9punkt - Die Debattenrundschau

So entschlossen und zart

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.07.2017. Seyran Ates will jetzt auch eine Moschee in London gründen, berichtet der Guardian, und dann in Freiburg, und in Kopenhagen, Los Angeles, Marseille hat sie schon Partner. Slate.fr erinnert an all das, was in Dünkirchen (aber nicht in "Dunkirk") sonst noch geschah. Angela Merkel bekommt bei Vogue ein sehr hübsches Cover, berichtet unter anderem die New York Times. SZ und taz feiern die jungen Polen, die für den Rechtsstaat in ihrem Land demonstrieren. Die Zeit schildert die Schattenseiten Kanadas als Einwanderungsland

Religion

Seyran Ates ist nach London gereist, um auch dort nach einem Ort für eine Moschee zu suchen, berichtet die "Religionskorrespondentin" Harriet Sherwood  für den Guardian.  Bei der Londoner Moschee soll es nicht bleiben: Ates, die bekennt, vor den Morddrohungen, die sie jetzt wieder verstärkt zur Kenntnis nehmen muss, Angst zu haben, "plant eine zweite liberale Moschee in Freiburg für Ende des Jahres und arbeitet eng mit anderen progressiven Muslimen zusammen, etwa mit Ani Zonneveld, einer Imamin in Los Angeles, Shirin Khankan, einer dänischen Imamin, die eine von Frauen geleitete Moscheee in Kopenhagen eröffnet hat, Ludovic-Mohamed Zahed, einem in Algerien geborenen schwulen Imam in Marseile und Elham Manea, einem Experten für Scharia-Recht in Zürich."

Gibt es solche Initiativen in Berlin auch? In Leipzig fordert die  Initiative "11. Gebot" Steuergelder von der Evangelischen Kirche zurück, meldet Klaus Staeubert in der Leipziger Volkszeitung. Grund ist, dass der Staatsanteil an der Finanzierung von Kirchentagen trotz blendender Finanzsituation der Kirche immer weiter zu steigen scheint. Beim Kirchentag in Leipzig in Mai soll er bei knapp 60 Prozent gelegen haben, schreibt Staeubert und zitiert den Sprecher der Initiative, David Farago: "'Alles spricht dafür, dass der Anteil der öffentlichen Hand an der Finanzierung sogar noch größer ist', so Farago weiter. Da weniger Besucher zu dem Kirchentag gekommen waren, dürften die Gesamtkosten niedriger ausgefallen und damit der prozentuale Anteil von Stadt und Land gestiegen sein. 7.500 Tickets wurden verkauft, geplant waren mindestens 40.000. Maximilian Steinhaus, Sprecher der Aktionsgruppe, sieht in der üppigen finanziellen Unterstützung den Versuch, die 'Rechristianisierung des Ostens' voranzutreiben."

In der NZZ schildert Marian Brehmer die wieder erstarkende Kultur des Sufismus in der Türkei.
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Überwachung

Die europäischen Regierungen versuchen es immer wieder mit immer weiter reichenden Vorratsdatenspeicherungen - und scheitern zum Glück immer mal wieder am Europäischen Gerichtshof, berichtet Patrick Beuth für Zeit online: "Nun war das Abkommen mit Kanada zum Austausch von Fluggastdaten (Passenger Name Records, kurz PNR) an der Reihe. Es sollte festlegen, dass die EU bis zu sechzig Einzeldaten jedes einreisenden Passagiers - darunter Abflug- und Zielort, Reiseroute, Angaben zum Reisebüro, Kontaktdaten, Zahlungsinformationen, Sitzplatz, Nummer des Gepäckanhängers sowie Essenswünsche - an die kanadischen Behörden übermittelt. Die hätten diese Daten dann bis zu fünf Jahre lang speichern dürfen. " Die fünfjährige Aufbewahrung der Daten, so das Gericht, habe mit dem Ziel der Terrorbekämpfung nicht mehr viel zu tun.
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Gesellschaft

