9punkt - Die Debattenrundschau

Sex, Sound und Underground

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.09.2017. In der NZZ erinnert Wolfgang Kraushaar an den Preis, den die Bundesregierung für die Bekämpfung der RAF bezahlte. In der FAZ kritisiert der marokkanische Autor Kacem El Ghazzali die westliche Linke, die die konservativsten Kreise in den muslimischen Ländern unterstützt. Die taz fragt, warum Aung San Suu Kyi nichts gegen die Verfolgung der Rohingya tut. Und die New York Times schreibt: "Nochmals - Donald Trump ist ein Lügner."
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2017 finden Sie hier

Europa

Donald Trump, heißt es, sei mit Hilfe von Micro-targeting ins Weiße Haus gelangt, also mittels Wahlwerbung, die für kleinste Zielgruppen maßgeschneidert wurde. Auch deutsche Parteien praktizieren das, nur bekommt es kaum jemand mit, schreibt Ingo Dachwitz auf Netzpolitik. "'Wir wollen keine Republik, in der linke Kräfte und der Multikulturalismus die Vorherrschaft haben.' Mit diesen markigen Worten neben dem Konterfei ihres Spitzenpolitikers warb im Frühjahr 2017 eine deutsche Partei - in russischer Sprache. Na klar, der logische nächste Schritt der AfD beim Umwerben einer nicht unbedeutenden WählerInnengruppe, könnte man denken. Doch es war nicht die selbsternannte Alternative für Deutschland, die diese Anzeige auf Facebook schaltete, sondern die bayerische Regierungspartei CSU. Mitbekommen haben das allerdings die wenigsten Menschen in Deutschland. Kein Wunder: Zu sehen bekam die autoritär anmutende Botschaft offenbar nur, wer den Wunschvorstellungen der Unionspartei entsprach - in diesem Fall Deutschrussen."

Ein internationales Journalisten-Konsortium ist Geldzahlungen des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijew an europäische Institutionen und Politiker nachgegangen. Le Monde berichtet hier, der Guardian hier, und die SZ hier: "Oft lässt sich nicht nachvollziehen, wohin das Geld ging. Und wenn doch - so etwa ein paar Millionen an die Stiftung eines italienischen Europarats-Abgeordneten, etliche Hunderttausende an Eduard Lintner, einen langjährigen CSU-Bundestagsabgeordneten - dann ist umstritten, wofür das Geld gedacht war. Beide bestreiten, dass die Zahlungen anrüchig seien - beide sind aber auch seit Jahren als treue Verteidiger Aserbaidschans bekannt."

Jean-Luc Mélenchon, zugleich erstaunlich erfolgreicher (19 Prozent in der ersten Runde) und gescheiterter Präsidentschaftskandidat der "Insoumis", macht seit einigen Wochen mit seinen Äußerungen gegen französische Medien von sich reden. Nun erregt er sich in seinem Blog über den der republikanischen Rechten zugerechneten Publizisten Eric Brunet, der die Mélenchon-Wähler als "Dummköpfe" bezeichnet hat: "Nun, Herr Brunet hat sich hinreißen lassen. Er hat seine Beherrschung verloren. Das ist ein Masseneffekt. In einer jaulenden, vor Wut schäumenden Medienhorde ist er mitgerissen worden! Ich bin bereit zu verstehen, ja zu verzeihen, denn entschuldigen lässt sich ein solches Verhalten nicht. Aber ich warne hiermit feierlich: Der Hass gegen die Partei der Unbeugsamen und ihre Sprecher könnte eines Tages böse Konsequenzen haben und Gewaltbereite mobilisieren. Nur die Dreckigsten werden dann sagen, dass wir es gesucht hatten." Mehr zum Hintergrund hier.

Geschichte

In der NZZ erinnert der Politologe Wolfgang Kraushaar an den deutschen Herbst, der heute vor vierzig Jahren mit der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer durch die RAF begann. Kraushaar gesteht der damaligen Bundesregierung zwar zu, sie habe als Reaktion nur die Wahl zwischen "Pest und Cholera" gehabt, gleichzeitig wirft er ihr Versagen vor: "Auch wenn sich die Bundesrepublik nicht in einen Polizeistaat gewandelt hatte, so mutierte sie doch zu einem quasi-autoritären Regime, in dem Grundprinzipien der parlamentarischen Demokratie vorübergehend außer Kraft gesetzt waren. Die von Krisen der inneren Sicherheit bis dahin weitgehend verschont gebliebene Nachkriegsrepublik hatte ihren Praxistest im Ernstfall einer terroristischen Herausforderung nur eingeschränkt bestanden. Sich von der RAF nicht in die Knie zwingen zu lassen, hatte einen gehörigen Preis.

Medien

Eher skeptisch berichtet Karoline Meta Beisel bei sueddeutsche.de über spendenfinanzierten Journalismus beim Guardian und der New York Times: "Die Kennzeichnung macht die Unterschiede jedenfalls für interessierte Leser transparent, trotzdem bleibt die Frage: Wie stark ist der Einfluss, den die Spender auf die Themensetzung nehmen?"

