9punkt - Die Debattenrundschau

Schmutziges Glücksrad

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.09.2017. Deniz Yücel ist seit 200 Tagen in Haft und darf nur alle zwei Wochen für zehn Minuten telefonieren. Seine Frau Dilek Mayatürk-Yücel prangert in taz und Spiegel online die unmenschlichen Haftbedingungen an. Ensar Haidar, die Frau Raif Badawis, appelliert in der Daily Mail an den König des Landes, ihren Mann, von dem sie keine Neuigkeiten hat, freizulassen. Die FAZ kommentiert den Prozess gegen den Regisseur Kirill Serebrennikow als weitere Steigerung von Putins Repressionsstrategie. Und Google zensiert doch, schreibt die Journalistin Kashmir Hill bei Gizmodo.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.09.2017 finden Sie hier

Europa

Deniz Yücel ist jetzt seit 200 Tagen in Haft - nach wie vor unter erschwerten Bedingungen, die seine Frau Dilek Mayatürk-Yücel im Gespräch mit Eva Thöne von Spiegel online als unmenschlich anprangert: "Wissen Sie, was die langfristigen Auswirkungen der Isolationshaft sind, können Sie beurteilen, was das mit einem Menschen macht? Isolationshaft verletzt Menschenrechte... Er versucht, sich zu beschäftigen, liest - wir beide schreiben uns häufig Briefe, über die alltäglichen Dinge, lesen die gleichen Bücher, um später darüber zu diskutieren. Er macht ein bisschen Sport in seiner Zelle. Einmal in der Woche darf er für eine Stunde auf den Sportplatz des Gefängnisses, alle zwei Wochen für zehn Minuten telefonieren."

In der taz beschreibt Dilek Mayatürk Yücel die Situation in einer Art Brief an die Leser: "Einem Menschen in Isolationshaft werden ganze Tage und Monate aus seinem Leben geraubt. Unrechtmäßig. Nur weil er seine Arbeit getan hat. Nur weil er Artikel geschrieben hat. Nur weil er Interviews geführt hat."

In seiner letzten Folge der Türkischen Chronik in der SZ stellt Yavuz Baydar fest: Die Türkei ist auf dem Weg zum Polizeistaat. Längst sind verschiedene Gesellschaftsbereiche von Erdogan anhängig, durch die Umverteilung von Ressourcen festigte er seine Wählerbasis: "Alles drehte sich um das öffentliche Beschaffungswesen. In der guten alten Zeit, als die Versuche, die Kriterien für eine EU-Mitgliedschaft zu erfüllen, zu klappen schienen, lag der alten AKP-Führung noch sehr viel an der Rechenschaftspflicht. Dann aber, etwa von 2010 an, erregte das öffentliche Beschaffungsgesetz das Interesse von Erdogan und seinen Freunden. Nach und nach wurde es mehr als 160 Mal geändert, bis es schließlich einem 'schmutzigen Glücksrad' glich. Die Folge war eine tief greifende Korruption, der Weg für eine 'organisierte Plünderung' unter politischem Schutz war geebnet."

Und im Tagesspiegel fordert der Dramaturg Necati Öziri Solidarität mit den deutschtürkischen Erdogan-Kritikern: "Diesen kritischen Stimmen gilt es jetzt den maximalen Schutz zu geben, nicht nur, weil die deutsche Regierungspolitik der letzten zehn Jahre viele der sogenannten Erdogan-Anhänger selbst produziert hat, sondern weil das die staatliche Schutzpflicht umfasst. Der Dramaturg und Autor Tuncay Kulaoglu hat beispielsweise unlängst gefordert, alle türkischen Suchbefehle von Interpol und Europol zu veröffentlichen, damit die jeweils betroffenen Menschen Bescheid wissen. Wusste etwa nur die spanische Polizei, dass der Schriftsteller Dogan Akhanli gesucht wurde und nicht die deutsche? Wieso wurden keine Schutzmaßnahmen ergriffen? Weshalb wurde Akhanla nicht gewarnt?"

