9punkt - Die Debattenrundschau

Verlagerung von Kulturgut

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.09.2017. Wer gegen "kulturelle Aneignung" wettert, bekämpft nicht den Rassismus, schreibt Kenan Malik in seinem Blog. Der Buchmarkt ist in einer immer dramatischeren Krise, aber keiner spricht drüber, mit Ausnahme der FAZ. Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten nicht allzu viel Transparenz konzedieren, meinen sie laut Spiegel online. Sueddeutsche.de sucht nach der Filterblase, findet sie aber nicht.  In der taz warnt der Althistoriker Roland Steinacher vor einen Funktionalisierung der Genetik zu historischen Zwecken.

Ideen

Diese leidige Debatte über "kulturelle Aneignung"! Kenan Malik antwortet in einem Blog auf einen Essay von Briahna Joy Gray, die wiederum auf seine Kritk an diesem Begriff in der New York Times (unser Resümee) Bezug nimmt. Durfte sich Elvis Presley "schwarze" Musik aneignen? Nach Malik ja, nach Gray profitiert damit die weiße Musikindustrie von den Leistungen anderer. Aber "wenn Musik 'ihrem Wesen nach appropriativ ist' und dafür auch geschätzt werden sollte, wie Gray glaubt, gilt das unabhängig von der Frage 'präexistierender durch Rasse geprägter Werthierarchien'. Hierarchien von Rasse werden nicht durch kulturelles Ausborgen erzeugt, noch werden sie durch das Verbot solchen Ausleihens untergraben. Die einzige Konsequenz eines solchen Blicks durch die Linse der kulturellen Aneignung, ist, dass die realen Probleme, die angegangen werden sollten, verdeckt werden." Und noch etwas: "Die Idee der Gleichheit verlangt von uns, dass wir alle Menschen als autonome moralische Wesen mit gleichen Rechten und gleicher Würde behandeln. Sie verlangt nicht, dass wir all ihre Ideen, Vorstellungen und Traditionen mit Repekt oder als gleichwertig behandeln."

Jürgen Kaube (FAZ) langweilte sich im Schloss Bellevue gründlich bei einer "Debatte" über westliche Werte: "Gedankenanregend wie Bingo, nur dass man auf seinem Zettel hier nicht Zahlen ankreuzen konnte, sondern Redewendungen abhaken durfte."
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Kulturmarkt

Der Medienwandel ist für den Buchmarkt keine Neuigkeit, aber die Krise verschärft sich dramatisch, schreibt Sandra Kegel im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ: "Der Sinkflug ... scheint mittlerweile so unaufhaltbar - in nur fünf Jahren brach der Umsatz gedruckter Bücher um dreizehn Prozent auf prognostizierte etwa acht Milliarden Euro 2016 ein, und ein Ende ist nicht abzusehen, weil auch die digitalen Bücher das längst nicht auffangen -, dass im sonst so redseligen Literaturbetrieb inzwischen eine Art Omertà herrscht: Jeder weiß es, aber niemand will darüber reden." Eine Kategorie gehe aber noch: Sachbücher, die "leicht lesbar die direkte Umgebung in den Blick" nehmen, "den Darm, die Biene, den Baum".

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Medien

Die öffentlich-rechtlichen Anstalten konzedieren ihren Gebührenzahlern seit neuestem einige Rudimente von "Transparenz" - so wurden einige Gehälter höherer Funktionäre offengelegt. WDR-Intendant Tom Buhrow wehrte sich laut Spiegel online gegen Kritik an seinen knapp 400.000 Euro jährlich: "Man kann das immer weiter treiben mit dem Neid". Zugleich wurde  eine Studie (hier als pdf-Datei) des ehemaligen Verfassungsrichters Paul Kirchhof vorgestellt, der schon häufiger nach Argumenten für die Anstalten suchte und diesem Fall von einer allzu offenen Politik der Anstalten abrät: "So dürfe der Wettbewerb zwischen Rundfunkanstalten und privaten Unternehmen etwa um Programme und Rechte nicht dadurch verfälscht werden, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu durchgehender Transparenz verpflichtet würde."

