9punkt - Die Debattenrundschau

Das Gespenst der Stalin-Zeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.09.2017. Vierzig Jahre nach dem Deutschen Herbst bringt die taz ein großes Dossier über die RAF - Wolfgang Kraushaar benennt den antisemitischen Aspekt der Bewegung. Thomas Schmid arbeitet in der Welt sich an der deprimierenden Perspektive des morgigen Kandidatenduells ab. In der SZ plädiert Laura Weißmüller  dafür, den Boden als Gemeingut zu definieren. Wie steht's um die Macht von Thinktanks, fragen amerikanische Medien, nachdem die die von Google unterstützte New America Foundation einen Google-Kritiker feuerte.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2017 finden Sie hier

Geschichte

Vierzig Jahre nach dem Deutschen Herbst bringt die taz ein großes Dossier zu Wahrheit und Mythos der RAF.  Der Zeithistoriker Wolfgang Kraushaar spricht über den antisemitischen Aspekt der Bewegung: "Das Kapitel 'bewaffneter Kampf' hat in der Bundesrepublik Deutschland bezeichnenderweise mit einem Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus begonnen, und das am 9. November 1969 bei einer Gedenkfeier für die Opfer der sogenannten Reichskristallnacht. Die Täter stammten aus einer Vorläuferorganisation, den Tupamaros Westberlin. Sie waren zuvor ebenso wie die RAF von den Palästinensern an Waffen und Sprengstoff ausgebildet worden. Ohne diese antiisraelische Kooperation - zunächst mit der Fatah, später dann mit der PFLP - wäre keine der hiesigen Untergrundgruppierungen überhaupt aktionsfähig gewesen."

Stefan Reinecke vergeht in einem zweiten Text des Dossiers der viel inszenierte Pop-Glamour der RAF beim näheren Hinsehen: "Wenn man heute .. in den Texten, Kommandoerklärungen und Kassibern der RAF blättert, zeigt sich ein anderes Bild: Das Flair von Bedeutsamkeit und tragischem Aufstand einer Generation ist ausgewaschen. Die RAFler erscheinen in ihren eigenen Texten nicht als revoltierende Kinder von Hitler - sondern als Geistesverwandte Stalins. Sie verstanden sich von Beginn an als Kadertruppe, die sich aus dem Fundus des dogmatischen Leninismus bedienten. Nach innen herrschte eine stählerne Kommandostruktur."

Für die von Jan Feddersen interviewte Autorin Anna Ameri-Siemens liegt in der Grausamkeit der RAFler einer der bis heute rätselhaften Aspekte der Gruppe: "So grausam auch zu bleiben, wenn man die Menschen direkt vor sich hat, wie bei Hanns Martin Schleyer oder wie bei der Besetzung der bundesdeutschen Botschaft in Stockholm zwei Jahre zuvor, wo der damalige Verteidigungsattaché Andreas von Mirbach von Mitgliedern der RAF niedergeschossen und schwer verletzt eine Treppe hinuntergestoßen und dort liegen gelassen wurde. Noch lebend. Erst nach Verhandlungen durften schwedische Polizeibeamte ihn bergen. Er starb kurz darauf im Krankenhaus. Das ist menschlich noch mal etwas anderes, als irgendwo Sprengstoff zu deponieren."

Zum Dossier gehört auch ein Gespräch mit dem Autor F.C. Delius über seine Romatriologie zum Deutschen Herbst (mehr in Efeu).
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Europa

Eigentlich steht vor dem morgigen Kandidatenduell schon alles fest, meint Welt-Autor Thomas Schmid, bevor er sich in Reminiszenzen in ehemalige Elefantenrunden ergeht - Angela Merkel wird siegen: "Als sie vor vier Jahren mit Peer Steinbrück die Gummiklinge kreuzte, ergaben Zuschauerbefragungen, dass der arme Steinbrück als der Angriffslustigere und besser Argumentierende wahrgenommen wurde. Merkel aber siegte bei der entscheidenden Software: Fairness, sympathischer Auftritt, Glaubwürdigkeit. Martin Schulz müsste schon sehr gut angreifen, um nicht in diese Falle zu laufen."