Reinhard Veser kommentiert in der FAZ den Prozess gegen den russischen Regisseur Kirill Serebrennikow: "Das Ziel des Kremls ist es, eine nicht vom Regime kontrollierte Selbstorganisation der Gesellschaft zu verhindern. Mit dem Prozess gegen den Künstler Serebrennikow geht das Putin-Regime einen entscheidenden Schritt weiter: Es hat begonnen, den Kampf um das Denken der Russen mit polizeilichen Mitteln auszutragen."
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Politik

Ensaf Haidar, die Frau des saudiarabischen Bloggers Raif Badawi, der zu tausend Peitschenhieben und zehn Jahren Haft verurteilt wurde, appelliert laut Sara Malm in der Daily Mail an Theresa May und die saudiarabische Königsfamilie, Badawi freizulassen. Das Leben des Autors, der unter hohem Blutdruck leide, sei durch die weiterhin drohenden Peitschenhiebe gefährdet. "Sie fügt hinzu, dass die Familie nichts darüber weiß, wie es ihm geht, oder wann er wieder ausgepeitscht werden soll. 'Wir haben nichts von Raif oder Saudi Arabien gehört, aber wir wissen, dass er weiter bestraft werden soll, nur nicht, wann', sagt Haidar zu MailOnline. 'Wir rufen den jüngst gekrönten Prinzen Mohammed Ben Salman auf, Badawi zu begnadigen und ihn vor den 950 drohenden Peitschenhiebe zu bewahren. Wir fragen auch, warum die Regierung des Vereinigten Königreichs, ein Verbündeter Saudi Arabiens, schweigt und fordern Theresa May auf, ihre guten Beziehungen zu Saudi Arabien zu nutzen und darauf hinzuwirken, dass Badawi freigelassen und zu seiner Familie nach Kanada gelassen wird.'"

Große Höflichkeit lassen westliche Regierungen auch gegenüber der saudi-arabischen Politik im Jemen walten, schreibt Nicholas Kristof in der New York Times und zeigt "jene Fotos, die die Regierungen von Saudi Arabien und der Vereinigten Staaten nicht sehen wollen" - Fotos von todkranken und hungernden Kindern.
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Gesellschaft

Saleem Haddads Roman "Guapa" über das Schwulsein in der arabischen Welt ist in den Feuilletons viel gefeiert worden. Im Freitag-Interview mit Peter Rehberg spricht der Autor über die Schwierigkeiten, im Nahen Osten eine homosexuelle Identität zu entwickeln, aber noch viel mehr über die Angst, angeblich "orientalistischen" Klischees aufzusitzen, und über die westliche Perspektive auf Gender und Sexualität in der arabischen Welt: "Ich denke, insbesondere seit 2001 gibt es die Tendenz, vor allem die Unterdrückung von Frauen, in jüngerer Zeit auch die von sexuellen Minderheiten, als Teil einer Taktik zu gebrauchen, die Araber und Muslime als unmenschlich erscheinen lässt: Das sind zurückgebliebene Kulturen, weil sie Frauen unterdrücken und Schwule von Häuserdächern stoßen. In dem Diskurs geht es sehr stark darum, Araber und Muslime als 'Andere' erscheinen zu lassen. In Deutschland sieht man es an dem Diskurs der Hypersexualisierung arabischer Männer, der auf die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln folgte. Daraus speist sich eine Mediendarstellung, die von politischem und militärischem Nutzen ist."
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Archiv: Gesellschaft

