9punkt - Die Debattenrundschau

Die Falle der bolschewistischen Geschichtsschreibung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.10.2017. Im Perlentaucher erzählt Götz Aly, wie Fritz J. Raddatz einst ein Buch von Raul Hilberg ablehnte, um Bücher von Che Guevara und Mao zu bringen. In der FR ist Arno Widmann entsetzt über die Geschichtvergessenheit der Ausstellung über die Oktoberrevolution im DHM. In der Zeit kommt Gerd Koenen auf den intimen Clinch der feindlichen Brüder Faschismus und Kommunismus zurück. Politico.eu und FAZ malen sich den harten Brexit aus. Im Interview mit der NZZ versucht Stefan Chwin die Gemütslage in Polen zu erklären.

Geschichte

Der Perlentaucher publiziert den Vortrag, den Götz Aly gestern zum zehnten Todestag Raul Hilbergs gehalten hat. Er erzählt die lange Geschichte der Ablehnung von Hilbergs Werk "Die Vernichtung der europäischen Juden", unter anderem durch das Münchner Institut für Zeitgeschichte, das sich in mehreren Gutachten gegen das heute als Standardwerk betrachtete Buch aussprach. Aber das Institut war nicht allein: "1967 schlug ein amerikanischer Freund Hilbergs dem Rowohlt Verlag vor, 'The Destruction of the European Jews' endlich in Deutschland erscheinen zu lassen. Darauf antwortete Fritz J. Raddatz, der Verlag sei sehr mit Aktuellem 'belastet' und beabsichtige nicht, für Hilbergs Studie andere 'Projekte zu opfern'. Raddatz war damals für die auflagenstarke, mit der Neuen Linken mitschwimmende Reihe 'rowohlt aktuell' verantwortlich. Zu den möglichen 'Opfern' des Hilberg-Buches hätten Titel wie diese gehört, die laufend erschienen: Ernesto Che Guevara, 'Brandstiftung oder neuer Friede?'; Mao Tse-tung, 'Theorie des Guerillakrieges oder Strategie der Dritten Welt'; Gabriel und Daniel Cohn-Bendit, 'Linksradikalismus - Gewaltkur gegen die Alterskrankheiten des Kommunismus'."

In seinem großen neuen Buch "Die Farbe Rot" reiht Gerd Koenen den Kommunismus in die Geschichte millenaristischer Bewegungen ein, die sich noch viel um das Leben des einzelnen bekümmerten. In einem Essay für ein Zeit-Dossier über die Aktualität der Kommunismus kommt er auch auf den unauflöslichen Clinch der feindlichen Brüder Links- und Rechtsextremismus und die Figur Stalins zurück: "Am Ende war es Hitler, der ihm zur Statur eines Vaters des Vaterlandes und Befreiers der Menschheit verhalf und dem nachträglich konstruierten sowjetischen 'Antifaschismus' eine weit ausstrahlende moralische Dignität verlieh. Und insgesamt waren es die faschistischen Bewegungen und ihre Großreichsprojekte, die den Kommunisten aller Länder als Wegbereiter und Brandbeschleuniger gedient haben."


Stepan M. Karpow: Völkerfreundschaft, Sowjetunion, 1923/24 Bildrechte: © Staatliches Museum für Zeitgenössische Geschichte

Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat zum Jahrestag der russischen Revolution eine große Ausstellung zum gemacht. "Starker Auftritt", findet Andreas Kilb in der FAZ. In der FR ist Arno Widmann dagegen entsetzt von dem engen Blick, den die Ausstellungsmacher haben. Nirgends ein Hinweis darauf, dass die Revolution von Anfang an als Weltrevolution gedacht war: "Man versteht diese Geschichte, ihre Dynamik, ihre Gewalt und Wucht nicht, wenn man Asien und Lateinamerika, die USA und Afrika weglässt. Die Weltrevolution war der Schrecken, der zusammen mit seinem Begleiter der Weltreaktion das zwanzigste Jahrhundert bestimmte. Nichts davon in der Ausstellung. '1917 Revolution' ist unkritisch und begriffslos. Sie geht in die seit vielen Jahrzehnten aufgestellte Falle der bolschewistischen Geschichtsschreibung. Die Geschichte, so lautet deren Legende, führte hin zur Oktoberrevolution, also ist die Geschichte vor ihr nichts als ihre Vorgeschichte. Das ist immer verkehrt. Aber gerade im Falle der Oktoberrevolution ist es verhängnisvoll, wenn man nicht erst einmal das Erstarken des Bürgertums im zaristischen Russland sichtbar macht. Die Ausstellung verzichtet auf die Vorstellung der Mittelklassen. So nimmt sie deren Liquidierung durch die Bolschewiki vorweg."
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Europa