In der FAZ kann sich der litauische Schriftsteller Marius Ivaskevicius den absurden Fall um den russischen Regisseur Kirill Serebrennikow - der deutliche Parallelen zum Fall des 1939 festgenommenen und 1940 erschossenen Theaterregisseurs Wsewolod Meyerhold aufweist, wie Ivaskevicius berichtet, nur als inszenierten Schauprozess mit dem Ziel der Einschüchterung der kulturellen Elite Russlands erklären: "In den Genen und der Erinnerung der Russen ist der Albtraum der stalinistischen Repressionen noch lebendig. Und obwohl das heutige Regime nicht in der Lage ist, sie zu wiederholen, nutzt es diese allgemeine Angst und Erinnerung meisterhaft aus. Will man allen den Mund stopfen, dann muss man nur das Gespenst der Stalin-Zeit erscheinen lassen, indem man solche Parallelen zwischen Meyerhold und Serebrennikow schafft oder irgendwo in der Tiefe Russlands wieder Stalin-Denkmäler errichtet und auf diese Weise das Zeichen gibt: 'Schweigt und seid loyal, oder es wird sein wie damals. Bald werdet ihr alle Serebrennikows.'"

Martina Meister kann Emmanuel Macron in der Welt nur viel Glück wünschen und bescheinigt ihm nun zunächst auch mal, dass er tatsächlich ernst macht mit seinen jüngsten Reformvorhaben: "Die Arbeitsgesetze eines Landes in entscheidenden Passagen umzuschreiben, wäre in jedem europäischen Land ein mutiges Vorhaben, in Frankreich muss eine Regierung tollkühn sein, es zu versuchen."
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Ideen

Laura Weißmüller plädiert in der SZ dafür, den Boden - so wie Luft oder Wasser (oder auch die Werke der Kultur?) - als ein "Common", ein Gemeingut, zu definieren: "Von den explodierenden Grundstückspreisen in zusehends mehr Städten profitieren einige wenige Eigentümer. Die Gemeinschaft hat nichts davon. Was aber hat ein privater Investor dazu beigetragen, dass das Viertel rund um sein Grundstück attraktiver wurde? In der Regel leider: gar nichts. Die charmanten Wochenmärkte, der hübsch angelegte Platz mit Springbrunnen, das Theater um die Ecke, die Museen, genauso wie die gute Schule oder das Krankenhaus, ganz zu schweigen von Bus und Bahn - all das zahlt die Öffentlichkeit."

Im von der Literarischen Welt auf einer ganzen Seite abgedruckten Vorwort ihres neuen Buches "Bitch Doktrin" erklärt die Feministin Laurie Penny, warum Identitätspolitik auch "weiße Männer in Provinzstädten" angeht: "Dass Identitätspolitik und Fragen der Zugehörigkeit die scheinbar unlösbaren Probleme rund um Klassen, Macht und Armut überlagert haben, stimmt - aber das ist kein Problem für die traditionelle Linke. Es ist ein Problem für die traditionelle Rechte, die seit Jahrhunderten mit der Strategie des 'Teile und herrsche' weiße Arbeiter*innen gegen schwarze und dunkelhäutige Arbeiter*innen, Männer gegen Frauen, im Land Geborene gehen Zugezogene in einer Hierarchie der Opfer aufhetzt, damit Energie und Wut von den handfesten finanziellen Interessen abgelenkt werden, die hinter dem System stecken. Wenn die Rechten behaupten, den Leuten 'ihr Land zurückzugeben', ist das keine Identitätspolitik? Wenn sie erklären, Muslime, Migrant*innen und aufmüpfige Frauen stellten die wahre Sicherheitsbedrohung dar, ist das keine Identitätspolitik?"
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Kulturpolitik

