9punkt - Die Debattenrundschau

Eingeübte Halbdistanz

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.10.2017. Eine Kontroverse zwischen Götz Aly und dem Institut für Zeitgeschichte bahnt sich an: Aly wirft dem Institut vor, die deutsche Ausgabe von Raul Hilbergs epochalem Buch "Die Vernichtung der europäischen Juden" nach Kräften behindert zu haben. Die SZ bringt einen Auszug von Alys Text, der Perlentaucher wird ihn heute Nachmittag vollständig veröffentlichen. Die Welt sieht in den Vorwürfen nichts Neues. In Amerika wird weiter über Harvey Weinstein diskutiert: Was sollten wir tun, fragt der Produzent Scott Rosenberg. Und DLF Kultur fragt , was nun ist: Mit "Rechten reden" oder nicht?

Geschichte

Eine neue Kontroverse zwischen Götz Aly und dem Münchner Institut für Zeitgeschichte bahnt sich an, dem Aly vorwirft, sich zuerst in den Sechzigern und dann nochmal um 1980 gegen eine deutsche Übersetzung von Raul Hilbergs heute als epochal angesehenes Werk "Die Vernichtung der europäischen Juden"  ausgesprochen zu haben: Zuerst warf man ihm vor, wissenschaftlichen Standards nicht zu gehorchen, dann fand man ihn nicht mehr zeitgemäß. Eine unrühmliche Rolle spielte auch der Droemer Knaur Verlag, der eine bereits zugesagte Edition des Werks 1965 wieder absagte - der Cheflektor Fritz Bolle hatte als "Chefassistent" in einem KZ-Außenlager gearbeitet. Aly wird heute bei einer vom Institut mit ausgerichteten Tagung einen Vortrag zu der Sache halten. Die SZ bringt heute einen Auszug, der Perlentaucher wird heute Nachmittag, zum Zeitpunkt des Vortrags, den Text in voller Länge mit Belegen und reprografierten Dokumenten online stellen.

Einen ausführlichen Gegenartikel zu Alys Vortrag veröffentlicht bereits heute Sven Felix Kellerhoff in der Welt, der erklärt, dass sei alles überhaupt nicht neu, Aly wolle nur skandalisieren und die negativen Gutachten des Instituts hätten "keineswegs allein" dagestanden: "Nach dem Erscheinen der englischsprachigen Originalausgabe gab es vielmehr eine Reihe negativer Rezensionen. Allerdings ging es diesen Kritikern - zu Hilbergs großem Erstaunen - nicht um seine zentrale These: dass der Massenmord an Europas Juden ein bürokratischer Prozess war, der nur zum Erfolg führen konnte, weil 'alle möglichen Fachleute ihre Ideen und Kenntnisse dazu beigetragen hatten'. Das war eine Erkenntnis, die Anfang der 1960er-Jahre noch zu früh kam: Raul Hilberg war seiner Zeit einfach weit voraus." Auch der Spiegel hatte am Wochenende berichtet.
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Internet

Einen Riesenbetrug bei Online-Anzeigen durch künstlich erzeugte Klicks deckt Craig Silverman bei buzzfeed.com auf: "Dokumente im Besitz von Buzzfeed News zeigen, dass der Chef einer Anzeigenplattform und digitalen Werbeagentur zugleich zwölf Websites besaß, die Einkommen aus betrügerischen Klicks bezogen - und seine Firma versorgte diese Websites mit Anzeigen. Ein anderer Protagonist ist ehemaliger Angestellte einer großen Agentur, die acht am Betrug beteiligte Websites betreibt und eine weitere Firma berät, die ebenfalls acht Websites betreibt. Diese Firma wird von einem ehemaligen Model geführt, die einst Bob Sagets Freundin ind der HBO-Serie 'Entourage' spielte."
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Stichwörter: Internetwerbung

