9punkt - Die Debattenrundschau

War wohl kein Perlentaucher

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.09.2017. In der taz sieht Heinz Bude, was die Grünen und die SPD nicht sehen. Die Berliner Zeitung empfiehlt die Lektüre von Karl Marx. In der FAZ macht sich der Politologe Roland Sturm Sorgen um den Föderalismus. Eine Gruppe von Netz-NGOs fordert, dass öffentliche Software immer auch Open Source sein soll. Chelsea Manning imaginiert in der New York Times den digitalen Überwachungsstaat. Und in Slate fragt Lawrence Krauss, warum Science fiction das Internet nicht voraussah.

Europa

Der Soziologe Heinz Bude erzählt im Interview mit Jan Feddersen von der taz, was die Grünen sowieso, aber auch die SPD nicht kapieren: dass es in vielen ärmeren Stadtvierteln Spannungen zwischen Gruppen deutscher und nicht-deutscher Herkunft gibt, mit denen die Parteien umgehen müssten: "Die Leute, die für die SPD wichtig sind, hätten gern, dass es eine Partei gibt, die zur Kenntnis nimmt und darüber Ideen hat, dass die Ungleichheitsfrage sich heute mit der Zuwanderungsfrage vermischt und dass daraus Konflikte entstehen, die neue Formen der Konfliktregelung nach sich ziehen." Auch nehme die SPD nicht zur Kennnis, dass es neben ihren Traumarbeitern, die bei Daimler arbeiten, auch ein neues Proletariat gebe, "das mit Paketzustellungen, mit Pflege oder auch mit Regalefüllen und Kleideraufräumen in Discountern befasst ist. Mit den tausend Euro, die man da im Schnitt netto im Monat hat."

Ebenfalls in der taz polemisiert Martin Kaul gegen die Witzbolde von der "Partei".

Der Politologe Roland Sturm beklagt in der FAZ eine Aushöhlung des Föderalismus in Deutschland, unter anderem weil die Länder kaum so etwas wie eine Steuerautonomie haben und darum im Ernstfall auf Zuwendungen des Bundes angewiesen sind. Aber warum haben die Länder bei dieser Aushöhlung des Föderalismus mitgemacht? "Hier sei daran erinnert: Die Landesregierungen verlieren bei wachsender Politikverflechtung von Bund und Ländern nicht an Macht. Ihr politischer Einfluss in Gesamtdeutschland wächst wegen der Rolle des Bundesrats in der Bundesgesetzgebung. Wer verliert, sind die Landesparlamente."

Die FAZ druckt eine Rede des türkischen Journalisten Can Dündar, in der er den Westen für das aktuelle Debakel mit verantwortlich macht: "Trotz gelegentlicher Kritik an Erdogan hat der Westen sich weitgehend zu seinem Komplizen gemacht und ihn unterstützt - durch den Verkauf von Waffen, indem er jeder Erpressung nachgab (weil Erdogan sonst die Flüchtlinge losgelassen hätte) und indem er wartete, bis westliche Bürger verhaftet wurden, bevor er überhaupt etwas unternahm. Deshalb nimmt heute niemand mehr die Reaktionen des Westens ernst."
Trotz gelegentlicher Kritik an Erdogan hat der Westen sich weitgehend zu seinem Komplizen gemacht und ihn unterstützt - durch den Verkauf von Waffen, indem er jeder Erpressung nachgab (weil Erdogan sonst die Flüchtlinge losgelassen hätte) und indem er wartete, bis westliche Bürger verhaftet wurden, bevor er überhaupt etwas unternahm. Deshalb nimmt heute niemand mehr die Reaktionen des Westens ernst. Trotz gelegentlicher Kritik an Erdogan hat der Westen sich weitgehend zu seinem Komplizen gemacht und ihn unterstützt - durch den Verkauf von Waffen, indem er jeder Erpressung nachgab (weil Erdogan sonst die Flüchtlinge losgelassen hätte) und indem er wartete, bis westliche Bürger verhaftet wurden, bevor er überhaupt etwas unternahm. Deshalb nimmt heute niemand mehr die Reaktionen des Westens ernst.
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Internet

(Via Netzpolitik) Eine Gruppe von netzaktivistischen NGOs wie die Free Software Foundation Europe und der Chaos Computer Club fordert in einem offenen Brief, dass öffentlich finanzierte Software freie Software zu sein habe, weil "Freie Software/Open Source ein modernes öffentliches Gut ist, das es jedermann erlaubt, Anwendungen, die wir täglich einsetzen, frei zu verwenden, zu verstehen, zu teilen und zu verbessern, Freie-Software- und Open-Source-Lizenzen Schutz vor einer Beschränkung auf Dienstleistungen bestimmter Unternehmen bieten, welche restriktive Lizenzen verwenden, um den Wettbewerb zu behindern und freie Software/Open Source sicherstellt, dass der Quellcode zugänglich ist, so dass Hintertüren und Sicherheitslücken behoben werden können, ohne von einem bestimmten Dienstleister abhängig zu sein."

Chelsea Manning legt in der New York Times einen Essay über digitale Überwachung und "predictive policing" vor: "Die Welt ist zu einem gespenstischen dystopischen Roman geworden. Auf der Oberfläche sehen die Dinge aus wie immer, aber sie sind es nicht. Ohne klare Grenzen dafür, wie Algorithmen Daten, die von uns gesammelt werden, nutzen und missbrauchen, wächst das Potenzial zur Kontrolle unseres Lebens immer weiter an."

