9punkt - Die Debattenrundschau

Atheisten inakzeptabel

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.09.2017. Die NZZ ist entsetzt über türkische Geschichtsklitterung, in der FAZ schildert Bülent Mümay die religiöse Propaganda des Erdogan-Regimes in den Schulen.  In der FR findet der Philosoph Michael Quante Karl Marx "in einer neoliberalen Gesellschaft hinreichend provokativ". Die FAS zeichnet amerikanische Debatten um "kulturelle Aneignung" nach.  Ein offener Brief von Medienwissenschaftlern verteidigt die öffentlich-rechtlichen Sender und die "Demokratieabgabe".

Europa

In der NZZ untersucht Oliver Jens Schmitt die Geschichtsklitterung der Regierung Erdogan und seiner Anhänger mit ihrer Verklärung des Osmanischen Reichs. Außenminister Ahmet Davutoglu etwa "verkündete 2009 in Bosnien, das Imperium sei eine Erfolgsgeschichte gewesen, die es zu erneuern gelte. 2013 erklärte Recep Tayyip Erdogan in Prizren, Kosovo sei die Türkei und die Türkei sei Kosovo. 2015 überführten türkische Soldaten die Gebeine des angeblichen Großvaters des Dynastie-Gründers Osman aus Syrien in die Türkei." In der Innen- wie der Außenpolitik "will die AKP ein äußerst positives Bild des Osmanischen Reiches vermitteln. Dies erfolgt in mehreren Ausprägungen: Das Osmanische Reich als glänzende Weltkultur. Das Osmanische Reich als islamisches Imperium. Das Osmanische Reich als furchterregende Militärmacht. Das Osmanische Reich als multikulturelles und im Vergleich zum Westen offenes und tolerantes Imperium."

An türkischen Schulen wird ein neues Schulbuch ausgeteilt, schreibt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolume: "Das Leben des Propheten Mohammed": "Das Buch beschränkt sich nicht auf die Biografie des Propheten des Islams, es enthält auch sehr deutliche Empfehlungen für die Jugend. Dem Lehrbuch zufolge sind Ehen mit Angehörigen anderer Religionen oder Atheisten inakzeptabel. Und bei einer Ehe unter Muslimen habe die Frau ihrem Mann zu gehorchen. Unser Staat ist der Meinung, der Gehorsam der Frau dem Mann gegenüber sei ein Gottesdienst. Selbstverständlich gebe es noch wichtigere Dienste für den Glauben: 'Der größte Gottesdienst ist der Dschihad', bescheidet das Schulbuch."

Außerdem: Der Tagesspiegel veröffentlicht in Auszügen die Erinnerungen der Journalistin Nurcan Baysal an den Angriff des türkischen Militärs auf die kurdische Stadt Diyarbakir 2015.

Arnau Busquets Guàrdia listet bei politico.eu auf, was Spanien verlieren würde, wenn sich Katalonien abspaltet und produziert ein seltsames Crescendo der Zahlen: Beim Territorium wären es 6,3 Prozent, bei der Bevölkerung 16 Prozent, bei Bruttoinlandsprodukt 20,1 Prozent und bei den Exporten 25,6 Prozent. Eine Karte zeigt außerdem, dass die Küstenregion um Barcelona eher gegen die Sezession stimmen wird.
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Ideen

Im Interview mit der FR erklärt der Philosoph Michael Quante, warum das "Kapital" immer noch die Lektüre lohnt, auch wenn er Marx in der Tradition der deutschen Idealisten sieht: "Das Paradoxe ist, dass die Kritikfolie, die er uns liefert, sehr aufschlussreich ist und vielen unmittelbar brauchbar zu sein scheint, obwohl die dahinterliegenden normativen Annahmen problematisch sind. Man muss den perfektionistischen Ansatz der Vervollkommnung aller individuellen und Gattungseigenschaften zu einer Konzeption weiterentwickeln, in der es nicht um die Perfektionierung der Gattung geht, sondern um die Sicherung von Ermöglichungsbedingungen für jedes menschliche Individuum. Es geht um Mindeststandards, von denen aus die Menschen ein autonomes und gutes Leben führen können. Das ist in einer neoliberalen Gesellschaft hinreichend provokativ."
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Politik

Traurig zu sehen, wie sich ein einstiges Idol der Menschenrechtler selbst demontiert! Zornig schreibt Nicholas Kristof in der New York Times über Aung San Suu Kyi und ihre Komplizenschaft mit den jüngsten mörderischen Ausschreitungen der Armee Birmas gegen die Rohingya, die laut Kristof einem Völkermord gleichkommen. "Hunderte sollen getötet worden sein, aber Suu hat das Schlachten nicht kritisiert. Statt dessen greift sie internationale Hilfsorganisationen an und beklagt sich über einen 'riesigen Eisberg an Desinformation', der darauf abziele 'den Terroristen' zu helfen - womit sie wohl die Rohingya meint. Als eine Rohingya-Frau erzählte, wie ihr Mann erschossen und sie und ihre drei Töchter im Teenager-Alter von Soldaten vergewaltigt wurden, machte sich Suus Facebookseite über den 'fake rape' lustig."
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Gesellschaft