Internet

Gestern zirkulierte die New-York-Times-Meldung, dass ein Google-kritischer Autor aus einem von Google mitfinanzierten Thinktank, der New America Foundation, gefeuert wurde (unser Resümee). In Netzpolitik resümiert  Simon Rebiger die Geschichte. Bei Gizmodo meldet sich die Journalistin Kashmir Hill zu Wort, die nur bestätigen kann, dass Google Druck auf Google-kritische Autoren ausübt: Sie wollte in Forbes im Jahr 2011 eine Geschichte darüber publizieren, dass Google Verlegern bessere Platzierungen in der Suche gäben, wenn sie ihre Artikel mit dem Google-Plus-Signet zum Teilen versehen. So erzählten es Google-Marketing-Leute in einem Treffen mit Forbes-Redakteueren. Hill machte nach mehren Nachfragen daraus eine Geschichte - die nicht lange publik blieb: "Google stellte die Akkuratheit des Berichts niemals in Frage. Stattdessen sagte mir ein Google-Sprecher, ich solle die Story zurückziehen, weil das Treffen vertraulich gewesen sei und die Information unter eine Verschwiegenheitsklausel falle (aber ich hatte nie eine solche Vereinbarung unterzeichnet, mir war nicht gesagt worden, dass das Treffen vertraulich sei, und ich hatte mich als Journalistin zu erkennen gegeben)." Hill bedauerte damals zwar, ihren Arbeitgeber durch die Geschichte in Verlegenheit gebracht zu haben, aber "da ich vor der Publikation mit dem Google- PR-Team gesprochen hatte, und die Geschichte in der Welt war, dachte ich, es sei besser, die Geschichte so stehen zu lassen. Am Ende zog ich die Geschichte allerdings nach dauerhaftem Druck durch meine Chefs zurück, eine Entscheidung, die ich immer bereuen werde. Forbes möchte diese Geschichte nicht kommentieren."
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Ideen

Hannes Stein verweist bei den Salonkolumnisten auf den in Europa völlig unbekannten Essay "La raza cósmica" des Mexikaners José Vasconcelos. Dessen Hintergrund ist allerdings dubios, zugleich antiamerikanisch und antiaufklärerisch, so Stein, der dennoch beharrt, dass der Essay lesenswert sei: "Für José Vasconcelos waren die Rationalisten jene, die Rassenmischung aus darwinistischen Gründen verhindern wollten. In den Yankees wiederum sah er Leute, die eine imperialistische, auf weißem Herrenmenschendenken basierende Nation gegründet hatten. Vasconcelos wollte just das Gegenteil: eine Mischung der Rassen. Deswegen feiert er in seinem Buch die Mestizen - also jene Mexikaner, die sowohl spanischer als auch indianischer Abstammung waren - als Vorboten der Zukunft. Denn für die 'Mestizenvölker des ibero-amerikanischen Kontinents' sei 'die Schönheit der Hauptgrund für alles'." Hier der Text als pdf-Dokument.

"Stoppt die Entwicklungshilfe!" fordert die senegalesische Autorin Ken Bugul in der NZZ, denn man könne nicht helfen, wenn es in einem Land keine stabilen Institutionen, keine unabhängige Justiz und keine solide verankerte Verfassung gebe. Stattdessen schlägt sie das System der Mikrokredite vor: "Die Kanadier haben schon vor dreißig Jahren mit diesem Konzept gearbeitet: Sie richteten kleine Fonds ein, vor allem für die Frauen in ländlichen Gebieten. Mit dem geliehenen Geld konnten diese einen Gemüsegarten anlegen, kleine Kooperativen gründen, etwa für die Verarbeitung von Fisch, oder ein Kunsthandwerk ausüben; das erlaubte es vielen Frauen, ein Einkommen zu erwirtschaften. Und ein Mikrokredit ist keine milde Gabe: Dieses Prinzip lässt den Empfängerinnen auch ihre Würde."
Archiv: Ideen

Religion

Eren Güvercin beschreibt in der taz das Chaos in muslimischen Verbänden, das sich noch verschlimmert hat, seit die Ditib immer mehr zum Werkzeug des türkischen Nationalismus wird: "Die türkischen religiösen Verbände brauchen den Koordinationsrat der Muslime nicht mehr. Koordiniert wird jetzt unter Türken. Überhaupt ist der KRM längst am Ende. Zu zentralen Fragen gibt es schon seit Langem keine inhaltliche Arbeit mehr. Nicht mal der Internetauftritt koordinationsrat.de funktioniert noch."
Archiv: Religion
Stichwörter: Islamverbände