Die Printausgabe der Village Voice, mit 250.000 verkauften Exemplaren einst das erfolgreichste Wochenblatt der USA, wird eingestellt, berichtet Andrea Köhler in der NZZ. "Kein anderer Name verkörpert so genuin jene Mischung aus Sex, Sound und Underground, für die das Greenwich Village einst weltweit stand. Doch die Zeiten, als das Schwimmen gegen den Mainstream noch goutiert oder gar lukrativ bewirtschaftet wurde, sind bekanntlich vorbei. Die Online-Ausgabe der VV unterscheidet sich denn auch nicht wesentlich von den anderen Stadtmagazinen mit ihren Food- und Veranstaltungstipps." Im Freitag notiert Lukas Hermsmeier: "Ganz nüchtern ließe sich auch festhalten, dass die Zeitung in den letzten Jahren sowieso kaum noch gelesen wurde."
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Ideen

Erstaunlich, ein ganz klarer Text eines säkularen Intellektuellen in der FAZ. Der marokkanische Autor Kacem El Ghazzali bechreibt, wie das Internet zur Mobiliserung des arabischen Fühlings beitrug und wie demokratische Kräfte dann marginalisiert wurden: "Jene mutigen Menschen, die in reaktionären Gebieten den Kampf von innen heraus führten, wurden an den Rand gedrängt, verhaftet, verfolgt und als Verräter an ihrer eigenen Kultur beschimpft. Solche Anschuldigungen gingen meist von Islamisten aus, bei denen die Ablehnung von Fortschritt und Moderne nicht weiter verwunderlich ist. In ihrem Ressentiment auf den Westen und die Moderne erhielten sie indessen oft Unterstützung von jenen Fraktionen der westlichen Linken, die kulturrelativistische Positionen vertreten und Muslime in toto als unterdrückte Opfer des westlichen Imperialismus in Schutz nehmen."

Der Historiker Jacob S. Eder liefert in der taz einen kleinen Nachtrag zur Debatte um das Buch "Finis Gemania" von Rolf Peter Sieferle, das durch eine manipulierte Platzierung auf der NDR-Sachbuch-Bestenliste einen kleinen Skandal ausgelöst hatte (unsere Resümees). Es sei kaum beachtet worden, so Eder, dass die meisten neurechten Texte darin vor gut zwanzig Jahren formuliert worden seien: "Sieferles Ausführungen, die einige Jahrzehnte auf seiner Festplatte Staub angesetzt hatten, nun als Kritik der heutigen Bundesrepublik zu lesen, ist ein ahistorisches Missverständnis. Höchstens ist das Buch eine - inhaltlich wenig originelle - Quelle zur Illustration des Diskurses über NS und Holocaust vor gut zwanzig Jahren."

Religion

Im Gespräch mit Daniel Bax von der taz wiederholt der Islamforscher Olivier Roy seine These, dass die Radikalisierung junger Attentäter wie in Barcelona nicht aus dem Islam kommt. Auf Gilles Kepels Vorwurf angesprochen, dass er den ideologischen Anteil der Radikalisierung  vernachlässige, komplizieren sich die Dinge bei Roy: "Ich unterschätze nicht die Bedeutung der Ideologie. Ich sage nur: Diese Leute haben keinen religiösen Hintergrund. Sie haben nicht Jahre in salafistischen Moscheen verbracht und sich dann radikalisiert. Sie entscheiden sich für den Islam im gleichen Moment, in dem sie sich für die Radikalisierung entscheiden. Ich sage nicht, dass das nur ein Vorwand oder oberflächlich ist. Nein: Sie glauben, dass sie ins Paradies eingehen, wenn sie sterben. In diesem Sinne sind sie Gläubige. Aber der Salafismus ist nicht das Einfallstor für ihre Radikalisierung."

Politik

Die Rohingya flüchten zusehends nach Bangladesch, das berüchtigte Militär Birmas verfolgt sie unter dem Vorwand, einige Terroristen unter ihnen zu schnappen. Nobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die Birma seit über einem Jahr als Staatsrätin lenkt, aber sagt nichts zur Verfolgung  der Rohingya, schreibt Verena Hölzl in der taz: "Ihre Kommunikationsabteilung hingegen scheint sich daran zu ergötzen, alle 'Bengalis' als 'extremistische Terroristen' zu brandmarken. Fast stündlich werden neue Informationen veröffentlicht, die den Eindruck erwecken, Birma sei von Terrororganisationen wie IS oder al-Qaida angegriffen worden. Damit deckt Aung San Suu Kyi Menschenrechtsverletzungen des Militärs, wie sie die UNO, Human Rights Watch und andere Gruppen nach der letzten Sicherheitsoperation des Militärs gegen die Rohingya im Oktober dokumentiert haben." In einem zweiten Artikel erläutert Sven Hansen, dass der Konflikt um die Rohingya auch die Islamisten in Asien mobilisiert. Und NZZ-Kommentator Volker Pabst lernt, dass es auch einen "gewaltbereiten radikalen Buddhismus" gibt.

Wir leben in einer Zeit, in der ein New-York-Times-Kommentar über den amtierenden Präsidenten so beginnt: "Nochmals - Donald Trump ist ein Lügner." Charles M. Blow hat in der Folge keine Mühe, seine Behauptung zu belegen: Es ist jetzt gerichtsamtlich, dass Trumps Behauptung, er sei von von seinem Vorgänger abgehört worden, erfunden war. "Manchen mag diese Lüge klein erscheinen, ein Patzer neben vielen, aber mir erscheint sie viel wichtiger. Ehrlichkeit ist das Fundament eines Charakters. Wahrheit ist die Basis, von der aus alles aufgebaut wird. Aber diese Mann fühlt sich dadurch nicht gebunden. Er hat keinen Respekt und keine Verehrung für sie. Für ihn ist Ehrlichkeit eine Option, und er fühlt keinen Drang, diese Option zu wählen."