In der NZZ schreibt Paul Jandl anlässlich der neuen Gesichtserkennungssoftware eines neuen Handys , die den Nutzer allein am Gesicht identifizieren soll, über die Kulturgeschichte des Gesichts als Spiegel der Seele: "Verschleierung ist immer eine Provokation: Der Blick der anderen wird auf die Tatsache gelenkt, dass man nicht erkannt, nicht gesehen werden will. Das macht den Verschleierten oder Vermummten verdächtig. Ob es nun der schwarze Block der Antifa-Demonstranten ist oder die Burka - man sieht das Gesicht nicht, und die Gefahr erhöht sich, das Gegenüber falsch einzuschätzen. Aber auch ohne Vermummung ist der Versuch, über das Gesicht das Innere des Menschen zu erkennen, schwer genug. Das macht ihn ganz prinzipiell verdächtig."

Eine wahre Gesinnungspolizei wacht heute in den USA darüber, dass sich niemand (das heißt vor allem keine weißen Männer) der "kulturellen Aneignung"schuldig  macht, schreibt Boris Pofalla in der FAS und erzählt, wie Marc Jacobs Probleme bekam, weil er in einem Defilee Mannequins mit Dreadlocks zeigte: "Marc Jacobs wurde für die bunten Dreads attackiert, weil auf dem Laufsteg hauptsächlich weiße Frauen eine schwarz konnotierte Haartracht trugen. Die Antwort des schwulen Modeschöpfers kam prompt: 'An alle, die 'kulturelle Aneignung' schreien oder sonstigen Unsinn über eine Rasse oder Hautfarbe, die ihre Haare auf eine bestimmte Art trägt - lustig, dass ihr farbigen Frauen nicht vorwerft, ihre Haare zu glätten', schrieb Marc Jacobs auf Instagram und fügte hinzu, dass die pastellfarbenen Filzhaare von den pinken Dreadlocks seiner Freundin Lana Wachowski inspiriert seien... Jacobs' Kommentar wurde schnell wieder gelöscht." Später hat sich Jacobs dann noch ausführlich entschuldigt.
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Medien

Eine Gruppe von Medienwissenschaftlern, aber auch Politikerinnen wie der Grünen Tabea Rößner, Netzaktivisten wie Markus Beckedahl und linken Verlegern wie Karl-Heinz Dellwo legt ein sehr ausführliches Papier pro Öffentlich-rechtliche Sender vor. Man will nicht nur keine Sparmaßnahmen, sondern eine viel stärkere Ausbreitung der Sender ins Netz - die Sender sollen auch mit anderen gemeinnützigen Trägern wie etwa der Bundeszentrale für politische Bildung kooperieren. Unter anderem wird dort behauptet, dass es eine freie Öffentlichkeit am ehesten unter Bedingungen der Subventioniertheit geben kann: "Aufgrund ihrer öffentlichen Beauftragung und Finanzierung können sie von sich heraus leisten, was privaten Anbietern aufgrund ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit nicht oder nur begrenzt möglich ist: eine journalistisch-redaktionelle Selbstbeobachtung der Gesellschaft im öffentlichen Interesse. " Selbst Jörg Schönenborns Neusprech-Vokabel für die Rundfunkgebühren macht sich die Gruppe zueigen: "Nur wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk von der Allgemeinheit durch eine Demokratieabgabe finanziert und im Hinblick auf Auftragserfüllung und Finanzierung öffentlich kontrolliert wird, können diese Standards und Ziele erreicht werden." Im Tagesspiegel berichtet Kurt Sagatz, bei Netzpolitik schreibt der Unterzeichner Leonhard Dobusch. 
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Geschichte

Im Standard erinnert der Historiker Peter Payer an die Paternoster-Aufzüge, von denen es in Wien gerade noch sieben Stück gibt. Dabei waren sie mal so modern wie das Internet: "Die Modernität des Spezialaufzugs beruhte nicht zuletzt auf seinem unbestechlich einfachen Gebrauch ohne jegliche Zugangsbeschränkungen. Kein Aufpasser oder Wärter war vorhanden, keine Tür zu überwinden, keine Taste zu drücken. Die offenen Kabinen verhinderten unangenehme Beklemmungsgefühle, die langsame Bewegung war stets nachvollziehbar. Paternosterfahren stellte sich als emanzipatorischer Vorgang dar, frei von staatlicher Bevormundung. Im Geiste des Liberalismus setzte der Paternoster den selbstverantwortlichen Bürger voraus, der klar entscheiden konnte, welches Risiko er auf sich nahm."
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Stichwörter: Paternoster