9punkt - Die Debattenrundschau

Die Totalität aller Information

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.06.2017. Emmanuel Macron hat jetzt auch im Parlament die absolute Mehrheit: Pierre Rosanvallon fällt in Le Monde beim Blick auf den Wahlkampf die starke Personalisierung auf - bei mangelnden Experimenten in der Form. Was ist das für eine Umweltpolitik, die Hochhäuser in Dämmstoff aus Erdölprodukten einpackt, fragt die FAZ. Sechs Professoren warnen in der NZZ vor einer neuen Religion: dem Transhumanismus. Mashable analysiert neue Zahlen zur Internetwerbung: Google und Facebook haben inzwischen einen Anteil daran von siebzig Prozent.

Europa

Emmanuel Macron hat - bei überaus geringer Wahlbeteiligung - auch im zweiten Wahlgang der Parlamentswahlen triumphiert und damit einen nie dagewesenen Siegeszug in der französischen Politik abgeschlossen. Nun muss er sich nur noch als Präsident beweisen! Der Doyen der französischen Politologie, Pierre Rosanvallon, zieht im Gespräch mit Gérard Courtois in Le Monde Bilanz: "Was mich in diesem Wahlkampf frappiert hat, ist, dass eine sehr starke Personalisierung mit einem kaum vorhandenen demokratischen Experiment einhergeht. Die Akteure dieser Personalisierung haben nicht nach neuen politischen Formen gesucht."

Heute beginnen die Brexit-Verhandlungen. Dominic Johnson kann dem Brexit in der taz durchaus etwas abgewinnen: "Niemand kann angesichts des Niedergangs von Griechenland oder der mörderischen Flüchtlingspolitik noch ernsthaft behaupten, dass die EU die ausschließliche Quelle politischer Weisheit in Europa ist - Schweizer, Norweger oder Isländer waren davon sowieso nie zu überzeugen. Deswegen ist der Brexit kein Verrat an der europäischen Idee, sondern eine Manifestation des politischen Pluralismus." Anders sieht es Natalie Nougayrède im Guardian: "Britain is leaving the EU - just as Europe is on the up."

Auch in Deutschland wird Styropor als Dämmstoff eingesetzt, schreibt Niklas Maak in der FAZ, selbst wenn  die Vorschriften strenger sind als in Britannien, wo gerade der Grenfell Tower wie eine Fackel abbrannte. Dennoch: "Die deutschen Feuerwehren haben immer wieder auf die Gefahren hingewiesen, die gerade von Bauten, die in den vergangenen zehn Jahren errichtet wurden, ausgehen. Dazu sollte der Brand Anlass geben, über die monumentale Ökoschizophrenie nachzudenken, in die Politiker und Planer sich von einer mächtigen Dämmstofflobby drängen ließen. Denn bei aller Differenzierung nicht wegzudiskutieren ist, dass wir im Namen von Ökologie und Energieeffizienz unsere Häuser in Erdölprodukte einpacken und zum Wohle der Umwelt in Plastik einschweißen."

In der Welt erklärt der Autor David Wagner mit den Unterstufenargumenten, die er damals so hatte, warum Helmut Kohl sein "Lieblingsfeind" war: "Warum löste er solche Aversionen aus? Weil er so deutsch war? Weil er auf eine so humorlose Art deutsch war, mit der ich und unsereins nichts zu tun haben wollte? Am schlimmsten empfand ich die alljährliche Inszenierung des Familienurlaubs in Österreich. Die Bilder mit Hannelore und den Rehkitzen! Das tat doch weh!"

Georg Klein empfindet dagegen - ebenfalls in der Welt - die "zwanghafte Fixierung auf Helmut Kohls politische Ästhetik" inzwischen als Fehler. "Was man Kohls Lebensleistung nennen kann, scheint völlig dem banal Allgemeinen, der bürokratischen Tretmühle moderner Arbeit zu entspringen, jenen sechzehn, siebzehn Stunden, derer sich der fast Siebzigjährige in einem merkwürdig wehen Ton vor den Kameras des Fernsehens rühmt. Die schiere Arbeit, von der es in diesem Schicksalsfall heißt, dass sie wesentlich zur Wiedervereinigung einer Nation beigetragen habe, zerstört, als gehöre es zu ihrem verzehrenden Wesen, die kleinste Einheit, nämlich die Familie, auf der angeblich alle größeren Einheiten gründen. Die Schuld in privater Münze begleichen zu müssen ist jedoch auch unser Schicksal, das Schicksal der vielen, und Pietät, zu der auch die Ehrfurcht vor Größe gehört, hat keine Worte, um dieses Fatum angemessen zu rühmen."

Außerdem: Henry Broder findet in der Welt die Rede von der "sozialen Kälte" in diesem Land mit einem Blick auf den Bundeshaushalt ein wenig überraschend: 49 Prozent werden für Arbeit und Soziales und für Familie, Senioren, Frauen und Jugend verbraucht.
Archiv: Europa

Gesellschaft

Mit großer Skepsis blickt der Historiker Caspar Hirschi in der NZZ auf den Versuch der Politikwissenschafter Ronald Inglehart und Pippa Norris, in einer Studie den Rechtspopulismus von 268 Parteien aus 31 europäischen Ländern mit "quasimathematischer Präzision" zu analysieren. Das Ergebnis - ältere weiße Männer verteidigen ihre traditionellen Werte - ist ihm zu simplistisch. Verantwortlich für den Rechtspopulismus macht Hirschi vielmehr eine internationale Elite, die "Wettbewerb kultiviert und Abschließung praktiziert, Diversität predigt und Dissidenz bestraft, Reformen verkündet und Rituale vollzieht, Demokratie sagt und Technokratie meint?", die kurz gesagt kein demokratisches Fundament mehr hat.
Archiv: Gesellschaft