Über den drögen Kolonialismus-Debatten, die bei den meisten Exponaten des Humboldt-Forums übrigens gegenstandslos sind (weil sie nicht aus Kolonien stammen), gerät die eigentliche Frage, nämlich, wie man die ganze Pracht in der Schlossattrappe inszenieren soll, verloren, seufzt Tilman Krause in der Welt: "Jedenfalls hat man in den bisherigen Debatten noch nicht ein einziges Mal das Wort 'Weltkunst' vernommen. Also den Rückgriff auf das Konzept der 'ars una', die gerade nicht zwischen europäisch und außereuropäisch unterscheidet. Entwickelt wurde das Konzept vom bedeutendsten deutschen Sammler europäischer wie ostasiatischer, afrikanischer und ozeanischer Kunst: Eduard von der Heydt. Und zwar in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg."

Politik

Der oberste Kenianische Gerichtshof hat die jüngsten Wahlen in Kenia für ungültig erklärt - eine Premiere für Afrika, die  David Signer in der NZZ feiert: "Allgemein ging man davon aus, dass es ein Leichtes für (Präsident Kenyatta) sei, das Verfassungsgericht zu seinen Gunsten unter Druck zu setzen. Aber nun hat die höchste juristische Instanz sich offenbar aufgrund gravierender Unstimmigkeiten für eine Annullation des Wahlergebnisses entschieden. Diese Demonstration der Unabhängigkeit des Gerichts ist ein Triumph nicht nur für Kenia, sondern für den ganzen Kontinent."
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Stichwörter: Kenia

Internet

Der Thinktank New America Foundation, der maßgeblich von Google unterstützt wird, hat den Google-Kritiker Barry Lynn gefeuert, der Monopolisierungstendenzen des Konzerns angeprangert hat (unsere Resümees) - die Lage für die in Amerika so diskursbestimmenden Thinktanks wird damit schwieriger, schreibt Daniel W. Drezner in politico.eu. Dennoch glaubt Drezner an einen paradoxen Wiederaufstieg von Thinktanks durch Trump: "Je häufiger sich der Kongress den Vorlagen der Trump-Regierung widersetzt, desto mehr wird er sich auf Think Tanks wie New America als Reservoirs von Fachwissen  stützen, um schlechte Vorlagen zu bekämpfen. Zeitungen und NGOs entdeckten, dass der Sieg Trumps ihnen neues Interesse an ihrer Arbeit einbrachte. Das gleiche Potenzial haben Thinktanks, die sich der Regierung widerstzen."

Der gefeuerte Google-Kritiker Barry Lynn ist allerdings bester Dinge, wann man Josh Marshall in Talking Points Memo glauben darf: "Ein unbeabsichtigter Effekt von Google plumpem Versuch, Barry Lynn und sein Open-Market-Programm bei New America zum Schweigen zu bringen, ist, dass Googles Monopolmacht und die skrupellose und unsympathische Art, sie durchzusetzen, nun in hellem Licht erstrahlt. Zum Glück ist Lynns Gruppe auf den Füßen gelandet, mit neuen und sogar größeren Finanzquellen."

Lynn meldet sich in der sehr bunt und effektsicher designten Seite citizensagainstmonopoly.org zurück (Screenshot).

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Gesellschaft

Über Jahre hat Eva Quistorp ein kleines Flüchtlingsmädchen betreut und mehrfach darüber in der Welt geschrieben. Nun hat der Vater des Mädchens ihr den Kontakt verboten. In der Welt schreibt sie einen abschließenden Brief an das Mädchen: "Dein Vater hat wohl gemerkt, dass du so viel schneller und besser Deutsch gelernt hast, als er in der Schule und mit seinem Handy und den Büchern. Doch er hat mein Angebot, jede Woche mit ihm zu üben, nie angenommen. Dein Papa scheint Angst zu haben, dass du zu klug und willensstark wirst und ihn nicht mehr für den Größten überhaupt hältst und ihm gehorchst."
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Stichwörter: Flüchtlingskrise