9punkt - Die Debattenrundschau

Gleichmacherei ist ihm ein Horror

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.09.2017. Zerbricht Spanien?, fragt die taz und schickt ein fatales Stimmungsbild aus Madrid und Barcelona. Das Referendum wird ein demokratischer Tsunami, frohlockt dagegen Kataloniens Regionalpräsident Carles Puigdemont in der FAZ. Ja, fürchtet der Guardian, dagegen war der Brexit gar nichts. Die SZ erinnert daran, dass noch vor 25 Jahren nur Serienmörder oder Wahnsinnige ein eigenes Profil bekamen. Und in der taz spricht der Historiker Gerd Koenen über seine große Geschichte des Kommunismus.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2017 finden Sie hier

Europa

Zerbricht Spanien?, fragt Rainer Wandler in der taz und berichtet von der aufgeheizten Lage im Land am Tag vor Kataloniens Referendum: "Es ist die Stunde der Erklärungen und der Manifeste. Der FC Barcelona verteidigt in einem Kommuniqué 'die katalanische Nation, die Demokratie und das Recht auf Redefreiheit und das Selbstbestimmungsrecht'. Nationalspieler Gerard Piqué hofft auf eine friedliche Abstimmung und Trainer Pep Guardiola macht keinen Hehl aus seiner Sympathie für die Unabhängigkeit. Über 600 katalanische Schriftsteller unterstützen das Referendum, 1.400 Professoren und Wissenschaftler und 300 Priester verlangen ebenfalls das Recht, frei zu entscheiden. Ihnen gegenüber stehen 230 Uni-Professoren aus dem restlichen Spanien, die Ministerpräsident Rajoy auffordern, alle verfassungsgemäßen Mittel einzusetzen, 'um die demokratischen Institutionen und die Einheit der spanischen Nation zu wahren'. Über 2.000 namhafte Persönlichkeiten veröffentlichten eine Erklärung, in der sie das Referendum als 'undemokratischen Betrug' bezeichnen, unter ihnen die katalanische Regisseurin Isabel Coixet."

Das Referendum in Katalonien wird einen demokratischen Tsunami auslösen, versichert der katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont, ohne jeden Zweifel, dass das Referendum bindend sein wird, im FAZ-Gespräch mit Hans-Christian Rößler: "Unabhängig vom Ergebnis werde ich sofort den Weg für Verhandlungen und eine Vermittlung frei machen. Ein Dialog ist im Interesse aller. An erster Stelle mit Spanien. Wir wollen uns besser mit Spanien verstehen und besser zusammenarbeiten - aber im gegenseitigen Respekt und unter Gleichen. Wir können nicht weitermachen wie bisher. Katalonien ist ein Verbündeter Spaniens, kein Feind."

Gegen das, was gerade in Katalonien passiert, war der Brexit gar nichts, meint Simon Jenkins im Guardian und sieht die Schuld bei der spanischen Zentralregierung: "When sovereign states see their power eroding, they act irrationally. The Spanish government's attempts to suppress Sunday's vote, with police raids, media censorship and imported riot police, could hardly be more counter-productive. It was London's inept denial of devolution to Scotland in the 1980s that stirred Scottish nationalism. It was in large part the breakneck pace of the EU's build-up of power that drove Britain to the Brexit door."

Ideen

In der taz unterhält sich Stefan Reinecke in einem sehr lesenswerten Gespräch mit dem Historiker Gerd Koenen über dessen Großgeschichte des Kommunismus "Das rote Jahrzehnt". Unter anderem betont Koenen, dass die Utopie einer egalitären Gesellschaft bestimmt nicht von Marx stamme: "Marx tritt von Anfang an als entschiedener Anti-Utopist auf. Alle klassischen Utopien sind seit Thomas Morus ja Entwürfe stillgestellter Gesellschaften, die abgeschirmt auf fernen Inseln angesiedelt werden. Marx ist gerade umgekehrt ein Denker der Beschleunigung und Dynamik, der Nutzung der allermodernsten Produktivkräfte, die die alte Welt in Trümmer legen... Egalitarismus, Gleichmacherei ist ihm ein Horror. Sozialismus ist bei ihm eine strikt meritokratische Gesellschaft, in der persönliche, kooperative Leistung zählen, nicht Besitz und Herkunft."