Überwachung

Der Kriminologe Tobias Singelnstein macht im Interview mit Constanze Kurz in Netzpolitik klar, was es mit der geplanten Ausweitung der Überwachung von Computern durch sogenannte  "Staatstrojaner" auf sich hat: "Man kann als Ausgangspunkt feststellen, dass die Online-Durchsuchung, die nun geregelt werden soll, ein höchst intensiver Grundrechtseingriff ist. Ich glaube, das wird auch schnell klar, wenn man sich vor Augen führt, was wir heute alles auf Smartphones, auf unseren Computern gespeichert haben. Es sind Kontodaten, E-Mails, Kalenderangaben, Social-Media-Profile, Artikel, die man schreibt, vielleicht auch Tagebuchnotizen."
Anzeige
Archiv: Überwachung
Stichwörter: Staatstrojaner

Ideen

Gleich sechs Professoren - Sarah Spiekermann (Wirtschaftsuniversität Wien), Peter Hampson (Universität Oxford), Charles M. Ess (Universität Oslo), Johannes Hoff (Universität London), Mark Coeckelbergh (Universität Wien) und Georg Franck (Universität Wien) - warnen in der NZZ vor den Gefahren des Transhumanismus und der Selbstoptimierung des Menschen durch Gen-, Nanotechnologie und Neurotechnolgie: "Dieses Manifest soll die Irrationalität transhumanistischer Ideen aufzeigen und auf die Gefahr hinweisen, die von ihnen ausgeht. Wir beschränken uns dabei auf einen bestimmten Typus, der auf folgende Grundannahmen baut: 1. Die Wirklichkeit ist die Totalität aller Information. 2. Menschen sind Informationsobjekte. 3. Künstliche Intelligenz ist Intelligenz im menschlichen Sinne. ... Künstliche Intelligenz kann in der Tat intelligent im Sinne der Informationsverarbeitung sein. Aber sie ist nicht mit derjenigen Existenzweise ausgestattet, die menschliche Existenz auszeichnet: der antwortenden Gabe, bedeutungshaltigen Realitäten zu begegnen, sie denkend zu erschließen und ihren Stellenwert im Kontext menschlichen Lebens mit anderen auszuhandeln."

Die FR hat Otfried Höffes Vorschlag vom Samstag online nachgereicht, das Kreuz auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses mit dem Schriftzug AUFKLÄRUNG zu ergänzen statt mit ZWEIFEL, wie es die Gründungsintendanten des Humboldt-Forums Horst Bredekamp, Neil MacGregor und Hermann Parzinger kürzlich vorgeschlagen hatten.
Archiv: Ideen

Internet

(Via turi2) Patrick Kulp stellt in Mashable einen Bericht der Pivotal Research Group vor, wonach inzwischen 70 Prozent jedes Werbedollars im Internet in die Taschen von Google und Facebook fließt - allein in den letzten zwei Jahren schoss der Anteil von 64 Prozent auf den jetzigen Anteil. Die nächsten 15 Prozent gehen an Firmen wie Amazon, Twitter und Snapchat. Und "im Rennen um die letzten 15 Cent geraten die Dinge ein bisschen Durcheinander. Hunderte von Akteuren kämpfen um diese Tranche - von Verlagen wie der New York Times über Buzzfeed, bis zu einer Schurkentruppe von Fake-News-Seiten. Mittendrin Mittelsmänner und Agenturen und Roboter-Verteile und sogar ein paar Mafia-Finsterlinge." Da in diesem Bereich die übelsten und nervendsten Werbemittel kursieren, will Google demnächst einen Adblocker in seinen Browser Chrome einbauen - und seinen Marktanteil so nebenbei noch weiter erhöhen.

Zugleich arbeiten beide Konzerne an einer Kontrolle der Inhalte. Google und Facebook wollen Künstliche Intelligenz, aber auch freiwillige Helfer einsetzen, um etwa Terrorpropaganda zu bekämpfen, heißt es in einem dpa-Ticker (hier im FAZ.Net): "Facebook gab vor wenigen Tagen bekannt, dass selbstlernende Maschinen stärker dafür eingesetzt werden, solche Inhalte gar nicht erst wieder auf die Plattform durchzulassen. Zudem werde an einem Algorithmus gearbeitet, der durch Textanalyse terroristische Propaganda erkennen solle."

Außerdem: Die EU-Kommission wird Heiko Maas Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) wohl keine Steine in den Weg legen, berichtet Hendrik Kafsack in der FAZ.
Archiv: Internet

Medien

Der Film "Auserwählt und ausgegrenzt", der nun doch in der ARD gezeigt wird (unser Resümee), hat den modernen Antisemitismus alles in allem gut umrissen, schreibt Ulrich Gutmair in der taz, der allerdings auch Einschränkungen macht: "Wenn man nach Gaza reist, sollte man fairerweise auch den anderen Teil der Geschichte erwähnen: Natürlich gibt es auch in Israel Interessen, die es wünschenswert erscheinen lassen, dass alles so bleibt, wie es ist. Darauf hinzuweisen, haben die Autoren leider verzichtet. Sie hätten zumindest erklären müssen: Es gibt nicht nur Gaza, sondern auch das Westjordanland. Es gibt gute Gründe, ein Ende der israelischen Besatzung zu fordern. Das Phänomen des Antisemitismus aber wird nicht mit der Besatzung verschwinden, weil es mit ihr ursächlich nichts zu tun hat."
Archiv: Medien