Was wird, wenn aus den bisher relativ zivilisierten Scheidungsverhandlungen zwischen Britannien und der EU ein Rosenkrieg wird, fragt politico.eu in zwei Artikeln. David M. Herszenhorn malt die Folgen eines "harten Brexit" ohne Deal mit der EU drastisch an die Wand: "Häfen auf beiden Seiten des Ärmelkanals werden durch neue Zollkontrollen gelähmt,  Schlangen von Lastwagen werden sich über Meilen ausdehnen und Straßen verstopfen. Frische Produkte, für die es Lieferfristen gibt, werden verfaulen. Unterdessen werden sich Tonnen verfaulenden Mülls, der normaler Weise auf dem Kontinent entsorgt wird, im Vereinigten Königreich anhäufen. Krebspatienten müssen auf High-Tech-Diagnosetechniken verzichten, die in Britannien nicht hergestellte radioaktive Stoffe einsetzen. In ganz Europa werden die Handys britischer Reisender heftige Roaminggebühren vorzählen oder sich gleich mit  den gefürchteten Worten 'No Service' verabschieden." In einem zweiten Artikel stellt die Politico.eu-Redaktion die "Brexit-Klippe" mit Schaubildern dar.

Der niederländische Journalist Joris Luyendijk schreibt in der FAZ zum gleichen Thema: "Gegner werfen der EU gerne vor, sie sei ein unrealistisches Projekt von Träumern und Fanatikern. Aber ein schonungsloser Blick auf die wirkliche Welt des 21.Jahrhunderts beweist, dass die Naivität der EU-Gegner mindestens ebenso groß ist."

Im Aufmacher des Zeit-Feuilletons entpuppt sich Thomas Assheuer als Macron-Fan - jedenfalls so weit es dessen Europapolitik angeht - und warnt mit Blick auf Frankreichs "intellektuelle Nostalgiker" wie Michel Onfray oder Didier Eribon: "Wer weiß schon, worauf sich die eschatologische Naherwartung der göttlichen französischen Linken richtet, vermutlich auf ein neues 1789. Aber so viel Zeit bleibt nicht. Die Welt wird autoritärer, in den USA organisiert der grausame Clown Donald Trump die Selbstabdankung des Westens; England ist auf dem Weg, die neoliberale Globalisierung als Klassengesellschaft zu voll­enden, und Putins Einflüsterer fordern eine historische Re­vanche für den Untergang der Sowjet­union."

Im Interview mit der NZZ versucht der Schriftsteller Stefan Chwin die Gemütslage in Polen zu erklären, die von einem katholischen Nationalismus und Autoritarismus geprägt ist, gegen den die Liberalen einen schweren Stand haben: "Die liberale Seite hat einen großen Fehler gemacht, der in meinen Augen vergleichbar ist mit den Fehlern der 68er Bewegung in Deutschland. Sie hat sich den Patriotismus wegnehmen lassen, das positive Sprechen über das eigene Land. ... Derzeit wird Donald Tusk in den PiS-Medien verspottet, weil er, nach seinen Vorstellungen von der Nation befragt, antwortete, man sei einfach eine moderne Gesellschaft, bezahle Steuern und habe warmes Wasser in der Leitung. Das finde ich als Antwort sehr mager. Aber der Umgang mit ihm ist skandalös. Die polnische Rechte kennt keine Skrupel mehr und nennt Tusk einen deutschen Agenten und Faschisten, zeigt ihn als Hitler und in SS-Uniform."

