9punkt - Die Debattenrundschau

Eine gewisse westliche Klientel

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.07.2017. In der NZZ schildert Jan Koneffke, wie es sich anfühlt, nur mit einigen Hundert-Euro-Scheinen bekleidet auf dem Operationstisch zu liegen. Monika Maron erklärt in der Welt, warum sie sich ungern als "Nichtmuslimin" bezeichnen lässt. Bei Spiegel online erklärt Ulrike Simon, wie sich die öffentlich-rechtlichen Sender reformieren wollen, um mit ihren knappen Geldern auszukommen. Die FAZ geht der antisemitischen ungarischen Kampagne gegen George Soros auf den Grund.

Europa

Schmiergeldzahlungen sind in Rumänien Tradition, meint der Schriftsteller Jan Koneffke in der NZZ. Zwar gibt es jetzt erstmals ein breiteres Aufbegehren dagegen, aber vorläufig sind noch Szenen wie diese zu beobachten, die das Rätsel der fehlenden Briefumschläge in Geschäften rings um Krankenhäuser erklären: "Die berühmten Briefumschläge, 'plicuri', dienen der dezenten Schmiergeldzahlung an die Ärzte. Ein befreundeter Autor erzählte, wie er splitternackt auf dem OP-Tisch lag, 'bekleidet' nur mit einem Strauß Kuverts für Operateur, Instrumentenschwester, Pfleger und Anästhesisten in der Hand. Sorge bereitete ihm vor allem, ob die Summe im jeweiligen Umschlag (insgesamt mehrere hundert Euro) nicht beleidigend gering sei, was sich negativ auf die OP auswirken könnte."

Eine Reihe Reporter geht im politischen Teil der FAZ den antisemitischen Kampagnen gegen George Soros auf den Grund, die nicht nur Soros' Interventionen in Migrationsfragen geschuldet sind: So unterstützt Soros "in Ungarn auch die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International.... Mit der liegt die ungarische Regierung auch im Clinch - aber die Gründe dafür eignen sich deutlich schlechter als die Migration dazu, in der Bevölkerung nationale Gefühle zu mobilisieren. Korruptionsvorwürfe hatten der Regierung ein bedenkliches Tief in Umfragen und Nachwahlen beschert - ehe Orbán mit dem Migrationsthema die Deutungshoheit über seine Politik zurückeroberte."

Die taz dokumentiert Ahmet Siks Intervention beim Cumhuriyet-Prozess, wo er den großartigen Satz "Ich verteidige mich nicht, ich klage an" gesagt hat. Die ganze Passage im Wortlaut: "Ich verteidige mich hier nicht oder mache eine Aussage. Ich klage an. Diese Operation, die sich gegen uns richtet, ist nichts anderes als die Jagd auf Gedanken-, Meinungs- und Pressefreiheit. Einige Mitglieder der Justiz haben die Aufgabe übernommen, der Lynchmob dieser Jagd zu sein. Die, die denken, dass dieses dreckige System, diese Verbrecherdynastie für immer bestehen wird, liegen falsch."

Außerdem: Yavuz Baydar identifiziert in der SZ Erdogan als das "personifizierte Problem" der Türkei.
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Geschichte

Die Freimaurerei entstand vor genau 300 Jahren um mit allem möglichen Brimborium letztlich eine Diskussion jenseits der Konfessionen zu ermöglichen, erinnert Urs Hafner in der NZZ: "'Offiziell' beginnt die Geschichte der Freimaurerei vor dreihundert Jahren: 1717 wurde in London die Großloge von England gegründet, in einer Phase der Entspannung nach den Glaubenskriegen zwischen Protestanten und Katholiken und nach den Machtkämpfen von Krone und Parlament. Liberale Adlige und Bürger, Priester und Kaufleute, Offiziere und Diplomaten kamen miteinander ins Gespräch und vielleicht auch ins Geschäft, sie pflegten Geselligkeit und unterhielten sich über mögliche Reformen."
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Stichwörter: Freimaurerei

Politik

Der Islamische Staat bricht zusammen, meint Ahmad Mansour im Gespräch mit Vanessa Vu bei Zeit online. Im Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei tummelten sich Tausende ehemaliger KämpferInnen: "Es werden sehr unterschiedliche Menschen kommen, teilweise deradikalisiert, teilweise hochtraumatisiert. Die brauchen eine intensive Betreuung. Aber es wird auch andere geben: Die, die nur behaupten, dass sie alles bereuen, dass sie einer Gehirnwäsche unterzogen worden sind und mit dem IS eigentlich nicht einverstanden sind. Sie werden lügen, um hier in Europa eine Strafminderung zu bekommen und sich eine Zukunft aufzubauen." Mansour plädiert im übrigen für "extrem hohe Strafen", um Abschreckung zu erreichen.

