Efeu - Die Kulturrundschau

Dieser Jubel, diese Freude, diese Helme!

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27.07.2017. Wagner als Sachs, Hermann Levi als Beckmesser, viel Klamauk und die Wagner-Champions-League auf der Bühne - Barrie Koskys Inszenierung der "Meistersinger" in Bayreuth hat die Musikkritiker durchgerüttelt. Yves liebte nur sich selbst, sagt Pierre Bergé im Interview mit der Zeit. Der Freitag sehnt sich nach dem fantastischen Optimismus sowjetischer Wandmosaike. Die Filmkritiker liegen Sally Potters Screwball-Comedy "The Party" zu Füßen, die mit dem hemmungslosen Karrierismus der linksliberalen Milieus abrechnet, so schwärmerisch der Tagesspiegel.

Bühne


Szene aus Barrie Koskys Inszenierung der "Meistersinger von Nürnberg". Fotos: Bayreuther Festspiele

In Bayreuth haben die Festspiele mit Barrie Koskys Inszenierung von Wagners "Meistersingern" eröffnet. Kein Musikkritiker hat sich das entgehen lassen, und es wurde was geboten: Die Meistersinger als Familiengeschichte der Wagners. Mit Wagner in der Rolle des Sachs und Hermann Levi in der Rolle des Beckmesser. Am Ende sitzt Wagner/Hans Sachs im Verhandlungssaals der Nürnberger Prozesse. "Koskys Pointe trifft den Kern", schreibt Nikolaus Hablützl in der taz, denn es "ist nichts privat an dieser Spiegelfigur. Sie ist ein Brandstifter." Aber dabei bleibt es nicht: "Danach ist der Nürnberger Gerichtssaal voll möbliert. Wagner/Sachs bringt einem jungen Mann das Meistersingen bei. Weil diese Rolle von Klaus Florian Vogt gesungen wird, ist das Ergebnis eines jener Meisterwerke, die Richard Wagner nun mal hinterlassen hat. Kosky hört genau zu. Die Schönheit verhöhnt Beckmesser. Ein Urteil spricht das Gericht nicht. Es zieht sich zurück, einsam muss Volle Wagners Selbstverteidigung zu Ende singen: 'Verachtet mir die deutschen Meister nicht.' Nein, gerade Kosky will das nicht. Mehr Respekt hat dieses Werk noch nie gefunden."

Es wäre "grundfalsch zu sagen, dass der Australier Barrie Kosky, der erste jüdische Regisseur in Bayreuth überhaupt, sich von all den widersprüchlich schillernden Aspekten der 'Meistersinger' lediglich Wagners Antisemitismus vornimmt", meint auch Christiane Peitz im Tagesspiegel, für die diese "Meistersinger" ein Ereignis sind: "Weil Kosky Wagner-Biografie und -Musik kurzschließt, dass die Funken sprühen. Weil er die Partitur bis in einzelne Noten durchdringt, sie zudem mit ihrer Rezeptionsgeschichte auflädt und mit der Gegenwart samt ihren aktuellen Nationalismen und Ausgrenzungsmechanismen. Oper at its best: Familienaufstellung und Phantasmagorie, Manie und Magie, Kasperletheater, Verführungskunst, Traumaforschung. Man sieht, was man hört, ist betört, verstört."

"Bayreuth ist, wenn die Besetzung der Regie gelungener kaum sein könnte - und am Ende gewinnt Richard Wagner", spottet Christine Lemke-Matwey in der Zeit. "Wir leben im Jahr 2017, da lockt es nie­manden mehr ­hinter dem Ofen hervor, Wagner als Antisemiten zu entlarven oder die Musik des Stadtschreibers Sixtus Beckmesser in den Meistersingern der Verballhornung synagogaler Gesänge zu bezich­tigen."