Klaus Weise fordert in der Zeit mehr Platz für Kultur, die in den Nachrichtensendungen von ARD, ZDF und Co praktisch nie vorkomme: "Um sich diesen Luxus nachrichtlichen Verschweigens leisten zu können, gerade in Zeiten hedonistischer Individualisierung und der Trockenlegung metaphysischer Bedürfnisse, dazu bräuchten die Fernsehredaktionen eigentlich triftige Gründe. Doch die haben sie nicht. Immerhin hält die Kultur unsere Gesellschaft zusammen, verleiht ihr Identität oder verunsichert sie dort, wo es Verhärtungen gibt. Doch die Nachrichtensendungen in ARD und ZDF üben sich in Ignoranz."
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Gesellschaft

Der Japanologe und Schriftsteller Florian Coulmas porträtiert in der NZZ die moderne japanische Gesellschaft, die von außen betrachtet zwar die modernste der Welt sei und mit Abstand die höchste Lebenserwartung habe, im Inneren aber mit schweren Problemen, wie sinkenden Geburtenraten und immer stärkerer Vereinsamung der Menschen, vor allem in großen Städten, zu kämpfen hat, so Coulmas: "Der Reichtum, zu dem das Land nach dem Zweiten Weltkrieg kam und der nirgends deutlicher sichtbar ist als in Tokio, beruhte auf der fleißigen und gewissenhaften Arbeit einer kollektivistisch und egalitär organisierten Gesellschaft. Die gibt es nicht mehr. Heute heißt es: Jeder für sich! Die meisten Mitglieder der jungen Generationen haben keine Geschwister und sehen sich mit einer grauen Welle konfrontiert, der sie nicht entkommen können. Denn auch hier ist Japan Avantgarde."
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Stichwörter: Japan

Internet

Die unermüdliche EU-Parlamentarierin Julia Reda hat durch Nachfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz herausgefunden, dass die EU eine Piraterie-Studie anfertigen ließ, aber dann nicht veröffentlichte, berichtet Leonhard Dobusch  in Netzpolitik: "Hauptgrund dafür dürfte der Umstand sein, dass die Studie keine Rechtfertigung für die Kommissionspläne zur Verschärfung des EU-Urheberrechts des damals zuständigen Kommissars Günther Oettinger liefert." In der Studie konnte schlicht nicht nachgewiesen werden, dass den Kulturindustrien durch illegale Nutzung von Inhalten Schaden entsteht.

Mit der Filterblase ist es nicht so weit her. Eine Untersuchung von Autocomplete-Ergebnissen der Google-Suchen mit politischen Fragen durch die NGO Algorithm-Watch lieferte hier Ergebnisse, die den digitalen Untergangspropheten nicht schmecken werden, schreibt Eva Wolfangel bei sueddeutsche.de: "Die bisherige Auswertung auf Anfragen wie Namen der Parteien und Kandidaten für die Bundestagswahl ergab, dass eine Personalisierung nur eine sehr geringe Rolle spielt. 'Acht bis neun Treffer waren für die meisten der knapp 600 Nutzer gleich und variierten hauptsächlich in der Reihenfolge", sagt Katharina Zweig, Professorin für Netzwerktheorie an der TU Kaiserslautern. Wo es Unterschiede gab, lagen diese offenbar vor allem an der Regionalisierung der Ergebnisse: Nutzer bekamen etwa bei der Suche nach Parteien bevorzugt Seiten von Ortsverbänden in ihrer Nähe angezeigt." Algorithmwatch.de berichtete bereits am 8. September.
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Europa

