschinen stehen werden. Es gibt chemische und stoffwechselbedingte Grenzen für die Größe und die Verarbeitungsleistung 'nasser' organischer Gehirne. Solche Grenzen existieren jedoch nicht für elektronische Rechenmaschinen (und noch weniger wohl für Quantencomputer)."

Außerdem: Ebenfalls in der NZZ fordert der Theologe Adrian Loretan, dass auch konservative islamische Rechtsschulen die Religionsfreiheit und den Begriff der Menschenwürde anerkennen.
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Geschichte

Joachim Käppner sammelt für die Seite 3 der Süddeutschen Zeitung Reaktionen des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) auf die Enthüllungen Götz Alys. Der Historiker hatte vor einigen Tagen in einem im Perlentaucher veröffentlichten Vortrag belegt, dass das IfZ jahrzehntelang die Übersetzung von Raul Hilbergs Maßstäbe setzender Studie über den Holocaust hintertrieben hatte. Ablehnung war die erste Reaktion der akademischen Zunft: Das habe man doch alles schon gewusst, der "Enthüllungsgestus" Alys (so der Historiker Norbert Frei) sei pathetisch, berichtet Käppner und widerspricht: "Ganz unbekannt war dieser Umstand nicht, schon der Autor Nicolas Berg hat darüber berichtet. Aber so konkret wusste man es dann doch nicht." Magnus Brechtken, Vizechef des Instituts für Zeitgeschichte, bedankt sich dagegen bei Aly. "Brechtgen erklärt die bizarre Nichtwahrnehmung Raul Hilbergs folgendermaßen: 1969 interviewte der Publizist Joachim Fest Hitlers Rüstungsplaner, den aus alliierter Haft entlassenen Albert Speer. Fest fragte, ob Speer vom Los der Juden in Auschwitz gewusst habe, und der Mann, der Auschwitz mitfinanziert und ausgebaut hatte, sagte: Nein. Und kam damit durch. 'Unglaublich', sagt Brechtken, der gerade eine Speer-Biografie veröffentlicht hat, 'dabei hätte man alles in der englischen Ausgabe von Hilberg nachlesen können - die Namen und Orte, die Speer mit dem Mordsystem verbinden'."

Im Gespräch mit Hansjörg Müller von der Basler Zeitung, erzählt der Schweizer Historiker Oliver Zimmer, warum er nach Oxford ging, um sich mit dem Phänomen der Nation zu beschäftigen -  die deutsche Geschichtsschreibung nach dem Bielefelder Modell von Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka , unter der deren Einfuss auch die Schweizer Historiker standen, war ihm zu ideologisch: "Der britische Historiker Richard Evans hat für diese Wissenschaftskultur eine schöne Metapher gefunden: Er nennt die klassische Bielefelder Dissertation das Bielefeld-Sandwich. Am Anfang steht eine theoretische Einleitung, in der man schon sagt, wie alles sei, am Ende eine Zusammenfassung. Das Fleisch und der Käse in der Mitte, das ist das Futter, die Illustration der Wahrheit. "

Außerdem: In einem Luther-Dossier der NZZ blickt Stefan Rhein auf die Geschichte des Luther-Gedenkens zurück.
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Medien

Die Ministerpräsidenten der Länder haben über die Öffentlich-Rechtlichen getagt. Für die Sender ist es gut gelaufen, berichtet Zeit online mit Agenturen - die Sender dürfen ihre Inhalte künftig länger im Internet zeigen: "Die Sieben-Tage-Regel nach der Onlineangebote, wie der 'Tatort', nach sieben Tagen von der Webseite genommen werden müssen, soll mit der Rundfunkreform fallen. 'Wir wollen das auflockern und verändern' sagte die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer. Sie steht der Rundfunkkommission der Länder vor. Die Rundfunkkomission ist außerdem unzufrieden mit den Sparbemühungen der Sender."

FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld hämmert den Sendern aber in einem ersten Kommentar vorsorglich schon mal ein, dss die Inhalte der Sender im Netz auf keinen Fall "presseähnlich" sein dürfen. Eine andere Wahrheit über die gestrigen Verhandlungen benennt Frank-Thomas Wenzel in der FR: "Die Ministerpräsidenten der Länder haben konkrete Beschlüsse zur Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vertagt."
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Kulturpolitik

Der niederländische Kurator Paul Spies erzählt in einem instruktiven Gespräch mit Uwe Rada von der taz, wie er zusagte, das verschlafene stadthistorische Märkische Museum in Berlin zu leiten und was für einen Eindruck er von diesem Museum hatte: "Ich war total überrascht. Ich hatte das Gefühl, als ob die Zeit stillstünde. Als ob es gar keine Gedanken darüber gab, wie man die Geschichte Berlins museologisch ausstellt. Ich war auch überrascht, dass es anscheinend so wenig Geld gab, um das alles zu verbessern. Einer der Gründe, weswegen ich gekommen bin, hat auch mit der Zusage der Mittel zur Sanierung des Märkischen Museums und des benachbarten Marinehauses zu tun. Entstauben ohne Geld, das geht nicht." Nun sind ihm 65 Millionen Euro zugesagt, er darf auch eine Fläche im Humboldt-Forum bespielen, und alle warten mit Spannung.

Wie kann man die immer weitergehende Abwanderung in die Städte verhindern, fragt in der SZ Gerhard Matzig. Oder anders gefragt: Wie kann man das Landleben attraktiver machen? Warum eine Gegenbewegung zur Urbanisierung so wichtig wäre, erklärt Matzig auch: "93 Prozent der Fläche Deutschlands werden von Gemeinden jenseits der großen Metropolen eingenommen. 60 Prozent der Deutschen wohnen in Landgemeinden, Kleinstädten und kleineren Mittelstädten. Wir sind Provinz - und diese Provinz darf nicht zum Reservat des Abgehängtseins werden. Das Land-Stadt-Schisma beinhaltet daher ungeheure Sprengkräfte."