Die Literarische Welt bringt als Vorabdruck über mehrere Seiten ein Gespräch zwischen Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach. Es beginnt damit, dass Schirach den Schuldspruch gegen Sokrates verteidigt. Kluge sinniert über die Hässlichkeit, die Sokrates nachträglich, quasi mit der Schuld, zugeschrieben wurde: "Lavater fragt: Ist ein so hässlicher  alter Mann nicht notwendig ein Lügner? Erst auf diese Statue beziehen sich die später verfassten Dialoge des Platon und der Bericht des Xenophon. Etwas Imaginäres, ein nachträgliches  Bild, hat die Tradition bis heute geprägt. Auch Montaigne, Spinoza und (mit  Behaarung) Nietzsche haben kein schönes Gesicht. Fast würde ich einem hübschen Mann oder einer gutaussehenden Frau keine philosophische Tiefe zutrauen. So fest sind Vorurteile - unter dem Siegel des Leidens des Marsyas - eingeprägt.

Überwachung

Jens-Christian Rabe bekennt in der SZ, mit Blick auf das Silicon Valley depressiv-fatalistisch geworden zu sein. Wem es noch nicht so geht, dem empfiehlt er Andreas Bernards Buch "Komplizen des Erkennungsdienstes": "Bernards Ausgangsbeobachtung ist dabei, dass die Verfahren heutiger Selbstrepräsentation und Selbsterkenntnis mittels der 'Profile', die man von sich etwa in den sozialen Medien anlegt, aber auch mittels der intensiven Nutzung der Smartphone-Ortung oder der digitalen Körpervermessungen aller Art - dass all dies auf Methoden zurückgehe, die in der Kriminologie, Psychologie oder Psychiatrie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erdacht worden sind. Es dürfe nicht vergessen werden, dass 'bis vor 20 oder 25 Jahren nur Serienmörder oder Wahnsinnige Gegenstand eines Profils' gewesen seien."

In der Welt erzählt der arabisch-deutsche Autor Ibrahim Naber von ständigem Terrorismus-Verdacht und stundenlangen Verhören an Flughäfen: "Staaten kreieren Musterschablonen eines Terroristen und drücken sie auf jede Person, die ihnen aufgrund bestimmter Merkmale verdächtig erscheint: Name, Herkunftsland, Auswahl des Essens im Flugzeug. Dieses Vorgehen ist für mich kein Zeichen von Souveränität oder Stärke. Es ist für mich der Beweis für Paranoia und Planlosigkeit. In den USA könnten die Sicherheitsbehörden mittlerweile eine Personalakte über mich anlegen. In Israel wäre sogar eine Biografie drin."
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Politik

Die AfD ist kein ostdeutsches Problem, beharrt Jens Bisky in der SZ, es gibt frustrierte, abgehängte Regionen auch im Westen: "Allerdings unterscheiden sich Ost und West aufgrund der rund fünfzig Jahre unterschiedlicher historischer Erfahrung: mit verschiedenen Befreiern und Besatzungsmächten, in zwei einander feindlichen Gesellschaftssystemen und den sehr verschieden erlebten Jahren der Vereinigungskrise. Während manche im Westen in den neuen Mitbürgern vor allem Kostgänger und Fortschrittshemmnisse sehen wollten, erlebten die Ostdeutschen, nach der Selbstbefreiung 1989, wie einer Gesellschaft der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, sie wurden Zeugen einer beispiellos raschen Deindustrialisierung. "
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