Angela Merkel ziert den Titel der August-Ausgabe der amerikanischen Vogue, melden New York Times (hier) und Welt. Das Titelbild ist ein Gemälde, kein Foto. Gemalt hat es die amerikanische Künstlerin Elizabeth Peyton, die laut New York Times ihr Bild nach Fotos aus den letzten dreißig Jahren gemalt hat und es eher als "ikonischen denn buchstäblichen" Ausdruck versteht: "Ihr Gesicht ist so entschlossen und zart, da ist diese Hoffnung, dass sie mit ihrer Führung die Welt zu einem besseren Ort macht", zitiert die Times die bewundernde Künstlerin.

Konrad Litschko ist in der taz zwar froh, dass sich der NSU-Prozess dem Ende nähert, und auch dass die Staatsanwaltschaft für eine klare Schuld Beate Zschäpes plädiert, aber nicht darüber, dass sie die NSU-Mörder als Einzeltäter sieht und einen Schlussstrich ziehen will: "In der Tat spricht vieles dafür, dass wir immer noch nur einen Teil der Wahrheit über den NSU-Terror kennen - wahrscheinlich auch nur einen Teil der Helfer und Mittäter. Dass sich die Bundesanwaltschaft jetzt derart festlegt, ist ein schlechtes Zeichen. Denn es liegt an ihr, nach diesen möglichen Unterstützern weiterzusuchen."
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Kulturpolitik

Ob die harsche Kritik der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy Humboldtforum und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gerechtfertigt ist, weiß Andreas Kilb in der FAZ auch nicht so genau. Einfach ignorieren kann man sie jedenfalls nicht, meint er und macht einen Vorschlag: "Monika Grütters richtet eine Provenienzstelle für das Humboldtforum mit eigenem Etat ein, deren Arbeit sich nicht hinter den Kulissen abspielt, sondern fester Bestandteil der Dauerausstellung ist."

Europa

Bis vor kurzem mochten viele junge Polen nicht gemeinsam mit der Opposition gegen die PiS-Regierung demonstrieren. Das hat sich jetzt geändert, schreibt die polnische Journalistin Kaja Puto in der SZ. "Hunderttausende junge Polen sind gegen die geplante Justizreform auf die Straße gegangen. Die von der Pis geplanten Maßnahmen werden als Angriff auf die Gewaltenteilung und Bedrohung der freien Wahlen wahrgenommen: Wer heute behauptet, es gebe keinen Unterschied zwischen der Bürgerplattform und der Pis, der hat morgen vielleicht gar keine Wahl mehr."

Das plötzlich auch die ganz jungen Polen auf die Straße gehen, ist auch Philipp Fritz von der taz aufgefallen. Große Illusionen solle man sich aber nicht machen, warnt er: "Immerhin liegt die PiS mit etwa 40 Prozent Zustimmung weiter deutlich vor allen anderen Parteien; bei den unter 24-Jährigen kommt sie laut einer aktuellen repräsentativen Umfrage sogar auf 63 Prozent. Darüber hinaus ziehen Bewegungen, die noch weiter rechts stehen als die PiS, ebenfalls viele junge Menschen an. Dazu gehören der ONR (Nationalradikales Lager) oder die Młodzież Wszechpolska (Allpolnische Jugend). Diese zeigen sich an anderen Tagen auf der Straße, zum Beispiel am 11. November, dem polnischen Nationalfeiertag."
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Stichwörter: Polen

Medien

Netflix wächst und wächst und hat jüngst mit seinen Quartalszahlen die Erwartungen übertroffen, berichtet Nils Jacobsen in Meedia. In solchen Momenten macht es immer wieder Spaß, an Fehleinschätzungen aus der Vergangenheit zu erinnern, wie etwa an die des Time Warner-CEOs Jeff Bewkes: "Angesprochen auf die Bedrohung durch den Streaming-Pionier erklärte Bewkes 2010: 'Das ist ein bisschen wie die Frage, ob die albanische Armee die Welt erobern wird'. Sieben Jahre später steht fest: Die albanische Armee hat die Welt erobert."