Mit dem Grundgedanken der Inszenierung geht Lucas Wiegelmann in der Welt d'accord. Aber ein paar mehr Ideen hätte Kosky für ihn noch haben können. Immerhin kamen die Sänger gut zur Geltung, "vor allem der mit scheinbar 39 verschiedenen Stimmen ausgestattete, bis zum Schluss mit ungetrübter Präsenz und Leidenschaft auftrumpfende Michael Volle als Hans Sachs. Auch an seiner Seite ist praktisch nur Wagner-Champions-League besetzt, mit Johannes Martin Kränzle als Beckmesser oder Klaus Florian Vogt als Stolzing. Nur Anne Schwanewilms als Eva fällt mangels jugendlicher Frische etwas ab."

Weitere Besprechungen in der Stuttgarter Zeitung ("Barrie Kosky hat "hocheinfallsreich seine inneren Zweifel angemeldet und teils insistierend Fragen gestellt. Kann man an der seltsamen Kultstätte Bayreuth mehr tun? Kaum", meint Mirko Weber), in der Berliner Zeitung ("Koskys Inszenierung wird trotz solcher Bilder niemals schwer", versichert Peter Uehling. "Ihr entspricht Jordans Interpretation der Partitur: oft leichtfüßig, durchaus drängend, zuweilen auch etwas handfest"), in der SZ ("So werden selbst viereinhalb 'Meistersinger'-Nettomusikstunden zum Rasanttheater", schwärmt Reinhard J. Brembeck), im Standard ("Es gilt der Kunst. Ob sie zu retten ist, muss sich stets aufs Neue zeigen. Lösung gibt es für die "Meistersinger" keine - ihre Fragen und Probleme wurden aber schon lange nicht so eindringlich aufgezeigt", schreibt Daniel Ender), in der Financial Times ("deft and witty", lobt Shirley Apthorp), in der FR ("unbeschwert locker und dennoch schwarz karnevalistisch", lobt Klaus Jungheinrich), in der FAZ ("handwerklich virtuos", meint Jan Brachmann, aber gedanklich disparat) und in der NZZ (wo Christian Wildhagen das ähnlich sieht).
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Film



An die Screwball-Comedys der Dreißiger fühlen sich die Kritiker beim neuen Film "The Party" der britischen Autorenfilmerin Sally Potter erinnert. Sie genießen das Fest sichtlich: Der Film, in dem die privaten Feierlichkeiten einer Frau aus Anlass ihrer Ernennung zur Gesundheitsministerin im Mittelpunkt stehen, rechne "mit dem hemmungslosen Karrierismus der linksliberalen Milieus in Großbritannien" ab, schreibt Claudia Lenssen im Tagesspiegel. Dennis Vetter bescheinigt dem Film in der taz "eine feine Balance präziser Denkwege und menschlicher Marotten". Als Bloßstellung empfindet die Regisseurin ihren Film dennoch nicht, wie sie in der NZZ Urs Bühler versichert: "Das Lachen ist getragen von Liebe, es ist schonungslos, aber nicht sarkastisch", sagt sie. Hier noch unsere Berlinale-Kritik.

Ein umfangreiches Interview hat auch Daniel Kothenschulte von der FR mit der Regisseurin geführt. Darin geht es unter anderem auch um Potters Verhältnis zur Filmgeschichte und die Rolle von Frauen im Filmgeschäft. Das Kino "gehört uns", sagt sie. "Nicht denen, die es erfunden haben, keinem Geschlecht, keiner Klasse, keiner Nation. Ich glaube diese Landnahme war entscheidend. Sonst wird man gleich in eine Schublade gesteckt, wie Unterdrückung ja nun mal funktioniert. .. Ich identifiziere mich nicht nur mit den paar Frauen, die es in der Filmgeschichte gab wie etwa Dorothy Arzner, die fraglos großartig war. Aber mich interessierten vor allem Eisenstein, Kurosawa und Godard. Das waren meine Vorbilder und Lehrer, ob es ihnen nun gefallen hätte oder nicht."



