9punkt - Die Debattenrundschau

Kratzen, beißen und zurückbeleidigen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.09.2017. Politico.eu erzählt, mit welcher Verachtung das Team des erfolgreichen Jeremy Corbyn auf den Wahlkampf Martin Schulz' herabblickt. In der NZZ warnt Pascal Bruckner vor der Idee, dass wir das Klima steuern könnten wie ein Kapitän sein Boot. In der FAZ beklagt Mathias Döpfner die "Interessenallianz" zwischen der Politik und öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland. In Kreuzberg darf künftig keine sexistische Werbung mehr gezeigt werden - wie Sexismus funktioniert erklärt eine 28-seitige Handreichung des Bezirks.  Wir verlinken auf Emmanuel Macrons Europa-Rede.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2017 finden Sie hier

Politik

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Europa

Der einzige mächtige Sozialdemokrat in Europa ist heute Jeremy Corbyn, schreibt Tom McTague bei politico.eu. In der Kritik der Corbynisten an Martin Schulz lernt man einiges über das Rezept: "Mit Verachtung blickte Corbyns innerer Kreis auf Martin Schulz' Wahlkampf. Die Angebote des SPD-Vorsitzenden an die Wähler wurden von einem Insider des Corbyn-Wahlkampfteams so resümiert: 'Mit Angela Merkel in allem übereinstimmen und sie dann in der Asylfrage angreifen, das ist verrückt.' Corbyns enge Mitarbeiter glauben an den populistischen Aufstand als Schlüssel zum Erfolg. 'Die wirksamste Form der Opposition ist heute Anti-Austerität und Anti-System' sagt ein Labour-Offizieller."

Rudolf Balmer resümiert für die taz Emmanuel Macrons stark erwartete Rede über die Zukunft der Europäischen Union - Macron machte viele Vorschläge für eine intensivere Zusammenarbeit, betonte aber auch, "dass die EU zur stärkeren Integration ihrer 19 Mitglieder einen eigenen Haushalt und einen dafür zuständigen Minister mit echten Kompetenzen und ein Parlament benötige. Dieser Vorschlag stößt vor allem in Deutschland auf große Skepsis. Dort herrscht die Meinung vor, die deutschen Steuerzahler sollten nicht für die ärmeren EU-Staaten mit mangelnder Haushaltsdisziplin bezahlen. Die Idee einer Vergemeinschaftung der Schulden gilt als eine 'rote Linie' für Christian Lindners FDP, mit dem sich Angela Merkel zusammen mit den Grünen auf eine Koalition einigen möchte." Als Video kann man die Rede hier sehen, allerdings ohne Untertitel.

In der FR denkt der Soziologe Heinz Bude die Aufgabenverteilung in einer Jamaika-Koalition nach. Die CDU sieht er in Sachen Europa in der Pflicht: "Die Botschaft aller populistischen Bewegungen und Parteien lautet Schutz oder Protektion. Sie bringen damit die in der Bevölkerung insgesamt zu registrierende Einsicht zum Ausdruck, dass wir das Ende einer dreißig- bis vierzigjährigen Periode erreicht haben, deren zentrale Botschaft darin bestand, dass eine gute Gesellschaft eine Gesellschaft starker Einzelner ist. Und dass deshalb der Politik keine andere Aufgabe zukommt, als nach Maßgaben einer Humanökonomie der Kompetenzen und Potenzen die Selbstdurchsetzungsfähigkeit der Einzelnen zu stärken. Daran glaubt heute niemand mehr."

"Ist der Gedanke so abwegig, dass AfD-Wähler sich für diese Partei entschieden haben, weil sie die politischen Forderungen der gärigen Gauland-Weidel-Truppe für richtig halten? Weil sie an den niederträchtigen, sorgsam platzierten Provokationen im Wahlkampf ihre Freude hatten?" Jens Bisky hat in der SZ überhaupt keine Lust, nach freundlich-psychologischen Erklärungen für den Erfolg der AfD im Osten zu suchen. "Es gibt konträre Meinungen zur Europapolitik, über Zuwanderung, über Asylrecht und Integration. Der notwendige Streit wird verhindert, wenn man politische Forderungen, ja Nationalismus und Rassismus zum Ausdruck diffusen Unwohlseins verniedlicht."

In der Welt ist Kathrin Spoerr entsetzt: Schon wieder steht der Ostdeutsche "am Pranger der Westdeutschen". Die Ossis fühlten sich zu Recht gekränkt. Vielleicht hätten die Wessis, die so empfindlich auf "Neger" oder "Zigeuner" reagieren, ihren Respekt vor anderen auch mal auf die "Zonengabis" und "Jammerossis" ausweiten sollen, meint sie. "Der Ostdeutsche war dem Westen lange eine Witzfigur. Jetzt ist er auch eine Hassfigur. Und was wird der ostdeutsche Mann dann tun? Wird er seine Wahl bereuen? Seinen Fehler einsehen? Sich selbst erkennen? Umkehren? Eher nicht. Im Gegenteil. Er wird sich abwenden, in Kränkung, Trotz und Grimm. Er wird kratzen, beißen und zurückbeleidigen. Er wird seine Angel, seinen Lebensstil und seine Wahlentscheidung festhalten und verteidigen. Er wird den Hass aushalten. Das ist vielleicht seine Art, die Würde, die ihm auch der Westen genommen hat, zurückzuholen."
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