Kulturpolitik

In der FAZ berichtet der Afrikanist Holger Stoecker über ein Projekt Berliner Museen, die den Erwerb eines Dinosaurierskeletts im Berliner Naturkundemuseum untersuchen. Gefunden wurde das Skelett Anfang des 20. Jahrhunderts im damaligen Deutsch-Ostafrika. Heute gibt es Gruppen in Tansania, die es zurückfordern. Die Regierung in Tansania will das allerdings nicht, so Stoecker: "Es bestätigt sich damit das Bild aus anderen Restitutionsprozessen: Marginalisierte Gruppen nutzen Rückgabeforderungen, um sich politisch zu organisieren und ihre Position im gesamtgesellschaftlichen Gefüge zu stärken. Nicht selten geraten sie dabei in eine offene Kontroverse mit ihren Regierungen. Im Juni 2017 erteilte die Regierung Tansanias durch den stellvertretenden Minister für natürliche Ressourcen und Tourismus, Ramo Makani, den Rückgabeforderungen eine Absage." Der Grund: Tansania könne das Skelett weder sachgerecht aufbewahren noch ausstellen. Die Regierung hätte lieber deutsche Unterstützung bei der Ausbildung eigener Archäologen und bei eigenen Ausgrabungen.
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Gesellschaft

Überall wird der Facebook-Post des Drehbuchautors Scott Rosenberg zitiert (auch etwa bei Spiegel online hier), der Hollywoodgrößen auffordert, sich über Harvey Weinstein auszusprechen. Alle hätten es irgendwie gewusst, wenn auch vielleicht nicht über tatsächliche Vergewaltigungen. Aber "etwas war da am Blubbern, etwas Hässliches, Faules. Und doch... Und das ist so erbärmlich wie wahr. Was hätten wir Ihrer Meinung tun sollen? Wem sollten wir es erzählen? Den Behörden? Welchen Behörden? Der Presse? Sie lag ihm zu Füßen. Dem Internet? Es gab damals kein Internet, das der Rede wert wäre. Hätten wir die Polizei anrufen sollen? Und was hätten wir sagen sollen?" Außerdem: Im New Yorker erzählt die Schauspielerin und Autorin Molly Ringwald über "All the other Harveys".

Die Empörung über den Fall Harvey Weinstein beginnt langsam abzukühlen. Und viel mehr als Empörung ist ja auch nicht dabei herausgekommen, meint in der SZ Susan Vahabzadeh, die sich von der Academy eine etwas klügere Strategie gewünscht hätte, als Weinstein kurzerhand aus ihrem Club rauszuschmeißen: "Es wäre besser gewesen, hätte sich die Academy einen Maßstab überlegt, nachdem sie handeln will. Es ist ja sinnvoll, allen Mitgliedern klarzumachen, dass es Dinge gibt, die ihre Karriere beenden können. Aber dieser Maßstab sollte dann auch durchsetzbar sein und für alle gelten. Eine Flut von Einzel-Skandalen führt nur zur Ermüdung. Da wird dann bald keiner mehr hören wollen, wem was vorgeworfen wird."

Der Sturm im Wasserglas Buchmesse beschäftigt nach wie vor unsere Feuilletonöffentlichkeit. Ein Deutschlandfunk-Kultur-Beitrag Svenja Flaßpöhlers, der forderte, dass man mit "Rechten reden" solle, erzeugte einen Shitstorm auf Facebook, auf den man mit einem pro und kontra reagiert. Thorsten Jantschek glaubt an die Kraft des Argumentierens: "Deshalb ist es zuweilen sinnvoll, selbst wahrgenommene Feinde zu diskursiven Gegnern zu erklären, schon deshalb, weil es zu demonstrieren gilt, dass diese liberale Öffentlichkeit arrogant und selbstbewusst genug ist, ihre Standards nicht wegen einiger rechter Intellektueller oder einiger Kleinverlage aufzugeben, zumindest so lange ihre Äußerungen von dem in der Verfassung garantierten Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt sind."

Dagegen hält (unter dem selben Link) Matthias Dell: "Leute wie Kubitschek wollen nicht reden, nicht streiten, nicht argumentieren. Die geben nicht klein bei, wenn sie an die Wand des 'zwanglosen Zwangs des besseren Arguments' (Habermas) laufen. Die haben ihren Gramsci gelesen, denen geht es um die Eroberung von gesellschaftlichen Räumen."