Conrad Albert verteidigt in der Welt den Vorstoß seiner Sendergruppe ProSiebenSat.1 für eine "Medienordnung 4.0": "Ziel ist, Inhalte mit einem hohen gesellschaftlichen Wert ('Public Value'-Inhalte) zu fördern, so- dass die Finanzierung nicht an Institutionen festgemacht ist und allein öffentlich-rechtlichen Anbietern zukommt. Damit entwickeln wir unser duales Rundfunksystem evolutionär und zukunftsfest weiter." Albert hatte bereits in der FAS dargelegt, warum er glaubt, dass auch Privatsender etwas von den öffentlich-rechtlichen Gebühren abbekommen sollten (unsere Resümees).
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Ideen

Anders als der Papst, der neulich gegen die Idee einer "Meritokratie" polemisierte, kann der Autor Giorgio Fontana in der NZZ durchaus etwas mit ihr anfangen - allerdings in einer sanften Form: "Kein wie auch immer geartetes Regime, keine Tyrannei der Tüchtigen. Lediglich das minimale Konzept, die Arbeit möge jenen anvertraut werden, die sie am besten auszuführen verstehen."

Außerdem: Bei Deutschlandfunkkultur schreibt Sieglinde Geisel über den "Rechtsrutsch" von Intellektuellen.
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Stichwörter: Meritokratie

Politik

In der Zeit beschreibt Jochen Bittner am Beispiel des senegalesischen Flüchtlings Mbaye Sow, dass das vielgepriesene Einwanderungsland Kanada seine Schattenseiten hat. Die Eingliederungshilfen für Migranten, die aufgenommen werden, ist vorbildlich. Wer aber abgelehnt wird, dem ergeht es schlecht: "Anders als in den USA werden illegale Einwanderer in Kanada nicht geduldet und vom Arbeitsmarkt absorbiert, sondern verhaftet und abgeschoben. Was diese Strenge unter einer liberalen Regierung bedeutet, schilderte die Zeitung Toronto Star in einer Artikelfolge mit dem Titel '­Caged by Canada' ('Eingebuchtet von Kanada'). Demnach saßen im vergangenen Jahr 6596 abgelehnte Asylbewerber für unbestimmte Zeit im Gefängnis, unter ihnen 201 Kinder. Für Abschiebehaft kennt Kanada kein zeitliches Limit. Wer über keine Papiere verfügt und von seinem Heimatland nicht zurückgenommen werden kann, verbringt unter Umständen Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis."
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Geschichte

Christopher Nolans Film "Dünkirchen" scheint das Kunststück hinzukriegen, den Rückzug der Briten vor den anrückenden Hitler-Truppen als Heldentat dastehen zu lassen. Antoine Bourguilleau und Juliette Mitoyen erinnern Nolan in slate.fr an den französischen Anteil an der Sache, der im Film etwas unterbelichtet ist: "Man mag historisch gesehen bedauern, dass nichts von der Bombardierung der Stadt durch die Deutschen gezeigt wird. Und noch weniger von den Kämpfen, die entbrennen, um den Hafen und die Strände zu schützen, so dass die Operation der Evakuierung überhaupt möglich wurde. Das wäre die - leider verpasste - Gelegenheit gewesen, die amerikanischen Zuschauer daran zu erinnern, dass die Franzosen im Jahr 1940 nicht nur die  cheese-eating surrender monkeys waren, als die sie sie ins Herz geschlossen haben. Denn 1940 sterben 60.000 Soldaten in sechs Wochen, 123.000 Soldaten werden verletzt, und zwei Millionen landen in Gefangenschaft. Um die 21.000 getöteten Zivilisten nicht zu erwähnen. Eine Bilanz, die noch schlimmer ist als die von Verdun, wo innerhalb von weniger als zehn Monaten 163.000 Franzosen starben."
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