Yanis Varoufakis ist zurecht entsetzt, dass das Thema Europa im deutschen Wahlkampf kaum vorkam und annonciert den Deutschen im Freitag, dass sich ihre Rolle in Europa ändern muss. Grund ist für den Ökonom, dass amerikanische Nachfrage den deutschen Überschuss nicht mehr aufnehmen könne - darauf basiere aber der deutsche Erfolg: "Wird dem nicht Einhalt geboten und in Deutschland der Konsum gestärkt im Sinne europäischer Verantwortung, wird die gesamte EU dadurch Schaden nehmen. Und viele junge Deutsche daran hindern, sich ihren Traum von einem Dasein als europäische Bürger zu erfüllen. Aus diesem Grund muss der Ordoliberalismus, dessen Zeit abgelaufen ist, verworfen und durch eine fortschrittliche, makroökonomisch vernünftige, gesamteuropäische Wirtschafts- und Sozialagenda ersetzt werden."
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Geschichte

Der Althistoriker Roland Steinacher spricht mit Ambros Waibel in der taz über die Funktionalisierung archäologischer Genetik, etwa wenn es darum geht, bei Gräberfunden Volksgruppen wie die Langobarden, als eindeutig germanisch auszuweisen: "Quellen sprechen nie für sich selbst, sondern bedürfen immer der Interpretation. Wo die Genetik tatsächlich unheimlich wertvoll wäre, ist nicht bei der Unterscheidung in Volksgruppen - zugewanderte Langobarden oder einheimische Römer -, sondern bei der Frage nach den verwandtschaftlichen Beziehung der etwa vierzig Personen, die dort bestattet sind. Ist das zum Beispiel eine Dynastie, über drei, vier Generationen? Denn die nächste Absurdität ist ja: Diese Volksnamen, die dann der DNA zugeordnet werden, stammen aus der traditionellen Geschichtswissenschaft. Es ist aber absurd, veraltete historische Fragestellungen, meist aus nationalistischen Narrativen des 18. und 19. Jahrhunderts, mit hochmoderner Genetik beantworten zu wollen."

In der Berliner Zeitung stellt Nikolaus Bernau ein neues Forschungsprojekt der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy vor: Es geht um "'Translokation. Historische Studien über die Verlagerung von Kulturgut', es soll um die verschlungenen Wege gehen, die Objekte und Sammlungen seit der Antike bis in unsere Museen und Bibliotheken nahmen. ... Ausdrücklich geht es nicht darum, postkolonial nur die in Europa oder von europäischen Mächten bewirkten Verlagerungen von Kulturgut zu bearbeiten. Der Blick ist auch nach Ostasien und Afrika geöffnet, Indien, Nord- und Südamerika sollten wenigstens noch dazu kommen. Schließlich erwarben auch die Azteken, Inka oder Irokesen gern und oft gewaltsam Objekte aus anderen Kulturen."

Außerdem: Petra Pluwatsch besucht für die FR die Ausstellung "Mein Verein" im Bonner Haus der Geschichte und Tilman Spreckelsen für die FAZ eine Ausstellung über Richard Löwenherz im Historischen Museum der Pfalz in Speyer.
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Kulturpolitik

Ob die leicht fade deutsche Kulturpolitik die Schuld von Kulturstaatsministerin Monika Grütters ist, fragt sich Thomas E. Schmidt in der Zeit. Jein, meint er. Natürlich hat sie auch Probleme geerbt. Aber die wahllose Verteilung von Fördermitteln lastet er schon ihr an: "Den Gedanken des Kulturföderalismus, also der kulturellen Selbstverantwortung der staatlichen Ebenen, gab sie so ziemlich preis, immerhin war er einmal eine Monstranz der CDU. Stattdessen schuf sie in der Fläche ein System finanzieller Abhängigkeiten: Warum muss der Bund die gut ausgestatteten Berliner Philharmoniker mitfinanzieren? Dieses Interessengeflecht hinterlässt auf kulturpolitischen Entscheidungen inzwischen einen Beigeschmack von Intransparenz."