Die russische Punkmusikerin und Aktivistin Maria Aljochina (Pussy Riot) hat einen neuen Geliebten: den ultraorthodoxen Aktivisten Dmitri Zorionow, der sich nach dem Auftritt von Pussy Riot in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale vehement für eine Haftstrafe der Gruppe eingesetzt hatte. Die Beziehung ist nicht ganz einfach, aber die Liebe scheint zu siegen, meldet Kertin Holm in der FAZ: "Als der Regisseur Kirill Serebrennikow verhaftet wurde, erklärte Zorionow, die Kultur müsse vor Leuten wie ihm geschützt werden. Da bekam Aljochina, die für Serebrennikows Freilassung demonstrierte, einen Wutanfall. Doch ihre Gegensätze ziehen sich an. Zorionow begeistert sich für Aljochinas Güte, Aljochina für seine innere Ruhe. Selbst die hartherzigen Nationalbolschewiken sind gerührt. Solange die beiden zusammenblieben, glaube sie fast, dass es auch ohne Erschießungen gehe, gesteht die Nationalbolschewikin Olga Schalina."

Außerdem: In der New York Times erzählt Roger Cohen, wie er sich als amerikanischer Jude in Deutschland fühlt.
Archiv: Gesellschaft

Europa

In der taz erzählen mehrere Autoren Hintergründe zum Fall der durch eine Autobombe umgebrachten maltesischen Bloggerin Daphne Caruana Galizia, auch über seine europäischen Aspekte: "Seit Langem ist bekannt, dass Korruption und Geldwäsche in Malta ein großes Problem sind. Die Enthüllungen in den Panama Papers gaben den Vorwürfen eine neue, internationale Dimension. Doch als sie ans Licht kamen, hatte Malta gerade den sechsmonatigen rotierenden EU-Vorsitz inne. In Brüssel hatte kaum jemand ein Interesse daran, Premier Joseph Muscat in dieser wichtigen Rolle zu stören. Rückendeckung bekam Muscat auch von den europäischen Sozialdemokraten, denen seine Partit Laburista (PL) selbst angehört."

In der Süddeutschen beschreibt Jens Sebastian, welchen Einfluss China inzwischen durch massive Kreditvergaben und Investitionsprojekte in Südeuropa hat. "Je mehr China in der Region investiert, desto stärker rückt die Frage in den Vordergrund, ob damit auch politische Einflussnahme erkauft wird. Am Beispiel Griechenlands wird das Problem deutlich. Im Juni blockierte die Regierung in Athen im UN-Menschenrechtsrat in Genf eine gemeinsame Stellungnahme der 28 Mitgliedstaaten der EU zu Menschenrechtsverletzungen in China. Dieses Vorgehen kommt einem Tabubruch gleich, da die EU erstmals keine gemeinsame Position finden konnte. Griechische Diplomaten argumentierten, dass der UN-Menschenrechtsrat eine 'nicht konstruktive Kritik an China' formuliert habe."

Michael Bartsch eruiert für die taz, wie Kulturszene und Intellektuelle in Sachsen auf die Erfolge der AfD reagieren. eine Erklärung findet er beim Karl-Siegbert Rehberg, der sich "schon bald nach Antritt seiner Professur an der TU Dresden mit Künstlern befasst hat, die nach der Wende in ihrer Arbeit plötzlich keinen Sinn mehr sahen. 'Mit dem Verlust der DDR ging auch ein zentraler Sinn verloren, der selbst Dissidenten noch mit Sinn versorgte', resümiert er heute. Dieser Verlust an propagierten Idealen, an denen man sich reiben konnte, die aber auch ein Gerüst boten, wird nicht nur von sensiblen Künstlern erfühlt. Eine Identifikation mit dem neuen System werde zusätzlich durch Beibehaltung der eingeübten 'Halbdistanz' erschwert, meint Rehberg. Man gab in der DDR dem Kaiser, was des Kaisers ist, machte aber im Übrigen ganz entpolitisiert 'seins'."
Archiv: Europa