Christopher Nolans
"Dunkirk" (mehr dazu im gestrigen Efeu) ist kein Anti-Kriegsfilm, auch "kein humanistischer Film", schreibt Ekkehard Knörer auf SpiegelOnline. Äußerst Interessant findet er ihn dennoch: "Es geht um die Erfahrung des Kriegs, wie sie sich für den Einzelnen anfühlen mag. ... Was er vorführt, ist vielmehr, wie der Krieg das Humane in einer tödlichen Materialschlacht auf ein Minimum reduziert: Es bleibt nichts als ein einziges Durchkommen-Wollen." Für "in Wahrheit ziemlich konventionell" hält Felix Stephan den Film in der Welt: Die komplex verwobene Erzählform des Films sei so schließlich "in nahezu jedem Film" zu erleben. Weitere Besprechungen in NZZ, ZeitOnline, FAZ und Tagesspiegel. Mehr zum historischen Hintergrund des Film in 9punkt.

Besprochen werden außerdem Edgar Wrights Actionthriller "Baby Driver" (SZ, taz), Christian Weisenborns Dokumentarfilm "Die guten Feinde" über seine Eltern, die gegen die Nazis Widerstand leisteten (SZ, taz), Karl-Martin Polds Dokumentarfilm "Sie nannten ihn Spencer" über Bud Spencer (SZ, Berliner Zeitung) Sion Sonos auf DVD veröffentlichter Film "Tag - A High School Splatter Film" (taz) und Andrei Kontschalowskis "Paradies", den Barbara Wurm in der taz für "Balsam für die arg angeschlagene russische Seele" hält.
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Literatur

Wehmütig schickt Tonie Behar der Autorin und "Angélique"-Erfinderin Anne Golon, die am 14. Juli im Alter von 95 Jahren gestorben ist, in der französischen Huffpo einen wehmütigen Nachruf hinterher - niemand habe das Zeitalter Ludwigs XIV. besser gekannt: "Ob sie über das Leben in den Provinzen, die Cour des Miracles, Versailles, Gifte und schwarze Messen, die Kriege im Mittelmeer, die Verfolgung der Protestanten, das Leben in Akadien und Kanada oder die Hexenjagd schrieb ('Hexen' nannte man Heilerinnen, während der Titel des Arztes für Männer reserviert bleiben sollte) - alles, absolut alles ist absolut akkurat."

Besprochen werden Stefanie Sargnagels "Statusmeldungen" (NZZ, ZeitOnline hat sich mit der Autorin unterhalten), Theresia Enzensbergers "Blaupause" (SZ) und  Anuk Arudpragasams "Die Geschichte einer kurzen Ehe" (FAZ).
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Stichwörter: Anne Golon, Kanada

Design

Für das ZeitMagazin spricht Herlinde Koelbl mit Pierre Bergé, dem langjährigen Lebenspartner von Yves Saint Laurent. Sie hätten beide ein "unabhängiges Leben" geführt, sagt er. "Nicht die Mode oder die Kunst hat uns zusammengehalten, die große Triebkraft in unserer Beziehung war die Sexualität. Sie war uns beiden sehr, sehr wichtig. Im Gegensatz zu mir hatte Yves keinerlei Interesse an Musik oder Malerei. Yves liebte nur sich selbst. Aber wenn man das Leben eines großen Künstlers teilt, muss man das akzeptieren und seine eigenen Träume aufgeben. Und doch ist es an der Seite eines Künstlers fantastisch."

Besprochen wird eine Ausstellung über Sperrholz im Victoria & Albert Museum in London (Welt).
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Architektur

In Berlin sollten eigentlich Tausende neue Wohnungen gebaut werden, doch sie werden laut Andreas R. Becher, Vorsitzender vom Bund Deutscher Architekten (BDA) Berlin, durch Anwohner verhindert, berichtet Laura Weißmüller in der SZ: "Becher hat bereits im Herbst vergangenen Jahres seine Mitglieder befragt. Dabei kam heraus, dass von 8200 geplanten Wohnungen lediglich 900 fertiggestellt oder im Bau sind. Der Rest parke in der Schublade. Insbesondere, weil Nachbarn und Bürgerinitiativen dagegen sind. 'Seitdem ist es noch schlimmer geworden', sagt Becher im Gespräch, 'politische Unterstützung fehlt.'" Sozialer Wohnungsbau, stellt sich heraus, bedeutet eben auch unweigerlich "Bäume, die gefällt werden müssen; Freiflächen, die verschwinden; neue Nachbarn, die näher rücken".
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Kunst