Eklatantes Versagen der Literatur oder einfach Natur der Dinge? Der Wissenschaftspublizist Lawrence Krauss stellt in Slate die berechtigte Frage, warum die Science Fiction das Internet nicht voraussah: "Als Kind erwartete ich, mich später in fliegenden Autos zu bewegen oder meine Ferien in einem Raumschiff oder auf dem Mond zu verbringen. Was ich nicht erwartete, war das Internet. Aber von allen technologischen Entwicklungen, die das Funktionieren von Gesellschaft verändert haben, hat keine andere die Gesellschaft vor solche neuen Herausforderungen gestellt. Es hat alles verändert - wie wir kommunizieren, einkaufen, uns unterhalten lassen und Nachrichten bekommen, und natürlich auch die Wissenschaft. Und doch war das Internet in der gesamten Mainstream-Sicence-Fiction-Literatur nicht imaginiert worden."

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Medien

(Via turi2) Der Medienkolumnist Kai-Hinrich Renner kommentiert beim Abendblatt die von der ARD-Vorsitzenden Karola Wille  betriebene Offenlegung der ARD-Gehälter - besonders gut verdienen neben den Intendanten die Sportreporter und gar die "Experten": "Wille ist mit der Veröffentlichung der Ausgabenstruktur aber nicht der ganz große Wurf gelungen. Das hat drei Gründe: Das Zahlenwerk ist auf der ARD-Webseite gut versteckt. Wer es finden will, muss sich dort schon etwas auskennen. Man gelangt zu ihr über den Reiter 'Die ARD' und dann weiter über das Submenü 'Womit wir arbeiten - Budget'. Dass die Zahlen seit dem 1. September im Netz stehen, hat die ARD nirgends verkündet. Einem findigen Redakteur des Nachrichtendienstes EPD ist es zu verdanken, dass die Aufstellung nun bekannt wurde." Außerdem, so Renner, fehlen die Gehälter wichtiger Funktionäre aus der zweiten Reihe. Sehr kritisch schreibt Joachim Huber im Tagesspiegel über diese Zahlen.

Weiteres: In der FAZ erzählt Joseph Croitoru, was südkoreanischen Journalisten passieren kann, wenn sie ein kritisches Buch über Nordkorea rezensieren: Sie werden von Nordkorea in Abwesenheit zum Tode veruteilt!
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Geschichte

Die Südkoreaner sind bei der Debatte um die "Trostfrauen" - Koreanerinnen, die von den Japanern zwangsprostituiert wurden - selbst unehrlich, schreibt Fabian Kretschmer in der taz, Wer bestimmte Wahrheiten ausspricht, bekommt Probleme: "Dies hat die Professorin Park Yu Ha von der Seouler Sejong-Universität persönlich zu spüren bekommen. In ihrem 2013 erschienen Buch 'Comfort Women of the Empire' (mehr hier) wies sie darauf hin, dass viele der Menschenhändler, die für die Japaner Frauen rekrutierten, selbst Koreaner waren und als Komplizen vom System profitierten. Ebenso zweifelt sie das vorherrschende Narrativ an, dass es sich bei den Frauen ausschließlich um 'Sexsklavinnen' gehandelt hat. Einige von ihnen wussten laut Park sehr wohl, worauf sie sich einließen, sie hätten sich aus Armut, jedoch aus freien Stücken den Militärbordellen angeschlossen."

In der Berliner Zeitung ermuntert Arno Widmann zum 150. Jahrestag der Erscheinung von Karl Marx' "Das Kapital" unbedingt zur Lektüre dieses monstre sacre der Philosophie: "Was sah Marx in der Tiefe? Das 'Wesen' des Kapitalismus, sein innerster Kern, sein Motor ist der Doppelcharakter der Arbeit. Sie schafft Gebrauchswerte und Waren. Ware wird etwas, wenn es getauscht wird oder auch nur getauscht werden soll. War wohl kein Perlentaucher, der Karl Marx. Das ist doch nichts Tolles, nichts Besonderes? Das sagen nur die, die Marx nicht gelesen haben. Wer ihn liest, erlebt das Feuerwerk, das Marx aus dem Unterschied von Gebrauchs- und Tauschwert schlägt, und weiß nicht, ob es ihn blendet oder die Verhältnisse erhellt. Darüber wird gestritten, seit das Buch erschien."
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Ideen

Slavoj Zizek fragt sich in der NZZ, ob wir gerade einen Vorgang erleben, den man als das "Ende der Natur" im traditionellen Sinn verstehen kann und wie wir jetzt, im postreligösen Zeitalter, indem man diese Dinge nicht mehr als etwas schicksalhaftes, gottgewolltes interpretieren kann, damit umgehen:"Das Problem besteht darin, dass es angesichts der ökologischen Katastrophe keinen Mittelweg gibt: Entweder trifft sie ein, oder sie trifft nicht ein, ein Drittes gibt es nicht. Wir haben darum zwei Möglichkeiten: Entweder wir nehmen die Gefahr ernst und entscheiden uns, etwas zu tun, was lächerlich erscheint, wenn die Gefahr nicht eintritt. Oder wir tun nichts und verlieren im Fall der Katastrophe alles. Das Dümmste, was wir tun können, ist, uns für eine mittlere Lösung zu entscheiden und eine begrenzte Auswahl von Maßnahmen zu treffen. Wenn wir das tun, scheitern wir sowieso - egal, was geschieht."
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Stichwörter: Slavoj Zizek