9punkt - Die Debattenrundschau

Eisige Absage

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.11.2017. In Le Monde prangert Achille Mbembe die europäische Afrikapolitik und den maghrebinischen Rassismus an. In der SZ wendet sich Heinrich August Winkler entschieden gegen eine neue Große Koalition. Slavoj Zizek verzweifelt in der NZZ: Mit den Protagonistinnen der #MeToo-Kampagne lässt sich nicht Revolution machen. Ein Glück, dass man im Westen noch über den Islam reden kann - in islamischen Ländern geht das nicht, konstatiert die FAZ.  Aber über China kann man nicht reden: In der New York Times erzählt der Dissident Wang Dan, wie China in den Westen hineinregiert.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.11.2017 finden Sie hier

Politik

Die postkolonialen Philosophen Achille Mbembé und Felwine Sarr kritisieren in Le Monde die französische Afrika-Politik und erwarten sich nichts von der für heute erwarteten Afrika-Rede Emmanuel Macrons in Wagadugu. Eine Reihe rhetorischer Fragen stellen die beiden auch über die Auflösung des libyschen Staats mit französischer Hilfe, die allerdings auch den Rassismus der arabischen Länder offenbart: "Schlimmer noch, in welchem Maß hat die Verlegung der europäischen Grenzen nach außen die maghrebinischen Staaten verändert, die nun in Gefängniswächter des Westens verwandelt wurden und damit den alten negrophoben und  nicht reflektierten Urgrund in diesen Gesellschaften aufwühlte, indem sie ihr Ressentiment nun gegen das falsche Objekt wenden, die Schwarzafrikaner, die von diesen Staaten in provisorische Lager gesperrt werden, wenn sie sich ihrer nicht mitten in der Wüste entledigen, als wären sie Müll, oder sie mit Pogromen verfolgen und einem Sklavenhandel aus untergegangenen Zeiten aussetzen?"

Das Unheimlichste an China ist, dass es in den Westen hineinregiert und dass der Westen es geschehen lässt. In der New York Times erzählt der Dissident und Dozent Wang Dan, der an amerikanischen Unis Gesprächsrunden über chinesische Geschichte veranstaltet, bei denen etwa auch über die Ereignisse am Platz des Himmlischen Friedens geht, wie die Chinesen das behindern: "Mitglieder des chinesischen Studenten- und Dozentenverbands, der an amerikanischen Universitäten vertreten ist, halten Verbindung mit den chinesischen Konsulaten und beobachten 'unpatriotische' Leute und Aktivitäten auf dem Campus. Agenten oder Sympathisanten der chinesischen Regierung zeigen sich bei öffentlichen Ereignissen und zeichnen Sprecher, Teilnehmer und Organisatoren auf Video auf." Besonders kritisiert Wang aber, dass westliche Institutionen dem chinesischen Druck immer häufiger nachgeben und auf kritische Veranstaltungen oder Publikationen verzichten.
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Europa

Der Historiker Heinrich August Winkler ist entschieden gegen eine erneute große Koalition. Er plädiert in der SZ statt dessen für eine Minderheitsregierung der CDU, die er außenpolitisch für ganz ungefährlich ansieht, weil hier die Übereinstimmung mit anderen Parteien am größten ist. Innenpolitisch könnte die Union "ihr eigenes Profil wieder schärfen, ihre jeweiligen punktuellen Partner und Kontrahenten ebenfalls. ... Die beiden größten Parteien bedürfen der grundlegenden Erneuerung und vorab der selbstkritischen Aufarbeitung der tieferen Gründe ihres Niedergangs."
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Ideen

"Für und gegen Abtreibung. Für und gegen Schminken, für und gegen High Heels." Dass es im heutigen Feminismus einen Streit unvereinbarer Positionen gibt, findet die Politologin Antje Schrupp in Zeit online eher zu begrüßen: "Es gibt keine richtigen feministischen Positionen in einer falschen symbolischen Ordnung, ließe sich Adorno paraphrasieren. Und deshalb kann die Frauenbewegung auch nicht, wie andere soziale Bewegungen, in Parteien und Vereinen organisiert werden. Deshalb ist jedes feministische Manifest in kürzester Zeit schon wieder überholt. Zum Glück. Denn das Schlimmste, was dem Feminismus passieren kann, ist, dass er Orthodoxien ausbildet, anstatt seine Paradoxien anzuerkennen."

