9punkt - Die Debattenrundschau

Ich, der all diese Bücher gelesen hatte

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.09.2017. Der Guardian blickt auf einen deutschen Wahlkampf, in dem der Rest der Welt keine Rolle spielt. In der SZ beschreibt Chadar al-Agha, wie der Flüchtling den Schriftsteller in ihm zum Schweigen brachte. In der taz erklärt Ivan Krastev, wie 1968 bis heute den Westen vom Osten trennt. In der FAZ schildert Bülent Mumay, wie community pressure in der Türkei dem nicht-religiösen Leben den Garaus macht. Die NYR Daily berichtet von einer Mordserie an Journalisten in Indien. Feige findet es die New York Times, wie die Harvard University im Fall von Chelsea Manning vor der CIA kuscht.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.09.2017 finden Sie hier

Europa

Deutschland wird niemals eine führende Rolle in der freien Welt spielen, winkt im Guardian Natalie Nougayrède ab, dafür sei das Land viel zu sehr auf sich selbst fokussiert. Europa kommt im Wahlkampf so wenig vor wie der Rest der Welt: "Im deutschen Wahlkampf gabe es wenig Aufmerksamkeit für Europa, ganz zu schweigen vom Rest der Welt. Quasi suspendiert waren die Frage, wie sich das Land zu den Realitäten jenseits seiner Grenze stellt: Die globale Veränderungen der Arbeitswelt, welche Rolle es in einer veränderten Umgebung spielen könnte, wie sich strategisch auf die Zukunft vorbereiten...  Britische Leser sollten auch zur Kenntnis nehmen, dass in die Deutschen in diesem Wahlkamp nicht das geringste Interesse für den Brexit aufgebracht haben. Im TV-Duell von Merkel und Schulz wurde der Brexit nicht ein einziges Mal erwähnt."

Viel Aufsehen erregt in London derweil ein Text von Boris Johnson im Telegraph, der vom glorreichen Post-Brexit-Britannien einem Steuerparadies schwärmt. Und ach, ja: "Once we have settled our accounts, we will take back control of roughly £350m per week."

In einem berührenden Text beschreibt der syrische Schriftsteller Chadar al-Agha in der SZ, wie er den Glauben an die Macht des Schreibens verlor und mehr und mehr zu einem Flüchtling wurde: "In Lübeck war ich allein, ich war so einsam, dass ich hörte, wie mein Blut durch die Adern floss. Wie jemand, der nicht lesen und schreiben kann, lief ich umher. Ich, der all diese Bücher gelesen hatte. In Lübeck stand ich Deutschland von Angesicht zu Angesicht gegenüber, wir waren wie zwei Ringer in einer Arena. Immer wieder bezwang mich die Stadt, sie schien stark zu sein und ich schwach, sie schien kompakt zu sein und ich gespalten, sie schien äußerst hart zu sein und ich fragil, denn sie hatte eine starke Sprache, während ich sprachlos war. Der Flüchtling in mir wuchs immer rascher, bis er zu einem Riesen wurde und mich wie ein Monster verschlang, es verschlang mich total, sodass ich mich selbst nicht mehr sah und die anderen mich nicht mehr sahen."

Ideen

Im taz-Interview mit Fabian Ebeling zeichnet der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev die Trennlinien zwischen Europas Osten und Westen nach. Eine entscheidende markiert das Jahr 1968: "Im Westen solidarisierte man sich mit Dekolonialisierungsbewegungen weltweit, auch im Hinblick auf die eigenen Kolonialgeschichten und die Folgen des Zweiten Weltkriegs. Damit ging ein sehr multikulturalistisches Mindset einher. In Polen oder der Tschechoslowakei kamen die Demonstrationen 1968 eher einem nationalen Erwachen gleich. Die Menschen dort wehrten sich gegen den Sowjetimperialismus, den die osteuropäischen Regimes mit der angeblich internationalen kommunistischen Revolution legitimierten. Das ist ein völlig anderes Motiv als im Westen."

Internet

Eigentlich sollte Chelsea Manning visiting fellow in Harvard werden. Jetzt hat die Universität die frühere Armee-Mitarbeiterin und Whistle-Blowerin wieder ausgeladen, berichtet die New York Times und findet das "feige": "It's remarkable that one of the country's premier educational institutions would bow to C.I.A. pressure and reject a person who has arguably done more to contribute to the public's understanding of world diplomacy than anyone else in modern times. In early 2010, Ms. Manning leaked a trove of hundreds of thousands of State Department and Defense Department documents, an archive that opened an unparalleled window into American foreign policy."

Bei Buzzfeed berichtet Alex Kantrowitz, dass Google Anzeigenkunden erlaubt hat, Werbung nach rechsextremen Schlagwörtern auszurichten: "Schwarze ruinieren alles" oder "jüdische Parasiten" etwa, es gab auch - ganz neutral - "Weiße ruinieren alles". Und ProPublica sekundiert: Bei Facebook durften sich Werber an "Judenhasser" richten.
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Stichwörter: Manning, Chelsea

Religion

In seiner FAZ-Kolumne trauert Bülent Mumay um den vorige Woche verstorbenen türkischen Soziologen Şerif Mardin, der bereits 2007 vor dem community pressure warnte, mit dem Erdogans AKP dem säkularen Leben in der Türkei den Garaus machen wollte: "Mardins Voraussage, 'wenn sich der Konservatismus durchsetzt', ist eingetroffen. Es werden nicht nur Menschen ohne religiösen Lebenswandel diskriminiert. Es begann die Umsetzung einer Politik, die das Leben Andersdenkender beschneidet und ausgrenzt."

Thomas Ribi huldigt in der NZZ dem Zauber der schwarzen Madonna von Einsiedeln und versichert: "Die Wunder der Einsiedler Madonna sind bestens dokumentiert."

Überwachung

Vor einigen Tagen nannte Andrian Kreye in der SZ Apples neue Gesichtserkennung einen Sprung in die Vergangenheit und fühlte sich von Face-ID und Animojis an die übelsten Zeiten der Schädelvermessung erinnert. Heute nehmen Jannis Brühl und Hakan Tanriverdi ebenfalls in der SZ das Unternehmen zwar in Schutz, sehen aber auch rosige Zeiten für Rassisten aufbrechen: "Das Unternehmen Kairos etwa hat Software entwickelt, die die ethnische Herkunft einer Person aus Porträtfotos ermitteln kann (zum Beispiel: '50 Prozent schwarz, 30 Prozent hispanisch, 20 Prozent weiß'). Das Unternehmen wirbt damit, dass Make-up-Hersteller Produktempfehlungen auf die Herkunft ihrer Kunden abstimmen könnten."
Stichwörter: Gesichtserkennung

Medien

Indien war schon immer ein gefährliches Land für Journalisten, doch mehrere Morde in kurzer Zeit haben eine neue Lage heraufbeschworen, schreibt Mukul Kesavan in der NYR Daily. Gauri Lankesh, Narendra Dabholkar, Govind Pansare und M.M. Kalburgi seien nicht ermordet worden, weil sie eine unbequeme Wahrheit aussprechen wollten, sondern weil sie sich gegen die Hindu-Orthodoxie ausgesprochen haben: "Diese Morde scheinen keine instrumentelle Taten gewesen zu sein, um bestimmte Enthüllungen zu verhindern. Es geht nicht nur darum, was die Morde die freie Meinung und den Journalismus bedeuten, sie nur als eine extreme Form der Zensur zu betrachten, hieße, das Ausmaß der Verbrechen zu unterschätzen. Diese Morde waren ideologische Vollstreckungen und mit ihnen sollte politische Abweichung bestraft werden."