Abb. aus dem Band "Decommunized: Ukrainian Soviet Mosaics". Foto: Yevgen Nikiforov

Die neoklassischen oder verglasten Fassaden moderner Gebäude lassen Lennart Laberenz völlig kalt: "Viel mehr als glattes Norman-Foster-Grauen blickt nicht von Bürozeilen zurück", schreibt er im Freitag und blättert sehnsüchtig durch den Bildband "Decommunized: Ukrainian Soviet Mosaics".  Himmel, konnten Linke mal zukunftsoptimistisch und elegant sein. "Seitenweise Begeisterung, tätiges Wirken an dem, was kommen soll, bunte Rätsel!  ... Allein die euphorischen Kosmonauten in roten und orangenen Anzügen, die vielleicht von der Fahrenheit-451-Feuerwehr geliehen wurden und am nach dem Dichter Wolodymyr Sosiura benannten Kulturhaus in Lysychansk prangen, muss man stundenlang betrachten: Warum tragen sie verschiedenfarbige Stiefel? Was hat die Raumtruppe mit dem Dichter zu tun? Dieser Jubel, diese Freude, diese Helme!"

Hanno Rauterberg protestiert in der Zeit gegen den neuen Biedersinn, der Kunst mit Moralapostelei verwechselt. So "verstärkt eine Kunst, die zu allen gut sein will, durch ihre Neigung zur Positivdiskriminierung nur zu leicht die übelsten Klischees. Dass eine weibliche, migrantische, behinderte Künstlerin nicht wegen ihres Frauseins, ihrer Migration oder Behinderung geschätzt werden will, sondern wegen ihrer Kunst, das scheint fast schon unmöglich."

Weiteres: In der NZZ wünscht sich Jürgen Tietz, Museen würden sich weniger an Shopping Malls orientieren und mehr auf die  "Magie der ästhetischen Erfahrung" setzen. Und Christian Saehrendt schwelgt in der Karlsaue in Erinnerungen an die Documenta 13.

Besprochen werden die Ausstellung "Mingalababar (Sei gegrüßt) Myanmar" - Gegenwarts-Kunst aus Myanmar aus der Sammlung Peglau in der Kulturmühle Perwenitz e.V. in Schönwalde-Glien (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Duett mit Künstler/in" im Museum Morsbroich in Leverkusen (FAZ).
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Musik

Auf dem neuen Album "Lust for LIfe" von Lana Del Rey gibt es einiges zu hören, meint Standard-Kritiker Christian Wachinger: Nämlich "lyncheske David-Lynch-Soundtracks, die auch einmal so richtig mit dicker Hose auf Breitwandmelodram-Format in Moll aufgeblasen und niedergeschlagen werden können. Beserlschlagzeug und irgendwie das schleichende Gefühl, dass der Bass nicht gern zu Fuß geht. Surfmusik im Wellental. ... Halluzinogener, in den Vokalen weitgedehnter Schwanengesang."

Der Transport von Geigen im Frachtraum von Flugezeugen stellt für die empfindlichen Musikinstrumente ein erhebliches Risiko dar, erklärt helmut Mauró in der SZ. Viele Geiger insistieren daher oft energisch darauf, ihre Geigen mit in den Passagierraum zu nehmen - doch "wenn dann ein weltberühmter Geiger und ein nur lokal berühmter Zöllner zusammenstoßen, dann ist die Geige in höchster Gefahr."

Weitere: Daniel C. Schmid porträtiert in der NZZ den Jazzmusiker Paolo Conte.

Besprochen werden das neue Album "Small Town" des Jazzgitarristen Bill Frisell (SZ),  Avey Tares neues Album "Eucalyptus" (Jungle World) und Robbie Williams' Auftritt in Berlin (Berliner Zeitung).
Archiv: Musik