Außerdem: In der FAZ verweist Jürg Altwegg auf ein Interview in L'Express mit Elisabeth Badinter, die die schmähliche Gleichgültigkeit der französischen Öffentlichkeit gegenüber Antisemitismus und antisemitischen Verbrechen wie dem Mord an der jüdischen Lehrerin Sarah Halimi (unsere Resümees) anprangert.
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Ideen

Richard Herzinger setzt sich in einem Essay für die Welt am Sonntag (jetzt online) mit den Thesen eines CSU-Papiers auseinander, die den Konservatismus nun plötzlich als sexy verkaufen wollen: "Die Konfusion, in der sich die CSU-Thesen verstricken, macht das Dilemma deutlich, in dem die Propagandisten einer angeblich notwendigen konservativen Wende stecken. Um dem Publikum die konservativen Werte schmackhaft zu machen, die sie angeblich verkörpern, müssen sie diesen das Gütesiegel jener freizügigen 'Modernität' verpassen, die doch eigentlich die Domäne ihrer politisch-weltanschaulichen Gegner im linken und liberalen Spektrum ist und von der die deutsche Gesellschaft angeblich genug hat."
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Stichwörter: Konservatismus

Politik

In der NZZ erklärt Daniela Segenreich, warum Israel als einziges Land das Unabhängigkeitsreferendum im kurdischen Nordirak unterstützt: "In Jerusalem, wurde am Tag der Abstimmung sogar groß gefeiert, wobei auch die Aufforderung an die USA erging, das kurdische Referendum zu unterstützen. Es waren die jüdischen Kurden - also Juden, die aus den kurdischen Gebieten in Syrien, im Irak, in der Türkei oder in Iran nach Israel gekommen waren, beziehungsweise ihre Kinder und Enkel -, die hier die Initiative ihrer einstigen Landsleute zelebrierten. 'In den kurdischen Städten und Dörfern war man immer gut zu uns, wir hatten gute nachbarschaftliche Beziehungen zu den kurdischen Muslimen und Christen', erinnert sich Herzl Levi, der Vorsitzende des Dachverbands der Kurden in Israel. 'Und wir haben die Kontakte und Freundschaften bis heute erhalten und haben sogar noch einige wenige Familienmitglieder in den kurdischen Gebieten.'"
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Medien

Die Ministerpräsidenten der Länder sprechen heute und morgen über die Struktur der öffentlich-rechtlichen Sender. Diese haben einen Sparplan vorgelegt, der verspricht, bis 2028 "bis zu" 200 Millionen Euro jährlich (bei einem Etat von acht Milliarden Euro jährlich) sparen zu wollen. In der Welt stellt Christian Meier die verschiedenen Positionen zur Zukunft der Sender vor.

In der taz tritt ihnen Jürn Kruse zur Seite und verteidigt sie gegen den Vorschlag des Staatskanzleichefs in Sachsen-Anhalt Rainer Robra, die ARD und die "Tagesschau" gleich mit abzuschaffen: "Denn was will Robra? Er will, dass der Rundfunkbeitrag von derzeit 17,50 Euro stabil bleibt oder bestenfalls sogar sinkt. Punkt. Doch glaubt er wirklich, dass dadurch die Akzeptanz (die vermutlich nicht ganz so gering ist, wie es ein paar Facebookposts suggerieren) steigt, wenn er ihnen gleichzeitig das Erste und die 'Tagesschau'-App und was weiß ich noch alles wegnimmt? Glaubt er wirklich, dass der, der zwanghaft 'Zwangsgebühr' brüllt, plötzlich verstummt, wenn diese 'Zwangsgebühr' auf 16,37 Euro sinkt? Oder gar auf 13 Euro?"

In der FR findet Daland Segler die Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen zwar ziemlich überzogen, aber die "parteipolitische Färbung" ihrer Vertreter findet er doch problematisch und "sie haben im Hauptabendprogramm den Eskapismus (vor allem mittels Sport) zum Programmprinzip erhoben und schieben die wichtigen Dokumentarfilme in die Nacht. Da sollte wirklich etwas geschehen." Und bei tagesschau.de verteidigt "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke die "Tagesschau" überraschenderweise.

Außerdem: Bei Spiegel online fragt Sascha Lobo, wie Medien dem Vertrauensverlust begegnen sollen. In der NZZ schreibt Gemma Pörzken über die stets intrikate Bezieung zwischen Terrorismus und Medien.
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