Außerdem: Arno Widmann empfiehlt in der Berliner Zeitung Naomi Kleins Buch "Gegen Trump" als absolut das Beste, was zum Thema zu lesen sei.
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Stichwörter: Islamischer Staat

Religion

Monika Maron bekennt in der Welt ihren Widerwillen, als "Nichtmuslimin" bezeichnet zu werden - Frank-Walter Steinmeier hat diese Formulierung gebraucht, als er sagte, Muslime und Nichtmuslime hätten gemeinsam den Ramadan begangen. 95 Prozent der Bevölkerung, so Maron, sind in dieser Formel durch die Religion von fünf Prozent definiert: "Ich glaube, das ganze Dilemma begann, als es irgendwann üblich wurde, alle Menschen, die aus islamischen Ländern kamen, als Muslime zu bezeichnen, ob sie wollten oder nicht. Eines Tages waren sie nicht mehr Iraner, Türken, Syrer, Iraker, sondern Muslime. Damit folgte unser Sprachgebrauch genau dem islamischen Gesetz, nachdem jeder, der durch Abstammung als Muslim geboren wurde, ein Leben lang Muslim bleibt, ob er will oder nicht."
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Stichwörter: Monika Maron

Medien

In einem Interview mit Sebastian Hofer und Robert Treichler von Profil bekennt sich der ehemalige Fernsehunterhalter Harald Schmidt zu seiner Feigheit. Selbst auf die Frage, ob der Islam zu empfindlich sei für Witze, antwortet er: "Ich habe vollständig und mit Ansage die Finger davon gelassen. Weil mir früh klar war, dass Satire etwas für eine gewisse westliche Klientel ist, und dass es sinnlos ist, da zu missionieren. Ich lasse mir auch sofort Feigheit vorwerfen, aber ich meine, ich bin Conférencier und kein Heldendarsteller."

Es könnte passieren, dass die Öffentlich-Rechtlichen keine Gebührenerhöhung bekommen, schreibt Ulrike Simon in ihrer Spiegel online-Kolumne. Dann müssten die Sender sich demnächst reformieren, um mit ihren acht Milliarden Euro im Jahr auszukommen. Und allein die Liste der angedachten Reformen klingt deprimierend: "Dazu gehört etwa die Vereinheitlichung von IT, Buchhaltung und Archiven, was 300 Millionen Euro sparen könnte, zunächst aber Umstellungskosten verursacht. Das meiste Geld bringt die neu geregelte Altersversorgung. Es geht aber auch um Fragen wie die, ob ein zentrales Justiziariat die Arbeit für alle neun ARD-Anstalten aufnehmen könnte, oder ob sich alle - auch das ZDF - auf gemeinsame Produktionsstandards und damit eine einheitliche Ausrüstung einigen könnten." Das wird die Probleme sicher lösen!
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Gesellschaft

Das Heinrich-Böll-Institut präsentiert seit einiger Zeit ein Wiki namens "Agent*In", das meist aus dem rechtspopulistischen Lager kommende Gegner des Genderdiskurses auflistet. Kathleen Hildebrand stellt es in der SZ vor und spricht mit Henning von Bargen vom Gunda-Werner-Institut der Stiftung: "Den 'Pranger'-Vorwurf findet von Bargen absurd. 'Was wir tun, hat in keinster Weise mit Diffamierung zu tun', sagt er. Das Wiki richte sich an Menschen, die sich für Geschlechterfragen interessieren, an Journalisten und Aktivisten, die wissen wollen, welche Gruppen und Personen antifeministische Positionen verbreiten wie die, dass die 'Gender-Ideologie' Ehe und Kernfamilie abschaffen wolle."
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Kulturpolitik

Das SZ-Interview mit Bénédicte Savoy über das Humboldt-Forum als Tschernobyl, womit die Historikerin aufden ungeklärten Ursprung einiger Exponate anspielte (unser Resümee), hat ziemlich eingeschlagen!  Im Gespräch mit Harry Nutt von der Berliner Zeitung bekennt sich Mit-Gründungsintendant Hermann Parzinger nochmals eindeutig zur Provenienzforschung: "Provenienzforschung ist ein komplexer, oft langwieriger und auch kostspieliger Prozess, weil man vielen Spuren nachgehen muss und am Ende nicht immer völlige Klarheit erzielt. In Bezug auf völkerkundliche Bestände ist das ein relativ neues Thema, das aber mit Recht enorm an Bedeutung gewonnen hat. Aber wir haben längst mit der Untersuchung unserer Bestände begonnen und kooperieren dabei mit den Herkunftsländern, derzeit gerade mit Tansania und Ruanda."