In der NZZ warnt Slavoj Žižek die #metoo-Kampagne davor, es sich in der Opferrolle gemütlich zu machen. So ändert man keine Strukturen, meint er: "Der Opferkult steht in der Tat im Dienste des Status quo, weil er Verantwortung delegiert. Wie setzt sich das Subjekt auf der Höhe der Zeit in Szene? Der freie Mensch empfindet sich einerseits als völlig verantwortlich für sein Schicksal, andererseits gründet er die Legitimation des Sprechens auf den Opferstatus, der fernab seiner Kontrolle liegt. ... Die Selbstbehauptung des egozentrischen Subjekts verschwimmt paradoxerweise mit der Wahrnehmung seiner selbst als eines Objekts. Und dabei ist klar - mit solchen Egozentrikern, die stets die anderen anrufen, ist keine Revolution zu machen. Sie sind der Garant dafür, dass sich am Status quo nichts ändert, Empörung hin oder her."

Weiteres: Die FAZ druckt die Rede Navid Kermanis zu einem der Preise, die nicht von Carolin Emcke abgeräumt wurden. Zufällig hatte er gleichzeitig Geburtstag und damit das Thema für seine Rede: "Wer wie ich heute seinen fünfzigsten Geburtstag feiert, darf sich vielleicht die Freiheit nehmen, allgemein zu werden. Er darf die Frage stellen: Was ist wichtig im Leben?" In der NZZ empfiehlt der Stuttgarter Philosophieprofessor Philipp Hübl die Begriffe rechts und links in der politischen Debatte aufzugeben und statt dessen Parteien nach ihrer Einstellung zu Prinzipien Fürsorge, Fairness, Freiheit, Loyalität, Autorität und Reinheit zu charakterisieren.
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Kulturpolitik

Die EU-Kommission hat Großbritannien aus der Liste der Kulturhauptstadt-Kandidaten gestrichen. Große Enttäuschung in britischen Städten, die schon viel Geld für die Bewerbung ausgegeben haben, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ. "Die eisige Absage aus Europa ist nicht nur in finanzieller Hinsicht ein Schlag. 'Die traurige Ironie ist, dass der Wunsch, kulturelle Verbindungen mit Europa zu vertiefen, eine wesentliche Triebfeder unserer Bewerbung war', hieß es aus Dundee. Mit diesem Anliegen steht die Stadt nicht allein da. Gerade die britische Kulturszene hatte sich schon im Vorfeld des Entscheids fast geschlossen für einen Verbleib in der EU ausgesprochen."
Stichwörter: Kulturhauptstadt, Dundee

Gesellschaft

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, spricht mit Annette Jensen von der taz über neue Formen von Antisemistismus, auch bei Migranten: "In bestimmten migrantischen Communities gibt es nicht nur im Bezug auf Antisemitismus, sondern auch bezüglich Sexismus und Homosexuellenfeindschaft Nachholbedarf. Da darf man nicht wegschauen. Änderungen werden aber nicht durch die Mehrheitsgesellschaft, die im Übrigen auch alles andere als frei von Sexismus, Homosexuellenfeindlichkeit und Antisemitismus ist, in Gang gesetzt werden können, sondern es werden Leute aus den Communities selbst sein, die sie einleiten. Diese Leute müssen unterstützt werden."

In Indonesien wird aus Angst vor den Blasphemie-Paragrafen des Landes, die immer häufiger zur Anwendung kommen, immer weniger über den Islam diskutiert, beobachtet der in Jakarta lebende Marco Stahlhut in der FAZ: "Am En­de ist es wohl so: Wenn im Wes­ten nicht über den Is­lam dis­ku­tiert wür­de, möglichst von und mit mo­dera­ten Mus­li­men, dann wür­de nirgend­wo mehr über den Is­lam in sei­nen pro­ble­ma­ti­schen Aspek­ten ge­re­det. Üb­ri­gens ganz im Ge­gen­satz zur Si­tua­ti­on vor gut hundert Jah­ren. Da­mals gab es in der mus­li­mi­schen Welt poli­ti­sche An­füh­rer wie Ata­türk, aber auch mus­li­mi­sche Intellektu­el­le wie Qa­sim Amin und vie­le an­de­re, die den traditionel­len Is­lam sehr scharf kri­ti­sier­ten."
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Medien

Erfreut nimmt Michael Hanfeld in der FAZ zur Kenntnis, dass der WDR und andere Sender Konzertübertragungen von Roger Waters, einem prominenten Verfechter der Israel-Boykottkampagne BDS, abgesagt haben: "Roger Waters setzt ... selbst Künstler unter Druck, nicht in Israel aufzutreten. Zuletzt verwahrte sich der Schriftsteller und Musiker Nick Cave gegen diese Drangsalierung, die darin gipfelte, dass er seine dieser Tage stattfindenden Konzerte in Tel Aviv absagen sollte. Er hätte sich wie ein 'Feigling gefühlt', sagte Cave in einem Interview, wäre er nicht in Tel Aviv aufgetreten."
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